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Ackerschachtelhalm

Lebendes Fossil

26.07.2013
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Von Monika Schulte-Löbbert / Den Ackerschachtelhalm, vielen auch als Zinnkraut bekannt, schätzen die Menschen schon seit der Antike als Heilpflanze. Lange Zeit geriet er in Vergessenheit und sie benutzten ihn lediglich als Putzmittel. Erst Pfarrer Sebastian Kneipp entdeckte ihn neu und setzte ihn zur Wundheilung, gegen Rheuma und Gicht ein. Heute ist der Ackerschachtelhalm als Harnwegstherapeutikum Bestandteil moderner Phythopharmaka.

Der Ackerschachtelhalm, (Equisetum arvense L.), gehört zur Familie der Equisetaceae. Die Schachtelhalmgewächse nehmen in der Pflanzensystematik eine besondere Stellung ein. Sie waren die ersten Landpflanzen, die während der Evolution entstanden, und gehören zu den ältesten Gefäßsporenpflanzen. Die »Blütezeit« der Schachtelhalme begann vor etwa 350 Millionen Jahren, im Erdzeitalter des Karbons. Die prähistorischen Schachtelhalme wuchsen zu stattlichen, bis zu 30 Meter hohen Bäumen heran und bildeten mit Riesenfarnen die ersten Wälder der Nordhalbkugel. Aus ihren Überresten entstand in Jahrmillionen die Steinkohle.

Überbleibsel dieser uralten Pflanzengruppe ist, neben weiteren Vertretern, der Ackerschachtelhalm, der heute nur noch unscheinbare 30 bis 50 Zentimeter hoch wächst. Er ist in den gemäßigten Zonen der nördlichen Erdhalbkugel weit verbreitet. Wie Farne und Moose bildet auch der Schachtelhalm keine Samen, sondern als Verbreitungsorgane Sporen.

Die Pflanze ist mit einem weit verzweigten Rhizom tief im Boden verankert. Aus diesem treiben im Frühjahr zunächst blasse fertile Triebe mit den charakteristischen bräunlichen Sporophyllständen an der Spitze. Da diese unverzweigten Triebe kein Chlorophyll enthalten, sind sie nicht zur Photosynthese fähig. Ihre Nahrung beziehen sie aus den Rhizomknollen, die den Nährstoffvorrat aus dem Vorjahr speichern. Sobald die Sporen reif sind, trägt der Wind sie fort. Die Natur hat vorgesorgt, damit männliche und weibliche Vorkeime zur Befruchtung zusammenfinden: Vor ihrem Flug aus dem Sporenbehälter verhaken sich mehrere Sporen mit feinen Bändern (Hapteren) ineinander und keimen dadurch dicht nebeneinander. So können weibliche und männ­liche Sporen verschmelzen. Für diese geschlechtliche Fortpflanzung benötigt die männliche Geschlechtszelle unbedingt Wasser, da sie aktiv zur weib­lichen schwimmen muss. Auf feuchter Erde wachsen dann die Vorkeime, winzige, moosähnliche Pflänzchen heran. Nach dem Ausstäuben sterben die fertilen Frühjahrstriebe ab. Die sterilen grünen Sommertriebe erscheinen dann im Mai und Juni und ähneln kleinen Tannenbäumchen.

Wie geschachtelt

Der Stängel und die quirlig stehenden Seitentriebe des Schachtelhalms sind aus ineinander gefügten (geschachtelten) Gliedern aufgebaut – daher der deutsche Name. Die einzelnen Glieder setzen sich aus einem Blattknoten und dem zugehörigen Sprossstück, dem Internodium zusammen. Da die Wachstumszone an der Stängelbasis aus weichem Gewebe besteht, reißen die Glieder an dieser Stelle bei Zugbelastung leicht auseinander. Die Blätter eines Knotens sind zu einer kleinen, kronenartigen Hülle verwachsen, die die empfindliche Wachstumszone schützt.

Neben leicht sandigem bis lehmigem Ackerland besiedelt der Ackerschachtelhalm auch Wald, Wiesen und Grabenränder sowie Böschungen und zuweilen Gärten. Als sogenannte Zeigerpflanze weist er auf Grundwasser hin. Mit seinen weit ins Erdreich hinein wachsenden Wurzeln saugt er außer Wasser lebenswichtige Mineralien aus der Tiefe und gehört zu den mineralstoffreichsten Heilpflanzen.

Auf den etwas borstigen Wuchs verweist die botanische Bezeichnung Equisetum arvense. Der Name »Equisetum« setzt sich aus zwei Wortstämmen zusammen: aus dem lateinischen »equus« für Pferd und »seta« für Borste oder Tierhaar. »Arvense« leitet sich vom lateinischen »arvum« für Acker ab und bezeichnet den Standort. Die englische Übersetzung heißt denn auch »field horsetail« und die italienische lautet »equiseto dei campo«.

Als Scheuerkraut genutzt

Statt des Holzstoffs Lignin der Samenpflanzen sorgt beim Schachtelhalm die reichlich in die Zellwände eingelagerte Kieselsäure für Stabilität und Festigkeit. Wegen des hohen Kieselsäuregehalts von bis zu 10 Prozent nutzten die Hausfrauen den Schachtelhalm früher auch als »pflanzliches Schmirgelpapier«, um Töpfe und Gefäße zu polieren. Da es sich meist um Zinngeschirr handelte, hieß der Schachtelhalm im Volksmund auch Zinnkraut. Weitere volkstümliche Namen wie »Scheuerkraut« oder »Kannenkraut« weisen ebenfalls auf diese Verwendung hin. Noch heute schätzen Musiker Schachtelhalm-Sprosse als Messerersatz zum Nachbearbeiten von Klarinetten- und Saxophonblättern.

Neben der Kieselsäure, die teilweise als wasserlösliche Silikate vorliegt, enthält der Ackerschachtelhalm Flavonoide und verschiedene Kaffeesäurederivate sowie in geringen Mengen Alkaloide wie Nicotin.

Zu Heilzwecken dienen allein die unfruchtbaren, grünen Sommertriebe. Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur. 6.0) fordert in seiner Monographie »Schachtelhalmkraut – Equiseti herba« einen Gehalt von mindestens 0,3 Prozent Flavonoiden, bezogen auf die getrocknete Droge. Die Arzneibuchdroge besteht aus den ganzen oder geschnittenen, getrockneten, sterilen, oberirdischen Teilen von Equisetum arvense L. Das Drogenmaterial stammt aus osteuropäischen Ländern und China.

Von Kneipp wiederentdeckt

Als Heilpflanze reicht die Tradition des Ackerschachtelhalms weit zurück: Bereits im Altertum schätzten die Menschen seine blutstillenden und harntreibenden Effekte. Nachdem das Kraut lange Zeit in Vergessenheit geriet, entdeckte erst Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) den Schachtelhalm wieder für seine Therapie. Er setzte das Kraut bei Patienten mit Rheuma und Gicht ein. Außerdem riet er jedem Über-40-Jährigen, täglich eine Tasse Ackerschachtelhalmtee zu trinken, um Gefäße geschmeidig zu halten und Gedächtnisschwund vorzubeugen.

In der modernen Phythotherapie dient der Ackerschachtelhalm heute als harntreibendes Mittel. Die Kommission E bewertete ihn positiv und empfahl ihn innerlich zur Durchspülungstherapie bei bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und bei Nierengrieß, einer Vorstufe von Nierensteinen. Im Gegensatz zu Diuretika greift die Droge nicht in den Elektrolythaushalt ein. Als Aquaretikum unterstützt sie die Wasserausscheidung und damit die Nierendurchspülung. Mit der erhöhten Harnmenge werden gleichzeitig bakterielle Erreger aus den Harnwegen und der Blase ausgespült.

Ebenso unterstützt die Droge die Ausschwemmung verletzungsbedingter Ödeme. Bei Ödemen infolge eingeschränkter Herz- oder Nierentätigkeit ist Schachtelhalm kontraindiziert. Für die harntreibende Wirkung sind vermutlich die Flavonoide verantwortlich.Äußerlich angewendet fördert die Droge die Behandlung schlecht heilender Wunden. Vermutlich wirkt sich hier der hohe Gehalt an Kieselsäure positiv aus.

Traditionell wurde das Kraut als blutstillendes Mittel bei zu starker Menstruation sowie bei Nasen-, Magen- und Lungenblutungen angewendet.

Dosierung beachten

Bei Harnwegs- oder Blasenentzündungen hat sich die Durchspülungstherapie mit einem Tee aus Ackerschachtelhalmkraut bewährt. Zur Teebereitung werden 2 bis 4 Gramm Droge (1Teelöffel = 1 g) mit kochendem Wasser übergossen, fünf Minuten lang gekocht und nach 10 bis 15 Minuten abgeseiht. Manche Autoren empfehlen, die Droge zehn bis zwölf Stunden mit kaltem Wasser zu extrahieren. Die Patienten sollten den Tee mehrmals täglich zwischen den Mahlzeiten trinken, aber zusätzlich auf eine ausreichende Zufuhr von Flüssigkeiten achten, allerdings auf alkoholische oder coffeinhaltige Getränke verzichten.

Gefahr für Ungeborene

Bei lang dauernder Anwendung höherer Dosen kann sich ein Vitamin B1-Mangel entwickeln, da die Droge Thiaminase enthält, die Thiamin = Vitamin B1 abbaut. Deshalb sollten Schwangere möglichst keinen Schachtelhalmtee trinken, sonst besteht die Gefahr, dass das Ungeborene Autismus entwickelt.

Schachtelhalmkraut wird als Monopräparat in konfektionierten Teebeuteln angeboten und ist außerdem Bestandteil fertiger Teemischungen wie Blasen- und Nieren-, Rheuma- und Entschlackungstees. Neben den entwässernden Tees enthalten einige Fertigarzneimittel standardisierte Extrakte in verschiedenen Darreichungsformen. Zu den Mono-Präparaten zählen zum Beispiel Nieron® E 185 mg Hartkapseln und Salus® Zinnkraut-Tropfen. Kombinationpräparate mit Schachtelhalmextrakt sind zum Beispiel Nephroselect® M Flüssigkeit oder Solidagoren® Liquid.

Traditionell wird Schachtelhalm auch pflanzlichen Expektoranzien beigemischt. Das Fertigpräparat Imupret® N Dragees, -Tropfen enthält eine Mischung schleimlösender Drogenextrakte. Schachtelhalm soll helfen, dass sich Schleim im Bereich der Atemwege löst und zur Besserung des Hustens beitragen.

Zur unterstützenden Behandlung schlecht heilender Wunden werden getränkte Umschläge mit Equisetum arvense auf den Wundbereich gelegt. Für diese Umschläge nutzen Patienten eine Abkochung, die aus 10 Gramm Droge auf ein Liter Wasser bereitet wird. Vermutlich beruht die blutstillende und wundheilende Wirkung auf den im Kraut enthaltenen adstringierenden Kieselsäuren und den Flavonoiden.

Auch die Homöopathie verwendet Equisetum als Harnwegstherapeutikum sowie zur Linderung chronisch-entzündlicher Erkrankungen wie Arthrose, Rheuma und Gicht. Das Komplex-Homöopathikum Lymphomyosot® N enthält unter anderem Winterschachtelhalm, Equisetum hiemale L. und soll bei Infektanfälligkeit, Drüsenschwellungen und chronischer Tonsillitis helfen. Winterschachtelhalm ist immergrün, da seine Triebe im Winter nicht absterben. Diese Art findet nur in der Homöopathie Verwendung.

Von Sportlern geschätzt

Hersteller von Kosmetika nutzen Schachtelhalm wegen seines hohen Kieselsäuregehaltes zur Remineralisierung. Silikate sind Bausteine für Haare, Nägel und Bindegewebe. Da ein Mangel zu Haarproblemen und brüchigen Nägeln führen kann, enthalten zahlreiche Kosmetika, besonders Produkte zur Haarpflege, Schachtelhalmextrakte. Die in Dr. Hauschka Kosmetik verwendeten Ackerschachtelhalm-Auszüge werden außerdem nach einem speziellen rhythmischen Verfahren hergestellt.

Auch Sportler schätzen zunehmend Produkte mit Schachtelhalmextrakt. Der hohe Mineralgehalt soll Sehnen, Bänder und Bindegewebe stützen und ihre Leistungsfähigkeit erhöhen.

Verwechslungsgefahr

Wer Ackerschachtelhalm selbst sammeln möchte, sollte ihn genau bestimmen können. An feuchten Standorten besteht Verwechslungsgefahr mit dem Sumpf-Schachtelhalm (Equisetum palustre), der wegen seines hohen Alkaloidgehaltes giftig ist. Daher kam es bei Weidevieh und Pferden schon zu Todesfällen.

Für die Giftwirkung machten Wissenschaftler früher das Alkaloid Palustrin verantwortlich. Jüngere Studien ergaben jedoch, dass die giftige Wirkung auf einer Zerstörung des Vitamin B1 beruht. Vor allem Pferde reagieren sehr empfindlich auf den Vitamin B1-Mangel. Bei den Tieren führt die Vergiftung zur sogenannten Taumelkrankheit. Erste Symptome sind Schreckhaftigkeit, Zuckungen der Gesichtsmuskeln, dann taumeln die Tiere, stürzen hin und verenden aufgrund völliger Erschöpfung. Kühe geben weniger Milch und auch bei ihnen treten Lähmungserscheinungen auf.

Bisher liegen keine Hinweise darauf vor, dass der Sumpfschachtelhalm auch für Menschen toxisch ist. Trotzdem dürfen Humanarzneimittel nur Equisetum arvense enthalten. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

schulte-loebbert(at)t-online.de