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Babys erstes Jahr

Arzneimittel richtig anwenden

28.07.2014  10:53 Uhr

Von Daniela Biermann / Arzneimittel bei kranken Babys korrekt zu dosieren und anzuwenden, ist nicht ganz einfach. Mit nützlichen Tipps können PTA und Apotheker verunsicherten Eltern helfen.

Kinder, insbesondere Neugeborene und Säuglinge, verstoffwechseln Arzneistoffe in vielen Fällen völlig anders als Erwachsene. So ist zum Beispiel die Niere erst ab dem zweiten Lebensjahr voll funktionstüchtig. Die für den Abbau von Arzneistoffen so wichtigen CYP-Enzyme in der Leber nehmen erst nach und nach ihre Aufgaben voll wahr. Auch ist der Anteil an Körperwasser bei Neugeborenen im Vergleich zu Erwachsenen viel größer. Dieses Verhältnis ändert sich schnell im Laufe des ersten Lebensjahres. Außerdem ist die Haut von Babys viel durchlässiger für Arzneistoffe als bei Erwachsenen und der pH-Wert im Darm weniger sauer, was die Aufnahme von oralen Arzneiformen beeinflusst.

All das hat Folgen für die korrekte Dosierung. Je nach Arzneistoff richtet sie sich nach dem Alter, dem Gewicht oder der Körperoberfläche und kann mit verschiedenen Formeln berechnet werden – häufig mit unterschiedlichen Ergebnissen. Am besten halten PTA und Apotheker sich daher an die Angaben der Hersteller, falls das Präparat für Babys zugelassen ist. Informationen über für Kinder zugelassenen Medikamente und passende Darreichungsformen finden sich zum Beispiel in der Datenbank www.zak-kinderarzneimittel.de, die die gemeinnützige Hexal-Initiative Arzneimittel zusammengestellt hat. Wenn der Arzt ein nicht für diese Altersgruppe zugelassenes Medikament verordnet (Off-Label-Gebrauch), helfen pädiatrische Dosistabellen weiter.

Bei der Berechnung wird unterschieden zwischen Frühgeborenen, das heißt vor der 36. Schwangerschaftswoche geborenen, Neugeborenen im Alter bis zu 27 Tagen, Säuglingen bis zu 11 Monaten sowie Kleinkindern bis zu 23 Monaten. Auch innerhalb dieser Gruppen schwanken Gewicht und Größe oft stark, daher werden die meisten Arzneistoffe aus der täglichen Praxis eines Kinderarztes nach Gewicht dosiert, zum Beispiel Ibuprofen oder Paracetamol.

Am besten mit Dosierpipette

Egal bei welcher Arzneiform: Vor der Applikation sollten sich die Eltern immer gründlich die Hände waschen und gut abtrocknen. Flüssige Arzneiformen messen sie am besten mithilfe einer Dosierpipette ab. Messbecher und -löffel oder gar Teelöffel sind zu ungenau, insbesondere für Babys. Bei der Dosierung mit Messbechern passieren häufig Fehler, denn die Skala muss immer auf Augenhöhe abgelesen werden. Liegt dem Präparat keine Dosierpipette bei, kann die Apotheke sie als besonderen Service hinzufügen. Dosierpipetten haben einen weiteren Vorteil: Hiermit können die Eltern dem Baby das Arzneimittel vorsichtig in den Mund träufeln. So geht in der Regel weniger daneben als bei einem Dosierbecher oder -löffel. Dabei sollten sie den Kolben der Pipette gleichmäßig und langsam herunter drücken, sodass das Baby in seinem eigenen Tempo schlucken kann.

In vielen Fällen sollten PTA oder Apotheker den Eltern die korrekte Anwendung des Arzneimittels erklären oder noch besser vorführen. Zum Beispiel die Herstellung einer antibio­tischen Suspension: Das Pulver in der Flasche muss zuerst aufgeschüttelt werden, dann füllt die Mutter oder der Vater Wasser bis etwa ein Viertel der Markierung hinzu und schüttelt kräftig. Hat sich der Schaum gesetzt, kann mit restlichem Wasser bis zur Markierung aufgefüllt und nochmals geschüttelt werden. Auf Wunsch können PTA oder Apotheker den Saft bereits in der Apotheke zubereiten. Wichtiger Hinweis für die Eltern: Eine gebrauchsfer­tige Suspension muss im Kühlschrank aufbewahrt und vor jeder Entnahme aufgeschüttelt werden.

Einige Wirkstoffe für Babys sind auch in Tablettenform im Handel, zum Beispiel zur Fluoridprophylaxe. Manche Ärzte empfehlen, die Tablette dem Baby zum Auflösen einfach in die Wangentasche zu legen. Davon raten die Hersteller jedoch ab, da sich das Baby leicht verschlucken und die Tablette so in die Atemwege gelangen kann. Besser ist es, die Tablette auf einem Teelöffel in etwas Wasser oder (Mutter-)Milch zerfallen zu lassen und vorsichtig zu verabreichen. Ob das für jedes einzelne Präparat möglich ist, lässt sich der Gebrauchsinformation entnehmen oder beim Hersteller erfragen

Suppositorien und Mikroklistiere

Ein guter Applikationsweg für Babys ist die rektale Gabe, zum Beispiel von Paracetamol-Suppositorien bei Schmerzen und Fieber. Die Anwendung erfolgt idealerweise nach dem Stuhlgang. Eltern sollten wissen, dass sie das Zäpfchen nicht aus der Verpackung herausdrücken dürfen, sondern die Schutz­folie auseinander ziehen oder vorsichtig mit einer kleinen Schere zerschneiden sollten. Damit das Zäpfchen besser gleitet, können die Eltern es kurz in warmes Wasser tauchen. Dazu dürfen sie jedoch weder Creme, noch Salbe oder Öl verwenden, da dies die Wirkung verändern kann. Das Baby liegt während der Applikation am besten auf der Seite und die Eltern drücken seine Beine sanft Richtung Brust. Das Suppositorium gehört mit der stumpfen, abgeschnittenen Seite voran in den Po, denn so gleitet es nicht so leicht wieder heraus. Nach dem Einführen sollten die Eltern die Gesäßhälften für einen Moment leicht zusammendrücken. Soll die Dosierung halbiert werden, muss das Zäpfchen immer der Länge nach mit einem sauberen, angewärmten Messer vorsichtig geteilt werden. Einmal geschmolzene Suppositorien, zum Beispiel durch Sonneneinstrahlung, müssen die Eltern entsorgen.

Viele Babys leiden unter Verstopfung, die zehn Tage oder länger dauern kann. Dann können Mikroklistiere Linderung verschaffen. Eltern dürfen die Rektalkanüle bei Babys nur bis zur Hälfte einführen und vor der Anwendung mit einer neutralen Salbe wie Vaseline leicht einfetten. Zur Applikation drücken sie das Klistier zusammen und ziehen den Applikator bei zusammengedrückter Tube heraus, sodass kein Arzneimittel in die Tube zurückgezogen wird. Im Anschluss sollten die Eltern auch hier die Gesäßbacken einige Zeit sanft zusammendrücken. Dasd Händewaschen ist nach der Verabreichung rektaler Arzneiformen obligatorisch.

Alkohol in Medikamenten

Präparate, die für Kinder zugelassen sind, enthalten grundsätzlich pro Dosis nur geringe Mengen Alkohol. Ab einer Menge pro Einzeldosis von mindestens 0,05 Gramm Ethanol muss der Hersteller dies auf der Verpackung angeben. Vor allem bei manchen pflanzlichen Medikamenten setzen die Hersteller Ethanol als Lösungsmittel für die Wirkstoffe der Arzneipflanzen und zur Konservierung ein. Auch manche Homöopathika enthalten Alkohol. Nach Angaben der Gesellschaft für Phytotherapie liegt der Alkoholgehalt pflanzlicher Arzneimittel pro Dosis in der Regel deutlich unter 0,5 Gramm. Das ist weniger als in einem Glas Apfelsaft (circa 0,6 Gramm pro 200 ml). Laut ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände besteht für Kinder erst dann ein gesundheitliches Risiko, wenn ein Arzneimittel mehr als 0,5 Gramm Alkohol pro Einzeldosis enthält. Als tödliche Dosis gilt bei Kindern 3 Gramm reiner Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht. Für einen 4 Kilogramm schweren Säugling wären dies also 12 Gramm. Das entspricht einem Glas Bier (330 ml).

Gerade bei Erkältungsmitteln ist oft ein Ausweichen auf alkoholfreie Präparate möglich. Pflanzliche Mittel mit Trockenextrakten enthalten so gut wie keinen Alkohol mehr. Dieser wurde lediglich als Auszugsmittel genutzt und anschließend verdampft. Findet sich kein alkoholfreies Präparat, müssen Eltern die altersgerechte Dosierung einhalten und bei Kombination mehrerer Arzneimittel auf die Gesamtmenge Ethanol achten. Im Übrigen mögen Kinder im Allgemeinen den Alkoholgeschmack nicht, sodass die Gefahr einer Gewöhnung nicht besteht.

Wie wird bei Flüssigarzneimitteln der Alkoholgehalt in Gramm pro Einzel­dosis berechnet?

Dafür benötigt man die Angabe zu Volumenprozent (Vol.-% oder V/V), zu Milliliter der Einzeldosis sowie das spezifische Gewicht von Ethanol (0,8 g/cm3). Die Formel zur Berechnung lautet:

Menge in ml x (Vol.-% / 100) x 0,8 = Gramm reiner Alkohol

Beispiel: Bronchicum® Elixier, zugelassen für Säuglinge ab sechs Monate, 4,9 Vol.-% Ethanol, Einzeldosis 1 ml, Tageshöchstdosis 6 ml:

1 ml x (4,9 / 100) x 0,8 = 0,039 Gramm Alkohol in der Einzeldosis

6 ml x (4,9 / 100) x 0,8 = 0,235 Gramm Alkohol in der Tagesdosis

Auge, Nase und Ohr

Wenig kooperationsbereit sind viele Babys bei Augen-, Nasen- und Ohrentropfen. Die meist im Kühlschrank aufbewahrten Fläschchen sollten die Eltern kurz vor der Anwendung mit den Händen anwärmen. Nasentropfen – ob mit Kochsalz, Meerwasser oder abschwellenden Wirkstoffen – werden immer dem auf dem Rücken liegenden Kind verabreicht, damit sie möglichst weit Richtung Nasendach gelangen. Nasensprays sind für Babys nicht geeignet!

Bevor sie Nasentropfen applizieren, sollten die Eltern dem Kind die Nase putzen. Doch da Säuglinge noch nicht schnäuzen können, empfiehlt es sich, das Sekret mit einem Sekretsauger wie dem NoseFrida hygienisch abzusaugen. Sauger und Pipetten dürfen dabei nicht zu tief in die Nase eingeführt werden. Den Sauger der Nasentropfen oder die Quetschflasche sollten die Eltern nach der Applikation gedrückt halten und so aus der Nase ziehen, damit sie kein Sekret in das Fläschchen einsaugen. Die Pipette sollten sie nach jedem Gebrauch mit einem sauberen, trockenen Tuch reinigen. Die restlichen Tropfen müssen die Eltern nach jeder Erkältung verwerfen und beim nächsten Infekt durch neue ersetzen.

Auch Augentropfen werden dem Baby im Liegen verabreicht. Dabei darf die Tropfenspitze weder Augen noch Hände berühren. Die Eltern müssen das Augenlid leicht nach unten ziehen, die Tropfflasche senkrecht über das Auge halten und die Augentropfen in den Bindehautsack, nicht direkt auf das Auge einbringen. Danach sollten sie den Tränenkanal am Nasenknochen kurz sanft zudrücken. In der Praxis lassen sich das aber die wenigsten Babys gefallen. Daher kann es hilfreich sein, wenn ein Elternteil die Tropfen verabreicht und der andere den Kopf des Babys festhält. Für manche Babys ist diese Prozedur jedoch sehr traumatisch und kann zu Vertrauensverlust führen. Babys lernen schnell und verknüpfen das negative Erlebnis mit anderen gleichzeitigen Aktivitäten wie Wickeln oder Füttern. Falls möglich, sind Augensalben eine Alternative, denn sie lassen sich etwas einfacher in den Bindehautsack einbringen, zum Beispiel ganz vorsichtig mit einem frischen Wattestäbchen, das jedoch nicht direkt mit dem Auge in Berührung kommen sollte.

Für die Applikation von Ohrentropfen muss das Baby auf der Seite liegen. Auch hier darf die Tropferspitze das Ohr nicht berühren. Die Eltern sollten den oberen Teil der Ohrmuschel vorsichtig nach hinten ziehen, um das Eintropfen zu erleichtern. Das Baby sollte danach einige Minuten liegen bleiben, damit die Ohrentropfen gut einfließen können. Eltern sollten Ohrentropfen nur nach Rücksprache mit dem Arzt und bei intaktem Trommelfell anwenden.

Inhalieren

Erkältungen schlagen vielen Babys schnell auf die Atemwege, sodass sie nur schwer Luft bekommen. Das klassische Inhalieren über einer Schüssel mit heißem Wasser unter einem Handtuch (Zeltmethode) eignet sich jedoch nicht für Babys. Zum einen ist das heiße Wasser gefährlich, denn Babys können sich am Wasserdampf oder durch ein Umkippen der Schüssel verbrühen.

Auch sind die meisten ätherischen Öle für Babys und Kleinkinder nicht geeignet, da sie einen Laryngospasmus, einen Krampf des Kehlkopfes, auslösen können (auch Stimmritzenkrampf oder Glottiskrampf genannt). Beim Laryngospasmus können die Kleinen ersticken. Experten raten vor allem von Eukalyptus- und Thymianöl, Menthol und Kampfer ab. Kamille steht unter Verdacht, Allergien auszulösen.

Besser ist es, eine Schüssel mit Kochsalzlösung (ein Esslöffel pro 2 Liter Wasser oder eine fertige Lösung aus der Apotheke) im Zimmer aufzustellen, natürlich an einer Stelle, an die das Baby nicht gelangt. Absolut tabu ist es, Salben mit ätherischen Ölen auf die Haut der Kinder aufzutragen, weder auf die Brust noch auf den Rücken und schon gar nicht direkt unter oder an der Nase. Auch für Säuglinge zugelassene Inhalate dürfen Eltern nur sehr sparsam und nur auf der Kleidung oder Bettwäsche und nicht in der Nähe der Nase einsetzen.

Muss ein Baby auf ärztliche Anweisung inhalieren, zum Beispiel ein Corticosteroid, gibt es Dampfinhalatoren mit kindergeeigneten Nase- oder Mundstücken sowie spezielle Düsen- oder Ultraschallvernebler, die insbesondere bei Bronchitis und Asthma zum Einsatz kommen.

Cremes und Salben

Babyhaut ist äußerst sensibel und sehr durchlässig für Arzneistoffe. Daher sollten Eltern die Haut nur mit speziellen Präparaten für Säuglinge pflegen, die keine Konservierungs-, Duft- und Farbstoffe und auch keine Erdölprodukte, Paraffine und Silikone enthalten. Manche Hebammen empfehlen den jungen Müttern Mandelöl zur Hautpflege des Babys.

Unabhängig von dem verwendeten Produkt reicht esvöllig aus, Creme oder Salbe möglichst dünn aufzutragen, insbesondere, wenn sie Arzneistoffe enthalten. Auch bei einer Wundschutzcreme genügt ein dünner Film. Wirkstoffhaltige Dermatika, beispielsweise aus der Hausapotheke, sollten Eltern nur in Rücksprache mit dem Kinderarzt anwenden. /

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