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Selbstmedikation

Angriff der Blutsauger

28.07.2014  10:53 Uhr

Von Ulrike Viegener / Sie sind deutlich seltener geworden, aber noch nicht ausgerottet: Hautparasiten, die das Blut des Menschen anzapfen und so lokale, aber auch systemische Reaktionen auslösen. Manche der winzigen Biester übertragen zudem gefährliche Viren oder Bakterien.

Ein Floh kann einem Löwen mehr zu schaffen machen als ein Löwe einem Floh, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Menschen geht es da nicht anders. Der Juckreiz, den Flöhe verursachen, ist quälend, und Kratzen macht die Beschwerden nur noch schlimmer. Außerdem besteht die Gefahr, beim Kratzen die Hautoberfläche zu verletzen und so eine Eintrittspforte für Bakterien zu schaffen.

Der echte Menschenfloh (Pullex irritans) ist hierzulande nahezu verschwunden, aber Tierflöhe – vor allem Katzen-, Hunde- und Hühnerflöhe – sind nicht wählerisch in der Auswahl ihres Wirtes und springen auch auf Menschen über. Rund einen halben Meter können manche Floharten dank ihrer enormen Sprungkraft überwinden. Ein Mensch müsste aus dem Stand auf einen Wolkenkratzer springen, wenn er eine ähnliche Leistung vollbringen wollte.

Tierflöhe brauchen Tier und Mensch nur zur Nahrungsaufnahme, sonst halten sie sich in Polstermöbeln, Decken, Teppichen und Kleidung auf, wo sie sich auch vermehren. Sobald bekannt ist, dass Katze oder Hund von Flöhen befallen sind, müssen alle potenziellen Besiedelungsräume sachgerecht saniert werden. Heiß waschen oder einfrieren sind wirksame Methoden, um Flöhe zu vernichten. Außerdem muss täglich gründlich gestaubsaugt werden. Die Beutel werden anschließend umgehend entsorgt.

Und wie wird man selbst den Floh wieder los, falls er sich noch auf dem Körper befindet? Oft hilft schon ein heißes Bad mit gründlichem Einseifen beziehungsweise Shampoonieren von Haut und Haaren. Diese Maßnahme ist nicht nur dem Betroffenen selbst, sondern am besten allen Familienangehörigen anzuraten.

Fast spiritistisch mutet das folgende Hausmittel an, das aber hervorragend funktionieren soll: Man stelle zur Dämmer- oder Abendstunde auf den Boden des Raumes eine brennende Kerze in die Mitte eines tiefen weißen Tellers, der mit Wasser und einem Schuss Spülmittel gefüllt ist. Die Flöhe werden vom Licht angezogen – und ertrinken.

Typische Flohstraßen

Oft beißen Flöhe bei einer Blutmahlzeit gleich mehrmals zu: Typisch sind drei Bissstellen nebeneinander oder auch reihenförmig angeordnete Flohstraßen. Flöhe bevorzugen vor allem Kniekehlen, Achselhöhlen, Armbeugen und Leisten.

Der Speichel der Blutsauger enthält blutverdünnende Stoffe, deren Injek­tion bei vielen Menschen zu rötlichen Quaddeln führt, in deren Mitte die Bissstelle als roter Punkt erkennbar ist. Die Einstichstellen jucken stark und schmerzen manchmal leicht. Schwillt die Haut nach Flohbissen an, spricht das für eine allergische Reaktion.

Therapeutisch steht die Linderung des Juckreizes im Vordergrund. Hierzu eignet sich die lokale Behandlung mit Antihistaminika, Mentholspiritus oder Zink-Schüttelmixturen mit Gerbstoff, auch Ringelblumenextrakt lohnt einen Versuch. Kühlen ist ebenfalls hilfreich. Bei Entzündungen kommen eventuell kurzfristig topische Glucocorticoide zum Einsatz. Gegen allergische Reaktionen helfen topische beziehungsweise orale Antihistaminika.

Leichter gesagt als getan

Auch wenn es sehr schwerfällt: Die Flohgeplagten sollten unbedingt versuchen, nicht zu kratzen. Abgesehen davon, dass sich der Juckreiz dadurch verstärkt, können sich die Bissstellen entzünden und zu einer bakteriellen Superinfektion führen, im schlimmsten Fall droht eine Sepsis. Bakterielle Superinfektionen bedürfen immer der ärzt­lichen Behandlung.

Bekanntermaßen können Flöhe auch Krankheiten übertragen. Die Pest ist das wohl spektakulärste Beispiel dafür. Pestbakterien, die den Rattenfloh als Vehikel benutzen, kommen in einigen Regionen der Welt wie auf Madagaskar immer noch vor. Die Infektion lässt sich heute jedoch gut mit Antibiotika behandeln. Reisende in ferne Länder sollten sich vorab darüber informieren, inwieweit sie am Reiseziel mit der Übertragung gefährlicher Krankheitserreger, unter anderem durch Hautparasiten, rechnen müssen. Wer mitteleuropäische Breitengrade nicht verlässt, für den besteht in dieser Hinsicht keine Gefahr.

Läuse im Pelz

Im Unterschied zu Flöhen leben und vermehren sich Kopf- und Filzläuse auf dem menschlichen Körper, und zwar bevorzugt in dicht behaarten Regionen. Die Kopflaus (Pediculus humanus capitis) besiedelt das Haupthaar vor allem im Bereich von Nacken und Ohren. Die Weibchen der Kopfläuse kleben ihre verkapselten Eier – die Nissen – fest in Kopfhautnähe an den Haarschaft. Die Filzlaus (Phthirus pubis) ist in Schamhaar, Brusthaar und Achselhöhlen zu finden, bei Kindern auch schon einmal in Augenbrauen und Wimpern. Kleiderläuse dagegen leben und vermehren sich in der Kleidung und »betreten« den menschlichen Körper nur zur Nahrungsaufnahme.

Alle zwei bis drei Stunden benötigen Kopfläuse eine Blutmahlzeit. Die Bisse rufen stark juckende Hauteffloreszenzen hervor. Auch hier erhöht Kratzen das Risiko für Entzündungen und bakterielle Infektionen und die Gefahr, dass neurotoxische Wirkstoffe in Läusemitteln bei lokaler Anwendung in die Blutbahn gelangen. An den Bissstellen der Filzläuse bilden sich oft kleine Blutergüsse.

Das Einmaleins beim Zeckenbiss

Die Zecke fällt unter den Hautparasiten etwas aus der Reihe, weil sie auch hierzulande zunehmend gefährliche Krankheitserreger überträgt: FSME-Viren (Frühsommermeningoenzephalitis) und Borreliosebakterien. Da immer noch viele Menschen unsicher sind, wie sie sich im Fall eines Zeckenbisses richtig verhalten, und zum Teil »abenteuerliche« Tipps im Umlauf sind, ist die kompetente Beratung wichtig:

  • Zecken sollten möglichst zügig entfernt werden, da sonst das Risiko einer Infektion mit gefährlichen Krankheitserregern steigt. FSME-­Viren werden bereits unmittelbar nach dem Zeckenbiss übertragen, Borreliosebakterien dagegen frühestens nach 12 Stunden.
  • Wer viel in der Natur unterwegs ist, sollte ein geeignetes Werkzeug zur Zeckenentfernung – Zange, Pinzette oder Lasso – mit sich führen. Ist kein solches Werkzeug zur Hand, wird die Zecke mit den Fingernägeln gefasst, ohne sie zu quetschen.
  • Die Zecke sollte hautnah gepackt und langsam – nicht ruckartig – herausgezogen werden. Um die Widerhaken zu lösen, kann ein kurzes Rütteln oder Hin- und Herdrehen hilfreich sein.
  • Auf keinen Fall sollte die Zecke mit Alkohol, Klebstoff, Öl oder Nagellackentferner beträufelt werden, da derartige Manipulationen das Risiko der Übertragung gefährlicher Krankheitserreger erhöhen.
  • Nach dem Entfernen der Zecke sollte die Bissstelle mit Alkohol oder einer jodhaltigen Salbe desinfiziert werden.

Meldepflicht

Der Befall mit Kopfläusen (Pedikulose) ist eine nach dem Infektionsschutz­gesetz meldepflichtige Erkrankung. Im Unterschied zu Flöhen können Läuse nicht springen, aber sie sind sehr schnelle Läufer. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch kann nur erfolgen, wenn durch engen Körperkontakt eine Art Brücke entsteht. Kinder werden häufiger von Kopfläusen befallen als Erwachsene und Mädchen häufiger als Jungen.

Filzläuse hingegen werden meist beim Sex übertragen. Kleidungsstücke scheinen nach aktuellem Kenntnisstand als Vehikel allenfalls eine geringe Rolle zu spielen.

Noch eine weitere lange herrschende Ansicht wurde revidiert: Schlechte hygienische Bedingungen zählen bei der Übertragung von Läusen nicht zu den Hauptursachen. Das sollten Betroffene wissen, damit sie den Läusebefall nicht aus falscher Scham verschweigen und so der weiteren Verbreitung der Hautparasiten Vorschub leisten.

Anwendungsfehler

Früher wussten sich die Menschen bei Lausbefall oft keinen anderen Rat, als die Haare radikal zu entfernen. Heute stehen verschiedene pedikulozide Wirkstoffe zur topischen Behandlung zur Verfügung. Sowohl bei rezeptfreien als auch bei rezeptpflichtigen Präparaten sollten die Patienten immer im persönlichen Gespräch über die sachgerechte Anwendung informiert werden, da Fehler wie zu kurzes Einwirken oder zu sparsames, ungleichmäßiges Auftragen den Erfolg der Anwendung gefährden. Die Patienten sollten wissen, dass die Haare beim Auftragen der Medikamente nicht zu nass sein dürfen, weil die Präparate sonst zu stark verdünnt werden.

Wichtig ist der unverzügliche Behandlungsbeginn. Als Mittel der Wahl gelten Pyrethroide, synthetische Insektizide, die von dem aus Chrysanthemen gewonnenen Pyrethrum abgeleitet sind. Diese nicht verschreibungspflichtigen Wirkstoffe werden als Shampoos, Emulsionen und Gels angeboten. Es gibt Hinweise, dass Kopfläuse zunehmend Resistenzen gegen diese Standardtherapeutika entwickeln. Bislang wie allerdings nicht systematisch untersucht, wie groß dieses Problem ist.

Tod durch Ersticken

Eine Alternative sind Dimeticon-Präparate. Während Pyrethroide als Nervengifte wirken, führt Dimeticon auf physikalischen Wege dazu, dass die Läuse ersticken. Dimeticon-Produkte dringen in die Atemwege der Läuse ein, wo der flüchtige Bestandteil rasch verdampft. Übrig bleibt eine ölige Komponente, welche die feinen Tracheen verklebt. Angesichts dieser Wirkweise sind Resistenzen nahezu ausgeschlossen. Und ein weiteres Plus: Auch die Lauseier werden durch Dimeticon vernichtet.

Als hoffnungsvolles Mittel für die Behandlung von Kopfläusen hat sich das zu den Macroliden gehörende Anti-Wurm-Mittel Ivermectin erwiesen. In mehreren Studien erwies sich die einmalige topische Applikation dieses Mittels bei Kindern mit Kopflausbefall als hocheffizient, was in den USA bereits zu einer Zulassung in dieser Indikation geführt hat.

Egal, welches Mittel verwendet wird: Nach 8 bis 10 Tagen sollte die Behandlung mit dem topischen Pedikulozid wiederholt werden, um auch frisch geschlüpfte Läuse zu erwischen. Die fest klebenden Nissen lassen sich gut mit Essigwasser vom Haarschaft lösen und anschließend mit einem speziellen Läusekamm beseitigen. Die Sanierung potenziell kontaminierter Gebrauchsgegenstände und Kleidungsstücke ist dagegen nicht erforderlich.

Krätzmilben

Schwieriger zu diagnostizieren als Flöhe und Läuse sind Krätzmilben – mit dem bloßen Auge kaum sichtbare Spinnentiere. Bereits ein befruchtetes Milbenweibchen reicht für die Entwicklung der Krätze (Skabies) aus. In der Regel sind bei infizierten Personen 10 bis 50 Weibchen anzutreffen, die pro Tag ein bis zwei Eier ablegen, bei schweren Verläufen summiert sich die Zahl der Eier auf mehrere hundert. Zu den bevorzugten Nistplätzen gehören Finger- und Zehenzwischenräume, Achselhöhlen und Leistenregion. Die geschlüpften Larven suchen die Hautoberfläche auf und entwickeln sich dort zu adulten Milben.

Die Infektion macht sich mit leichtem Brennen und starkem Juckreiz bemerkbar. Dieser tritt vor allem nachts auf, weil die Milbenweibchen in der Bettwärme besonders aktiv sind. Auch bei Krätze kann Aufkratzen zu Abszessen und bakteriellen Superinfektionen führen.

Bei der Krätze ist Juckreiz das vorherrschende Symptom. Sonst entstehen infolge Milbenvermehrung auf der Haut unterschiedliche Effloreszenzen wie Papeln und Pusteln, und in der zweiten Krankheitsphase verursachen die Milbenexkremente allergische Hautreaktionen, vor allem um die Brustwarzen und an den Handrücken.

Permethrin Mittel der Wahl

Für die lokale Behandlung wird in erster Linie Permethrin eingesetzt. Das Insektizid muss vor dem Zubettgehen auf den ganzen Körper mit Ausnahme des Kopfes aufgetragen werden. Dabei ist darauf zu achten, dass auch Hautfalten ausreichend mit Insektizid »versorgt« werden. Andererseits müssen Schleimhäute ausgespart bleiben. Am nächsten Morgen wird der Wirkstoff mit Seife abgewaschen. In der Regel reicht die einmalige Applikation aus.

Deutlich umständlicher ist die topische Anwendung von Benzylbenzoat: An drei aufeinander folgenden Tagen muss das Medikament zweimal täglich flächendeckend aufgetragen werden. Da Benzylbenzoat brennende Hautreizungen verursachen kann, ist es ein Mittel der zweiten Wahl.

Orale Medikamente zur Skabiesbehandlung sind aktuell nicht zugelassen. Das Das Anti-Wurm-Mittel Ivermectin ist bei nur einmaliger oraler Gabe gegen Skabiesmilben hervorragend wirksam. Diese Therapie hat sich allerdings in Deutschland bislang nicht etabliert. In schwereren Fällen oder bei schlechter Compliance ist in Absprache mit dem behandelnden Arzt zu erwägen, das Präparat aus dem Ausland zu beschaffen. /

Dermatozoenwahn

Quälender Juckreiz ist ein Kardinalsymptom vieler parasitärer Hauterkrankungen. Beim sogenannten Dermatozoenwahn ist er aber eine reine Einbildung und trotzdem mit enormem Leidensdruck verbunden. Menschen, die daran leiden, sind fest davon überzeugt, dass sie von Haut­parasiten befallen sind. Sie spüren die Tierchen krabbeln, beißen und stechen, und lassen sich oft auch nach gründlicher Untersuchung durch Fachärzte nicht vom Gegenteil überzeugen. Eine psychische Deutung ihrer Erkrankung lehnen viele Betroffene vehement ab.