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Diabetes

Die Füße gesund erhalten

01.06.2017
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Von Isabel Weinert / Zwar sinkt die Zahl der Amputationen aufgrund eines Diabetischen Fußsyndroms, die Fallzahlen für das Syndrom steigen jedoch. Mit zahlreichen Informationen können PTA und Apotheker dazu beitragen, Diabetiker vor diesem Schicksal zu bewahren.

Bei Diabetikern kommen verschiedene Faktoren zusammen, die zu tiefen, schwer heilenden Wunden an den Füßen führen können. Die Grundlage bildet in vielen Fällen eine periphere Neuropathie, abgekürzt PNP. Sie entsteht als Folge hoher Blutzuckerwerte und umso häufiger, je länger der Diabetes schon besteht. Bei einer PNP ist die Reizweiterleitung und -verarbeitung über die geschädigten Nervenbahnen nicht mehr intakt.

So gelangt auch das Signal »Schmerz« nur abgeschwächt oder gar nicht mehr vom Fuß über die Nervenbahnen zum Gehirn. Weist das Warnsignal Schmerz bei Menschen mit gesunden Füßen zum Beispiel auf ein Steinchen im Schuh, auf eine Druckstelle oder die Verletzung durch eine Glasscherbe hin, so spürt das ein Diabetiker mit PNP kaum oder gar nicht. Darüber hinaus koordinieren die Nerven auch die Muskulatur. Funktioniert diese Feinarbeit nicht mehr, werden die Füße unwillkürlich falsch belastet, oft der Vorder- mehr als der Hinterfuß. Hornhautschwielen entstehen, wo sie normalerweise nicht vorkommen, und mitunter verformen sich die Füße, was wiederum Hornhaut und Druckstellen nach sich zieht – Vorreiter für schlecht heilende Wunden. Die Haut an den Füßen stellt sich bei vielen Diabetikern sehr trocken dar, weil Talg- und Schweißdrüsen ebenfalls nicht mehr adäquat arbeiten.

Durchblutung gestört

In etwa 20 bis 30 Prozent der Fälle beeinflusst die sogenannte periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) das krankhafte Geschehen, bei etwa einem Drittel der Diabetiker treten PNP und pAVK nebeneinander auf. Die pAVK entwickelt sich auf dem Boden einer Arteriosklerose, die bei Diabetikern oft in früherem Lebensalter und massiver auftritt als bei gesunden Menschen. Die Mangeldurchblutung in den Extremitäten trägt entscheidend dazu bei, dass eine Wunde schlecht oder gar nicht heilt.

Jeder Diabetiker ist potenzieller Kandidat für ein diabetisches Fußsyndrom. Allerdings existiert kein einheitliches Krankheitsbild. Sehr trockene Haut an den Füßen oder eine hart­näckige Fußpilzerkrankung können bereits anzeigen, dass sich der Diabetes auf die Füße auswirkt. Bei einigen Beschwerden sollten PTA oder Apotheker aufhorchen und weiter nachfragen, zum Beispiel wenn der Diabetiker erzählt, er könne nur noch kurze Wege am Stück laufen, weil ihm dann die Beine schmerzten (pAVK), oder wenn er berichtet, seine Füße kribbelten (»Ameisenlaufen«), schmerzten, besonders nachts, oder er hätte häufiger kalte oder heiße Füße, obgleich sie sich weder kalt noch überhitzt anfühlten. Diese Symptome sprechen für eine PNP. Beim geringsten Verdacht auf ein beginnendes Diabetisches Fußsyndrom hilft nur der Rat, unverzüglich einen Diabetologen oder – besser noch – eine diabetologische Fußambulanz aufzusuchen. Damit die Therapie des diabetischen Fußsyndroms erfolgreich verläuft, bedarf es immer der guten Zusammenarbeit von Ärzten und weiteren Fachleuten. Dazu zählen neben dem Diabetologen der Angiologe, der Chirurg, Wundassistenten, Orthopädieschuhmacher, Podologen und Mikrobiologen. Die Chancen, auf ein solches Team zu treffen, sind in den diabetologischen Fußambulanzen am höchsten. Da derartige Spezialeinheiten in Deutschland noch immer nicht reich gesät sind, lohnt es, in der Apotheke entsprechende Adressen aus der Umgebung bereit zu halten. Über den Link der Deutschen Diabetes Gesellschaft: www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/zertifizierte-arztpraxenkliniken.html findet das Apothekenteam schnell und unkompliziert spezialisierte Ärzte und Einrichtungen.

Um möglichst mit gesunden Füßen durchs Diabetikerleben zu kommen, können PTA oder Apotheker wertvolle Tipps geben. Eine gute Blutzuckereinstellung garantiert nicht, dass Folgeschäden wie das Diabetische Fußsyndrom ausbleiben, senkt aber die Wahrscheinlichkeit, auch für eine pAVK. Die Güte der Stoffwechseleinstellung lässt sich grob über den alle drei Monate zu ermittelnden Blutzucker-Langzeitwert HbA1c abschätzen. Allerdings bildet er nur den Durchschnitt aller Blutzuckerwerte über einen bestimmten Zeitraum ab. Keiner weiß, ob sich dieser Durchschnitt aus einer Reihe von normalen Werten oder aus einer Achterbahn von abwechselnd sehr hohen und sehr tiefen Werten zusammensetzt. Daher hat es sich in der Praxis bewährt, dass Diabetiker ihre Blutzuckerwerte selbst messen. Während gesetzliche Krankenkassen bei Typ-1-Diabetikern Teststreifen oder im Falle der kontinuierlichen Messung immer öfter auch Glukose-Sensoren erstatten, müssen die meisten Typ-2-Diabetiker Teststreifen selbst bezahlen. Am besten, die Patienten klären diese Fragen zuerst mit dem Arzt und dann mit der eigenen Krankenversicherung.

Regelmäßige Kontrolle

Auch der Blutdruck spielt im gesamten Prozess eine Rolle. Kennt der Patient seine Werte? Möchte er den Blutdruck regelmäßig in der Apotheke bestimmen lassen? Möchte er ein Blutzucker- und Blutdruck-Tagebuch führen? Diabetologen sprechen meist auch das Gewicht des Patienten an, denn übergewichtige Diabetiker erkranken häufiger am Diabetischen Fußsyndrom.

Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang lautet: Wie lange liegt die letzte Fußuntersuchung beim Diabetologen zurück? Die Füße gehören dort mindestens einmal im Jahr, nach Vorgabe des Arztes auch häufiger auf den Prüfstand.

Verletzungen vermeiden

Viel häufiger, nämlich täglich, sollten Diabetiker selbst die Disziplin aufbringen, ihre Füße zu begutachten, am besten nach dem Waschen und sorgfältigen Abtrocknen und während sie die Füße mit eigens für Diabetikerhaut gedachten Schäumen oder Cremes aus der Apotheke eincremen. So entdecken sie Veränderungen möglichst früh und gehen rechtzeitig zum Arzt. Zur Fußpflege eignen sich nur stumpfe Geräte, also keine spitzen Scheren, kein Hornhauthobel, sondern abgerundete Feilen und ein Bimsstein, mit dem die Patienten ein- bis zweimal vorsichtig über verhornte Stellen streichen können. Mehr ist schon zu viel.

Fuß- und Nagelpilz zeigen sich bei Diabetikern oft hartnäckiger als bei Gesunden und müssen konsequent behandelt werden, denn sie fördern Infektionen und Wunden. Am besten übernimmt ein Podologe die Fußpflege. »Podologe« als geschützte Berufsbezeichnung garantiert ein profundes Fachwissen, auch im Hinblick auf Diabetiker. Unter den Fußpflegeberufen sind sie zudem die einzigen, die Rezepte annehmen und abrechnen können. Daher müssen Patienten mit diabetischem Fußsyndrom den Besuch beim Podologen nicht selbst bezahlen.

Zum Schuhkauf sollten Diabetiker am besten den Nachmittag wählen – hier sind die Füße im Vergleich zum morgen dicker, die Gefahr, zu enges Schuhwerk zu kaufen, somit geringer. Schuhe sollten innen keine tastbaren Nähte oder Wülste haben, möglichst aus Leder bestehen und dürfen keinesfalls drücken. Manche Diabetiker müssen Spezialschuhe tragen. Ein Orthopädieschuhmacher fertigt sie. Sie stets zu tragen, ist ein Muss, denn in schweren Fällen eines Fußsyndroms reicht der nächtliche Barfußgang auf die Toilette aus, damit eine Wunde wieder aufbricht oder eine neue entsteht.

Berichtet ein Diabetiker, sein Fuß sei plötzlich dick geschwollen und überhitzt wie bei einer Entzündung, muss er so schnell wie möglich einen Diabetologen oder eine diabetologische Fußambulanz aufsuchen. Denn es könnte sich um einen sogenannten »Charcot-Fuß« handeln, eine schwerwiegende Diabetes-Komplikation. Rät ein Arzt dem Diabetiker zu einer Fußamputation, sollte dieser unbedingt die Zweitmeinung eines anderen spezialisierten Arztes einholen.

Absolute Tabus

Wissen Diabetiker, was ihnen hilft, sollten sie auch wissen, was ihnen schadet. An Wärmequellen, wie der Wärmflasche, der Heizung oder dem heißen Fußbad, können sie sich die Füße verbrennen, weil sie die Hitze womöglich nur noch schlecht wahrnehmen.

Existiert bereits eine Wunde, ist Duschen tabu. Im Abwasser tummeln sich etliche Keime, die sich in der Wunde ansiedeln und sie verschlimmern können. Barfußlaufen mögen Füße zwar, bei Diabetikern mit diabetischem Fußsyndrom wiegt das Risiko, eine Verletzung nicht zu bemerken, jedoch zu schwer. Sie sollten, wo immer sie gehen, Schuhe tragen. /