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Wundheilung

Nicht nur die Zeit zählt

01.06.2017
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Von Katja Renner / Innovative Wundauflagen ermöglichen heute eine rasche und gute Wundheilung. Doch ohne Beratung fällt es vielen Patienten schwer, sich im Dschungel der Wundschnellverbände zurechtzufinden. PTA können hier als Lotsen fungieren.

Wunden sind definitions­gemäß Beschädigungen ­eines Gewebes mit oder ohne Gewebeverlust durch unterschiedliche Ursachen, zum Beispiel äußer­liche Gewalteinwirkung oder Erkrankungen. Für die Beratung ist es wichtig zu wissen, wie die Wunde entstanden ist und ob es sich um eine akute Verletzung oder einen chronischen Prozess handelt.

Grundlegend läuft die Wundheilung immer gleich ab: Sie besteht aus drei physiologischen Abschnitten, der Reinigungsphase, der Granulations- und der Epithelisierungsphase, die überlappend aufeinander folgen. Bereits in den ersten Minuten nach einer Verletzung setzt die Blut­stillung ein.

Der Gewebefaktor (tissue factor, TF) aktiviert die Gerinnungs­kaskade, sodass die Wunde zunächst provisorisch verschlossen wird. Er verhindert weiteren Blutverlust und schützt die Wunde vor dem Eindringen von Keimen. In dieser ersten Reinigungsphase, auch Exsudationsphase genannt, wird über typische Mechanismen einer Entzündungsreaktion ein Wundexsudat gebildet, das die Wundregion reinigt. Mit dieser Flüssigkeit werden Zellen des Immunsystems in die defekte Ge­we­­beregion geschwemmt und eliminieren dort Zelltrümmer, Fremdkörper und Krankheitserreger. Außerdem geben sie den Impuls zur Reparation des zerstörten ­Gewebes. In der nun folgenden Granulations- oder Wiederaufbauphase bilden sich neue Gefäße und extrazellu­läre Matrix. Abschließend wird dieser neue Gewebeverbund in der Epithelisierungsphase verdichtet. Keratinozyten wandern von den Wundrändern aus ein und bilden die neue, noch empfindliche Epidermis. Oberflächliche Wunden, die nur die ehemalige Epidermis betreffen, heilen, ohne Narben zu hinterlassen. Bei tiefen Verletzungen dauert der Heilungsprozess länger, und es bleibt meist eine Narbe. Oft dauert es Monate, bis das Narbengewebe verblasst und gegenüber Krafteinwirkung von außen widerstandsfähig ist.

Kleine Schürfwunden, die typischerweise beim Freizeitsport entstehen oder wenn Kinder draußen herumtoben, sollten zunächst, wenn möglich, sorgfältig mit klarem Leitungswasser gespült werden, denn verschmutzte Wunden infizieren sich leichter. Anschließend wirken Povidon-Iod, Poly­hexanid oder Octenidin desinfizierend gegen Pilze, gramnegative und grampositive Keime und sind insgesamt gut verträglich. In einer aktuellen Meldung weist die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft darauf hin, dass das Wund- und Schleimhautantisep­tikum Octenisept® nur zur oberfläch­lichen Anwendung bestimmt ist und mittels Tupfer oder Aufsprühen aufgetragen werden soll. Es darf nicht mit einer Spritze in tiefere Gewebeschichten eingebracht werden, denn der Kontakt tiefer Wunden mit Octenisept® birgt das Risiko schwerer toxischer Gewebeschäden. In einigen Fällen haben solche Spülungen vor allem bei Kindern zu bleibenden Schäden und Funktionseinschränkungen geführt.

Nach der Reinigung und Desinfek­tion wird die Wunde mit einem Wundschnellverband versorgt. Von Patienten als Pflaster bezeichnet, sind sie in verschiedenen Größen und Materialien im Handel. Sie bestehen aus dem Träger­material, zum Beispiel elastischen oder nichtelastischen Vlies- oder Kunststoffen, dem Wundkissen und der Klebemasse. Es gibt Pflasterrollen zum Abschneiden, fertige Pflasterstrips und Produkte mit einem zentralen Wundkissen und wasserfester Trägerfolie zum Schutz vor Feuchtigkeit und Keimen.

Nach erfolgter Reinigung und Desinfektion heilen Wunden dann am besten, wenn ihre Wundränder glatt und gut durchblutet sind und dicht zueinander liegen. Das richtige Wundmilieu spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Heute gilt die feuchte Wund­heilung als Goldstandard. Trocknen Wunden hingegen an der Luft, behindert die sich dann ausbildende harte Schorfschicht die Heilungsvorgänge und begünstigt Narben. Wenn Wundauflagen mit der Wunde verkleben, zerstört jeder Verbandwechsel die neue, zarte Gewebsschicht, und lässt eine wieder geöffnete Wunde zurück. Der Aufbau moderner Wundauflagen gewährleistet ein feuchtes Wundmilieu und unterstützt die Phasen der Wundheilung. Das bedeutet für die Reinigungsphase: Die verwendeten Auflagen müssen überschüssiges Exsudat mit Geweberesten und Erregern gut aufnehmen und binden können, um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten. In der Granulations- und Epithelisierungsphase steht die Wund­ruhe in einem optimalen feuchten Grundmilieu im Vordergrund. Die Wundauflage sollte also nicht zu häufig gewechselt werden. Allerdings sollten Betroffene den Heilungsprozess beobachten und darauf achten, dass sich die Wunde nicht erneut infiziert. Ein sicheres Zeichen für eine Entzündung sind gerötete Wundränder.

Moderne Wundauflagen

Die große Vielfalt verschiedener Systeme zur Wundversorgung ermöglicht ein optimales Wundmanagement, das genau auf die Bedingungen der jeweiligen Wunde abgestimmt ist. Zu den hydro­aktiven Wundauflagen zählen Kompressen aus Hydrokolloid, Hydrogel, Alginaten, Schäumen, Superabsorber und semipermeable Folien.

Hydrokolloide bestehen aus einer quellfähigen Schicht aus Pektin, Carb­oxymethylcellulose oder Gelatine und Polyurethanfolie als Trägerschicht. Die Quellschicht nimmt Wundexsudat auf und bildet ein Gel, das sich in die Wunde hineinlegt und ein optimales Milieu ausbildet. Erst wenn äußerlich Blasen erkennbar sind, ist die Bindungskapazität erschöpft und ein Verbandwechsel an der Zeit. Da das Gel nicht mit einer zusätzlichen Klebeschicht fixiert ist, lässt es sich leicht von der Wunde ablösen. Bevor man Hydrokolloidverbände auf die Wunde aufbringt, muss diese trocken und fettfrei sein. Bei stark infizierten Wunden sollten hydrokolloidale Auflagen nicht verwendet werden. Hydro­kolloide eignen sich, um chronische Wunden zu versorgen, aber auch für leichte, oberflächliche Schnitt-, Schürf- oder Risswunden.

Schonender Verbandwechsel

Den Verband täglich zu wechseln, lehnen heute führende Mediziner ab, weil so die Heilungsprozesse ständig unterbrochen werden.

In der Granulationsphase können ­moderne Wundauflagen sogar eine Woche auf der Wunde verbleiben.

Damit sich ein Verband oder ein Wundschnellverband schonend und schmerzfrei ablösen lässt, kann die Auflage kurz vor dem Wechsel mit physiologischer Kochsalz- oder Ringerlactat-Lösung durchfeuchtet werden.

Mit einem Wasseranteil von 60 bis 95 Prozent stärker wasserhaltig und daher besonders für trockene Wunden geeignet sind Hydrogele in Form transparenter Kompressen, mit oder ohn Fixierrand oder als Gel in einer Tube. Gele lassen sich in tiefere Wunden einbringen und weichen dort abgestorbenes Gewebe auf, was Mediziner auch als autolytisches Débridement bezeichnen. Der kühlende Effekt des Gels beruhigt die Wunde. Oberhalb des Gels wird sie mit Wundgaze oder Saugkompressen sekundär abgedeckt. Die durchsichtigen Hydrogelkompressen bestehen aus synthetischen, hydrphilen Polymeren und erlauben einen Blick auf den Zustand der Wunde. Blasen zeigen die Sättigun der Kompresse an. Dann, beziehungsweise nach zwei bis drei Tagen, wird sie gewechselt. Reste des Gels lassen sich mit physiologischer Kochsalzlösung entfernen. Hydrogele eignen sich nicht, um stark nässende, blutende sowie stark infizierte Wunden zu versorgen.

Alginate bilden ebenfalls stabile Gele und kommen deshalb innerhalb von Alginatkompressen bei stark nässenden Wunden mit oder ohne Infektion zum Einsatz. Sie bilden ein visköses Gel und können enorm aufquellen. Weil sie auch Zelltrümmer und Bakterien aufnehmen, sorgen sie gleichzeitig für eine natürliche Wundreinigung. Es gibt viele verschiedene Arten dieser Kompressen, unter anderem auch solche mit Silberionen, die sich durch einen antibakteriellen Effekt auszeichnen. Verwendet der Patient Alginatkompressen, braucht er zusätzlich einen Fixierverband. Alginate eignen sich nicht für Brandwunden oder sehr trockene und nekrotische Wunden.

Beispiele für verschiedene Wunden

  • Schürfwunden
  • Schnittwunden
  • Stichwunden
  • Platzwunden
  • Quetschwunden
  • Bisswunden
  • Verbrennungswunden
  • Wunden aufgrund von Erfrierungen
  • Wunden aufgrund von Strahlung
  • Chronische Wunden wie Dekubitus oder Unterschenkelgeschwür

Hydropolymorphe Schaumstoffkompressen mit und ohne Fixierrand bestehen aus einer semipermeablen Polymerschicht und einer saugfähigen Schaumkomponente aus Polyurethan. Ähnlich wie Alginatkompressen nehmen sie große Mengen an Wundflüssigkeit auf. Außerdem sorgen sie aufgrund ihrer Wasserdampf- und Sauerstoffdurchlässigkeit für ein ideales feuchtes Wundklima. Je nach Exsudatmenge kann der Verband mehrere Tage auf der Wunde verbleiben. Wichtig: Die Kompressen müssen auch die Wundränder bedecken. Für trockene, nekrotische Wunden sowie für tiefe oder stark infizierte Wunden eignen sich diese Kompressen nicht. Das Einsatzgebiet der Superabsor - ber liegt in der Wundreinigung. Wie der Name schon sagt, nehmen die Polyacrylatpartikel große Mengen an Flüssigkeit auf und bilden ein großvolumiges Gel, das auch Schmutzpartikel und Erreger aus der Wunde entfernt. Superabsorber werden bei akuten oder chronischen Wunden mit starker Exsudatbildung empfohlen. Zusammen mit Spüllösungen haben sie einen festen Platz in der Therapie bei Wunden, die schlecht heilen oder auch nach Hauttransplantationen.

Semipermeable Wundfolien sind keine saugfähigen Wundauflagen. Sie schützen die Wunde vor Infektion und verhindern, dass sie austrocknet. Sie eignen sich für Wunden mit geringer Sekretbildung und um andere Systeme zu fixieren. Ein guter Tipp für Patienten: Die Folien kleben auf behaarter Haut nur schlecht, und der Kleberand darf nur auf intakter Haut aufgebracht werden

Erstversorgung von Brandwunden

Kleine Verbrennungen sollten Betroffene mindestens fünf Minuten lang unter fließendem, nicht eiskaltem Leitungswasser kühlen. Verbrennungen des Schweregrads 1, wenn also nur die oberste Hautschicht betroffen ist, werden mit Panthenol-Spray beziehungsweise -Salbe, oder einem Brand- und Wundgel versorgt. Auch Gelverbände eignen sich. Wenn ­kleine Brandblasen geöffnet werden, dann bitte mit einer sterilen Nadel, um der Infektionsgefahr vorzu­beugen.

Chronische Wunden verhindern

Besonders wenn Patienten mit chronischen Erkrankungen, zum Beispiel Diabetiker oder Menschen mit Venen - erkrankungen, nach einer guten Heilsalbe fragen, ist der Rat von PTA oder Apotheker zur korrekten Wundversorgung sehr wertvoll. Die entstandene Wunde richtig beurteilen kann jedoch nur der Arzt. Versorgen Risikogruppen ihre Wunden allerdings frühzeitig korrekt, bleiben ihnen möglicherweise Wundinfektionen und chronische Prozesse erspart. Folgende Fragen sollten in der Beratungssituation in der Apotheke nie fehlen: Wie und wann ist die Wunde entstanden? Was haben Sie bisher unternommen? Muss ich bei meiner Empfehlung etwas beachten, zum Beispiel eine Allergie gegen Pflasterkleber oder eine chronische Erkrankung? Mit den richtigen Informationen gelingt die Beratung. /

Bei Wunden an Tetanus denken

Wunde ist nicht gleich Wunde. Tagtäglich fragen Patienten nach Pflastern und Desinfektionsmitteln zur Blutstillung und für den Wundschutz. Oftmals handelt es sich um kleine Schürf- oder Schnittwunden sowie Verletzungen. Doch unabhängig davon, wie groß die Wunde und wie sie entstanden ist, gilt generell: Ein wirksamer Tetanusschutz ist unabdingbar. Deshalb sollte das Apothekenteam die Patienten am besten daran erinnern, ihren Impfpass daraufhin zu kontrollieren und sich gegebenenfalls impfen zu lassen.