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Jugendliche und Sexualität

Auf Nummer sicher

22.05.2015  11:39 Uhr

Von Diana Haß / Die wilden Zeiten sind vorbei. Die Mehrzahl der Jugendlichen geht verantwortungsvoll mit ihrer Sexualität um. Trotz Internet und allgegenwärtiger Medienpräsenz von Körperlichkeit warten Jugendliche heute länger mit dem ersten Mal als noch im Jahr 2005.

Die Musikgruppe »Kraftklub« bringt das Lebensgefühl im Song »Zu jung« auf den Punkt: Wer heute jung ist, kann kaum wilder sein als die eigenen Eltern. »Wie soll man rebellieren?« klagt der Sänger und führt fort: »Mein Opa hat wahrscheinlich mehr Frauen gehabt als ich«. Damit könnte er recht haben. Zumindest legt das die Studie »Jugend und Sexualität« aus dem Jahr 2010 nahe. Durchgeführt wird diese Studie seit 1980 in regelmäßigen Abständen von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Ein zentrales Ergebnis der aktuellen Befragung: Jungen und Mädchen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren warten deutlich länger bis zu ihrem ersten Mal und zeigen sich in puncto Verhütung ausgesprochen verantwortungsbewusst.

Lediglich 7 Prozent der Mädchen und 4 Prozent der Jungen gaben 2010 an, dass sie schon mit 14 Jahren Erfahrung mit Geschlechts­verkehr hatten. Das ist ein deutlicher Rückgang im Vergleich zur Erhebung von 2005. Damals antworteten noch 12 Prozent der Mädchen und 10 Prozent der Jungen, sie hätten bereits erste sexu­elle Erfahrungen gemacht. In der Gruppe der 17-jährigen Mädchen reduzierte sich die Zahl derjenigen mit sexuellen Erfahrungen innerhalb von fünf Jahren von 73 auf 66 Prozent. Bei den gleichaltrigen Jungen blieb der Anteil mit 65 Prozent nahezu konstant. Jugendliche erleben ihr erstes Mal inzwischen deutlich später als noch vor wenigen Jahren und in der Regel in einer festen Beziehung.

In puncto Verhütung zeigen sich die Jugendlichen verantwortungsbewusster als jemals zuvor. Laut BZgA-Studie antworteten lediglich 8 Prozent, beim ersten Mal keinerlei Verhütungsmittel benutzt zu haben. In der ersten BZgA-Studie vor 30 Jahren lag die Risiko­bereitschaft deutlich höher: Damals ließen 20 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen die Verhütung beim ersten Mal außer Acht. Verhütungsmittel Nummer eins beim ersten Geschlechtsverkehr ist heute das Kondom. Später steigen die Mädchen zunehmend auf die Pille um. Laut der größten europäischen Kinder- und Jugendgesundheitsstudie »Health Behaviour in School aged Children« (HBSC) benutzen in Deutschland 83 Prozent der Jungen ein Kondom.

Deutlich wird zudem: Die Jugend­lichen verlassen sich immer mehr auf den Rat ihrer Eltern. Während vor 30 Jahren nur rund ein Drittel der Mädchen und ein Viertel der Jungen den elterlichen Rat zu Verhütung schätzten, sprechen heute 69 Prozent der Mädchen und mehr als die Hälfte der Jungen mit ihren Eltern ausführlich über die verschiedenen Möglichkeiten. Auch in den Partnerschaften hat das Thema einen festen Platz.

Generation Porno?

Doch gibt es nicht derzeit auch so etwas wie eine »moralische Verwahr­losung«? Zumindest legen das die Medien mit dem Schlagwort »Generation Porno« nahe. Tatsache ist: Ein Großteil der Jugendlichen kennen pornogra­fische Inhalt aus dem Internet. So gaben 2009 in der Bravo-Dr.-Sommer-Studie 79 Prozent der 14- bis 17-Jährigen an, im Internet bereits pornografische Bilder oder Videos angeschaut zu haben. »Sehr wahrscheinlich ist, dass die Inhalte vor allem aus Neugier betrachtet werden und nicht unbedingt aus sexuell stimulierenden Gründen«, stellt René Pappon fest. Eine »moralische Verwahrlosung« könne er nicht erkennen, so der Autor eines Buches über die Sexualmoral von Jugendlichen aus dem Jahr 2014. Im Gegenteil: »Die befragten Jugendlichen aus den Studien gingen sehr bewusst mit ihrer Sexualität um.«

Generation Sicherheit

Bewusst und verantwortungsbewusst – diese Adjektive legen Untersuchungen zur Jugendsexualität nahe. Dahinter steckt das Bedürfnis nach Sicherheit, dass auch die Shell-Jugendstudie bestätigt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die heutige Jugend im Vergleich zur Generation ihrer Eltern konservativer geworden ist. »Das schlägt sich auch auf der Beziehungsebene nieder«, sagt Bärbel Skiba, Sozial­forscherin und Psychologin aus Köln. Sie erläutert: »In einer Welt, in der sie mit wachsender Unsicherheit konfrontiert sind, suchen Jugendliche Stabilität.« Gesteigerte Bindungswilligkeit ist eine Folge ihres Bedürfnisses nach Sicherheit. Treue in einer Beziehung wird wichtiger. Schließlich wollen die Jugendlichen die Stabilität einer schützenden und sicheren Beziehung nicht durch Untreue aufs Spiel setzen. 48 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen hatten laut BZgA-Studie vor ihrem 18. Lebensjahr nur einen Sexual-Partner. /