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Läuse

Von Kopf zu Kopf

26.07.2013  09:04 Uhr

Von Hermann Feldmeier / Kopflaus­befall ist die häufigste Parasitose und nach den Erkältungskrankheiten die zweit­häufigste ansteckende Erkrankung bei Kindern. Mit einer raschen Diagnose und einer adäquaten Behandlung lassen sich weitere Erkrankungen der Kopfhaut und auch psychische Folgen verhindern. Auf exzessive Reinigungsmaßnahmen können die Eltern jedoch verzichten, denn sie sind nutzlos.

In den letzten Jahren haben Wissenschaftler eine ganze Palette neuer Therapeutika entwickelt, die die klassischen Insektizide allmählich ersetzen. Allerdings ist nur für wenige Produkte die Wirksamkeit durch aussagekräftige Studien belegt. Für die Beratung benötigen PTA und Apotheker Wissen in der Infektionsmedizin, damit sie evidenzbasierte Therapieempfehlungen geben und Vorurteile ausräumen können. Langfristiges Ziel jeder Behandlung ist, die Häufigkeit der Pediculosis capitis in Deutschland zu senken.

Übertragung der Parasiten

Von der Anheftung eines Eis an ein Haar bis zur Entwicklung einer fortpflanzungsfähigen Kopflaus vergehen 17 bis 21 Tage. Im Gegensatz zu anderen Insekten machen Kopfläuse nur eine unvollständige Metamorphose durch: Nach sieben oder acht Tagen schlüpft eine Nymphe aus dem Ei. Diese sieht bereits aus wie eine ausgewachsene Laus, sie ist nur deutlich kleiner. Jeweils im Abstand von drei Tagen durchlaufen die Tiere das zweite und das dritte Nymphenstadium. Während Nymphen als stationäre Parasiten leben, das heißt, auf dem Kopf bleiben, auf dem sie entstanden sind, nutzen adulte Kopfläuse jede sich bietende Gelegenheit, den Wirt zu wechseln.

Läuse springen nicht, können nicht fliegen und legen außerhalb der Kopfhaut nur kurze Strecken zurück. Die Übertragung erfolgt immer durch direkten Kontakt von Kopf zu Kopf. Schlafen beispielsweise mehrere Kinder zusammen in einem Bett, so wechseln Läuse in einer Nacht mehrfach den Wirt.

Kopfläuse müssen alle drei bis sechs Stunden menschliches Blut saugen. Sie überleben abhängig von Temperatur und Luftfeuchtigkeit bis zu 24 Stunden außerhalb des Kopfes. Allerdings genügen wenige Stunden auf einer textilen Oberfläche, um eine Kopflaus so zu schwächen, dass sie nicht mehr in der Lage ist, Blut zu saugen, selbst wenn sie wieder auf einen Kopf gelangt. Eine Übertragung der Parasiten durch Textilien, Kämme oder Bürsten spielt aus diesem Grund in der Praxis so gut wie keine Rolle. So zeigten australische Forscher, dass Mützen und Kappen von 1000 mit Kopfläusen befallenen Kindern keine einzige Laus enthielten. In 118 untersuchten Klassenzimmern waren auch Möbel, Fußböden und textile Strukturen frei von Kopfläusen. Gleichwohl hatten 446 der 2230 Schüler dieser Klassen eine Pediculosis capitis mit insgesamt 14 000 Kopfläusen. Selbst wenn Kinder mit mehreren Dutzend Kopfläusen ihr Bett verlassen hatten, konnten die Forscher nur in Einzelfällen eine vitale Kopflaus auf dem Kopfkissen des jeweiligen Kindes nachweisen.

Daher können PTA und Apotheker im Beratungsgespräch mit Verweis auf diese Forschungsergebnisse folgenden Hinweis geben: Die immer wieder empfohlenen – und teilweise bis zum Exzess durchgeführten – Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen, unter anderem von Kuschel­tieren, Mützen, Schals, Kleidung, Teppichböden, Autositzen und Polster­möbeln sind überflüssig. Gerade Mütter sind für diese In­formation sehr dankbar.

Wann besteht Ansteckungsgefahr?

Jeder kann Kopfläuse auf andere Menschen übertragen, sobald erwachsene Läuse seinen Kopf »besiedeln«. Nach dem Erstbefall treten Krankheitszeichen wie Juckreiz und Papeln erst nach einer Latenzzeit von vier bis sechs Wochen auf. Das macht es wahrscheinlich, dass der Betroffene in der Zwischenzeit Kopfläuse auf andere Personen übertragen hat. Deshalb muss jeder neu diagnostizierte Fall Anlass sein, im Umfeld gezielt alle Personen zu untersuchen, mit denen der Patient in den vergangen Wochen Kopfkontakt hatte. Ein Kind darf die Gemeinschaftseinrichtung wieder besuchen, nachdem die erste Behandlung mit einer wirksamen Substanz durchgeführt wurde.

Weit verbreitet

Kopfläuse sind weltweit verbreitet, bei allen Menschen in allen Kulturkreisen. Während in Entwicklungsländern bis zu 40 Prozent der Bevölkerung und bis zu 80 Prozent der Kinder befallen sein können, sind es in Mitteleuropa zwischen 2 bis 4 Prozent.

Neue Erkrankungsfälle treten meist in Form von Kleinepidemien auf – in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule. Bei Epidemien sind manchmal bis zu 30 Prozent der Kinder einer Einrichtung betroffen. Aber auch wenn nur wenige Kinder befallen sind, kann der Ektoparasit flächendeckend in der Bevölkerung zirkulieren. In Norwegen beispielsweise gab es in 36,4 Prozent der Haushalte innerhalb der letzten Monate einen Fall von Pediculosis capitis, obwohl die Häufigkeit unter Schulkindern durchschnittlich kleiner als 1 Prozent ist.

Überall sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Jungen. Die Ursachen sind einerseits die üblicherweise längeren Haare von Mädchen sowie deren geschlechtsspezifisches Verhalten: Während Jungen raufen, stecken Mädchen beim Spielen häufig für längere Zeit ihre Köpfe zusammen. Ungepflegte Haare und/oder mangelhafte Körperhygiene fördern dagegen nicht den Kopflausbefall. Andererseits beseitigen regelmäßige Haarwäsche und Duschen auch keine Kopfläuse. Kopflausbefall hat also nichts mit Hygiene zu tun. Eine wichtige Aufgabe von PTA und Apothekern ist, dieses Vorurteil auszuräumen.

Eine Studie in Braunschweig mit rund 1900 Einschulungskindern zeigte, dass Kinder in Familien mit niedrigem Bildungsstand häufiger von einer Pediculosis capitis betroffen waren als Kinder in Familien mit mittlerem und hohem Bildungsgrad. Die Untersuchung belegte auch, dass die Parasitose bei Kindern mit Migrationshintergrund seltener vorkam als bei Kindern mit deutschen Eltern.

Nymphen und Nissen

Meist entdecken die Eltern die Parasi­tose zufällig, wenn eine Laus vom Kopf des Kindes fällt oder sie die Kopfhaut untersuchen, weil sich das Kind ständig kratzt. Zur Diagnose dient der Nachweis von Nymphen, adulten Läusen oder entwicklungsfähigen Eiern. Die Eier sind gräulich-bräunlich, mit einem Deckel verschlossen, haben eine glatte Oberfläche und haften in der Regel weniger als einen Zentimeter vom Haaransatz entfernt. Weißlich transparente Objekte sind Eihüllen, sogenannte Nissen, die übrig bleiben, wenn eine junge Laus geschlüpft ist.

Eine Pediculosis capitis ist dann behandlungsbedürftig, wenn Läuse oder Eier sichtbar sind, die einen Embryo enthalten. Sind die Nissen (Eihüllen) oder die intakten Eier weiter als einen Zentimeter von der Kopfhaut entfernt, deutet dies auf einen früheren Kopflausbefall hin. Um das herauszufinden, müssen die Eltern die Haare eines Kindes sorgfältig untersuchen (siehe Kasten zur Diagnose).

Zuverlässige Diagnose

Die beiden zur Diagnose der Pediculosis capitis am besten geeigneten Methoden sind die visuelle Inspektion und das systematische Auskämmen. Beide Verfahren sind zeitaufwändig. Bei der visuellen Inspektion schauen sich die Eltern Haare und Kopfhaut des Kindes mit dem bloßen Auge an. In der Regel können sie sich auf sogenannte Prädilektionsstellen beschränken: Haare an den Schläfen, hinter den Ohren und im Nacken.

Beim feuchten Auskämmen wird das Haar vorab mit einer Haarpflegespülung durchfeuchtet, mit einem normalen Kamm in Strähnen gelegt und dann systematisch mit einem Lauskamm ausgekämmt mit parallelen Zinken aus hochwertigem Kunststoff oder Metall und einem Zinkenabstand ≤ 0,2 mm. Dabei sollten die Eltern den Kamm von der Kopfhaut aus zu den Haarspitzen herunterziehen und nach jedem Kämmen die Pflegespülung auf einem weißen Tuch oder Küchenkrepp ausstreichen. Die mit dem Kamm erfassten Kopfläuse werden so sichtbar. Das trockene Auskämmen ist weniger effektiv und meist schwieriger.

Standard Dimeticone

Die Therapie der Pediculosis capitis wurde in den letzten Jahren revolutioniert. Neue Substanzgruppen haben sich durchgesetzt, ältere Therapieansätze verlieren an Bedeutung. Dimeticone gelten mittlerweile als Standard für die Behandlung der Pediculosis capitis, da sie zuverlässig wirken und als nicht toxisch gelten. Die Besonderheit dieser Substanzgruppe ist ihr physikalisches Wirkprinzip und ihr rascher Wirkungseintritt. Diese beiden Merkmale machen die Entwicklung resistenter Parasitenpopulationen extrem unwahrscheinlich.

Die verschiedenen Dimeticon-Produkte unterscheiden sich in den physikalischen Eigenschaften des eingesetzten Wirkstoffs, der Dimeticonkonzentra­tion, der Zusammensetzung aus Dimeticonen unterschiedlicher Kettenlänge und der Beimischung von Zusatzstoffen wie Rizinus- oder Kokosnussöl, die ihrerseits ebenfalls pedikulozid wirken. Laut Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses erstatten die gesetzlichen Krankenversicherungen die Dimeticon-haltigen Kopflausmittel NYDA®, Jacutin® Pedicul Fluid, Dimet®20 und EtoPril® bei Kindern bis zum vollen­deten 12. Lebensjahr und bei Kindern mit Entwicklungsstörungen bis zum 18. Lebensjahr.

Studien zum Wirkmechanismus von NYDA® und EtoPril® haben das physikalische Wirkprinzip der Dimeticon-Produkte belegt. Videomikroskopische Studien zeigten, dass NYDA® innerhalb von Sekunden in das Tracheensystem der Laus eindringt, die Atemwege bis in die feinsten Verzweigungen ausfüllt und die dort vorhandene Luft verdrängt. Bereits nach 60 Sekunden zeigten die Läuse keine Lebenszeichen mehr, vermutlich, weil die Sauerstoffversorgung des Gehirns abrupt unterbrochen wurde. Der Wirkmechanismus von EtoPril® beruht auf einer Unterbrechung der Wasserdampfdiffusion in den Atemwegen der Parasiten, wie englische Wissenschaftler nachwiesen.

Neue Untersuchungen belegen, dass Dimeticone auch in Eier eindringen und Lausembryonen abtöten. Allerdings hängt die Wirksamkeit gegen Eier stark von den physikochemischen Merkmalen des eingesetzten Dimeticons ab. Da die ovizide (eiabtötende) Wirkung von Dimeticonprodukten jedoch noch nicht durch klinische Studien bestätigt ist, hat folgende Empfehlung nach wie vor Gültigkeit: Eltern sollten ihre Kinder weiterhin zweimal im Abstand von acht bis zehn Tagen behandeln.

Substanzen zur Behand­lung des Kopflausbefalls

  • Klassische neurotoxisch wirkende Insektizide (z. B. Pyrethroide)
  • Mischungen unterschiedlicher ätherischer Öle
  • Ivermectin, ein Anthelminthikum mit Wirkung auf Insekten
  • Lösungsmittel, die die Wachsschicht auf der Außenhülle der Läuse angreifen
  • Dimeticone

Wichtiges in Kürze

Haben ein Kinderarzt oder die Eltern eine Pediculosis capitis diagnostiziert, ist es wichtig, das Kind rasch zu behandeln. Empfehlenswert sind Produkte mit belegter Wirksamkeit, die auch gegen Eier wirken. Außerdem sollten die Eltern im Umfeld des befallenen Kindes nach der Ansteckungsquelle suchen. Wird die Infektionsquelle nicht gefunden und adäquat behandelt, und bestehen die Kontakte weiterhin, befallen die Läuse das bereits behandelte Kind nicht selten erneut. Dann brauchen PTA oder Apotheker Zeit und Geduld, um die Mutter davon zu überzeugen, dass das empfohlene Produkt wirksam war, und es sich nicht um eine Neu­infektion handelt. /

Tabelle 1: Therapieansätze zur Behandlung der Pediculosis capitis

Wirkstoffkategorie Substanzen (Auswahl) Wirkprinzip Wirksam gegen Eier Datenlage zur Wirksamkeit 1 Praktische Hinweise
Insektizid Pyrethroide, Malathion Toxische Wirkung auf das Nerven­system nein +++ Weltweit haben sich Insektizid-resistente Kopfläuse entwickelt; in Großbritannien beispielsweise ist die Wirksamkeit von Permethrin geringer als 15 Prozent.
Ätherische Öle Teebaumöl, Andirobaöl, Kokosöl, Anisöl, Sojaöl Toxische Wirkung auf das Nerven­system oder physikalisch (Ersticken) möglicherweise 2 -/+ Erhebliche Unterschiede in der Wirksamkeit in Abhängigkeit von der Zusammensetzung der ätherischen Öle. Nur wenige aussagekräftige klinische Studien.
Dimeticone Dimeticone mit unterschiedlicher Viskosität und in unterschiedlicher Konzentration Physikalisch (Ersticken oder Störung des Wasserhaushalts) teilweise 3 +++ Deutliche Unterschiede in der Wirksamkeit in Abhängigkeit von den physikochemischen Eigenschaften und der Dimeticonkonzentration.
Oberflächenaktive Stoffe Isopropylmyristat Physikalisch (Zerstörung der Wachsschicht auf der Außenhülle) unbekannt -/+ Evidenz derzeit nicht ausreichend, um Produkt zu empfehlen

1 nur in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichte Studien mit einem adäquaten Studiendesign ausgewertet
2 bislang keine ausreichende Evidenz
3 in Abhängigkeit vom eingesetzten Dimeticon; siehe Tabelle 2

Tabelle 2: Physikalisch wirkende Pedikulozide auf Dimeticonbasis

Wirksamkeit nachgewiesen
gegen Kopfläuse gegen Eier
Produkt Handelsname Dimeticon- konzentration Klinische Studien 1 In vitro- Experimente 2 In vitro- Experimente 2
Paramitex® lotio 4% Keine Daten Keine Daten Keine Daten
Linicin® Lotion ? Keine Daten Keine Daten Keine Daten
Dimet® 20 ? Keine Daten Keine Daten Keine Daten
EtoPril® 4% ja ja nein
Jacutin®Pedicul Fluid 100% nein ja ja
NYDA® 92% 3 ja ja ja

1 nur Daten aus in internationalen Fachzeitschriften publizierten Studien mit validem Studiendesign ausgewertet
2 nur in internationalen Fachzeitschriften publizierte Daten
3 Gesamtkonzentration eines niedrig viskösen, volatilen plus eines höher viskösen Dimeticons
? = unbekannt

E-Mail-Adresse des Verfassers

hermann.feldmeier(at)charite.de