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Adipositas

Trendwende bei Kindern und Jugendlichen

28.07.2014  10:53 Uhr

Von Carina Steyer / Seit Anfang der 1980er-Jahre haben Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen stets zugenommen – zum Teil mit gravierenden gesundheitlichen Folgen. Das Ergebnis einer internationalen Studie hat nun gezeigt, dass sich eine Trendwende abzeichnet.

Wissenschaftler am Universitätsklinikum Ulm werten jährlich aus, wie viele Kinder bei der Einschulung übergewichtig oder adipös sind. Ihre Datenerhebungen zeigen, dass die Zahl übergewichtiger Kinder seit dem Jahr 2000 nicht weiter ansteigt, teilweise geht sie sogar zurück. In einer Übersichtsarbeit haben die Ulmer Wissenschaftler nun Studien aus vergleichbaren Industrieländern ausgewertet. Diese Daten bestätigen die Trendwende. Bei Mädchen ist der Rückgang des Übergewichts deutlicher als bei den Jungen. Bezogen auf das Alter gilt: Bei Kleinkindern im Alter von zwei bis sechs Jahren ging die Zahl stärker zurück als bei den Sechs- bis Elf- oder Zwölfjährigen und Jugendlichen bis 19 Jahren. Entwarnung geben die Wissenschaftler allerdings nicht. Denn die Auswertung der Forscher zeigt auch, dass der Rückgang für extreme Adipositas nicht gilt: Hier steigt die Zahl der betroffenen Kinder weiter. Außerdem ist die Zahl übergewichtiger Kinder in allen ausgewerteten Ländern immer noch sehr hoch und höher als vor 1980.

Eine Erklärung für die Trendwende haben die Wissenschaftler bisher nicht. Möglicherweise zeigen die Präventionsprogramme Wirkung, die Kinder und Jugendliche zu gesünderer Ernährung, mehr Bewegung und gleichzeitig zu weniger Fernsehkonsum anregen sollen. Ärzte und Lehrer aber auch Regierungen nehmen Übergewicht als Gesundheitsrisiko mittlerweile viel stärker wahr als vor 30 Jahren. Erfreuliches ergab auch eine aktuelle US-amerikanische Studie: Kinder bewegen sich mehr und essen mehr Obst und Gemüse, gleichzeitig konsumieren die Kinder weniger Süßigkeiten und zuckerhaltige Getränke. Sollten weitere Untersuchungen die Vermutung der Ulmer Wissenschaftler bestätigen, hoffen sie mit gezielter Verbesserung der Präventionsprogramme auf noch mehr Erfolg.

Die aktuellen Ergebnisse sind erfreulich, denn in den Jahren zuvor stieg die Zahl übergewichtiger und adipöser Kinder in den Industrieländern stets an. Grund dafür war der Lebensstil: Die Kinder bewegten sich wenig, verbrachten mehr Zeit vor dem Fernseher und dem Computer und ernährten sich gleichzeitig zu kalorien- und fettreich. Im Rahmen der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS-Studie) hatte das Robert Koch-Institut von 2003 bis 2006 Daten von knapp 18 000 Kindern und Jugendlichen gesammelt. Insgesamt 15 Prozent der 3- bis 17-jährigen waren demnach übergewichtig, 6,3 Prozent davon sogar adipös. Auf alle Kinder in Deutschland hochgerechnet bedeutet das: Etwa 1,9 Millionen sind übergewichtig, 800 000 davon adipös.

Definition

Übergewicht = zu hohes Körpergewicht im Vergleich zur Körpergröße

Adipositas = zu hoher Körperfett­anteil gemessen an der Gesamt­körpermasse

Kriterien für Übergewicht

Weltweit gilt bei Erwachsenen der Body-Mass-Index (BMI) als ein Kriterium für Übergewicht und Adipositas. Ein BMI über 25 bedeutet Übergewicht, bei einem BMI über 30 sprechen Experten von Adipositas. Für Kinder eignen sich diese starren Grenzwerte aber nicht, denn sie entwickeln sich je nach Geschlecht und Alter zu unterschiedlich. In Deutschland orientieren sich Ärzte daher an der Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA). Die AGA bestimmt Übergewicht und Adipositas mithilfe von alters- und geschlechts­abhängigen Perzentilen einer Referenzpopulation, das heißt, einer Gruppe gleichaltriger Kinder. Als Grenzwert gilt laut AGA für Übergewicht das 90. Perzentil, für Adipositas das 97. Perzentil und für extreme Adipositas das 99,5. Perzentil (siehe Grafiken).

Berechnung des BMI

Beispiel: Junge 10 Jahre, Gewicht 47 kg, Größe 1,40 m:

BMI: 47/1402=23,9 > 97. Perzentil > Adipositas

Gesundheitliche Folgen

Adipositas im Kindesalter ist nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern hat oft ernsthafte Folgen für die Gesundheit. Bei extremer Adipositas können bereits im Kindesalter Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, Leberverfettung und -entzündung sowie Störungen des Hormonhaushalts und Bewegungsapparats auftreten. Häufig wachsen die Kinder schneller und auch ihr Skelett entwickelt sich beschleunigt. Als Folge starker oder zu schneller Gewichtszunahme entstehen Dehnungsstreifen.

Das Übergewicht kann auch die Lebensqualität stark einschränken. Jungen empfinden die Vergrößerung der Brust (Pseudogynäkomastie) oft als sehr unangenehm und durch die darüber hängende Fettschürze (Pseudo­hypogenitalismus) erscheinen die äußeren Geschlechtsorgane als zu klein. Viele Mädchen und Jungen leiden unter Hänseleien und Vorurteilen und werden von Altersgenossen häufig ausgegrenzt.

Als erste Maßnahme zur Therapie empfiehlt die AGA, das Gewicht von adipösen Kindern zwischen 6 und 17 Jahren deutlich zu reduzieren. Bei zwei- bis sechsjährigen Kindern mit Übergewicht oder Adipositas ohne Begleiterkrankungen reicht es meist aus, das Gewicht zu halten. Bestehen bereits Folgeerkrankungen, wird auch eine Gewichtsreduktion empfohlen.

Therapie mit drei Säulen

Laut AGA sollte jedes Therapieprogramm auf drei Säulen ruhen: der Ernährungs-, der Bewegungs- und der Verhaltenstherapie. Durch strenge Diätpläne allein lassen sich die Wenigsten motivieren. Außerdem bergen diese das Risiko eines Nährstoffmangels und können das Wachstum beeinflussen. Die Deutsche Adipositasgesellschaft empfiehlt für Kinder das Konzept der optimierten Mischkost. Die Nahrung wird je nach Geschlecht und Alter an das Kind angepasst und sollte wenig Fett (25 bis 30 Prozent), ausreichend Eiweiß (20 bis 25 Prozent) und viele komplexe Kohlenhydrate (50 bis 55 Prozent) enthalten.

Wieder Spaß am Sport

Viele übergewichtige Kinder haben sich daran gewöhnt, beim Sport ausgelacht oder bei Gruppenspielen ausgegrenzt zu werden. Darum steht zunächst im Vordergrund, den Kindern wieder Spaß an der Bewegung zu vermitteln und ihnen die Möglichkeit zu geben, ohne Angst die eigenen Fähigkeiten auszuprobieren. Sprechen keine medizinischen Gründe dagegen, sollten die Kinder zu verschiedenen Sportarten motiviert werden, damit sie so die für sie passende finden. Ziel ist es, die Kinder dauerhaft für Bewegung zu begeistern.

In der Verhaltenstherapie lernen die Kinder, ihr Wissen über Ernährung und Bewegung im Alltag langfristig umzusetzen. Außerdem trainieren sie mit schwierigen Situationen besser umzugehen, zum Beispiel auf Hänseleien richtig zu reagieren oder Heißhungerattacken nicht nachzugeben. Vor allem bei jüngeren Kindern müssen die Eltern in die Therapie mit einbezogen werden, denn sie helfen den Kindern, das Gelernte langfristig umzusetzen.

Nur in Einzelfällen verordnen Ärzte Medikamente oder greifen auf chirurgische Maßnahmen zurück. So erwägen sie bei adipösen Kindern oder Jugendlichen mit erheblichen Begleiterkrankungen und einem extrem erhöhten Gesundheitsrisiko eine medikamentöse Therapie, wenn der Erfolg der drei Therapieansätze mindestens neun bis zwölf Monate lang ausbleibt. Chi­rurgische Maßnahmen sind bei extrem Adipösen manchmal die letzte Möglichkeit, wenn alle Therapien zuvor gescheitert sind. /

Buchempfehlung

Gesund von klein auf

Von Verena Arzbach / Fleckenpudding, Knisterperlenjoghurt und Bärchenwurst: Viele Lebensmittelhersteller haben Kinder als Zielgruppe entdeckt. Dabei sind diese Fertig­produkte häufig alles andere als kindgerecht, denn meist enthalten sie viel zu viel Fett und Zucker.

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Annette Sabersky, Dr. Jörg Zittlau: Echte Wurst hat kein Gesicht. Wie Kinder wieder Spaß an gutem Essen finden.

Taschenbuch, 208 Seiten. Heyne Verlag 2014. ISBN: 978-3-453-60268-7. EUR 9,99.