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Therapie mit Maden

Zwischen Ekel und Erstaunen

01.06.2017
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Von Isabel Weinert / Maden zur Wundheilung als modernes Therapieverfahren? Für Menschen mit chronischen Wunden ein möglicher Weg zur Heilung. Einer, der für seine Patienten unter anderem auf diese Behandlung setzt: Christian-Dominik Möller.

Der Chefarzt der Klinik für Dia­beto­logie und Ernährungsmedizin des Bürger­hospitals Frankfurt am Main erinnert sich an seinen ersten Kontakt mit Maden in Wunden: »Wir retteten damals einen Obdachlosen aus einer misslichen Lage. Als er zu uns kam, waren seine Unterschenkel­geschwüre voller Maden. Ohne unsere heutigen Erfahrungen mit Fliegenlarven hatten wir damals das Gefühl, sie würden ihn auffressen, aber erstaunlicherweise waren die Wunden total sauber.«

Eine Erfahrung, von der heute Patienten des diabetologischen Fußzentrums am Bürgerhospital in Frankfurt profitieren: »Über die Jahre habe ich bei meiner Arbeit hier erlebt, wie schwierig und gleichzeitig schmerzhaft es für die Patienten ist, die schmierigen, mit Bakterien besiedelten Beläge von den chronischen Wunden zu entfernen. Da greift man zu scharfen Löffeln, einer Kürette, einem Skalpell oder kratzt die Wunden regelrecht aus – alles sehr rustikal und limitiert durch den Schmerz des Patienten.« Eine Prozedur, die von chronischen Wunden betroffene Menschen mit Diabetischem Fußsyndrom oft mehrmals über sich ergehen lassen mussten. »Deshalb suchte ich nach Alternativen und kam quasi durch Zufall auf die Made.«

 

Möller bestellte steril gezüchtete Fliegenlarven. »Man kann sich die jungen Maden in einem Reagenzglas liefern lassen, sodass sie dann direkt auf die Wunde aufgebracht werden können.«

Kein direkter Kontakt

Der Diabetologe entschied sich jedoch für die andere Variante: »Hier werden die Maden in sogenannten Bio-Bags geliefert, in kleinen Beutelchen aus Kunststoffgewebe, aus denen es für die Made kein Entkommen gibt.« Ein Nährwürfelchen bewahrt die Larven vor dem Verhungern. Diese Beutel werden dann auf die Wunde gelegt, das heißt, die Maden brauchen für ihr Werk noch nicht einmal den direkten Kontakt zum Wundgewebe. Sie geben ein Sekret ab, eine Art Larvenspucke, die reich an Enzymen ist. »Die Maden fressen also nicht an den Wunden, sondern lösen mit ihrer Spucke das tote Gewebe auf. Das Sekret, das bei diesem Vorgang entsteht, trinken sie – und scheiden am Ende wiederum eine enzymreiche Flüssigkeit aus, die die Wundreinigung und später -heilung weiter unterstützt«, erklärt Möller. Der ganze Prozess bedingt, dass die Wunde vermehrt Sekret absondert. »Deshalb braucht es einen täglichen Verbandwechsel, damit die entstehende Wundflüssigkeit, die schädlich für den Heilungsprozess ist, aufgesaugt werden kann«, so der Experte.

 

Die Vorteile erkennen

Die Madentherapie als biochirurgische Methode kommt nur stationär zum Einsatz, da keine Krankenkasse die Kosten im ambulanten Bereich erstattet.

 

Anfänglichen Ekel überwinden die Patienten meist rasch. »Sie sehen schon nach ein bis zwei Tagen, wie die Wunde immer rosiger und sauberer wird, das motiviert, dranzubleiben.« Zudem schreckt beinahe jeder vor der zu Beginn genann­ten herkömmlichen Wundrei­nigung zurück.

 

Nach fünf Tagen haben die Maden ihr Gewicht verdreißigfacht: Die durchsichtig-weißen Minimaden haben sich in graue, dicke Würmchen verwandelt. Damit ist ihre Aufgabe beendet.

Für den Patienten geht die Therapie an der gesäuberten Wunde weiter: »Nach der Madentherapie sieht der Wundgrund sensationell aus«, schwärmt Möller. Er bietet die optimale Grund­lage, auf entstehendem Granulati­­ons­gewebe, Haut zu transplantieren, zum Beispiel vom Oberschenkel, oder die Wunde bei Eignung sekundär heilen zu lassen.

 

Apropos Eignung: Kommt die Therapie mit Maden für jeden Menschen mit chronischer Wunde in Frage? »Leider nicht«, antwortet der Chefarzt. »An aller­erster Stelle legen wir bei jedem Patienten eine Wundkultur an, damit wir das Keimspektrum auf der Wunde kennen.« Stellt sich zum Beispiel heraus, dass in der Wunde Pseudomonasbakterien überwiegen, haben die Maden keine Chance. Für sie sind diese Erre­ger echte Problemkeime. Anders, wenn sich besonders viele Staphylokokken in der Wunde tummeln: »Die Fliegenlarven kommen sehr gut gegen Staphylokokken an, und zwar auch gegen multiresistente Keime.« An dieser Stelle sind sie damit etlichen Antibio­tika gegenüber klar im Vorteil.

 

In Summe gibt Möller den Maden drei von drei Sternen: »Es handelt sich um eine saubere, beinahe nebenwirkungsfreie biologische Therapie, von der ausgewählte Patienten deutlich profitieren können.« Und das, obgleich bis heute nicht ins Detail geklärt ist, was genau die Maden anstellen, um dem Menschen zu helfen. /