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Sportverletzungen

Fitness nicht übertreiben

22.05.2015  11:39 Uhr

Von Ulrike Viegener / Rund zwei Millionen Bundes­bürger verletzen sich jedes Jahr beim Sport. Nur wenige gehen danach zum Arzt, die Mehrzahl behandelt Prellungen und Zerrungen in eigener Regie. In einer repräsentativen Umfrage gaben 2013 rund 6 Millionen Bundesbürger an, in den letzten drei Monaten rezeptfreie Medikamente bei Sportverletzungen angewendet zu haben.

Nur gezerrt oder doch gerissen? Das ist die bange Frage, wenn der Knöchel nach einem Fehltritt beim Joggen immer dicker wird. Die Schwellung ist ein wesentlicher Grund, warum Stauchungen, Prellungen und Zerrungen so schmerzhaft sind. Blutergüsse und Entzündungs­reaktionen lassen das Gewebe anschwellen und führen dazu, dass die verletzten Muskeln, Bänder und Sehnen zusätzlichem Druck ausgesetzt sind. Deshalb ist es wichtig, die Schwellung durch geeignete Sofortmaßnahmen (siehe Kasten weiter unten) bestmöglich einzudämmen.

Bumerang Billigfitness

Warum ist die Verletzungsgefahr beim Sport so hoch? Die Gründe sind Über- oder Fehlbelastung – den Pechfaktor einmal außer Acht gelassen. Amateursportler trifft es besonders häufig. Hier werden zwei Gruppen unterschieden: Da sind zum einen diejenigen, die ihren Sport sehr leistungsorientiert betreiben, die hoch motiviert und gut trainiert sind und die Technik beherrschen. Diese Sportler sind dadurch gefährdet, dass sie ihrem Körper Höchstleistungen abverlangen und ihn überfordern, wodurch das Verletzungsrisiko zwangsläufig steigt. Daneben treibt eine wachsende Zahl von Menschen Sport, um etwas für ihren Körper und ihre Gesundheit zu tun. Allerdings hapert es bei dieser Gruppe nicht selten am Know-how. Viele bereiten ihren Körper nicht ausreichend auf die sportliche Belastung vor und/oder haben die Technik der jeweiligen Sportart nicht richtig gelernt. Mit anderen Worten: Sie belasten den Körper falsch. Dann ist sportliche Aktivität nicht der Gesundheit dienlich, sondern abträglich.

Sportmediziner kritisieren in diesem Zusammenhang die »Billigfitness«, die manche Fitnessstudios anbieten. Die Studios locken mit Discount­angeboten und dann leiten häufig Angestellte ohne jede Qualifikation die Kunden an. Da sind Verletzungen programmiert. Typische Beispiele als Folge eines unsachgemäßen Krafttrainings sind vermehrte Abrisse der Bizeps-, Brust- und Schultermuskulatur.

Die Nummer 1

Fußball belegt nicht nur auf der Beliebtheitsskala, sondern auch in der Verletzungsstatistik den ersten Platz. Grundsätzlich sind aber alle Sportarten mit Gegnerkontakt besonders verletzungsträchtig. Die schwersten Unfälle gehen dagegen auf das Konto des Skifahrens. Männer sind – als risikofreudige Draufgänger – bei gleicher Sportart stärker verletzungsgefährdet als Frauen. Einer Studie zufolge gilt das bereits für Kinder.

Die Liste möglicher Sportverletzungen ist lang. Häufig sind stumpfe Traumata im Bereich von Muskeln und Gelenken. Prellungen (Kontusion) entstehen durch einen heftigen Schlag oder Stoß. Der sogenannte Pferdekuss – eine typische Fußballerverletzung – ist ein Beispiel dafür. Ursache ist meist, dass der Gegner sein Knie gegen die Außenseite des Oberschenkels gerammt hat. Bei der Zerrung (Distension) werden dagegen Muskeln und/oder Bänder überdehnt. Verstauchungen (Distorsion) schließlich sind stumpfe Gelenkverletzungen mit Schäden am Kapsel-Band-Apparat. Sie entstehen, wenn ein Gelenk – zum Beispiel durch Umknicken – verdreht wird.

PECH-Regel für Pechvögel

Die ersten zehn Minuten sind für die Prognose von Prellungen, Zerrungen und Stauchungen von entscheidender Bedeutung. Sich die wichtigsten Maßnahmen in Erinnerung zu rufen, dürfte Sportlern nach einem Unfall nicht schwer fallen. Sie brauchen nur daran zu denken, was sie gerade hatten: PECH.

P steht für Pause: Der verletzte Körperteil sollte nicht bewegt und belastet werden. Bloß nicht die Zähne zusammenbeißen und weiter machen!

E steht für Eis: Wenn möglich sollte die verletzte Struktur umgehend gekühlt werden. Dadurch ziehen sich die Blutgefäße zusammen, und der Stoffwechsel verlangsamt sich. Blutergüsse und Gewebeschwellungen lassen sich so eingrenzen, Entzündungsreaktionen werden gehemmt und Schmerzen reduziert. Zuviel Kälte ist aber auch nicht gut: Deshalb am besten circa zehn Minuten kühlen, dann pausieren, erneut kühlen und so fort. Und noch etwas ist zu beachten: Kältepackungen nicht auf die ungeschützte Haut legen, sondern in ein Tuch wickeln oder in eine Socke stecken!

C steht für Compression: Ein Kompressionsverband verhindert ebenfalls, dass Einblutungen und Schwellungen das Gewebe zusätzlich belasten. Aber der Kompressionsverband darf nicht zu straff angelegt werden, damit das verletzte Gebiet weiterhin ausreichend mit Blut versorgt wird.

H steht für Hochlagern: Ist eine Extremität verletzt, sollte sie hoch gelagert werden. Auch das begrenzt Blutergüsse und wirkt einer Schwellung entgegen.

Nicht zu früh aufs Feld

Schmerzen und Schwellungen beeinträchtigen die Belastbarkeit je nach Ausmaß unterschiedlich stark. Doch die Crux dabei ist: Leichte und schwere Verletzungen führen oft zu ähnlichen Symptomen. So können Laien zum Beispiel einen Muskelfaserriss nicht ohne weiteres von einer einfachen Zerrung unterscheiden. Deshalb ist es ratsam, bei Sportunfällen einen Arzt zumindest einmal draufschauen zu lassen.

Fragt ein Patient in der Apotheke nach einem Medikament zur Selbstmedikation seiner Beschwerden, sollten PTA oder Apotheker genauer nach­haken und ihm entweder ein geeignetes Präparat empfehlen oder ihm zum Arztbesuch raten.

Auch sollten die Betroffenen wissen, dass sie die verletzten Muskeln und Bänder schonen müssen. Viele Sportbegeisterte möchten lieber heute als morgen zurück aufs Spielfeld oder auf die Aschenbahn und hoffen, dass Medikamente ihnen dies ermöglichen. Solche Medikamente gibt es nicht. Das traumatisierte Gewebe braucht Zeit, um auszuheilen und wieder voll einsatzfähig zu werden. Wer zum Beispiel einen gezerrten Muskel zu früh zu stark belastet, riskiert einen Muskel­faser­riss.

Die Klassiker

Liegt nachweislich nur eine Zerrung, Prellung oder Stauchung vor, kommen Medikamente zum Einsatz, die abschwellend, entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken. Der Abbau der Schwellung ist nicht nur in der Erstversorgung, sondern auch danach eine wichtige Maßnahme, da Druck im Gewebe den Heilungsverlauf meist stark beeinträchtigt. Gute Analgesie zielt darauf ab, die Mobilität im Alltag wieder herzustellen und ungünstige Schonhaltungen und Fehlbelastungen zu verhindern.

Zur medikamentösen Behandlung stumpfer Sportverletzungen steht eine Vielzahl von Medikamenten zur Verfügung. Die Klassiker sind nicht steroidale Antiphlogistika (NSAR), die – je nach Schwere der Verletzung – topisch und/oder oral angewendet werden. Innovative Formulierungen sollen dafür sorgen, dass die Wirkstoffe bei lokaler Anwendung leichter in das Gewebe eindringen.

Wirkung gut belegt

Als pflanzliche Arzneimittel zur äußeren Anwendung haben sich standar­disierte Extrakte der Beinwell-Wurzel bewährt. Die günstigen Effekte dieser Heilpflanze sind durch klinische Stu­dien nachgewiesen. Die Inhaltsstoffe des Beinwell wirken abschwellend, hemmen Entzündungen und lindern Schmerzen. Zur Behandlung stumpfer Muskel- und Gelenkverletzungen sind verschiedene topische Darreichungsformen wie Salbe und Gel im Handel. Beinwellpräparate sind gut verträglich und können bedenkenlos über einen längeren Zeitraum angewendet werden. Auch das Problem des Beinwell-Geruchs, den manche Anwender als unangenehm empfinden, ist gelöst, seit es eine geruchsneutrale Salbe gibt.

Heparin-haltige Sportsalben kommen vor allem dann bei Prellungen, Stauchungen und Zerrungen zum Einsatz, wenn sich ein größerer Bluterguss gebildet hat. Wichtig: Wegen ihrer Hemmwirkung auf die Blutgerinnung sollten Heparine nicht zu früh nach einem Sportunfall angewendet werden, damit sie die Reparatur verletzter Gefäße nicht behindern.

Pflanzliche Enzyme wie Papain aus der Papaya und Bromelain aus der Ananas sollen den Heilungsprozess von innen unterstützen. Die eiweißspaltenden Enzyme sollen den Abbau geschädigter Strukturen fördern und deren Entsorgung beschleunigen. Dazu müssen die Betroffenen mehrmals täglich mehrere Tabletten beziehungsweise Kapseln einnehmen. So soll sicher gestellt werden, dass die Enzyme in ausreichender Konzentration an den Zielort gelangen. Zu beachten ist: Die Enzympräparate beeinflussen die Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Unter einer Therapie mit Antikoagulanzien (zum Beispiel Marcumar®) oder Thrombozytenaggregationshemmern (zum Beispiel Aspirin®) ist somit eine erhöhte Blutungsneigung möglich.

Homöopathie sehr beliebt

Viele Sportler schwören bei stumpfen Sportverletzungen auf das homöopathische Komplexpräparat Traumeel®S, das in der Akutsituation in hoher Frequenz – eine Tablette alle 30 bis 60 Minuten – eingenommen werden soll. Die Höchstdosis ist mit 8 Tabletten pro Tag angegeben. Anschließend wird die Dosis auf dreimal täglich eine Tablette reduziert. Da die Tabletten bereits im Mund zerfallen, werden sie dort resorbiert. Auch manche Sportmediziner setzen das homöopathische Präparat ein. Neben den Tabletten wird Traumeel®S als Salbe zur topischen Anwendung sowie in Ampullen zur Injektion angeboten. Menschen mit bekannter Allergie gegen Korbblütler sollten Traumeel®S-Präparate nicht anwenden. In Traumeel S ist unter anderem Arnica montana enthalten. Echte Arnica, auch Bergwohlverleih genannt, gilt als eines der wichtigsten homöopathischen Mittel bei Prellungen, Schwellungen und Blutergüssen. Arnica gibt es sowohl als Salbe als auch als Globuli, wobei beide Darreichungsformen gut kombiniert werden können. /