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Sexuell übertragbare Infektionen

Nach wie vor ein Tabuthema

22.05.2015
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Von Katja Renner / Seitdem HIV durch wirksame Therapien seinen tödlichen Schrecken verloren hat, beobachten Mediziner steigende Zahlen an Infektionen, die ebenfalls bei sexuellen Kontakten übertragen werden. Das gilt beispielsweise für Gonorrhö und Syphilis, die seit einigen Jahren wieder auf dem Vormarsch sind. Bei beiden Erkrankungen verhindert die frühzeitige Therapie Spätfolgen und Komplikationen.

Ärzte erklären diese Entwicklung damit, dass sich immer mehr Menschen in falscher Sicherheit wähnen und ihre Sexualität mit wechselnden Geschlechtspartnern risikoreich ausleben, beispielsweise indem sie keine Kondome verwenden. Da Praktiken wie Oral- und Analverkehr bei heterosexuellen Paaren zunehmen, steigen auch die Infektionsraten im Mundraum und Analbereich.

Der englische Begriff für sexuell übertragbare Infektionen lautet Sexually Transmitted Infections, abgekürzt STI. Experten schätzen, dass sich täglich weltweit eine Million Menschen neu mit einer STI infizieren. Die Gesamtheit aller Erreger umfasst mehr als 30 Parasiten, Viren, Bakterien und Pilze. Viele Menschen geben die Erreger unwissentlich an andere weiter, weil die Infektionen zu Beginn weder zu Schmerzen noch anderen Symptomen führen und daher unbemerkt bleiben. Das A und O ist jedoch die frühzeitige Behandlung, sonst drohen Spätfolgen wie Unfruchtbarkeit und chronische Nervenschäden.

Bisher sind in Deutschland nur die aktive Syphilis und die Erstdiagnose einer HIV-Infektion meldepflichtig. Eine Ausnahme bildet das Bundesland Sachsen, wo auch die Infektion mit Neisseria gonorrhoeae – dem Erreger der Gonorrhö – gemeldet werden muss.

Huckepack-Infektion

Eher unbekannt ist die Tatsache, dass HIV-negative Menschen, die andere Erreger einer STI tragen, sensibler für die Infektion mit HIV sind. Geschwüre und Entzündungen schwächen die Schutzfunktion der Schleimhäute und erleichtern den HI-Viren, in den menschlichen Körper einzudringen.

Im umgekehrten Fall schwächen STI-Erreger das Immunsystem HIV- positiver Menschen. In die durch STI geschädigten Schleimhautregionen wandern verstärkt HIV-infizierte Immun­zellen ein. Damit steigt lokal die Zahl der HI-Viren. So befinden sich bei an HIV- und STI-Erkrankten HI-Viren in hoher Konzentration in Herpesbläschen, im Sekret von Syphilis-Geschwüren und im Ausfluss aus Scheide, Harnröhre oder Analregion. Die Syphilis-Infektion schädigt den gesamten Körper, sodass die Zahl der HI-Viren in Blut, Sperma und Vaginalflüssigkeit zunimmt – und damit auch das Risiko der HIV-Weitergabe.

Seefahrer-Krankheit

Im Mittelalter schleppten Söldner und Seefahrer die Syphilis – auch als französische Krankheit bezeichnet – aus Mitteleuropa in weiter entfernte Länder wie Indien ein. Insbesondere durch die Kampagnen des »Safer Sex« im Zusammenhang mit der Prävention von HIV galt die Syphilis in Deutschland lange Zeit als zurückgedrängt. Seit 2010 ist die Zahl der gemeldeten Syphilis-Fälle allerdings kontinuierlich angestiegen. An Syphilis erkranken vor allem Männer, die Sex mit Männern haben. Im Vergleich zu anderen sexuell übertragbaren Infektionen wird Syphilis aufgrund des vielschichtigen Krankheitsbildes häufig erst relativ spät diagnostiziert. Die Übertragung des gram­negativen Bakteriums Treponema pallidum erfolgt über direkten sexuellen Kontakt oder innerhalb der Gebärmutter von der infizierten Mutter auf das Ungeborene. Die Syphilis-Erreger sind hoch infektiös und schon winzige Verletzungen genügen ihnen als Eintrittspforte. Syphilis-Geschwüre bilden sich im Mund- und Rachenraum sowie im Analbereich. Kontakt mit den Geschwüren oder mit infektiösen Körpersekreten wie Blut und Sperma führt zur Ansteckung.

Bei der klinischen Symptomatik unterscheiden Mediziner die Früh- und die Spätphase. Nur in der Frühphase können Betroffene andere Menschen infizieren. Nach der Inkubationszeit von etwa zwei Wochen entsteht als erstes Symptom an der Eintrittsstelle der Erreger ein Geschwür. Dieses schmerzt in der Regel nicht, sondert aber eine klare hochinfektiöse Flüssigkeit ab. Im zweiten Stadium der Frühphase klagen die Betroffenen über Fieber, Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten. Teilweise bildet sich ein schuppender, nicht-juckender Ausschlag. Typisch ist auch mottenfraß-ähnlicher Haarausfall am Kopf. Die Hauterscheinungen klingen etwa zwei bis drei Jahre nach der Infektion ab. Die symptomfreie Latenzphase gaukelt die Heilung der Krankheit vor.

Das Spätstadium wird eingeteilt in die tertiäre Syphilis und die nachfolgende Neurosyphilis. In dieser Phase nehmen die Blutgefäße, das Gehirn und später das zentrale Nervensystem Schaden. Die Heilung ohne medizinische Therapie, sogenannte Spontanremissionen, ist selten.

Zur Behandlung der Syphilis ist Penicillin das Antibiotikum der Wahl. Wird es in den beiden Frühstadien eingesetzt, heilt die Erkrankung komplett aus. Wichtig ist, dass die Behandlung mindestens zehn Tage andauern muss, damit das Antibiotikum umfassend wirken kann. Seit Anfang 2014 ist Benzathin-Benzylpenicillin, das Standardpenicillin bei Syphilis, nur noch eingeschränkt verfügbar. Die Deutsche STI-Gesellschaft empfiehlt als Ausweich-Antibiotikum Ceftriaxon in Form einer Kurzinfusion.

Enttabuisierung

Sexuell übertragbare Erkrankungen führen immer noch zur Stigmatisierung der Betroffenen, auch wenn heute offener über Sexualität gesprochen wird. Wer Angst hat, mit Beschwerden zum Arzt zu gehen, zögert die Erkrankung heraus und gefährdet seine Sexualpartner. Ziel sollte sein, Sprachlosigkeit und Tabuisierung von STI zu überwinden, um gesundheitliche Spätfolgen ebenso wie die Ausbreitung der Infektion zu verhindern. Menschen, bei denen eine STI festgestellt wurde, sollten auf jeden Fall auch einen HIV-Test machen lassen.

Chlamydien

In Deutschland ist die Infektion mit Chlamydia trachomatis die häufigste sexuell übertragbare Infektionskrankheit: Das Robert-Koch Institut schätzt 300 000 neu Erkrankte pro Jahr. Besonders häufig sind junge Erwachsene betroffen. Die bakterielle Infektion bleibt in vielen Fällen zunächst unerkannt. Der Übertragungsweg verläuft über Körperflüssigkeiten sowie durch Kontakt mit Schleimhäuten, die mit Chlamydien besiedelt sind. Die ersten Symp­tome bei Frauen sind ein gelblich-zäher Ausfluss und später Jucken und Brennen beim Wasserlassen sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Werden die Frauen nicht behandelt, treten bei einem Großteil als Spätfolge der Infektion Entzündungen in Gebärmutter und den Ovarien auf, eventuell sogar Unfruchtbarkeit. Eine Infektion während der Schwangerschaft kann zur Frühgeburt und Komplikationen beim Neugeborenen führen. Nur etwa jeder zweite infizierte Mann bemerkt Symptome, zum Beispiel Schmerzen in den Hoden oder beim Urinieren.

Für Frauen unter 25 Jahren bieten die Krankenkassen ein jährliches Screening auf Chlamydien. Die Diagnostik erfolgt in der Regel über einen Urintest. Die Chlamydien-Infektion wird entweder durch die zweimal tägliche Einnahme von 100 Milligramm Doxycyclin über sieben Tage oder mit einer Einzeldosis von 1,5 Gramm Azithromycin behandelt. Wichtig ist, in der Behandlungsphase auf Sex zu verzichten, um die Infektionskette zu unterbrechen. Außerdem sollten sich die Sexualpartner ebenfalls untersuchen lassen.

Tripper

Die Gonorrhö – bei Laien als Tripper bekannt – ist eine der weltweit häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen. Auch sie bleibt oft unentdeckt. Denn bei etwa jeder zweiten infizierten Person verläuft die Erkrankung symptomlos. Zahlen zu Infizierten liegen nur aus Sachsen vor, da es das einzige Bundesland mit einer Meldepflicht ist: Im Jahr 2013 wurden 735 Fälle registriert. Auch hier ist der kontinuierliche Anstieg der Fallzahlen zu beobachten – im Jahr 2003 betrug die Zahl der gemeldeten Infizierten noch 295.

Die Gonorrhö wird durch das hoch infektiöse Bakterium Neisseria gonorrhoeae hervorgerufen. Die Übertragung erfolgt auf verschiedenen Wegen: Entweder gelangt infektiöser Ausfluss aus Scheide, Penis oder Analtrakt auf gesunde Schleimhäute oder infizierte Schleimhäute kommen direkt mit gesunden Schleimhäuten in Berührung.

Außerhalb menschlicher Schleimhäute können Gonokokken nicht lange überleben. Im menschlichen Körper befallen die Erreger insbesondere die Schleimhäute der Vagina, die Analre­gion und die Harnröhre. Bei Männern können aufsteigende Erreger zu Entzündungen der Hoden und Prostata führen. Eitrige Ausflüsse aus der Harnröhre und Schmerzen beim Wasser­lassen sind weitere Anzeichen einer Gonorrhö.

Frauen klagen über weißlich-gelben Fluor oder Miktions­beschwerden aufgrund einer Harnröhrenentzündung. Bei Frauen besteht das Risiko für spätere Unfruchtbarkeit. Unbehandelte Schwangere können während der Geburt das Neugeborene infizieren. Häufig betroffen sind dann die Augen und der Mund-Rachen-Raum des Säuglings. Mittel der Wahl zur Therapie sind 1 Gramm Ceftriaxon i.m. oder i.v. beziehungsweise 1,5 Gramm Azithromycin als einmalige orale Gabe. Bei der Wahl des Arzneimittels sollte der Arzt berücksichtigen, dass Neisseria gonorrhoeae bereits gegen eine Reihe von Cephalosporinen resistent geworden ist.

HPV

Insgesamt gibt es mehr als 140 Sub­typen der humanen Papillomaviren. Sie befallen Epithelzellen der Haut und Schleimhäute und können dort ein gutartiges Gewebewachstum hervor­rufen. Bekannt sind vor allem die Feigwarzen im Genital- und Analbereich mit häufig charakteristischer blumenkohlartiger Form. Diese sind zwar lästig und unschön, doch gefährlicher sind bösartige Entartungen, zum Beispiel Zervixkarzinome, die ebenfalls mit der HPV-Infektion in Verbindung stehen. Experten gehen davon aus, dass Erwachsene zu etwa 60 bis 80 Prozent im Laufe ihrer sexuellen Aktivität eine oder mehrere HPV-Infektionen durchgemacht haben. Hauptübertragungswege sind der ungeschützte Geschlechtsverkehr und Schmierinfek­tionen. Bereits kleine Warzenschuppen können durch winzige Haut- oder Schleimhautrisse in den Körper gelangen. Viele Infektionen bleiben symptomlos und heilen nach ein bis zwei Jahren aus. Feigwarzen werden mittels Laser, Vereisung, Bestrahlung oder chirurgisch entfernt, bilden sich aber häufig neu. Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch Institut empfiehlt allen Mädchen zwischen neun und 14 Jahren die HPV-Impfung zur Prävention. Die Impfstoffe schützen insbesondere vor den Hochrisiko-Viren, die etwa 70 Prozent der Gebärmutterhalskarzinome verursachen. Auch Jungen können sich impfen lassen, allerdings nur auf eigene Kosten./

Informationen im Netz

Weitere Informationen zum Thema beim Robert-Koch-Institut allgemein unter www.rki.de, sowie speziell zur Prävention von HIV unter www.gib-aids-keine-chance.de