PTA-Forum online
Weltumseglung

Ein Zeichen setzen für MS

28.07.2014  10:53 Uhr

Von Daniela Biermann / Im Juni startete in Kopenhagen ein Segelboot mit einer ganz besonderen Besatzung: Begleitet von einem Arzt und erfahrenen Seglern werden MS-Patienten etappenweise die Welt umsegeln. Das Projekt »Sailing Sclerosis« will der Welt und ihnen selbst zeigen, wie sie ihren Horizont erweitern können. Mit dabei ist die 41-jährige Dänin Anne Dalbjerg. PTA-Forum erzählte sie von unterwegs aus vom Leben an Bord der »Oceans of Hope«.

PTA-Forum: Wann haben Sie von Ihrer Erkrankung erfahren?

Dalbjerg: Meine Diagnose bekam ich 2002. Vorher kannte ich nur den Namen, wusste aber nicht, was MS ist. Mit Stolpern aufgrund eines Taubheits­gefühls im linken Fuß fing es an. Einige Tage später konnte ich mit meiner rechten Hand keine Gegenstände mehr festhalten. Ich rief sofort meinen Hausarzt an, der mich direkt mit Verdacht auf MS ins Krankenhaus geschickt hat. In den folgenden Wochen führten die Ärzte viele Tests durch, bis die Diagnose MS bestätigt war. Während dieser Zeit verschlechterten sich vor allem die Funktionen meiner rechten Körperhälfte, ich konnte nicht mehr laufen. Dank Akutbehandlung und Physiotherapie dreimal wöchentlich im Krankenhaus gingen die Symptome zurück.

PTA-Forum: Wie hat sich die Krankheit bei Ihnen entwickelt?

Dalbjerg: Ich bin nicht mehr in der Lage, mehr als zwei Kilometer zu rennen – vorher bin ich Halbmarathon gelaufen. Zwar kann ich diese Distanz immer noch normal gehen. Aber bei körperlicher Anstrengung ermüde ich rascher und fühle ich mich schneller erschöpft. Daher muss ich besonders sorgfältig auf die Signale meines Körpers hören, um mir nicht zu viel zuzumuten. Ich arbeite weiterhin in Vollzeit im Schiffshandel, das heißt in Verkauf und Logistik von allem, was die großen Cargoschiffe benötigen.

PTA-Forum: Wie haben Sie von dem Projekt gehört und wieso haben Sie sich als Crewmitglied beworben?

Dalbjerg: Ich habe in einem dänischen MS-Magazin darüber gelesen. Einen Segelschein hatte ich schon. Nach zehn Jahren Pause wollte ich wieder mit dem Segeln anfangen. Zu Hause habe ich mich in einer Segelgruppe und einem Segelclub auf die Reise vorbereitet.

PTA-Forum: Was erhoffen Sie sich von der Reise und wovor hatten Sie Angst?

Dalbjerg: Ich hoffe, etwas zu erreichen, von dem ich dachte, dass es mit meiner MS unmöglich sei. Angst hat mir die Nachricht gemacht, dass ich für fünf Wochen an Bord einen Platz bekommen habe.

Außerdem befürchtete ich, seekrank zu werden. Gegen die Seekrankheit musste ich bislang ein paar Tabletten nehmen, brauchte aber keine medizinische Hilfe wegen meiner MS.

PTA-Forum: Wie ist das Leben an Bord?

Dalbjerg: Die Stimmung ist ausgelassen und die Teamarbeit großartig. Es ist toll, sein Wissen sowohl über das Segeln als auch über MS mit dem Rest der Besatzung zu teilen. Ich schätze es sehr, von den erfahrenen Seglern lernen zu können, und spreche gern mit den verschiedenen MS-Patienten, die wir in den Häfen rund um Europa getroffen haben. Vielleicht haben wir manche sogar inspiriert, selbst wieder mit dem Segeln zu beginnen.

PTA-Forum: Was war bislang Ihr schönster Augenblick?

Dalbjerg: Als wir den Sonnenuntergang über dem Atlantischen Ozean betrachteten und Delfine um das Boot herumtollten, während wir an Deck zu Abend gegessen haben.

PTA-Forum: Gab es auch Schwierigkeiten?

Dalbjerg: Ganz offensichtlich hatten alle MS-Patienten Schwierigkeiten, sich auf dem Boot zu bewegen, vor allem Gleichgewichtsstörungen, wenn das Boot stark schwankte.

PTA-Forum: Wie hat die Reise Ihren Blick auf die Krankheit geändert?

Dalbjerg: Der Trip hat sowohl mich selbst als auch meine Wahrnehmung der MS geändert. Ich habe gelernt, dass es wirklich in Ordnung ist, sich hinzusetzen und erschöpft zu sein, wenn man MS hat. Man muss besser auf sich selbst aufpassen, bevor man anderen helfen kann. Nach der Reise werde ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurückkehren und in meiner Freizeit auf jeden Fall weiter segeln.

PTA-Forum: Welchen Rat haben Sie für MS-Patienten, die ihre Diagnose gerade bekommen haben?

Dalbjerg: Versuche das zu tun, was du normalerweise machst, um herauszufinden, ob du es immer noch kannst. Vielleicht klappt es nicht die ersten drei Male, aber du könntest beim vierten Versuch erfolgreich sein. Manchmal sind auch nur kleine Änderungen erforderlich, zum Beispiel zu gehen statt zu rennen. So kannst du spüren, dass du immer noch tun kannst, was du willst. Versuche auch, im Internet einige der positiven Geschichten zu finden, bei denen Menschen trotz ihrer MS etwas Außergewöhnliches erreicht haben. /

Wer die Reise verfolgen möchte, findet mehr Informationen zu Reiseroute, Passagieren und Geschichten von Bord sowie zahlreiche Fotos unter www.sailing-sclerosis.com