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Notfälle im Flugzeug

Gut versorgt über den Wolken

22.05.2015  11:40 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Immer mehr Menschen reisen mit dem Flugzeug in die Ferien. Ereignet sich ein Notfall, profitieren die Fluggäste von den zahlreichen Arzneimitteln und Medizin­produkten an Bord. Daher gelten Flugreisen aus medizinischer Sicht als weitgehend risikoarm.

Mehr als 200 Millionen Passagiere starten oder landen Jahr für Jahr auf einem der Flughäfen Deutschlands. Das weltweite Fluggastaufkommen beziffert die International Air Transport Association (IATA) jährlich auf 3,3 Milliarden. Medizinische Zwischenfälle auf einer solchen Reise sind zwar selten, können aber auftreten.

Kein Risiko eingehen

Ob Reisende über den Wolken vermehrt gesundheitliche Probleme bekommen, interessiert Ärzte weltweit. Bei ihrer Recherche haben sie festgestellt: Besonders häufig leiden die Menschen in Flugzeugen an Reisekrankheit, also an Übelkeit und Erbrechen. Außerdem ergaben die Daten, dass Herzinfarkte sich nicht ungewöhnlich häufiger ereignen.

Vor allem machen die Besonderheiten in der Kabine Flugreisenden zu schaffen. Dazu etwas Physik: Der Luftdruck an Bord eines Flugzeugs beträgt mindestens 753 hPa. Auf Niveau des Meeresspiegels sind es 1013 hPa. Durch den niedrigen Luftdruck verringert sich trotz gleicher Zusammensetzung des Gasgemischs der Sauerstoffpartialdruck um 25 bis 30 Prozent.

Um die Fluggäste ausreichend mit Frischluft zu versorgen, wird zum einen Luft von außen in das Innere geleitet und zum anderen die vorhandene Raumluft umgewälzt und über Filter gereinigt. Durch diese beiden Maßnahmen sinkt die Luftfeuchtigkeit auf 6 bis 18 Prozent. Gesunde Reisende merken davon nichts. Doch wer beispielsweise unter geschwollenen Nasenschleimhäuten leidet, weil er erkältet ist, sollte ein abschwellendes Spray mit auf Reisen nehmen. So kann er seine Nasenatmung verbessern. Bei empfindlichen Patienten können die verringerte Sauerstoffsättigung und die trockene Luft schnell zu Kreislaufproblemen führen. Um diesen vorzubeugen, sollten sie während des Flugs ausreichend viel Wasser trinken.

Ob Patienten mit einer chronischen Atemwegserkrankung eine Flugreise gut überstehen, hängt vom Schweregrad der Krankheit ab. Ein gutes Krite­rium für die Flugtauglichkeit von Menschen mit der chronisch-obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) ist, wenn sie 50 bis 80 Meter ohne fremde Hilfe zurücklegen können, ohne kurzatmig zu werden.

Wie sollen sich Patienten nach einer Operation verhalten? Mediziner empfehlen in der Regel, nach einem kleineren Eingriff mindestens zehn Tage bis zu einem Flug verstreichen zu lassen, nach einer Bypass-Operation raten sie zu drei Wochen und bei Augen-OPs zu vier Wochen Wartezeit. Gynäkologen raten Frauen ab dem achten Schwangerschaftsmonat, vor der Reise ihren Frauenarzt zu fragen und falls er zustimmt, sich von diesem eine Bescheinigung für die Fluggesellschaft ausstellen zu lassen.

Grundsätzlich empfehlen Mediziner Menschen mit instabilen Anfallsleiden sowie mit akuten beziehungsweise schlecht eingestellten Psychosen, auf eine Flugreise zu verzichten. Wer an einer ansteckenden bakteriellen oder viralen Infektionskrankheit leidet, dem raten sie ebenfalls, besser auf dem Boden bleiben.

Manche Patienten erkundigen sich bei PTA oder Apotheker, ob bei längeren Flugreisen eine Thromboseprophylaxe sinnvoll ist. Dazu lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen machen. Leitlinien zufolge erhöhen erst Flüge, die länger als vier Stunden dauern, das Thromboserisiko. Aus Patientenregistern geht hervor, dass die Verdachtsdiag­nose »Thrombose« bei einem Prozent aller Zwischenfälle an Bord gestellt wurde. Verschiedenen Veröffentlichungen zufolge sind Thrombosestrümpfe oder Antikoagulanzien für die Dauer des Fluges allenfalls bei Risikopatienten empfehlenswert, aber nicht generell.

Statistische Fakten

Doch nicht alle Patienten folgen dem Ratschlag ihres Arztes. Da ist es kein Wunder, dass es an Bord immer wieder zu Notfällen kommt, allerdings selten: Aus verschiedenen Erhebungen folgt, dass ein Ereignis pro 10 000 bis 40 000 Passagiere auftritt. Mehr als 70 Prozent der Zwischenfälle ereignen sich auf Langstreckenflügen. Nicht immer geht es um Leben und Tod. Neben den besonders häufigen gastrointestinalen Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall halten Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen oder Schwindel die Flugbegleiter auf Trab, auch wenn nichts auf eine ernsthafte Erkrankung hinweist. Je nachdem wie unruhig der Flug verläuft, kommt es auch zu Schnittverletzungen und kleineren Unfällen. Reanimationen oder Todesfälle sind auf Flugreisen extrem selten. Bei Notfällen sind alle Anwesenden verpflichtet, Hilfe zu leisten.

Aus Daten geht hervor, dass Passagieren im Notfall schnell und professionell geholfen wird: Auf etwa 80 Prozent aller Langstreckenflüge sind Ärzte oder Rettungsassistenten als Passagiere zugegen. Außerdem müssen Crewmitglieder regelmäßig erweiterte Kurse in erster Hilfe absolvieren. Darüber hinaus stehen Ärzte am Boden über ein Satellitentelefon mit Rat und Tat zur Seite. Ob ein medizinischer Notfall eine ungeplante Zwischenlandung rechtfertigt, entscheiden die Piloten. Sie tragen die Verantwortung für hunderte Menschen und kennen alle Gegebenheiten an den jeweiligen Flughäfen. So werden sie beispielsweise keinen schlecht ausgestatteten Flugplatz ansteuern, wenn der Zustand des Patienten stabil ist. Von dort müsste er mit einem Krankenwagen weiter transportiert werden. Sinnvoller ist es, Patienten so lange an Bord zu versorgen, bis ein Flug­hafen mit medizinischer Abteilung erreicht wird. An Bord gilt das Rechtsystem des Landes, in dem das Flugzeug zugelassen ist (»flag right«).

Gut zu wissen: Reisen mit Medikamenten

In der Urlaubszeit häufen sich Anfragen bei PTA und Apothekern, wenn Patienten Medikamente im Handgepäck befördern müssen. Innerhalb der EU dürfen Flüssigkeitsbehälter nicht größer als 100 ml sein. Daher ist ein transparenter, verschließbarer Beutel mit maximal einem Liter Volumen Pflicht. Medikamente und Spezialnahrungsmittel zählen nicht dazu. Weltweit gültige Bestimmungen, welches Präparat tatsächlich mitgeführt werden darf, gibt es jedoch nicht. Besonders heikel sind Betäubungsmittel. Die Bundesopiumstelle rät bei Reisen von maximal 30 Tagen in Länder des Schengener Abkommens zu einer Bescheinigung, die online abrufbar ist. Das Dokument wird vom Arzt ausgefüllt und von der zuständigen Landesbehörde auf Grundlage der ärztlichen Verschreibung beglaubigt. Bei anderen Reisezielen sollten Patienten, die BTM mit auf Reisen nehmen müssen, den online abrufbaren Leit­faden des Internationalen Suchtstoffkontrollamtes (INCB) ausdrucken und ausfüllen lassen. Sie erhalten bei ihrem Arzt eine mehrsprachige Bescheinigung und müssen diese ebenfalls bei der zuständigen obersten Landesgesundheitsbehörde beglaubigen lassen.

Medikamente für unterschiedliche Indikationen

Zur Ausstattung eines jeden Flugzeugs gehören ein First Aid Kit und ein Medicine Kit. Welche Pharmaka an Bord vorzuhalten sind, entscheiden internationale Verbände wie die IATA sowie internationale, medizinische Fachgesellschaften.

Viele Präparate liegen als Tabletten, Kapseln, Tropfen oder Spray vor. Wichtig sind Analgetika (ASS, Paracetamol, Ibuprofen). Besonders viele Wirkstoffe helfen bei Magen-Darm-Beschwerden, beispielsweise bei Magenkrämpfen (Butylscopolamin), Sodbrennen (Hydrotalcit), Übelkeit (Dimenhydrinat) beziehungsweise Durchfall (Loperamid und Elektrolyt-Mischungen). Bei extrem ängstlichen oder unruhigen Reisenden kommt Diphenhydramin zum Einsatz. Gegen Augenreizungen stehen Tetryzolin-haltige Tropfen bereit, gegen Allergien der Wirkstoff Cetirizin, gegen Asthmaanfälle Fenoterol, gegen Verbrennungen ein Brand- und Wundgel. Zu Nitroglycerin greifen Ärzte bei Hinweisen auf einen Angina-pectoris- Anfall. Die Medical Kits enthalten außerdem noch Verbandsstoffe und Hilfsmittel zur Wundversorgung. Darüber hinaus enthält das sogenannte Ampullarium gelöste Pharmaka zur Injektion. Hinzu kommen mehrere Flaschen mit physiologischer Kochsalzlösung.

Inhalt First Aid/Medicine Kit

Wirkstoffgruppe/-einsatz Arzneistoff
Analgetikum Acetylsalicylsäure
Analgetikum Metamizol
Antiarrhythmika Ajmalin beziehungsweise Amiodaron
Antiarrhythmikum Verapamil
Antiemetikum Metoclopramid
Antihistaminikum Clemastin
Antihypertensivum Nifedipin
Antihypertensivum Urapidil
Antihypotonikum Cafedrin
antiinflammatorische Arzneistoffe Prednisolon beziehungsweise Prednison
Antikoagulans
Anxiolytikum Diazepam
β2-Sympathomimetikum Fenoterol
Glucose
Herzglykosid Methyldigoxin
Hypnotikum Etomidat
Hypnotikum beziehungsweise Sedativum Midazolam
Muskelrelaxans Suxamethonium
Opioid-Analgetikum Tramadol
Schleifendiuretikum Furosemid
Notfallmedikament bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung Epinephrin
ein Notfallmedikament bei Angina pectoris Glyceroltrinitrat
ein Therapeutikum zur Kontraktion der Gebärmutter Methylergometrin
zur Akutbehandlung von Atemnot Terbutalin und Theophyllin

(Quelle: Air Berlin)

Technische Hilfen

Neben Arzneistoffen sind viele technische Hilfsmittel an Bord. Für die Sauerstoffgabe reichen einfache Masken aus. Das Emergency Medical Kit enthält nach Anwendungen geordnete, spezielle Hilfsmittel. Im Modul »Beatmung« finden Ersthelfer Beatmungsbeutel, Endotrachealtubi, Geräte zur Absaugung sowie ein Laryngoskop. Das Modul »Blutkreislauf« enthält unter anderem Infusionszubehör, ein Stethoskop, ein Blutzucker- und ein Blutdruckmessgerät. Im Modul »Wundversorgung« stehen Wundabdeckungen und Desinfektionsmittel bereit. Das Modul »Urologie« umfasst einen Blasenkatheter. Hinzu kommen Automatisierte Externe Defibrillatoren (AEDs). Bei der Reanimation bereitet Ersthelfern vor allem die räumliche Enge Probleme. Für eine Reanimation ist nur im Bereich der Toiletten oder der Küchen ausreichend Platz. /

Eine Intensivstation über den Wolken

Erkranken Patienten im Ausland schwer, stellt sich oft die Frage nach einem sicheren und dennoch bezahlbaren Rücktransport. Als Alternative zu teuren Ambulanzjets bietet sich auf Fernstrecken eine fliegende Intensivstation mit modernster Technik an, das sogenannte Patient Transportation Compartment. Ärzte und Assistenten begleiten den Transport. Das Modul beansprucht mehrere Plätze in größeren Maschinen des Linienflugverkehrs, wird bei Bedarf eingebaut und steht vergleichsweise rasch zur Verfügung.