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Benediktenkraut

Mildes Amarum für den Appetit

22.05.2015
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Von Monika Schulte-Löbbert / Als Arzneipflanze ist das Benedikten­kraut nur noch wenig gebräuchlich. Seine Blütezeit erlebte es im späten Mittelalter. Damals galt es als Universalheilmittel und durfte in keinem Klostergarten fehlen. Sogar gegen die Pest sollte das Kraut helfen. Aufgrund seiner Bitterstoffe wird es heute bei Appetitlosigkeit und Dyspepsie geschätzt.

Das Benediktenkraut gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Seine Heimat ist der Mittelmeerraum und Kleinasien. Gelegentlich wächst es auch in Deutschland. Da die Pflanze viel Sonne sowie trockene und sandige, leichte Böden als Wachstumsbedingungen benötigt, ist die Kultivierung nicht an allen Standorten möglich,

Die distelähnliche, einjährige, krautige Pflanze erreicht Wuchshöhen von etwa 40 Zentimetern. Das Wärme liebende Benediktenkraut treibt im Frühjahr lange, grob gezähnte, weiß behaarte und vor allem klebrige Blätter, die eine Rosette bilden. Aus deren Mitte wächst der ebenfalls belaubte, weiß behaarte, fünfkantige verästelte Stängel. Von Juni bis August erscheinen die von langen stacheligen Hüllblättern umgebenen, endständigen, gelb leuch­tenden Blütenköpfchen. Sie bestehen nur aus Röhrenblüten. Die Früchte tragen einen bleibenden »Haarschopf« (Pappus) aus zehn Stacheln.

Stachelige Distel

Neben dem heute gültigen botanischen Namen »Centaurea benedicta (L.) L.« verwenden Autoren in der wissenschaftlichen Literatur auch häufig die ältere Bezeichnung »Cnicus benedictus LINNÉ«. Der Gattungsname »Cnicus« geht auf das griechische Wort »knizein« für »quälen« zurück – wohl wegen der vielen Stacheln, während »benedictus« unterschiedlich gedeutet wird. Das lateinische »benedictus« bedeutet »gesegnet« und nimmt einerseits Bezug auf die Heilkraft der Pflanze, andererseits soll der heilige Benedikt das Kraut in die Klostermedizin eingeführt haben. Die volkstümlichen Namen Benediktendistel, Distelkraut oder Spinnendistel verweisen auf das Aussehen der Pflanze, Bitterdistel dagegen auf ihren bitteren Geschmack.

Beliebter Likör

Ob es tatsächlich dem heiligen Benedikt von Nursia (um 480–547) zu verdanken ist, dass das Kraut bald in den Gärten der Benediktinerklöster angepflanzt wurde, ist nicht belegt. Erst in den Kräuterbüchern des späten Mittelalters wird es überschwänglich als Allheilmittel gelobt. Die Autoren empfahlen das Kraut innerlich bei Magen- und Darmbeschwerden, bei Fieber, Lungen- und Leberleiden sowie Hysterie. Äußerlich sollte eine Abkochung bei Geschwüren und Frostbeulen helfen. Bald schon erfreute sich das Benediktenkraut allgemeiner Bekanntheit. Luther soll mit den Früchten sein Seitenstechen behandelt haben. In Shakespeares Komödie »Much ado about nothing« (Viel Lärm um nichts) erhält Beatrice den Rat: »Get you some of this distilled carduus benedictus and lay it to your heart. It is the only thing for a qualm.« (Es ist das einzige Mittel gegen Übelkeit/Schwäche). Allerdings steckt in diesem Zitat eine Doppeldeutigkeit, denn Benedick ist auch der Name des attraktiven jungen Protagonisten, mit dem sich Beatrice regelmäßig böse Wort­gefechte liefert – obwohl beide längst heimlich ineinander verliebt sind.

Die Volksheilkunde verwendet das Kraut bis heute als Tee bei Beschwerden im Verdauungstrakt und zur Appetitanregung, bei Rheuma und Gicht sowie äußerlich in Form von Umschlägen zur Wundheilung.

Neben der medizinischen Verwendung sind Extrakte und alkoholische Auszüge von Benediktenkraut beliebte Zutaten zu Kräuterlikören und Magenbitter, zum Beispiel dem Bénédictine aus der Normandie.

Positive Monographie

Die Droge »Cnici benedicti herba – Benedikten­kraut« besteht nach der Kommission E aus den getrockneten Blättern und oberen Stängelteilen einschließlich Blütenstauden von Cnicus benedictus LINNÉ. Das Erntegut wird zur Blütezeit gesammelt und stammt überwiegend aus den Ländern Ost- und Südosteuropas sowie aus Italien und Spanien.

Die Qualität der Droge ist im Deutschen Arzneimittelcodex (DAC) geregelt. Das DAC fordert einen Bitterwert von mindestens 800. Dieser Wert ist geringer als bei den typischen Bitterstoffdrogen wie Enzian oder Wermutkraut, deren Bitterwert bei 10 000 bis 20 000 liegt. Deshalb stuft die Kommission E das Benediktenkraut als mildes Amarum ein und bewertet es positiv. Sie empfiehlt die Droge bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden. Für diese Indikationen liegen wissenschaftliche Studien vor.

Definition des Bitterwerts

Der Bitterwert ist eine in der Pharmazie verwendete Maßzahl, die das Ausmaß eines bitteren Geschmacks erfassen soll. Der Bitterwert ist der Kehrwert jener Verdünnung eines Stoffes, einer Flüssigkeit oder eines Extraktes, die eben noch bitter schmeckt. Das Europäische Arzneibuch verwendet als Vergleichssubstanz Chininhydrochlorid mit einem Bitterwert von 200 000. Das bedeutet: Der Zusatz von 1 Gramm Chininhydrochlorid lässt 200 000 Gramm (200 Liter) Wasser bitter schmecken.

Wichtige Bitterstoffe

Als wichtigste Inhaltstoffe gelten die Bitterstoffe der Sesquiterpenreihe. Deren Hauptkomponente ist das schon seit 1837 bekannte Cnicin, dessen Gehalt in nicht überalterten Drogen bis zu 0,7 Prozent beträgt. Reines Cnicin ist toxisch. Weitere Inhaltsstoffe der Droge sind etwa 10 bis 18 Prozent Mineralstoffe, vor allem Kalium- und Magne­siumsalze. Das zu circa 0,03 Prozent enthaltene ätherische Öl besteht unter anderem aus Terpenen wie Fenchon und Citral.

Bitterstoffe regen den Appetit an, indem sie sowohl direkt als auch reflektorisch zu einer vermehrten Sekretion von Speichel und Verdauungssäften führen. Die Stimulation geht von den Geschmacksknospen des Zungengrundes aus und reizt den Nervus vagus, wodurch in der Magenschleimhaut verstärkt Salzsäure und Pepsinogen gebildet werden. Pepsinogen ist die Vorstufe des Eiweiß spaltenden Pepsins. Gelangen die Bitterstoffe in den Magen, wird in einer zweiten Phase das Hormon Gastrin freigesetzt, das die Magenmotorik steigert und die Produk­tion von Gallen- und Pankreassaft anregt. Gleichzeitig wird durch die vermehrte Bildung von Salzsäure ein für die Verdauungsenzyme optimaler Säuregrad erreicht. Auf diese Weise wirken Bitterstoffe appetitangeregend, beschleunigen die Entleerung des Magens und fördern die Resorption von Nahrungsstoffen. Da die Wirkung von den Geschmacksnerven ausgeht, sollen Bitterstoffdrogen als Tee oder Tinktur angewendet werden.

Magen- und Galle-Lebertee

Zur Teebereitung wird ein Teelöffel fein geschnittene Droge mit einer Tasse kochendem Wasser übergossen und nach 5 bis 10 Minuten abgeseiht. Zur Appetitanregung sollte jeweils eine halbe Stunde vor dem Essen eine Tasse ungesüßter Tee warm getrunken werden. Der Effekt geht bei gesüßtem Tee verloren, da der bittere Geschmack für die Wirkung unerlässlich ist. Wer Verdauungsbeschwerden lindern möchte, verwendet die Droge nach dem Essen. Benediktenkraut wird auch gerne in gemischten Tees eingesetzt, zum Beispiel in Magen- oder Galle-Lebertees.

Extrakte aus der Droge sind auch Bestandteil einiger Kombinations- Fertigpräparate, zum Beispiel Carvomin® Verdauungstropfen, Gastritol® Liquid oder Gasteo® Tropfen. Die Droge ist gut verträglich und Wechselwirkungen mit anderen Mitteln sind nicht zu befürchten. Allerdings sollten Patienten, die auf Korbblütler allergisch reagieren, auf Benediktenkraut verzichten. Außerdem können Überdosierungen Übelkeit und Erbrechen auslösen.

Kontaktdermatitis

Benediktenkraut wird als kaum giftig eingestuft, gilt aber auf der Haut als stark sensibilisierend. Verantwortlich für die durch Cnicus benedictus verursachte allergische Kontaktdermatitis ist unter anderem der Bitterstoff Cnicin. Reines Cnicin wirkt ausgeprägt entzündungshemmend und zeigte in Versuchen mit Mäusen Anti-Tumor-Aktivität. Diese Beobachtung wurde bisher jedoch nicht bei Menschen überprüft, möglicherweise, weil die Nebenwirkungen schwerwiegender sind als der Nutzen. /