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Bissverletzung

Hohes Risiko für Infektionen

01.06.2017
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Von Carina Steyer / Manche Bisswunden sehen zwar harmlos aus, können sich aber dennoch gefährlich entzünden oder Vergiftungs­symptome auslösen. Nach den richtigen Erste-Hilfe-Maßnahmen ist der Gang zum Arzt deshalb unerlässlich.

Jedes Jahr behandeln Ärzte in Deutschland zwischen 30 000 bis 50 000 Bissverletzungen. Die meisten Menschen werden von Hunden oder Katzen gebissen, seltener handelt es sich um Menschen- und Schlangenbisse.

Während einer körperlichen Auseinandersetzung wehren sich vor allem Kinder, indem sie den Angreifer beißen, doch manchmal sind Menschenbisse auch die Folge ­eines Sexualdelikts oder einer Kindesmisshandlung. Hunde schnappen oft zu, wenn sich ein Mensch falsch verhält und ihnen Angst einflößt. Häufig wurde das Tier dann erschreckt, geärgert, in die Enge getrieben, getreten oder beim Fressen gestört. Nahezu 60 Prozent der Bissopfer aufgrund einer Hundeattacke sind Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Katzenbisse hingegen betreffen überwiegend Frauen zwischen 20 und 35 Jahren.

Hauptgefahr Infektion

Das Spektrum der Bisswunden ist groß: Es reicht von kleinen, oberflächlichen bis hin zu ausgedehnten Verletzungen, bei denen funktionelle Strukturen zerstört wurden. Aufgrund ihrer geringen Körpergröße kommen bei Kleinkindern gehäuft Verletzungen im Kopf-Hals-Bereich vor. Ältere Kinder und Erwachsene hingegen werden fast immer in die Hand, den Arm oder das Bein gebissen.

Die Wunde an sich bereitet meist keine ernsthaften Probleme, das größte Risiko liegt in einer möglichen Infektion. Hunde-, Katzen- und Menschenspeichel enthalten hochpathogene Keime (siehe Tabelle), die mit dem Biss in die Wunde gelangen. Obwohl Hundebisse oft die schwersten Verletzungen verursachen, liegt das Infektionsrisiko mit bis zu 25 Prozent noch vergleichsweise niedrig. Nach dem Biss einer Katze oder eines Menschen entzünden sich bis zu 50 Prozent der Wunden. Durch einen Menschenbiss kann sich das Opfer zudem mit Hepatitis B oder C sowie HIV infizieren.

Tabelle: Infektionserreger bei Katzen-, Hunde- und Menschenbissen

Katze Hund Mensch
Pasteurella multocida Pasteurella canis
Staphylokokken Staphylokokken Staphylokokken
Streptokokken Streptokokken Streptokokken
Bacteroides Bacteroides Bacteroides
Bartonella henselae Neisseria Enterobacter
Fusobacterium Capnocytophaga canimorsus Klebsiellen
Moraxella Pasteurella multocida
Porphyromonas Fusobacterium Spirochäten
Veillonella Porphyromonas Eikenella corrodens
Prevotella

Ob sich eine Wunde entzündet, bestimmen neben dem vorhandenen Erregerspektrum Art und Lokalisation der Wunde sowie vorhandene Erkrankungen mit. So besteht ein hohes Infektionsrisiko bei tiefen oder verschmutzten Wunden, Verletzungen mit starker Gewebezerstörung, Bisswunden an den Händen sowie im Bereich von Knochen, Gelenken oder Sehnen. Auch Leber- und Krebserkrankungen, Funktionsunfähigkeit der Milz, Aids, Diabetes mellitus oder eine Therapie mit Corticosteroiden und Immunsuppressiva erhöhen die Gefahr. Erste Anzeichen einer Infektion zeigen sich abhängig vom Erreger nach zwölf Stunden bis acht Tagen, wenn sich die Wunde rötet, anschwillt, schmerzt, sich eitriges Sekret bildet. Zudem tritt dann meist Unwohlsein oder Fieber auf.

Typisches Muster

Tiere und Menschen hinterlassen typische Verletzungsmuster, an denen der Arzt leicht den Verursacher erkennt. So entstehen durch die Eckzähne von Katzen meist typische Punkte, die scharfen Zähne dringen häufig bis zum Knochen oder bis zu einem Gelenk vor, die Wunden bluten jedoch wenig. Hundebisse zerstören in der Regel das lokale Gewebe wesentlich stärker, weil Hunde kräftig zubeißen. Die Reißzähne hinterlassen oberflächliche bis tiefe Kanäle, das Gewebe kann dabei zerreißen und gequetscht werden. Im Gegensatz zu Katzen- und Hundebissen können ­Ärzte Schlangenbisse nicht so einfach zuordnen, weil meist niemand das Tier gesehen hat. Typisch für den Schlangenbiss ist eine Doppelpunkt-Bissmarke, die kaum blutet. Hinzu kommen die ersten Vergiftungserscheinungen, wenn die Schlange beim Biss Gift abgegeben hat. Die einzigen in Deutschland natürlich beheimateten Giftschlangen sind Kreuzotter und Aspisviper. Nach ihrem Biss schwillt die betroffenen Extremität schmerzhaft an und verfärbt sich blau. Schwitzen, Müdigkeit, Schwindel, Erbrechen, Herzrasen, Krämpfe und Bewusstseinstrübung können hinzukommen. In privaten Haushalten finden sich oft noch deutlich giftigere Schlangen, deren Gift zahlreiche weitere Beschwerden verursachen kann.

Anders als bei Tierbissen entstehen durch Menschenbisse seltener Fleischwunden. Die Zähne hinterlassen ringförmig angeordnete Unterblutungen mit punktförmigen Hautabschürfungen. Bei Gewaltdelikten können Kriminologen den potenziellen Täter überführen, indem sie den Zahnstatus des Verdächtigen mit dem Hautabdruck der Zähne vergleichen.

Hat ein Tier zugebissen, sind viele Menschen zunächst ratlos, was sie als erstes tun sollen. Nach einem heftigen Hundeangriff oder einem Schlangenbiss müssen sie umgehend einen Notarzt rufen. In allen anderen Fällen heißt es zunächst, Ruhe bewahren, vor allem, wenn das eigene Haustier zugebissen hat. Dann behindern oft starke Emotionen klares Denken. Ein Hunde- oder Katzenbiss sollte, sobald die Wunde nicht mehr stark blutet, unter fließendem Wasser gereinigt, desinfiziert und mit einer sterilen Auflage abgedeckt werden.

Jeder Schlangenbiss sollte als poten­ziell giftig angesehen werden. Deshalb geht es vor allem darum, zu verhindern, dass sich das Gift rasch verteilt. Dafür muss die betroffene Extremität ruhiggestellt werden. Bei einem Biss in Hand oder Arm sollten Ringe, Armbänder und Uhren möglichst schnell abgenommen werden, bevor das Gewebe zu stark angeschwollen ist. Abbinden oder Stauen sind verboten. Sie verschlimmern die Situation, da das Gift massiv in den Körper schwemmt, sobald das Band entfernt wird. Aussaugen, Einschneiden oder Ausbrennen steigern zwar in Filmen die Spannung, sind aber in der Realtität wirkungslos.

Ab zum Arzt

Da Laien vermeintlich harmlose Wunden oft unterschätzen, empfehlen Experten, Bissverletzungen immer von einem Arzt untersuchen zu lassen. Denn es kann durchaus vorkommen, dass nach einem Hundebiss unter oberflächlichen Wunden Knochenbrüche übersehen werden, die der Arzt erst durch eine Röntgenuntersuchung entdeckt. Zudem reinigt der Mediziner einen Hunde-, Katzen- oder Menschenbiss noch einmal gründlich, eventuell näht er die Wunde. Da das Infektions­risiko bei geschlossenen Bisswunden besonders hoch ist, versuchen Ärzte, wenn irgend möglich, das Nähen zu vermeiden. Bei tiefen Verletzungen in Händen, Füßen oder Gelenknähe sowie bei Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko, verordnen Mediziner oft prophylaktisch ein Antibiotikum. Besteht kein Tetanusschutz, muss die Impfung nachgeholt werden. In 90 Prozent der Fälle hat der eigene oder ein bekannter Hund zugebissen, sodass der Tollwut-Impfstatus des Tiers überwiegend bekannt ist. Um dem Opfer eine aufwändige und belastende Tollwut-Immunisierung zu ersparen, versucht man bei fremden Hunden zunächst, deren Impfstatus zu ermitteln, wenn nötig mit polizeilicher Unterstützung.

Opfer eines Giftschlangenbisses werden stationär im Krankenhaus aufgenommen, symptomatisch behandelt und im Bedarfsfall eine Antivenin-Therapie eingeleitet. Nach Bissen der Kreuzotter oder Aspisviper ist diese Therapie nur selten notwendig. Seit 1964 sind in Deutschland keine Todesfälle mehr vorgekommen. In Terrarien werden jedoch teilweise sehr giftige, exotische Giftschlangen gehalten, deren starke Wirkung den Einsatz eines Antivenins erfordert. Weil die gehaltene Art bekannt ist, kann der Arzt in den meisten Fällen schnell die richtige Behandlung ein­leiten. Nach Schlangenbissen wird außer­dem der Tetanusschutz des Opfers­ überprüft und gegebenenfalls aufgefrischt. Außerdem erhalten die Patien­ten ein Antibiotikum zur Prophylaxe einer­ bakteriellen Infektion. /