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Essstörungen

Die Waage als Feind

28.07.2014  10:53 Uhr

Von Inga Richter / Wenn junge Menschen ein gestörtes Verhältnis zum Essen und zu ihrem Körper entwickeln, stecken meist psychische Probleme dahinter. Die Folgen für Körper und Seele sind gravierend. Je früher die Betroffenen und ihre Angehörigen Hilfe suchen, desto größer sind die Heilungschancen.

Magersucht (Anorexia nervosa) und Bulimie (Bulimia nervosa, Ess-Brechsucht) sind die häufigsten Essstörungen. Bei beiden Erkrankungen besteht die größte Angst der Betroffenen darin, zuzunehmen. Ihre Gedanken drehen sich fast ausschließlich um Essen – beziehungsweise um das Nicht-Essen. Sie zählen jede Kalorie, treiben extrem viel Sport, manche nehmen Appetitzügler und zur zusätzlichen Gewichtsreduktion Abführmittel sowie Entwässerungstee. »Auch wenn bereits ein erhebliches Untergewicht vorliegt, empfinden sich Magersüchtige noch als zu dick«, erklärt Andreas Schnebel, Diplom-Psychologe aus dem Vorstand der Selbsthilfeorganisation ANAD und Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen. An Bulimie Erkrankte hingegen sind meist normalgewichtig, nur manchmal unter- oder übergewichtig. Zwar sind überwiegend Frauen von den Essstörungen betroffen, doch: »Gerade in den letzten Jahren haben sich diese Erkrankungen zunehmend auch bei Männern und Kindern zu einer Problematik entwickelt«, sagt Schnebel.

Aktuelle Daten, wie viele Menschen in Deutschland von Magersucht betroffen sind, gibt es nicht. In einer Untersuchung aus dem Jahr 1998 waren 0,3 Prozent der deutschen Bevölkerung magersüchtig, vornehmlich Frauen zwischen 14 und 24 Jahren. Bulimie beginnt meist im Alter von 16 bis 18 und betrifft etwa 1 Prozent der Bevölkerung. Schnebel geht aber davon aus, dass mindestens doppelt so viele Menschen betroffen sind. Denn die Dunkelziffer ist hoch. Außerdem können die verschiedenen Formen ineinander übergehen. »Ungefähr die Hälfte der Bulimikerinnen war zuvor magersüchtig«, erklärt Schnebel. Die langzeitliche »Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland« (KiGGS) des Robert Koch-Institutes (RKI) zeigt, dass viele schon im Kindesalter gefährdet sind: Demnach empfinden sich die Hälfte aller normalgewichtigen Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren als zu dick, jedes fünfte Kind in diesem Alter zeigt bereits ein gestörtes Essverhalten. Der Weg in eine manifeste Essstörung ist dann nicht mehr weit.

»Die gesundheitlichen, seelischen und sozialen Folgen sind verheerend«, sagt Schnebel. Der dauerhafte Nährstoffmangel schädigt Organe, Muskeln, Gelenke und Knochen. Magersüchtigen fallen die Haare aus, die Haut wirkt greisenhaft, bei jüngeren Mädchen kommt die pubertäre Entwicklung fast zum Erliegen, die Brüste wachsen kaum. Bei Frauen bleibt die Periode aus, Männer verlieren ihr sexuelles Verlangen und die Potenz. Die Betroffenen frieren ständig, leiden unter Verstopfung oder Durchfall und Ohnmachtsanfällen, da das Gehirn unterversorgt ist. Im weiteren Verlauf treten Folgeerkrankungen wie Osteoporose, Gelenk- und Nierenschäden sowie Herz-Kreislaufstörungen auf. Auch das Immunsystem wird in Mitleidenschaft gezogen: Magersüchtige erkranken häufiger an Infektionen mit vergleichsweise schwerem Verlauf. Magersucht gehört zu den häufigsten Todesursachen bei Mädchen und jungen Frauen. Die Sterberate der Betroffenen liegt zehn Jahre nach der Erstdiagnose um das Zehnfache über dem Durchschnitt der Altersgenossinnen.

Ähnliche Folgen haben Bulimie-Kranke zu befürchten. »Durch das regelmäßige Erbrechen kommen unmittelbare Zahnschäden hinzu, Verätzungen des Rachens und der Speiseröhre, Entzündungen der Bauchspeicheldrüse sowie eine Erschlaffung des Mageneingangs mit Sodbrennen«, so Schnebel. Neben der körperlichen lässt auch die geistige Leistungsfähigkeit nach. In einem Selbsthilfeforum berichtet Martyna, sie habe zwar eine Ausbildung begonnen: »Aber ich merke, dass ich mich nicht konzentrieren kann. Bin oft müde und habe keine Ideen mehr, wenn ich Schulaufgaben erledigen muss.« Ihr Kopf fühle sich leer an.

Sozial ausgegrenzt

Neben dem Körper leidet auch die Psyche. Einerseits ziehen sich die Betroffenen aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. »Der Kantinenbesuch mit Kollegen wird unmöglich, auch Einladungen bei Freunden oder Reisen sind unweigerlich mit Essen verbunden«, erläutert der Diplom-Psychologe. LaaLaa aus dem Bulimie-Forum schreibt, sie habe keine einzige Freundin mehr. »Weil ich mir ständig denke, ich bin anders und gestört.« Sie bleibe lieber alleine zu Hause, wo sie essen und sich übergeben kann. Auch die Beziehung mit ihrem Freund leide unter ihren Komplexen und ihrer launischen Art. Nicht selten gehen Depressionen mit einer Essstörung einher, sowie Suchterkrankungen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen oder selbstverletzendes Verhalten. »Vor allem bulimische Patientinnen geben häufig Selbstmordgedanken und -versuche an«, so Schnebel.

Meist ist es ein hoher psychischer Druck, der junge Menschen in eine Essstörung treibt. Ihre Gefühlswelt können sie kaum beherrschen. Die Bedürfnisse des Körpers kontrollieren zu können, verleiht den Betroffenen scheinbar ein Gefühl der Stärke, Unabhängigkeit und Macht. Manchmal sind es schwerwiegende Traumata wie Misshandlungen in der Familie oder Missbrauch. Aber auch Stress in der Familie, Partnerschaft, in Schule oder Ausbildung seien für junge Menschen hohe Belastungen, sagt Schnebel.

Angst und Kontrolle

Mina schreibt beispielsweise, dass ihre Ängste durch das Hungern gemindert würden. »Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle.« Würde sie essen, meint sie, würde sie durchdrehen. Sätze wie diese ziehen sich durch die Selbsthilfe-Foren wie ein roter Faden: »Ich habe Angst vor dem Leben und denke, ich bin dumm und kann nix außer hungern«, oder: »Das Untergewicht gibt mir so etwas wie eine Besonderheit.« Bei LaaLaa ist die Bulimie richtig schlimm, seit sie 16 ist. »Mehrmals täglich fresse ich und übergebe mich.« Sie leidet an Depressionen, wird ständig krank und hat Probleme mit den Nieren. Eigentlich will sie damit aufhören. »Aber irgendwas sagt mir, dass ich ohne ›es‹ nicht kann.« Sie alle wissen, dass sie sich schaden. Sie alle wollen raus aus dem Elend. Doch zu groß ist meist die Panik vor einer höheren Zahl auf der Waage.

Erschwerend komme hinzu, dass in unserer Gesellschaft vor allem schlanke Menschen als erfolgreich und leistungsfähig angesehen werden, kritisiert Schnebel. »Die Werbung vermittelt, jeder könne den perfekten Körper bekommen, wenn er oder sie nur genug dafür tut.« Auch ohne psychische Probleme könne bei Kindern oder Jugendlichen mitunter ein abwertender Spruch von Mitschülern oder Familienmitgliedern reichen, um sie zur ersten Diät zu bewegen.

Die Betroffenen selbst fänden teilweise erst nach langer Zeit die Motivation, den Kampf gegen die Essstörung aufzunehmen, sagt Schnebel. Daher ist die Aufmerksamkeit des Umfeldes gefragt, wenn Tochter oder Sohn, Geschwister, Freunde oder Mitschüler immer weniger essen, sich mehr und mehr Gedanken machen über das, was sie essen, wenn sie abmagern oder nach der Mahlzeit auf die Toilette verschwinden. »Angehörige bemerken das veränderte Essverhalten und den sozialen Rückzug meist als erste«, sagt Claudia Schlund von der Nürnberger Beratungsstelle der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Gingen diese behutsam vor, könnten sie den entscheidenden Anstoß geben, dass Kranke Hilfe suchen. Eltern, Lehrer, Freunde oder sonstige Vertrauenspersonen sollten ihre Sorge um den anderen ansprechen, in ruhiger Atmosphäre und jenseits der Mahlzeiten. Ganz wichtig sei es, keine Vorwürfe zu machen und keinen Druck auszuüben. Ob und inwieweit das Essverhalten gestört ist, können auch anonyme Selbsttests im Internet klären. Auf den entsprechenden Seiten finden sich viele Informationen über die Krankheit und über Hilfsangebote, ob online, per Telefon oder in der Beratungsstelle vor Ort.

»Wichtig ist allerdings die Krankheitseinsicht der Betroffenen selbst«, sagt Schnebel. Nur wer wirklich unter dem zunehmenden Verfall von Körper und Geist oder der sozialen Isolation leide, bringe auch den Willen für eine psychotherapeutische Behandlung auf. Eine solche ist oftmals ambulant möglich. So könnten Angehörige mit einbezogen und das Gelernte in den Alltag integriert werden. Ausnahmen gebe es bei schwierigen sozialen Umständen oder starken körperlichen Mangel­erscheinungen, sagt Schlund: »Dann kann eine stationäre und medizinische Behandlung notwendig sein.«

Anzeichen einer beginnenden Essstörung bei

  • Das Kind findet sich zu dick und äußert dieses.
  • Das Kind beäugt sich oft und kritisch im Spiegel und geht regelmäßig auf die Waage.
  • Das Kind beschäftigt sich mit dem Kalorien-, Fett- und Zuckergehalt von Lebensmitteln, will nur noch kalorienarm und »gesund« essen.
  • Das Kind meidet Snacks, behauptet viel zu früh, satt zu sein. Brotbeläge beispielsweise werden immer spärlicher verwendet.
  • Das Essverhalten ist extrem, mal wird sehr wenig, mal sehr viel gegessen.
  • Das Kind beschäftigt sich mit Diäten. Diäten werden zum Dauerthema.
  • Das Kind treibt plötzlich sehr viel Sport, aber nicht aus Spaß, sondern verbissen.
  • Lebensmittel verschwinden, das Kind gibt viel Geld für Süßes und Fast Food aus, isst heimlich.
  • Das Kind verschwindet nach dem Essen auf die Toilette. Abführmittel verschwinden aus der Hausapotheke.
  • Das Kind nimmt ab. Alarmierend ist, wenn es innerhalb von drei Monaten zu einer Gewichtsabnahme von 6 Kilogramm oder mehr kommt. Weitere Kennzeichen: Blässe, wunde Mundwinkel und Hungerhaare im Gesicht und an den Armen.

Quelle: nach Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

 Vorsicht bei Internet-Foren

Selbsthilfeforen im Internet können zwar hilfreich sein, sind aber mit Vorsicht zu genießen. Sogenannte Pro-Ana und Pro-Mia Bewegungen, gegründet von Essgestörten, verherrlichen die Krankheit und unterwandern bisweilen die Foren, erzählt Schnebel. Patientenberaterin Schlund rät: »Seriöse Angebote geben Tipps, wie man aus der Krankheit aussteigen kann, werden von Fachleuten moderiert und legen offen, wer hinter dem Angebot steckt. « Die Erfolgs- und Heilungschancen hängen von der Schwere und Dauer der Erkrankung ab, aber auch vom Willen der Patienten. Internationalen Studien zufolge gilt die Drittelregel, erläutert Schnebel: »Ein Drittel der Betroffenen bleibt chronisch essgestört. Ein Drittel stagniert auf einem erträglichen Niveau. Ein Drittel wird dauerhaft geheilt.« /