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Trinken

Besser Wasser als Limo

01.06.2017
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Von Ulrike Becker / Cola mit Agavensirup, Kokoswasser mit Maracuja oder Limonade mit Lavendelgeschmack: Bei der Erfindung neuer Kreationen geht den Getränkeherstellern die Fantasie nicht aus. Der zunehmende Konsum an süßen Getränken schadet jedoch der Gesundheit.

Jedes Jahr bringen Getränkehersteller zahlreiche neue Kreationen auf den Markt, und so finden sich im Supermarktregal unzählige Sorten an Erfrischungsgetränken – auch als Softdrinks bezeichnet. Zielgruppe für Limonaden, Cola und Fruchtschorlen sind vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Mit Erfolg: Fast einen Liter an Süßgetränken, einschließlich Fruchtsäften, trinken 14- bis -18-jährige Jungen täglich; Mädchen derselben Altersgruppe konsumieren mehr als einen halben Liter am Tag. Mit zunehmendem Alter reduziert sich der Konsum dann langsam und deutlich. Doch auch Ältere greifen gerne bei Getränken zu, deren Hersteller auf die Attribute Genuss oder Wellness setzen. Hier sind es ebenfalls die Männer, die Süßgetränken besonders zugetan sind. Doch zum Ausgleich seines Flüssigkeitshaushaltes braucht der Mensch eigentlich nichts anderes als Wasser.

Ob Leitungs- oder Mineralwasser – als kalorienfreie Durstlöscher sind beide unschlagbar. Trinkwasser aus der Leitung ist stets verfügbar, sehr preisgünstig und laut Umweltbundesamt in Deutschland von bester Qualität. Wie viel Leitungswasser der einzelne Bundesbürger trinkt, lässt sich statistisch nicht erfassen. Anders ist das bei Mineralwasser. Der Absatz nimmt seit Jahren zu, und jeder Bundesbürger konsumiert derzeit rund 149 Liter jährlich. Die Bezeichnung »Natürliches Mineralwasser« darf ein Wasser führen, wenn es hinsichtlich seiner geologischen Herkunft sowie chemischen und mikrobiologischen Eigenschaften untersucht wurde und eine amtliche Anerkennung erhielt. Je nach Ursprungsort weisen Mineralwässer unterschiedliche Anteile an Mineralstoffen auf. Nicht jedes schneidet dabei besser ab als Leitungswasser. Ein Blick auf das Etikett gibt Auskunft über den Gehalt. Für den Körper sind die enthaltenen Mineralstoffe gut verfügbar. Daher kann die gezielte Wahl einer besonders calcium- oder magnesiumreichen Sorte beispielsweise die Mineralstoffversorgung von Vega­nern, Senioren oder Sportlern verbessern.

Am besten aus der Region

Nach Angaben der Informationszen­trale Deutsches Mineralwasser sind in Deutschland über 500 Mineralwässer im Handel. Aus ökologischer Sicht empfiehlt es sich, zu einer regional abgefüllten Sorte zu greifen. Flaschen aus dem Kunststoff PET (Polyethylenterephtalat) sind zwar bedeutend leichter als Glasflaschen, können während der Lagerung aber unerwünschte Stoffe wie Acetaldehyd in das Wasser abgeben. Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BFR) halten den Übertritt aufgrund der geringen Mengen für die Gesundheit als nicht relevant. Wer Acetaldehyd jedoch schmeckt oder riecht, kann diesen Qualitätsmangel beim Hersteller reklamieren.

Seit einiger Zeit ist auch Bio-Mineralwasser im Handel. Es trägt zwar nicht das gleiche Siegel wie ökologisch angebaute Lebensmittel, aber der Zusatz »bio« ist seit 2012 für bestimmtes Mineralwasser zulässig. Voraussetzung ist, dass sich das Wasser in puncto Schadstoffgehalt und umweltfreundlicher Herstellung von üblichen Mineralwässern unterscheidet. Um das Gütesiegel der Qualitätsgemeinschaft für Biomineralwasser e. V. nutzen zu dürfen, müssen die Anbieter eine nachhaltige Gewinnung des Wassers garantieren, die einen Schutz der Wasserressourcen einschließt. Gefordert werden zudem ein klimafreundlicher Vertrieb und die Einhaltung sozialer Standards sowie strengerer Grenzwerte für Pestizid- oder Düngerrückstände.

Wechselwirkungen möglich

Als Heilwasser dürfen Hersteller ein besonders mineralstoffreiches Mineralwasser nur dann bezeichnen, wenn eine staatliche Zulassung vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vorliegt. Hinweise auf therapeutische Wirkungen – zum Beispiel von sulfat- oder hydrogencarbonatreichem Heilwasser auf Leber oder Magen – müssen wissenschaftlich nachgewiesen sein. Heilwässer gehören traditionell zum apothekenüblichen Sortiment. PTA und Apotheker sollten Kunden, die Heilwasser kaufen, nach der Einnahme von Arzneimitteln fragen. Denn aufgrund der teilweise sehr hohen Mineralstoffgehalte in Heilwässern sind Wechselwirkungen mit Medikamenten möglich.

Mit süßen Getränken lässt sich mehr Profit erzielen als mit Mineralwasser. Und so gibt die Getränkeindustrie viel Geld für die Entwicklung und Vermarktung immer neuer Mode- Getränke aus. Meist aufgepeppt mit Zucker, Farb- und Aromastoffen sind die hippen Limos, Colagetränke und Co. alles andere als gesund. Besonders bedenk­lich ist der hohe Zuckergehalt. Mitarbeiter der Verbraucherorganisa­tion foodwatch wollten es genauer wissen und nahmen im Sommer 2016 über 450 verschiedene Getränke unter die Lupe. Ihr Fazit: Im Schnitt enthalten die Getränke mehr als sechs Stück Würfelzucker pro Glas (250 ml). Das zuckerreichste Getränk war ein Energy Drink mit 78 Gramm beziehungsweise 26 Zuckerwürfeln in einer einzigen 500-Milliliter-Dose. Problematisch ist auch der Zusatz an Säuerungsmitteln, der bei Vieltrinkern den Zahnschmelz angreifen kann.

Parallel dazu wächst das Angebot an Produkten, die die Hersteller mit der Aussage bewerben, die Getränke wären besonders geeignet für Figur- oder Fitnessbewusste. Dazu zählen sogenannte Near-Water-Getränke, die auf den ersten Blick aussehen wie Mineralwasser, aber mit Zucker, Aroma-, Süß- und Farbstoffen sowie teilweise mit Konservierungsmitteln versetzt sind. Von Natürlichkeit, mit der die klaren Wässer gerne beworben werden, kann keine Rede sein. Auf dem Etikett sind zwar häufig Früchte abgebildet, doch echten Fruchtsaft sucht man auf der Zutatenliste vergeblich. Sind Vitamine oder Mineralstoffe zugesetzt, muss dies angegeben sein. Nicht selten wird dabei nach dem Motto vorgegangen: Viel hilft viel. Werbewirksam verwenden Hersteller gerne auch Pflanzenextrakte aus Ginseng oder Grüntee. Hier fällt die Konzentration der Zusätze allerdings so gering aus, dass kaum eine Wirkung zu erwarten ist.

Viele der wasserähnlichen Produkte schneiden nicht einmal in puncto Zuckergehalt besser ab als herkömmliche Limonaden. Wie der Marktcheck von foodwatch ergab, enthalten einzelne Produkte mehr als 50 Gramm Zucker in einer 750-Milliliter-Flasche. Darunter befanden sich auch solche, die für eine sportliche Zielgruppe kreiert und mit Sauerstoff angereichert wurden. Der Nutzen des zusätzlichen Sauerstoff­gehaltes ist jedoch nicht erwiesen. Ein einziger normaler Atemzug liefert dem Körper mehr Sauerstoff als der Konsum dieser Getränke.

Gesundheitlich bedenklich

Mit einem Liter Softdrink nimmt eine erwachsene Frau bereits ein Viertel ihres täglichen Energiebedarfs auf, ohne dass das Getränk nennenswerte Mengen an Nährstoffen liefert oder für ein Sättigungsgefühl sorgt. Der Getränkekonsum erfolgt daher in der Regel zusätzlich zur üblichen Nahrung und trägt so zur Entwicklung von Übergewicht bei. Auch das Risiko für Typ-2-Diabetes steigt. Denn auf die rasche und starke Anflutung von Zucker rea­­giert der Körper mit vermehrter Insulin­ausschüttung. Langfristig kann sich so eine Insulinresistenz entwickeln. Stu­dien aus den USA zeigen zudem, dass zuckerhaltige Getränke den Fettgehalt in der Leber steigern können und so das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Dabei scheint vor allem die hohe Aufnahme an Frucht­zucker (Fructose) beteiligt zu sein. Denn Frucht­zucker fördert die Fettspeicherung in der Leber und steht im Verdacht, das Risiko für eine nicht-alkoholische Fettleber, Insulinresistenz und Gicht zu erhöhen. Ungünstig sind vor allem Getränke, die mit Fructose-Glucose- Sirup oder Maissirup gesüßt sind.

Mit Süßstoff gesüßte Getränke sind übrigens keine Lösung. Studien deuten darauf hin, dass Süßstoffe die Gemeinschaft der Darmbakterien, auch Mikrobiom genannt, ungünstig beeinflussen können.

Trinken ist unverzichtbar

Über Urin, Stuhl, Haut und Lunge verliert der Körper täglich rund 2,6 Liter Flüssigkeit. Bei hohen Außentemperaturen, schweißtreibendem Sport, durch Erkrankungen oder harntreibende Medikamente können diese Verluste deutlich größer ausfallen. Schon ein geringes Defizit im Flüssigkeitshaushalt reduziert die physische und mentale Leistungsfähigkeit. Trinken ältere Menschen beispielsweise zu wenig, werden sie zunehmend verwirrter und verdächtigt, an Demenz erkrankt zu sein. Ihr Zustand bessert sich sehr schnell, wenn sie wieder ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen.

Ernährungsexperten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfehlen, täglich rund 1,5 Liter Flüssigkeit zu trinken. Feste Nahrung enthält ebenfalls Wasser und ergänzt die Flüssigkeitszufuhr um etwa 0,7 bis 0,9 Liter am Tag. Während des Abbaus der Nährstoffe entsteht im Körper sogenanntes Oxidationswasser. Es trägt mit zusätzlichen 0,3 Litern zu einem ausgeglichenen Flüssigkeitshaushalt bei.

Viel Zucker auch im Saft

Als zusätzliche Vitaminlieferanten empfehlen viele Experten Fruchtsäfte zu einer gemüse- und obstreichen Kost. Ab und zu kann ein Glas Fruchtsaft durchaus den Vitaminhaushalt etwas aufbessern. Doch auch Fruchtsäfte liefern Einiges an Zucker, und ihr Energiegehalt entspricht etwa dem von Cola oder Limonade. Und größere Mengen natürlichen Fruchtzuckers können, wie oben erwähnt, ebenfalls problematisch für den Stoffwechsel sein. Empfehlenswerte Durstlöscher sind daher Saftschorlen mit hohem Wasseranteil: ein Teil Saft mit mindestens drei Teilen Wasser. Fertig gemixte Schorlen enthalten meist mehr Saft; manche Hersteller nutzen auch Fruchtnektar oder Fruchtsaftgetränke als Basis, die deutlich weniger Frucht, dafür aber mehr Zucker aufweisen.Derzeit sind Mixturen mit sogenannten Superfoods wie Cranberries, Acai- oder Aroniabeeren beliebt. Ob die Antioxidanzien der Beerenfrüchte in Säften oder Konzentraten die Gesundheit fördern, ist bislang nicht erforscht, auch wenn die Werbung gerne etwas anderes suggeriert.

Zuckersteuer als Lösung?

Aktuelle Statistiken zeigen, dass der Konsum von Erfrischungsgetränken weiter zunimmt. Ernährungsexperten und Mediziner stufen diese Entwicklung aus gesundheitlicher Sicht als sehr bedenklich ein, besonders bei Übergewichtigen. Professor Martin Wabitsch, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und Kinder- und Jugendarzt an der Universitätsklinik Ulm, hält die hohe Zufuhr an Süßgetränken vor allem für Heranwachsende für gefährlich. Er fordert daher, die Abgabe von Süßgetränken an Kinder und Jugend­liche in Kitas und Schulen einzuschränken.

Eine Extrasteuer für besonders zuckerhaltige Getränke wird derzeit als Möglichkeit diskutiert, den Konsum einzudämmen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft, die Deutsche Adipositas Gesellschaft sowie foodwatch würden eine solche »Zuckersteuer« begrüßen. Aufgrund des wachsenden Anteils Übergewichtiger weltweit empfiehlt auch die Weltgesundheitsorganisation WHO den Gesetzgebern, Maßnahmen wie Steuern und Subventionen einzusetzen, um Anreize für ein gesundes Ernährungsverhalten zu schaffen. In ihrem »Globalen Aktionsplan zur Verhütung und Bekämpfung nicht übertragbarer Krankheiten 2013–2020« empfehlen die WHO-Experten konkret, den Verkaufspreis von mit Zucker gesüßten Getränken um 20 Prozent oder mehr zu erhöhen.

Einige Länder haben dieses Lenkungsinstrument bereits umgesetzt und gezeigt, dass die Preiserhöhung tatsächlich greift. Frankreich führte 2011/2012 eine Steuer auf Getränke mit Zuckerzusatz oder Ersatzstoffen ein. Auch in Finnland und Ungarn werden Steuern auf zuckerhaltige Getränke erhoben, Großbritannien folgt 2018. Mexiko, wo der Konsum an Süßgetränken weltweit am höchsten ist, erhebt seit 2013 eine Steuer auf mit Zucker gesüßte Getränke. Binnen eines Jahres sank der Umsatz der Softdrinks um 12 Prozent. Berkeley, eine Stadt in Kalifornien, USA, kassiert seit dem Frühjahr 2015 eine Abgabe auf süße Getränke. Der Konsum in den ärmeren Gegenden der Stadt verringerte sich einer dpa-Meldung zufolge seitdem um 21 Prozent.

Besser selbst gemixt

Softdrinks aus dem Supermarkt sollten bei Jung und Alt die Ausnahme bleiben. Auch beim Trinkverhalten sind einmal mehr die Eltern als Vorbilder für ihren Nachwuchs gefragt. Wer Abwechslung liebt, kann aus der breiten Palette an kalorienfreien Früchte- und Kräutertees nach eigenem Gusto auswählen. Und wer auf Limonade oder Eistee nicht verzichten mag, mixt sie am besten selbst: Aus Zitronenschnitzen, pürierten Beeren, ein paar Blättern Zitronenmelisse, aufgefüllt mit spritzigem Mineralwasser oder kaltem Tee, entsteht im Handumdrehen eine leckere Sommerlimonade. Erfreulicherweise ist bei jungen Erwachsenen der Trend zu beobachten, schick designte Trinkflaschen mit Leitungswasser zu füllen, eine begrüßenswerte Entwicklung, die hoffentlich keine Eintagsfliege bleibt. /

In Deutschland sind dagegen keine Signale der Politik zu erkennen, mit Steuern lenkend auf den Konsum einzuwirken. Verbraucherschutzorganisationen sind davon überzeugt, dass Lobby­arbeit der Zuckerindustrie dieses Stillhalten bewirkt. Dass die Lebensmittelindustrie sogar Einfluss auf wissenschaftliche Studien nimmt, belegte unter anderem eine Literaturanalyse aus dem Jahr 2013 des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam (DIfE) und der Universität Navarra in Spanien. Die Wissenschaftler untersuchten Übersichtsarbeiten, die sich mit einem Zusammenhang zwischen dem Konsum zuckerhaltiger Getränke und Übergewicht beschäftigt haben. Die Analyse ergab eindeutig, dass von der Industrie geförderte Studien fünfmal häufiger zu dem Ergebnis kommen, es bestünde kein Zusammenhang zwischen dem Softdrinkkonsum und einer Gewichtszunahme, als das bei Studien ohne Finanzierungshilfen der Fall war. Letztere kamen zu über 83 Prozent zu dem Schluss: Wer viel zuckerhaltige Getränke trinkt, erhöht damit eindeutig sein Risiko für Übergewicht.