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Echter Lavendel

Sanfter Schmeichler für die Sinne

06.06.2016
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Von Gerhard Gensthaler / Mit seinen violettblauen Blüten und dem betörenden Duft verführt Lavendel schon seit je her die Menschen wie kaum eine andere Pflanze. Früher konnte Lavendel Dämonen vertreiben, so der Volksglaube, heute ist die Pflanze ein bewährtes Mittel zur Beruhigung und Entspannung.

Die alten Ägypter balsamierten ihre Toten mit Lavendelöl, nutzten es aber auch selbst als Parfum. Im Grab des Pharaos Tut Anch Amun soll eine Salbe gefunden worden sein, die immer noch nach Lavendel duftete. Plinius der Ältere (23–79 v. Chr.) schrieb, die Römer gäben ihrem Badewasser Lavendel­blüten zu. So soll der Gattungsname Lavan­dula aus dem Lateinischen lavare = waschen entstanden sein. Plinius der Äl­tere nannte ihn als Mittel zur Schmerzlinderung, bei Gelbsucht, gegen Insektenstiche sowie Menstruations- und Magenbeschwerden. Auch der griechische Arzt Dioskurides erwähnte im 1. Jahrhundert nach Christus den Lavendel in seiner Schrift Materia Me­dica. Er empfahl ihn als gutes Mittel gegen Brustleiden und beschrieb die Herstellung von Lavendelwein und Lavendelessig, der zur Schleimlösung, gegen Blähungen und sogar bei Epilepsie verwendet wurde.

Erst im Mittelalter brachten die Benediktiner diese nützliche Pflanze über die Alpen. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1089–1179) schätzte den Echten Lavendel als Heilpflanze sehr und erwähnte in ihrem großen Werk »Physica«: »Der echte Lavendel … nützt dem Menschen nicht zum Essen, hat aber doch einen starken Duft. Und wenn ein Mensch, der viele Läuse hat, oft am Lavendel riecht, sterben die Läuse an ihm. Und sein Duft macht die Augen klar, weil er die Kraft sehr starken und auch die Nützlichkeit sehr bitterer Spezereien in sich hat, und daher fesselt er viele üble Dinge …«

In der Klosterheilkunde wurde Lavendel bei Magenschmerzen und Blähungen eingesetzt. Auch die Autoren aller wichtigen medizinisch-botanischen Werke dieser Zeit beschrieben seine Verwendung gegen Stimmverlust, Herzbeschwerden, Ohnmachten, bei Schlangenbissen und sogar gegen die Pest.

Betörender Duft

Der Echte Lavendel (Lavandula angustifolia Mill.) gehört zur Familie der Lamiaceae, der Lippenblütler. Das deutsche Wort Lavendel leitet sich vom alemannischen Lavander und vom fränkischen Blafendel ab. Engländer nennen ihn lavender oder true lavender, Franzosen lavande, Italiener und Spanier lavanda. Weitere deutsche Namen sind je nach Region Nervenkraut, Zitter­blümchen, Flander, Hirnkraut, Schwindelkraut und römischer Thymian. Neben dem Echten Lavendel zählen der Schopflavendel (Lavandula stoachas) und der Speik-Lavendel (Lavandula latifolia) zu den drei ursprünglichen Sorten. Speik-Lavendel blüht eher grau. Das daraus gewonnene Öl ist nicht so wertvoll wie das des Echten Lavendels und wird auch zum Verfälschen genommen. Der Echte Lavendel ist ein 15 cm bis zu 1 m hoher, immergrüner Halbstrauch mit aufsteigenden, stark verzweigten Ästen.

Die aufrechten Zweige sind grün und vierkantig. Im Mai entstehen an den Spitzen der Äste neue Triebe mit gegenständigen Blättern von 2 bis 5 cm Länge mit ganzem, nach unten eingerolltem Rand. Ihre sehr schmale, lanzettliche Form hat der Pflanze auch den Namen angustifolia = schmalblättrig gegeben. Der Blütentrieb ist nur im unteren Teil beblättert. Die Pflanze blüht von Juni bis September, vier bis fünf Scheinquirle mit fünf bis zehn Blüten bilden die Blütenstände. Die violette Blütenkrone wird circa 1 cm lang und ist außen weißfilzig. Die ganze Pflanze duftet sehr typisch.

Hierzulande wächst Lavendel in vielen Hausgärten. Er bringt den Duft des Südens und vertreibt gleichzeitig unliebsame Gäste aus dem Garten, wie Blattläuse oder Ameisen, lästige Fliegen und Mücken und angeblich sogar Mäuse.

Die Heimat des Lavendels ist das westliche Mittelmeergebiet, Südfrankreich, Spanien und Ungarn. Die robuste Pflanze bevorzugt trockene, kalkhaltige, sonnige, windgeschützte Hänge mit lehmigem, sandigem oder auch steinigem Boden, aus dem das Wasser gut abfließt. An der Südseite der Alpen kommt die genügsame Pflanze sogar bis in eine Höhe von circa 1700 Metern vor.

Heute wird der Echte Lavendel vor allem in der Provence und in Ungarn in großen Kulturen zur Ölgewinnung angebaut.

Gesammelt und an der Luft getrocknet werden die Blüten (Lavandulae flos) vor ihrer vollständigen Entfaltung mit Kelch ohne Blatt- und Stängelanteile. Die Trocknung sollte möglichst schnell und im Schatten erfolgen. Dabei entsteht der angenehme aromatische Duft und ein bitterer Geschmack.

Getrocknete Lavendelblüten enthalten circa 12 Prozent Gerbstoffe sowie 1 bis 3 Prozent ätherisches Öl (La­vandulae aetheroleum). Die Haupt­bestandteile des ätherischen Öls sind Linalylacetat (bis zu 75 Prozent) und Linalool, aber auch α-Phellandren, α-Pinen, Cumarin und Geraniol. Im Gegensatz zum Öl des Speik-Lavendels enthält das Öl des Echten Lavendels keinen Campher.

Zwei Monographien

Die 8. Ausgabe der Pharmacopoeia Euro­paea von 2014 enthält zwei Monographien: Lavendelblüten (Lavandulae flos) und Lavendelöl (Lavandulae aetheroleum). Als Ausgangsdroge für die Blüten wird Lavandula angustifolia Mill. angegeben mit einem Mindestgehalt an ätherischem Öl von 13 ml pro kg, berechnet auf die wasserfreie Droge. Die Droge darf höchstens 3 Prozent Stängelanteile und höchstens 2 Prozent sonstige fremde Bestandteile enthalten. Für Campher gilt ein Grenzwert von maximal 1 Prozent.

Das Lavendelöl wird durch Wasserdampfdestillation aus den Blütenständen von Lavandula angustifolia Mill. gewonnen. Das Öl ist eine farblose bis blassgelbe, klare Flüssigkeit mit typischem Geruch.

Im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) 2012 findet sich Lavandula angustifolia e floribus siccatis (Lavandula siccata). Als Ausgangstoff wird dabei auf die Monographie Lavendelblüten des Europäischen Arzneibuchs Bezug genommen. Die Urtinktur wird aus der zerkleinerten Droge mit Ethanol 62 Prozent hergestellt. Die grünlich braune bis braune Flüssigkeit mit charakteristischem Geruch muss vor Licht geschützt aufbewahrt werden.

Ein Multitalent

Lavendelblüten und das daraus gewonnene Öl fördern den Gallenfluss, wirken harn- und blähungstreibend, aber auch beruhigend, ausgleichend, entspannend und lösen Krämpfe. Diese Wirkungen gehen in der Hauptsache auf Linalylacetat zurück. Das Linalool, der zweite, wichtige Inhaltsstoff, hemmt das Wachstum von Krankheitserregern, verhindert Entzündungen und wirkt antiseptisch. Dabei interagieren lipophile Monoterpene der Droge mit Biomembranen und verändern die Aktivität von Ionenkanälen, Transportern und Rezeptoren. Durch diese Eigenschaften lässt sich die beruhigende, krampflösende und antibakterielle Wirkung des Lavendelöls erklären.

Die getrockneten Blüten werden traditionell als Beruhigungsmittel, bei Verdauungsbeschwerden und leichten nervösen Beschwerden wie Unruhe, Schlaflosigkeit und nervösem Herzleiden eingesetzt. Für äußerliche Zwecke werden ebenfalls die Blüten verwendet, beispielsweise eingestreut in ein Bad. Häufiger genutzt wird jedoch das ätherische Öl in Form von Einreibungen als mildes Antiseptikum und Stimulans bei Wunden, Sonnenbrand und Muskelschmerzen sowie in Form von Umschlägen bei Wunden und Schwellungen.

Aromatherapeuten verwenden Lavendelöl sehr gerne bei Kopfschmerzen, Migräne, Spannungsgefühlen und bei Aufgeregtheit, aber auch als Badezusatz zur Anregung des Kreislaufs.

Zur innerlichen Anwendung als Tee werden 1,5 g Droge mit 150 ml Wasser aufgebrüht und 10 Minuten bedeckt ziehen gelassen oder alternativ 1 bis 4 Tropfen Lavendelöl in 20 bis 80 ml Wasser verdünnt oder auf einem Stück Würfelzucker eingenommen. Die Tagesdosis beträgt 3 bis 5 g Droge. Bei Einschlafstörungen reicht es manchmal schon, 1 Tropfen Lavendelöl auf das Kopfkissen zu geben. Bei Säuglingen und Kleinkindern empfiehlt es sich, Stoffsäckchen gefüllt mit Lavendel­blüten in der Nähe des Bettchens aufzuhängen.

Als Zusatz für ein Lavendelbad reichen 20 bis 100 g Droge auf 20 Liter Wasser. Sowohl die Droge als auch das Öl sind Bestandteile einiger Beruhigungstees sowie verschiedener Fertigarzneimittel in Kapselform als Sedativum, Cholagogum und Tonikum. Die ehemalige Kommission E beim Bundesgesundheitsamt hat für folgende Anwendungsgebiete eine Positiv-Monographie erstellt: Unruhe­zustände, Einschlafstörungen, nervöser Reizmagen, Roemheld-Syndrom, Meteoris­mus und nervöse Darmbeschwerden.

Seit 2009 ist ein Arzneimittel mit 80 mg Lavendelöl pro Kapsel zugelassen. Es lindert laut Fachinformation Unruhezustände bei ängstlicher Verstimmung. In tierexperimentellen Untersuchungen wurden anxiolytische, antidepressive und sedierende Eigenschaften nachgewiesen, in vitro spasmolytische Effekte.

Da keine klinischen Daten über die Einnahme von Lavendelöl während der Schwangerschaft vorliegen, sollten Schwangere und Stillende keine Lavendel-Präparate einnehmen. Wegen des Cumaringehaltes traten gelegentlich Kopfschmerzen auf. Menschen, die auf Lavendelöl überempfindlich reagieren, sollten keine entsprechenden Präpa­rate nehmen. Zudem ist das Präparat nicht zugelassen für die Anwendung bei Kindern und Heranwachsenden unter 18 Jahren.

Bei der Beratung in der Selbstme­dikation müssen PTA oder Apotheker darauf achten, ob der Patient statt an einer momentanen Unruhe möglicherweise an einer Depression erkrankt ist, die dringend ärztlich behandelt werden muss.

Zauberhafter Schmuck

Die zarten, vor der Blüte geernteten Blättchen eignen sich als Gewürz, ebenso die frischen Blüten. Die Blättchen geben feinen Fischsuppen und Kräutersaucen ein liebliches Aroma. Die violettblauen Blüten sind eine reizvolle Dekoration für kalte Platten und hübsch angerichtete Salate. In der Likörindustrie verfeinern manche Hersteller verschiedene Kräuterliköre mit dem Echten Lavendel. Die Kosmetik- und Parfumindustrie verwendet das Lavendelöl in großem Maßstab für Seifen, Shampoos, Lotionen, Badezusätze und Parfums. /