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Maximilian Oskar Bircher-Benner

Der Müesli-Mann

28.07.2014
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Von Ralf Daute / Am 22. August 1867 wurde der Pionier der Vollwertkost, Maximilian Oskar Bircher-Benner, im Schweizer Aarau geboren. Der Arzt sah im Menschen mehr als eine Ansammlung von funktionierenden Organen. Mit dieser Anschauung war der Schweizer seinen mechanistisch, natur­wissenschaftlich denkenden Kollegen um Jahrzehnte voraus.

Kurz vor seinem Tod am 24. Januar 1939 schrieb Maximilian Oskar Bircher-Benner in einem Brief an seinen Sohn: »Wie leicht entartet der Arzt zum Mediziner!« Als Begründung für diesen Satz ergänzte er: »Der Arzt, wie ich ihn sehe, hat es nicht nur mit dem Magen, der Leber, dem Herzen und so weiter zu tun, sondern mit dem Menschen, der krank zu ihm kommt, mit seiner Charakterbildung, seiner Unreife, seiner verfehlten Beziehung zum Körper, zur Seele, zu sich, zur Umwelt, mit seiner ganzen menschlichen Tragödie […].«

Bircher-Benner hat mit der ihm eigenen Überzeugungskraft dazu beigetragen, dass seine Botschaft in der Welt Gehör fand. Allerdings waren nicht alle der oft prominenten Gäste seines Sanatoriums »Lebendige Kraft« von seiner rigiden Lehre begeistert. So nannte beispielsweise der berühmte Schriftsteller Thomas Mann das Sanatorium ein »hygienisches Zuchthaus«, und beklagte sich, er fühle sich dort wie ein Gras essender Nebukadnezar, der im Luftbad auf allen Vieren herumkrieche. Thomas Mann verbrachte im Jahr 1909 einige Wochen auf dem Zürichberg, sein Aufenthaltsort inspirierte ihn zu dem Roman »Der Zauberberg«. Zu den Behandlungsroutinen, mit denen Bircher-Benner den Patienten wieder »lebendige Kraft« verschaffen wollte, gehörte auch, diese im Garten mit kaltem Wasser abzuspritzen. Manche Regeln drifteten ein wenig ins Esoterische ab – beispielsweise durfte niemand bei Tisch seinen Gesundheitszustand »durchkauen«. Die Patienten sollten immer möglichst positiv denken!

 

Doch im Zentrum eines Aufenthalts auf dem Zürichberg und auch der wissenschaftlichen Arbeit von Maximilian Oskar Bircher-Benner stand die Ernährung. Deren zentrale Lehre wurde im ersten Satz der neun sogenannten Ordnungsregeln des Sanatoriums wie folgt zusammengefasst: »Die pflanzliche Rohnahrung übt Heilwirkung aus.«

Erfolgreiche Diät

Dass dem so ist, hatte Bircher-Benner als junger Arzt am eigenen Leib erfahren. Der Sohn eines verarmten Notars wuchs in kärglichen Verhältnissen in Aarau auf und erkrankte selbst an Gelbsucht, nachdem er sich nach dem Medizinstudium in Wien, Dresden, Berlin und Zürich gerade als Arzt in der Schweizer Metropole niedergelassen hatte. Seine Frau Elisabeth Benner, eine aus dem Elsass stammende Tochter eines Apothekers­, verabreichte ihm eine Diät, die im Wesentlichen aus Apfelstücken bestand und ihn binnen kurzer Zeit wieder genesen ließ.

 

Nachdem der Arzt das Rezept noch etwas verfeinert hatte, probierte er es anschließend mit Erfolg an den eigenen, magenkranken Patienten aus. Das Original-Bircher-Müesli, auf Schweizerdeutsch auch einfach nur »d’Spys« (die Speise) genannt, besteht aus einem Esslöffel Haferflocken, drei Esslöffeln Wasser, ein bis zwei komplett geraffelten Äpfeln, dem Saft einer halben Zitrone, einem Esslöffel gezuckerter Kondensmilch und einem Esslöffel geriebener Nüsse. Die Bekömmlichkeit dieser Speise erklärte Bircher-Benner damit, dass sie die Nährstoffe im selben Verhältnis enthalte wie die Muttermilch.

 

Vom Falschen zu viel

Für die Menschen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte diese Art der Ernährung auf jeden Fall einen Bruch mit allen Gewohnheiten dar. Einerseits sah sich Bircher-Benner als Arzt mit verarmten Arbeitern konfrontiert, die kaum genügend zu essen hatten. Andererseits behandelte er in seinem Sanatorium Patienten, denen es zu gut ging – was ebenfalls auf die Gesundheit schlug. »Die Menschen aßen das Falsche und vom Falschen zu viel«, fasst der Autor eines Artikel über den Pionier der Vollwertkost dessen Auffassung prägnant zusammen. In seinem Buch »Die Gesundheit im Schweizerhaus der Gegenwart« aus dem Jahr 1930 beschrieb Bircher-Benner seine Erfahrungen wie folgt:

 

»Als die Wissenschaft begann, die Nahrungsmittel einseitig nach ihrem Eiweißgehalt zu werten, klärte man das Volk auf: die Pflanzenkost sei minderwertig, notwendig sei vor allem eiweißreiche Kost aus Fleisch, Eiern, Milch und Käse, nur solche sei kräftigende Nahrung. Fleischarme Kost wurde zum Inbegriff der Unterernährung und zum Stempel der Armut. […] Die derzeitige Ernährung zerstört wie ein schleichendes Gift die körperliche und seelische Gesundheit und verschlechtert, in stetig wachsendem Maße, die Konstitution – auch diejenige der Nachkommen. Als zuverlässiges Zeichen des Niedergangsprozesses herrschen in unserem Volke, wie in allen zivilisierten Nationen, Gebisszerfall, Darmträgheit, Rheuma, Magen-, Darm- und Leberleiden, Herz- und Gefäßkrankheiten, Drüsenstörungen, Fortpflanzungsstörungen, seelische Verstimmungen und Nervosität. In der Krebssterblichkeit übertreffen wir viele andere Nationen. Die Ungesundheit ist ins Schweizer Haus eingezogen.«

 

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Bircher-Benner seinen Gegenentwurf zur städtisch, industriell geprägten Lebensweise in der Abgeschiedenheit der Schweizer Almen fand. Hier entdeckte er die Zutaten für seinen, wie er meinte, natürlichen Nahrungsmix.

 

Die Ernährung der Alpbauern beschrieb er als »sehr einfach«, sie »bestand oft aus einem Gericht, das die ganze Mahlzeit ausmachte. Dafür wechselte dieses Gericht in der Regel von Tag zu Tag und je nach der Jahreszeit. Zur täglichen Nahrung gehörten vor allem: Getreidebrei (Hafer, Hirse, Gerste), Kraut (besonders Mangold und Kohl), Rüben und Wurzelgemüse, Bohnen, Milch (frische und eingelegte) und Obst (frisch und gedörrt). Fleisch kam gelegentlich auf den Tisch, wenn ein altes Haustier abgetan werden musste und wenn man Jagdbeute einbrachte. Dies war jedoch eher ein seltenes Ereignis.«

 

Die Wertigkeit dieser Lebensmittel führte Bircher-Benner darauf zurück, dass diese die Sonnenenergie aufgenommen hätten. Nach seiner Überzeugung komme diese »Lebensenergie« den Menschen zugute.

 

Die wissenschaftlich orientierte renommierte Zürcher Ärztegesellschaft hielt Bircher-Benners Ansichten für inakzeptabel und schloss ihn im Jahre 1900 aus ihrer Vereinigung aus. Die Vorwürfe waren heftig und gingen ins persönliche: »Herr Bircher hat das wissenschaftliche Gebiet verlassen – er ist für uns nicht mehr tragbar!« – »Wer Fleisch und Käse für gesunde Menschen auf den Index stellt, ist unser Gegner. Den bekämpfen wir und paktieren nicht mit ihm!«

 

Viele prominente Gäste

Doch Bircher-Benner blieb seiner Überzeugung treu. Er gab sogar eine eigene medizinische Monatsschrift heraus mit dem Titel »Der Wendepunkt im Leben und Leiden«. Sein Sanatorium führte er mit beachtlichem Erfolg, insbesondere was prominente Gäste angeht. Neben Thomas Mann waren auch die Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse sowie der Dirigent Wilhelm Furtwängler Gäste auf dem Zürichberg.

 

Nach einem erfüllten Leben starb Bircher-Benner am 24. Januar 1939 im Alter von 71 Jahren an einer Herzkrankheit.

 

Zwei seiner Söhne führten die Klinik nach seinem Tod fort, bis diese 1973 in den Besitz des Kantons Zürich überging. Infolge mangelnder Auslastung wurde die Bircher-Benner-Klinik im Jahr 1995 geschlossen. /