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Verbrennungen

Grad für Grad große Gefahr

01.06.2017
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Von Michael van den Heuvel / In Haus und Garten lauern zahlreiche Gefahrenquellen, beispielsweise der Backofen, der Grill oder das Bügeleisen. Leichte Verbrennungen sind ein Fall für die Selbstmedikation. Stärkere Schädigungen bedürfen dringend ärztlicher Hilfe. Schwere Verbrennungen müssen in spezialisierten Zentren behandelt werden.

Jedes Jahr verbrennen sich schätzungsweise 600 von 100 000 Menschen leicht. Diese relativ unproblematischen Fälle werden in keiner Statistik erfasst. Genaue Zahlen liegen nur für schwere Verbrennungen vor. Die Häufigkeit schwankt zwischen zwei und fünf Fällen pro Jahr und pro 100 000 Einwohner. Unfälle im Haushalt stehen mit 65 Prozent an der Spitze, gefolgt von Arbeitsunfällen (21 Prozent) und Verkehrsunfällen (knapp 2 Prozent). Ärzte unterscheiden zwischen Verbrennungen durch eine Flamme (45 Prozent), Verbrühungen (26 Prozent), Explosionen (11 Prozent) und Strom (5 Prozent). Für den verbleibenden Rest sind andere Szenarien verantwortlich. Kleinkinder verbrühen sich meist mit heißem Wasser, ältere Kinder oder Erwachsene verletzen sich eher beim Umgang mit brennbaren Flüssigkeiten. Um zu entscheiden, ob Patienten die verbrannte Haut selbst behandeln können oder einen Arzt benötigen, sollten PTA oder Apotheker die Verletzung anhand eines groben Rasters beurteilen.

Bei Verbrennungen ersten Grades wurden vor allem die obersten Hautschichten in Mitleidenschaft gezogen, erkennbar an Rötungen, Schwell­ungen und Schmerzen. In erster Linie ist die Epidermis betroffen. Die Ver­letzung lässt sich erfolgreich in Eigenregie behandeln, falls die betroffene Fläche nicht allzu groß ist. Als beste Sofortmaßnahme hat sich bewährt, die verbrannte Stelle direkt mit fließen­dem Leitungswasser zu kühlen, das etwa Raumtemperatur hat. Eiskaltes Wasser sowie Eiswürfel verursachen möglicherweise Erfrierungen und sind deshalb keine gute Wahl. Um die Wunde anschließend zu versorgen, eignen sich kühlende Brand- oder Wundgele sowie Panthenol-haltige Präparate. Klassische Homöopathen empfehlen Apis mellifica und Belladonna in den Potenzen C9 oder C15, um den Heilungs­prozess zu unterstützen. Gelverbände oder hydro­aktive Verbände sind Mittel der Wahl zur Wundversorgung.

Ab Grad 2 zum Arzt

Verbrennungen zweiten Grades gehen mit Blasenbildung und deutlich stärkeren Schmerzen einher. Dann sind sowohl die Epidermis als auch die Dermis in Mitleidenschaft gezogen. Mediziner unterscheiden oberflächliche (Grad 2A) und tiefe dermale Verbrennungen (Grad 2B). Die Patienten sollten einen Arzt aufsuchen. Dieser rät in der Regel zur antiseptischen Therapie mit Octenidin oder Polyhexanid, öffnet Blasen und deckt die Wunde steril ab. Silberhaltige Auflagen verringern das Risiko für Infektionen. Als homöopathische Zusatzempfehlung eignet sich Cantharis vesicatoria C15.

Verbrennungen dritten und vierten Grades zerstören irreversibel biologische Strukturen wie Muskeln und Nerven. Nekrosen entstehen, und das Gewebe verkohlt. Hier geht es nicht ohne chirurgische Eingriffe.

Tabelle: Einteilung der Verbrennungen nach Schweregrad und Tiefe; die exakte Tiefenbestimmung obliegt einem in der Versorgung von Brandverletzungen erfahrenen Arzt.

Grad Klinisches Bild Verbrennungstiefe Behandlung
1 Rötung, Schmerzen, Schwellung (wie bei einem Sonnenbrand) oberflächliche Epithelschädigung, kein Zellschaden heilt ohne Intervention, konservative Maßnahmen
2A Blasenbildung (rötlich-weißlich), roter Untergrund, stark schmerzhaft, Schwellung, Rötung wegdrückbar Schädigung der Epidermis und ober­flächlicher Anteile der Dermis ärztliche Begutachtung nötig, heilt spontan ab
2B Blasenbildung (rötlich-weißlich), heller Untergrund, schmerzhaft, Rötung nicht wegdrückbar weitgehende Schädigung von Epidermis und Dermis unter Erhalt der Haarfollikel und Hautanhängsel ärztliche Begutachtung und chirurgische Intervention nötig
3 Epidermisfetzen, lederartige Hautgebiete, Gewebe grau-schwarz-weiß, nach Reinigung weiß, keine Schmerzen vollständige Zerstörung von Epidermis und Dermis, Verlust von Haaren und Nägeln ärztliche Begutachtung und chirurgische Intervention unbedingt nötig

Haben Patienten eine schwere Verbrennung erlitten, muss so schnell wie möglich der Notarzt herbeigerufen werden. Als Erste-Hilfe-Maßnahmen empfehlen medizinische Fachgesellschaften, schwere Brandwunden nur steril abzudecken, aber keine Gele oder Salben anzuwenden sowie die Betroffenen mit Folien, wie sie in jedem Verbandskasten zu finden sind, gegen Auskühlung zu schützen. Auf keinen Fall sollten Helfer versuchen, verbrannte Kleidung zu entfernen.

Mit Neunerregel schätzen

Neben der Tiefe der Verbrennung spielt die Größe der geschädigten Fläche eine entscheidende Rolle. Hierzu verwenden Ärzte die Neunerregel nach Wallace, bei der jeder Körperbereich als prozentualer Anteil der gesamten Fläche betrachtet wird. Es handelt sich um Vielfache der Zahl 9: Kopf (9 Prozent), ein Arm (9 Prozent), ein Bein (18 Prozent), Brust und Bauch (18 Prozent) sowie der Rücken (18 Prozent). Sind bei Erwachsenen 15 Prozent beziehungsweise bei Kindern 10 Prozent der Oberfläche verbrannt, droht Lebensgefahr. Nach der medizinischen Erstversorgung und Stabilisierung behandeln Ärzte die Betroffenen in Verbrennungszentren, falls mehr als 15 Prozent der Körperoberfläche zweitgradig oder mehr als 10 Prozent drittgradig verbrannt wurden.

»Noch in den 1960er-Jahren war eine Verbrennung von 50 Prozent der Körper­oberfläche mit einem 50-prozentigen Risiko verbunden, zu sterben«, sagt Professor Dr. Marcus Lehnhardt im Gespräch mit PTA-Forum. Er ist Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie und Schwerbrandverletzte am berufsgenossenschaftlichen Universitäts­klinikum Bergmannsheil in Bochum. »Wir sind heute in der Lage, Patienten bis zu einer verbrannten Oberfläche von über 80 Prozent zu retten.«

Der ganze Körper reagiert

Dies sei primär auf Fortschritte in der Intensivmedizin zurückzuführen. Hinzu kämen moderne Antibiotika, eine bessere Lokalbehandlung und ein tiefer­gehendes Verständnis der Verbrennungskrankheit selbst. Lehnhardt: »Wir sprechen ab einer verbrannten Körper­ober­fläche von 20 Prozent von einer Verbrennungskrankheit. Der Körper zeigt eine systemische Reaktion mit Auswirkungen auf den Kreislauf, den Stoffwechsel und das Immunsystem.«

Starke Hitze denaturiert die Prote­ine in den Zellen. Relativ bald nach dem Unfall schädigen Signalmoleküle die Innenhaut der Blutgefäße, das Endothel. Dieses kapillare Leck führt zum Austritt von Flüssigkeit in das Gewebe. Ein Ödem entsteht, und das zirkulierende Blutvolumen sinkt drastisch. Den Verlust gleichen Ärzte mit Elektrolyt­lösungen wie Ringer-Acetat-Lösung aus. Weitere Effekte betreffen die Blutgerinnung und das Immunsystem.

Abgestorbenes Gewebe dient Pathogenen als Eintrittspforte. Gleichzeitig werden Entzündungsprozesse angestoßen, und es droht eine Sepsis mit Multiorganversagen. Chirurgen versuchen beim sogenannten Débridement, nekrotisches Material möglichst früh zu entfernen. Je nach Schweregrad der Verletzung sind Amputationen erforderlich. Antibiotika sowie antiseptische oder silberhaltige Wundauflagen vermindern außerdem das Infektions­risiko.

Analgetika spielen generell eine wichtige Rolle, um starke Schmerzen zu lindern. Gleichzeitig ist der Grundumsatz stark erhöht. Leitlinien raten dazu, parenterale und enterale Ernährung miteinander zu kombinieren und so den Patienten pro Tag mit mit 12 000 bis 24 000 kJ zu versorgen. Erst im späteren Verlauf führen Fachärzte funk­tionelle beziehungsweise kosmetische Korrekturen durch.

»Seit den 1990er-Jahren können wir künstliche Haut züchten«, berichtet Lehnhardt. Selbst schwerstverbrannten Patienten mit einer betroffenen Körper­oberfläche von 80 bis 85 Prozent müssen nur kleine Gewebeproben entnommen, im Labor vermehrt und an­schließend transplantiert werden.

Narbenbildung verhindern

Trotz guter Erfolge entstehen bei der Heilung von Verbrennungsverletzungen oft Narben. Die meisten Patienten empfinden die gutartigen Wucherungen von Narbengewebe, die sogenannten Keloide, vor allem als ästhetisch sehr störend. »Wir arbeiten standardmäßig mit Kompressionsbandagen«, betont Lehnhardt. Diese werden individuell angefertigt. Im ersten Jahr nach dem Unfall müssen Patienten die Bandagen kontinuierlich tragen, was ge­rade Kinder oft als sehr anstrengend empfinden. Ein milder Druck auf die Bereiche führt dazu, dass sich Narben günstig entwickeln. Ansonsten bleiben nur chirurgische Eingriffe. »Arznei­stoffe wie Triamcinolon eignen sich nur bei kleinen hypertrophen Narben«, ergänzt der Experte. »Die Kompressionsbehandlung ist deutlich effektiver.«

Basispflege nötig

Bei weniger stark ausgeprägten Narben können PTA oder Apotheker Cremes mit Heparin, Allantoin sowie mit Zwiebelextrakten empfehlen. Silikon­folien oder Silikongele bessern aufgrund von Okklusionseffekten ebenfalls das Erscheinungsbild. Im Beratungsgespräch sollten Patienten darauf hingewiesen werden, ihre Behandlung mehrere Monate lang durchzuführen. An den betroffenen Stellen kann die Haut ihren Feuchtigkeits- und Fetthaushalt nicht selbst regulieren. Sie wird leicht schuppig und juckt stark. Eine wirkstofffreie Basispflege, mehrmals täglich auf­getragen, bessert die Beschwerden. Da Melanozyten fehlen, dürfen die Stellen nicht der direkten Sonnenstrahlung ausgesetzt werden. Hier haben sich Sunblocker und Kleidung mit UV-Schutz bewährt. /