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Transdermale therapeutische Systeme

Über die Haut direkt ins Blut

06.06.2016
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Von Ulrike Viegener / Transdermale Pflaster sind eine komfortable Applikationsform, bei der die Haut als Eintrittspforte für Arzneistoffe dient. Allerdings können die Arzneistoffe nur – wie vom Hersteller beabsichtigt – wirken, wenn der Patient das Pflaster korrekt anwendet. Daher sind praktische Hinweise bei Abgabe der Präparate in der Apotheke so wichtig.

Als erstes transdermales Pflaster wurde Ende der 1970er-Jahre ein Scopol­amin-Pflaster gegen die Reisekrankheit eingeführt. Inzwischen wurden transdermale therapeutische Systeme (TTS) für ganz unterschiedliche Indikationen entwickelt: Nicotin-Pflaster zur Raucherentwöhnung, Nitroglycerin-Pflaster zur Vorbeugung von Angina-pec­toris-Anfällen, Morphin-Pflaster zur Schmerztherapie – das alles sind Beispiele für TTS. Auch gegen die Folgen der hormonellen Umstellung in den Wechseljahren finden – mit Hormonen beschickte – transdermale Pflaster breite Anwendung, und bei Parkinson und Alzheimer kommen TTS ebenfalls zum Einsatz.

Bei transdermalen Pflastern wird der Weg über die Haut genutzt, um hochwirksame Arzneistoffe systemisch verfügbar zu machen. Der Wirkstoff wird dabei aus einem Reservoir im Innern des Pflasters kontrolliert frei­gesetzt. Grundsätzlich werden hierbei Depotpflaster und Matrixpflaster unterschieden (siehe auch Grafik). Bei den häufiger eingesetzten Matrixpflastern ist der Wirkstoff in eine ein- oder mehrschichtige Matrix eingebettet, aus der er herausdiffundiert. Die Diffusionsgeschwindigkeit bestimmt bei diesem Pflastertyp maßgeblich, wie schnell der Wirkstoff im Körper anflutet.

Im Unterschied dazu enthalten Depotpflaster ein Wirkstoff-Reservoir, das von einer porösen Membran umgeben ist. In diesem Fall steuern die Membran­eigenschaften des Pflasters, wie schnell der Wirkstoff aus dem System frei­gesetzt wird. Für Depotpflaster ebenso wie für Matrixpflaster gilt: Die Freisetzung aus dem transdermalen System setzt voraus, dass die Resorption des Wirkstoffs durch die Haut schneller erfolgt als die Freisetzung aus dem Pflaster. Je nach Arzneistoff setzen die Hersteller daher Resorptionsbeschleuniger wie Harnstoff oder Sulfoxide ein.

Transdermale Pflaster sind bei vielen Patienten beliebt, denn die Pluspunkte liegen auf der Hand: Im Vergleich zur oralen Applikation haben transdermale therapeutische Systeme den Vorteil, dass sie den Wirkstoff über mehrere Tage kontrolliert abgeben. So entfällt die tägliche – oft mehrmalige – Tabletteneinnahme, was Patienten mit chronischen Erkrankungen spürbar entlastet. Viele transdermale Pflaster sind so konzipiert, dass sie erst nach drei Tagen gewechselt werden müssen.

Kein First-Pass-Effekt

Auch die Tatsache, dass bei der transdermalen Applikation Magen-Darm-Trakt und Leber umgangen werden, ist von Vorteil. Bei der Passage durch diese Organe gehen vor allem durch den First-Pass-Effekt bei manchen Arzneistoffen re­levante Substanzmengen verloren, die eine entsprechend höhere Dosierung erforderlich machen.

Die transdermale Applikation bietet sich vom Grundsatz her an, wenn der Wirkspiegel des Arzneistoffs über einen längeren Zeitraum konstant bleiben soll. In der Regel werden die angestrebten Plasmakonzentrationen nach 5 bis 6 Halbwertszeiten des jeweiligen Wirkstoffs erreicht. Daher eignen sich TTS nicht für die Akuttherapie sowie für Situationen, die rasche Dosisänderungen erfordern.

Bei der Anwendung von transdermalen Pflastern müssen die Patienten einige Punkte beachten, die PTA oder Apotheker bei der Abgabe ausführlich ansprechen sollten. Das gilt auch, wenn ein Patient im Krankenhaus neu auf ein TTS eingestellt und bereits entsprechend informiert wurde. In den Kliniken lässt die Patientenaufklärung zum »Handling« der Pflaster häufig zu wünschen übrig. Zudem sind die Informationen in den Packungsbeilagen oft unzureichend. In der Folge wenden die Patienten TTS häufig falsch an und gefährden damit die zuverlässige kontrollierte Wirkstoffabgabe aus dem transdermalen therapeutischen System. Das zeigen Umfragen unter TTS-Anwendern und auch die steigende Anfragenzahl beim Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker, bei dem sich Patienten beschweren, ihr TTS hafte oder wirke nicht richtig.

Wärme vermeiden

TTS setzen den Wirkstoff nur dann – wie vom Hersteller beabsichtigt – frei, wenn die Haut normal durchblutet wird. So führen Fieber und Schwitzen zur vermehrten Wirkstoffaufnahme. Deshalb sollten Patienten während einer fiebrigen Erkrankung vorübergehend eine andere Applikationsform erhalten. Eher nicht geeignet sind die Systeme für Menschen, die schnell und stark schwitzen.

Außerdem sollten Anwender von transdermalen Pflastern wissen, dass sie im Umfeld des Pflasters keine Wärm­flasche oder elektrische Heizdecke auflegen sollten. Auch starke Sonneneinstrahlung, UV-Bestrahlung im Solarium oder Saunagänge sollten sie meiden. Hingegen macht Nässe transdermalen Pflastern nichts aus, sodass Duschen, Baden und Schwimmen grundsätzlich erlaubt sind. Jedoch sollte die Wassertemperatur beim Duschen und Baden 37 Grad Celsius nicht übersteigen. Und schließlich gibt es noch eine Wärmequelle, an die in diesem Zusammenhang kaum jemand denkt: So stehen Friseurhauben im Verdacht, die kontrollierte Wirkstoffaufnahme aus transdermalen Systemen zu erhöhen.

Nur intakte Haut

Die Patienten sollten TTS am besten am Oberkörper auf möglichst faltenfreie, unbehaarte und – ganz wichtig – gesunde Haut kleben. Achtung: Hormonpflaster dürfen nicht auf der Brust platziert werden. Störende Haare sind schonend zu entfernen, ohne die Haut zu reizen oder gar zu verletzen. Rasierer eignen sich dafür deshalb nicht. Eine intakte Hautoberfläche ist eine weitere Voraussetzung dafür, dass der Wirkstoff korrekt aufgenommen wird, denn bereits minimale Hautdefekte verändern dessen Resorption.

Nur bestimmte Arzneistoffe

Nicht alle Arzneistoffe sind für die transdermale Applikation geeignet. Da die Wirkstoffe die Hautbarriere per Diffusion durchdringen müssen, sind lipophile Eigenschaften und eine relativ geringe Molekülgröße die Voraussetzung. Hinzu kommt, dass die Substanzen bereits in geringer Dosis eine ausreichende therapeutische Wirkung entfalten müssen.

Außerdem sollte die Haut fettfrei sein und vor dem Aufbringen des Pflasters nur mit Wasser gereinigt werden. Das erfordert den Verzicht auf rückfettende Waschlotionen und fetthaltige Kosmetika. Nach der Reinigung muss die Haut ganz trocken sein. Für die Hände gilt: Vor und nach dem Aufkleben des Pflasters waschen und nicht die Klebefläche des Pflasters berühren. Nach dem Auflegen sollen die Pflaster zirka eine halbe Minute lang mit der flachen Hand angedrückt werden. Um Hautirritationen zu vermeiden, sollten die Patienten beim Pflasterwechsel ein neues Hautareal wählen und dieselbe Stelle erst nach mehreren Tagen wieder nutzen. Um sicherzustellen, dass das Pflaster am richtigen Tag gewechselt wurde, empfiehlt es sich, Datum und Uhrzeit der Pflasterapplikation zu notieren – am besten auf der Verpackung.

Großer Beratungsbedarf

Doch sinnvollerweise geben PTA oder Apotheker bei der Abgabe eines TTS weitere Tipps. TTS-Anwender sollten darüber informiert sein, dass sie die transdermalen Pflaster nicht zerschneiden dürfen, sonst besteht die Gefahr, dass sich der Wirkstoff sturzartig entleert. Zudem sollten sie das Pflaster nach Entnahme aus der Verpackung umgehend aufkleben.

Und noch einen Punkt sollten die Patienten wissen: Transdermale Pflaster sind etwas grundsätzlich anderes als herkömmliche Pflaster zur Wundversorgung. Wiederholt haben – meist die Angehörigen von Patienten – ein wirkstoff-beschicktes Pflaster zur Wundversorgung verwendet. Entsprechende Berichte liegen vor allem für Fentanyl-Pflaster vor, bei denen bei unsachgemäßem Gebrauch das Intoxi­kationsrisiko relativ hoch ist. Niemand sollte vergessen, dass die meisten Pflaster hochwirksame Arzneistoffe enthalten. Die Anwendung von Opioden zur Schmerztherapie ist eine inzwischen klassische Indikation für den Einsatz transdermaler Pflaster, und längst haben diese Eingang in die ambulante Patientenversorgung gefunden. Laut Daten der AOK Hessen hat sich der Verbrauch transdermaler Opioide wie Fentanyl oder Buprenorphin im ambulanten Bereich in der Zeit von 2000 bis 2010 fast vervierfacht. Nicht selten verordnen Ärzte Opioid-Pflaster Patienten, bei denen sie eigentlich nicht indiziert sind. Das betrifft vor allem Patienten mit orthopä­dischen Erkrankungen, bei denen Opioide nicht die Mittel der Wahl und zudem mit erhöhten Risiken verbunden sind.

Gebrauchte Pflaster

Nach dem Entfernen von der Haut enthalten auch sachgerecht benutzte transdermale Pflaster – aus Gründen der Freisetzungskinetik – immer noch erhebliche Wirkstoffmengen. Durch Zusammenkleben und Zerschneiden gebrauchter Pflaster lässt sich das Ri­siko verringern, dass die Pflaster unsachgemäß weiterverwendet werden. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA empfiehlt die Entsorgung in der Toilette, hierzulande werden gebrauchte Pflaster meist im Hausmüll entsorgt. Auf keinen Fall dürfen weggeworfene TTS in die Hände von Kindern gelangen. Am sichersten ist die Entsorgung und Vernichtung benutzter transdermaler Pflaster über die Apotheke. Auf diese Möglichkeit können TTS-Anwender im Beratungs­gespräch hingewiesen werden. /