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Narbentherapie

Geduld gefragt

01.06.2017
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Von Ulrike Viegener / Bei ausgereiften Narben sind die Erfolge einer medikamentösen Therapie limitiert. Narbentopika kommen deshalb am besten vorbeugend zum Einsatz, solange der Heilungsprozess noch im Gange ist. Das gilt vor allem dann, wenn ein erhöhtes Risiko für unschöne Narben besteht.

Ein Mückenstich, eine der winzigsten vorstellbaren Verletzungen überhaupt, ist in der Lage, eine Narbenwucherung mit unbegrenzter Wachstumstendenz hervorzurufen, ein sogenanntes Keloid. Keloide, die im Extremfall fußballgroß werden, zählen zu den pathologischen Narben. Wie es genau zu dieser Form der gestörten Wundheilung kommt, bleibt rätselhaft. An der Größe der Verletzung liegt es offenbar nicht, aber deren Art spielt eine Rolle: So treten Keloide nach Verbrennungen und Verätzungen gehäuft auf. Und auch Piercing birgt ein hohes Risiko, vor allem dann, wenn – wie am Ohr – Knorpel durchstochen wird. Seit Piercings in Mode gekommen sind, hat die Häufigkeit von Keloiden sprunghaft zugenommen.

Dass auch Mückenstiche in seltenen Fällen eine derart überschießende Narbenwucherung auslösen, ist ein Indiz für eine genetische Veranlagung zu Keloiden. Dafür spricht auch, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe deutlich häufiger betroffen sind. Verschmutzte Wunden und unter starker Zugspannung stehende Narben neigen vermehrt zu Keloiden, die sich bevorzugt an Ohren, Hals, Brust, Schultern und Rücken ausbilden. Keloide stellen eine große psychische Belastung dar – aus ästhetischen Gründen, aber auch wegen ihres ungebremsten Wachstums und weil sie oft mit starkem Juckreiz und/oder Schmerzen einhergehen.

Bei Keloiden nicht allein agieren

Keloide gehören unbedingt in die Hände eines Hautarztes, der über Erfahrung mit dieser Form der pathologischen Narbe verfügt. Eine Selbstmedikation verbietet sich. Wenn ein Keloidpatient in der Apotheke nach rezeptfreien Narbentherapeutika fragt, sollte die Beratung auf eine zeitnahe Arztkonsultation abzielen. Die Behandlung von Keloiden gestaltet sich schwierig. Einfach wegschneiden lassen sie sich nicht, weil der Schnitt eine neue Verletzung provoziert, in deren Folge sich das Problem nicht selten sogar noch verstärkt. Lieber fahren Ärzte bei der Behandlung mehrgleisig konservativ, wobei das Einspritzen von Kortisonkristallen einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Glucocorticoide redu­zieren sowohl die Entzündung als auch die Kollagensynthese. Interessant ist der Hinweis, dass die Kombination von Corticoidinjektion (in diesem Fall Triamcinolon) und topisch appliziertem Zwiebelextrakt die Wirkung offenbar steigert. Die topische Anwendung von Corticosteroiden nützt hingegen bei Keloiden nichts.

Bewährt hat sich auch die Kryotherapie mit eiskaltem Stickstoff: Bei der Kontaktkryotherapie setzt der Arzt die Oberfläche des Keloids eisiger Kälte aus, bei der effektiveren intraläsionalen Kryochirurgie dagegen injiziert er den flüssigen Stickstoff direkt ins Zentrum des Keloids.

Hyper- und atrophe Narben

Eine weitere – häufigere – pathologische Form sind hypertrophe Narben. Dabei handelt es sich um wulstig erhabene, oft kordelartige Narben, die im Unterschied zum Keloid auf den Bereich der ursprünglichen Verletzung begrenzt bleiben. Wegen ihrer derben Beschaffenheit führen hypertrophe Narben mitunter zu Bewegungseinschränkungen, falls sie sich in der Nähe eines Gelenks befinden. Das Hauptproblem liegt jedoch darin, dass sich viele Betroffene in ihrem ästhetischen Körperbild entstellt fühlen. Auch bei hypertrophen Narben spielen neben einer genetischen Disposition äußere Einflüsse wie Wundverschmutzungen eine Rolle.

Bei atrophen Narben dagegen bilden sich zu wenig neue Bindegewebsfasern. Ein Beispiel stellen trichterförmig eingezogene Narben nach schwerer Akne dar. In diesem Fall entstehen die Narben nicht als Folge äußerer Verletzungen, sondern sie werden durch Entzündungsprozesse mit Schädigung tieferer Hautschichten provoziert.

Oft fragen Menschen in der Apotheke nach einer Narbenbehandlung, weil sie eine Narbe als unschön empfinden, obwohl diese aus einer ganz normalen Wundheilung resultiert. In Zeiten hoher Ansprüche an das eigene Äußere, neigen vor allem Frauen dazu, normale Narben zu dramatisieren. Gar nicht selten erwächst daraus ein erheblicher Leidensdruck. Allein schon die Farbe einer Narbe, die oft von der normalen Hauttönung ins Rötliche oder Weißliche abweicht, setzt manche Frauen unter Stress. Das Beratungsgespräch in der Apotheke sollte genutzt werden, um überzogen kritische Einstellungen zurechtzurücken und dafür zu werben, vermeintliche Schönheitsfehler zu akzeptieren.

Verklebungen lösen

Narben verschwinden nicht, denn sie entstehen aus faserreichem Ersatzgewebe, das sich optisch immer von der Umgebung abhebt. Aber die gute Nachricht ist: Sie verändern sich oft über einen langen Zeitraum hinweg – und zwar zum Besseren. Sie werden flacher, weicher und blasser. Noch viele Monate nach der Verletzung finden Gewebeumbauten statt. Deshalb fällen Mediziner frühestens ein Jahr nach der Wundheilung ein Urteil darüber, ob eine Korrektur sinnvoll ist. Chirurgische Korrekturen sollten ebenso wie Abschleifen und Lasern immer Ultima Ratio sein, weil dabei neue Läsionen gesetzt werden. Nur bei Narben, die unter starker Zugspannung stehen, dient ein frühzeitiger operativer Eingriff dazu, das Gewebe zu entlasten.

Für Narben gilt einmal mehr: Vorbeugen ist besser als behandeln. Gleich von Anfang helfen optimale Bedingungen, eine physiologische Narbenbildung zu unterstützen, was vor allem bei positiver Vorgeschichte bezüglich irregulärer und unschöner Narben ­sowie bei Verletzungen mit entsprechendem Risiko wichtig ist. Das heißt: die Wunde gut reinigen und versorgen sowie Störreize wie Zug, Druck und Dehnung vermeiden. UV-Strahlen behindern die Wund- und Narbenheilung stark, weshalb sich Patienten intensiver Sonnenbestrahlung für längere Zeit nicht aussetzen und dauerhaft auf einen hochwirksamen UV-Schutz achten sollten. Saunabesuche stehen ebenfalls auf der Negativliste. Bis eine Narbe voll belastbar und gegenüber äußeren Einwirkungen unempfindlich ist, braucht es viele Monate Geduld.

Wenn die Wunde verheilt ist, lohnt es nach Rücksprache mit dem Arzt, einen Physiotherapeuten aufzusuchen, der mit einer speziellen Massagetechnik Verklebungen des Narbengewebes löst und dessen Durchblutung optimiert. Bevor Betroffene – nach entsprechender Schulung – selbst Hand anlegen, sollte die Narbe aber schon weiter ausgereift und belastbarer sein.

Narbentherapeutika lassen sich gut mit einer Narbenmobilisation kombinieren. Kommen Topika ohne physiotherapeutische Unterstützung zum Einsatz, muss sie der Anwender selbst gründlich einmassieren, und zwar mindestens zweimal täglich über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis mehreren Monaten. Die Therapie mit Topika darf frühestens dann beginnen, wenn sich über der Wunde ein vollständiges Epithel gebildet hat.

Die Zwiebel bringt’s

Ein Narbentherapeutikum mit sehr langer Tradition ist Zwiebelextrakt, dessen Inhaltsstoffe sowohl die Entzündungsaktivität als auch die Teilungs­aktivität der Fibroblasten hemmen. Nach wissenschaftlicher Bestätigung der antiphlogistischen und antiproliferativen Effekte empfiehlt inzwischen auch die ­Deutsche Dermatologische Gesellschaft Zwiebelextrakt-haltige Präparate, und zwar speziell für die Therapie hypertropher Narben und für die Narbenprophylaxe nach operativen Eingriffen

So enthält zum Beispiel Contractubex®, ein viel eingesetztes Narben­topikum, Zwiebelextrakt – neben Heparin und Allantoin. Heparin hemmt ebenfalls Entzündungen, außerdem lockert es die Kollagenstruktur und fördert die Wasserbindung sowie die Durchblutung des Narbengewebes. Allantoin unterstützt die Wundheilung, löst abgestorbene Hornzellen und lindert Juckreiz. Im Kombinationspräparat wirkt sich zudem günstig aus, dass Allantoin die Penetration anderer Wirkstoffe in tiefere Hautschichten erleichtert. Eine gleichzeitige Ultraschall­behandlung der Narbe scheint die ­Wirkung von Contractubex® noch zu steigern.

Gutes Klima

Auch Silikongele und Silikonpflaster haben sich bei der Narbenbehandlung beziehungsweise bei der Prävention irregulärer und unschöner Narben bewährt. Wie sie wirken, ist bislang nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich schaffen Silikone ein gutes Klima für die Wundheilung, indem sie Flüssigkeitsverluste verhindern und die obere Hautschicht feucht halten.

Silikongele sollen täglich zwei- bis dreimal aufgetragen werden, und zwar über drei bis sechs Monate hinweg. Silikonpflaster, die die Wunde vollständig bedecken müssen, trägt der Patient zwölf bis 24 Stunden am Tag über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren. Der wohl einzige Nachteil der silikon­basierten Narbentherapeutika: Die relativ hohen Kosten werden von den Kassen oft nicht übernommen. /

Honig ist einen Versuch wert

Honig – ein altes Hausmittel – wird als Wund- und Narbenmittel auch in der seriösen Medizin zunehmend geschätzt. Der in Neuseeland gewon­nene Manuka-Honig enthält besonders viele wertvolle Inhaltsstoffe, die bakterizid und heilungsfördernd wirken. Selbst infizierte Problemwunden heilen unter dieser Wundauflage ab, manchmal sogar besser als unter Antibiotika, wie wissenschaftliche Studien zeigen. Der hohe Zuckergehalt des Honigs schafft zudem ein günstiges Feuchtmilieu. Vor allem Menschen, die zu irregulären Narben neigen, können von Honig zur Wundbehandlung profitieren. Auch bei bereits abgeheilten, aber unschönen Narben ist Honig einen Versuch wert.