PTA-Forum online
Tabakentwöhnung

Steigende Erfolgsrate

22.05.2015  11:39 Uhr

Von Barbara Erbe / Jahr für Jahr sterben in Deutschland laut Bundes­amt für Statistik 110 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Doch die Zahl derjenigen steigt, die sich vom blauen Dunst lösen möchten. Wie erfolgreich Aussteiger sind, hängt auch davon ab, ob und wie sie von ihrem näheren Umfeld unterstützt werden. Gespräch und Beratung sind wichtig – auch in der Apotheke.

Drei Viertel aller Rauchenden möchten laut Studien ihren Zigarettenkonsum reduzieren oder beenden und suchen dabei Bestärkung, berichtet Dr. Tobias Rüther, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin.

Der Facharzt empfiehlt PTA oder Apotheker, Kunden auf das Thema anzusprechen. Häufig träfen sie auf interessierte Resonanz, wenn sie beispielsweise sagen: »Ich sehe, sie kaufen ein Präparat gegen Husten. Darf ich Sie fragen, ob Sie rauchen?« Falls der Kunde das bejaht, rät Rüther keinesfalls dazu, nun gleich alle negativen Auswirkungen des Rauchens aufzuzählen. »Eröffnen Sie Ihrem Gegenüber stattdessen die Möglichkeit eines Gesprächs, ohne missionarisch zu wirken – mit Fragen wie ›Wie denken Sie über das Rauchen?‹ oder ›Würden Sie das Rauchen gerne aufgeben?‹« Zeigt der Kunde Interesse am Thema Tabakentwöhnung, und das ist nach Erkenntnissen des Facharztes für Suchtmedizin häufig der Fall, kann ein Gespräch über die gesundheitlichen Folgen des Rauchens und vor allem die Vorteile des Nichtrauchens sehr fruchtbar sein.

»Wir wissen aus Befragungen, dass 10 Prozent der Raucher allein deshalb aufhören, weil ihr Arzt oder auch Apotheker ihnen dazu rät. So ein Ratschlag von einem Heilberufler ist für die meisten Menschen wichtiger, als man so denkt.« Das meint auch der in Köln niedergelassene Hausarzt Dr. Walter Dresch, Mitglied im Deutschen Hausärzteverband: »Zum Beispiel beim Blutdruckmessen im stillen Kämmerlein lässt sich das Thema auch in der Apotheke sehr gut ansprechen.«

Gute Kombination

Der wichtigste Aspekt, vom Rauchen loszukommen, ist der feste Entschluss und eine starke Motivation – wie größere Unabhängigkeit und Fitness, frischeres Aussehen, besserer Atem und Geschmack oder mehr Geld im Por­temonnaie, betont Laszlo Pota, Psychologischer Psychotherapeut in Lübeck. »Diese Gründe lassen sich gut schriftlich festhalten, sodass man sich das Ziel immer wieder vor Augen führen kann, wenn es gilt, durchzuhalten.« Pota hat für den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen an den S3-Leitlinien zum Thema Tabakentwöhnung mitgewirkt. Manche schaffen den Ausstieg dank einer Wette oder der »Silvestermethode« (»Ab morgen höre ich auf«), andere aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses. Pota selbst hat das Rauchen aufgegeben, nachdem seine kleine Tochter ihm beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte zweimal gesagt hatte: »Geh weg, du stinkst!«

Wer aber bereits vor seinem 20. Lebensjahr geraucht hat oder regelmäßig täglich viele Zigaretten raucht, hat in der Regel ziemliche Probleme aufzuhören und profitiert besonders von psychologischer oder medikamentöser Begleitung. Beides ist hilfreich, am besten in Kombination, erläutert Suchtmediziner Rüther, denn Tabakrauch macht sowohl psychisch als auch körperlich abhängig. »Die ersten drei Wochen der Entwöhnung sind besonders kritisch.« Ohne die vertraute Zigarette an der Bushaltestelle zu warten, Kaffee zu trinken, Ärger oder auch Freude zu verarbeiten – das fällt vielen unendlich schwer. Um trotzdem zurechtzukommen, ist es wichtig, sich für kritische Situationen Alternativen zu überlegen, zum Beispiel: unter Zeitdruck oder Stress die Hände mit einem Stift, einer Handarbeit oder einem Antistressball zu beschäftigen und den Mund mit einem zuckerfreien Bonbon oder Kaugummi. Auch langsam ein Glas Wasser zu trinken hilft, ebenso ein kurzer Spaziergang, in der Kaffeepause Zeitung zu lesen oder sich konzentriert zu unterhalten. Auch wer in geselliger Runde auf alkoholische Getränke verzichtet oder die Gesellschaft von Nichtrauchern bevorzugt, macht es sich leichter.

Damit das gelingt und der psychologische Entzug nicht durch körperliches Unwohlsein erschwert wird, empfiehlt Rüther, die psychische Entwöhnung in den ersten drei Monaten mit Nicotinprodukten wie Kaugummi, Pflaster, Inhaler, Mundspray oder Lutschtabletten zu unterstützen. »Das Verlangen nach einer Zigarette hält bis zu 30 Minuten an – diese Zeit gilt es zu überbrücken, zum Beispiel mit einem Nicotinprodukt.«

Hilfsangebote

Je mehr Unterstützung Betroffene für ihre Pläne im Freundes-, Familien- oder Bekanntenkreis suchen und erhalten, desto besser die Erfolgsaussichten. Viele Krankenkassen bieten Raucherentwöhnungskurse an oder bezuschussen Kursen anderer Anbieter. Darin setzen sich die Teilnehmenden mit ihren Rauch-Ritualen und Verhaltensmustern auseinander, entwickeln Mechanismen zur Selbstkontrolle und finden andere Quellen der Zufriedenheit, mit denen sie in schwierigen Situationen ihrem Drang entgegenwirken können.

Ist die psychologische Entwöhnung geschafft, können sie sich an den körperlichen Entzug machen. »Einen Koffer nach dem anderen hoch tragen«, nennt Rüther diese Vorgehensweise. Anders als beim Glimmstängel, der laut Studienbefunden möglichst von einem Tag auf den anderen abgesetzt werden sollte, können Nicotinprodukte ausgeschlichen werden. So gewöhnt sich der Körper langsam an die wegfallenden Dopamin-Stöße.

Dank besserer Hilfsangebote, vor allem die von einigen Krankenkassen kostenfrei angebotenen Raucher- Entwöhnungkurse, aber auch mithilfe neuerer Nicotinprodukte sind die Erfolgsquoten in den letzten Jahren deutlich gestiegen, betont der Psychologe Pota. »Noch vor 15 Jahren hieß es, drei von zehn Leuten schaffen es. Heute ist jeder zweite, der eine Entwöhnung macht, nach einem Jahr rauchfrei.« /

Nebenwirkung Gewichtszunahme

Mindestens vier Kilo nehmen ehemalige Raucher im Durchschnitt nach der Entwöhnung zu, berichtet Laszlo Pota vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Wer dafür die drei Hauptgründe kennt, kann die Gewichtszunahme besser in Schach halten.

  • Lunge und Leber von Rauchern verbrauchen für ihre zusätzliche Entgiftungsarbeit circa 200 kcal. Das heißt, frischgebackene Nichtraucher müssen sich an einen etwas niedrigeren Grundumsatz gewöhnen.
  • Nicotin lässt auf Dauer den Blut­zucker leicht ansteigen (Hyperglykämie), was wiederum einen höheren Insulinausstoß zur Folge hat. Fällt der Tabak weg, ist der Insulinausstoß anfangs noch immer erhöht. Der Betroffene ist also ohne Nicotin leicht unterzuckert und entwickelt entsprechenden Heißhunger. »Das dauert aber maximal zwei Monate, dann ist es vorbei«, beruhigt Pota.
  • Die orale Befriedigung fehlt. Wer sich jahrelang in bestimmten Situa­tionen eine Zigarette angezündet und in den Mund gesteckt hat, dem fehlt etwas zum Kauen oder Lutschen. Jetzt bloß nicht zu Süßem oder Fettem greifen!

Gegenstrategien:

  • Heißhungerattacken gilt es mit Vollwertkost vorzubeugen, statt Fett und Zucker besser Obst und Gemüse.
  • Bewegung: Da schon wenige Tage nach dem Rauchverzicht die Fitness steigt, kann es sehr motivierend sein festzustellen, dass eine Treppe in den zweiten Stock oder ein Mittagspausengang um den Block gar nicht mehr so erschöpfend sind – ganz zu schweigen von einer kleinen Radtour.
  • Ablenkung: Mund und Hände möglichst durch Tätigkeiten beschäf­tigen. Mit anderen sprechen, telefonieren, etwas aufschreiben, sortieren… Nach dem Essen empfiehlt es sich vor allem am Anfang, nicht lange am Tisch sitzen zu bleiben, sondern sich direkt danach etwas vorzunehmen. Zähneputzen nach dem Essen hält Mund und Hände beschäftigt und macht gleichzeitig einen frischen Atem.

Und immer daran denken: Es geht vorüber – einige Wochen noch, dann hat der Körper die Umstellung geschafft!