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Burn-out-Prophylaxe

Die Kunst der Selbstsorge

11.01.2007
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Burn-out-Prophylaxe

Die Kunst der Selbstsorge

Mechthild Herberhold, Altena

Nicht nur gestresste Manager, sondern vor allem Menschen in helfenden und pädagogischen Berufen wie Krankenschwestern, Ärzte oder Lehrer sind extrem gefährdet, am Burn-out-Syndrom zu erkranken.

Die Erkrankung ist besonders tückisch, denn sie entwickelt sich schleichend. Fast unmerklich gerät der Betroffene in einen Zustand völliger Erschöpfung. Dann reichen ein paar freie Tagen für die Erholung nicht mehr aus. Je nach Erkrankungsgrad kann für die Regeneration eine mehrjährige Therapie erforderlich werden. Aus diesem Grund kommt der Prophylaxe eine besondere Bedeutung zu.

Bereits in den 1970er Jahren haben die Psychologen Herbert Freudenberger (1927 bis 1999) und Christina Maslach (*1946) solche Zustände bei Menschen in helfenden Berufen erkannt und beschrieben. Bald schon wurde ihnen klar, dass es sich nicht nur um ein rein psychisches Phänomen handelt. Der Zustand der seelischen Verausgabung äußert sich auf allen Ebenen der menschlichen Existenz. Die Menschen sind auch körperlich erschöpft, ihre geistigen Interessen, ihr spirituelles Leben und ihre sozialen Kontakte beeinträchtigt.

Burn-out erkennen

Manche Menschen reagieren zuerst körperlich, andere psychisch. Bei wieder anderen verändern sich zuerst die sozialen Beziehungen. Oder das Interesse an geistiger Beschäftigung lässt nach. Viele vernachlässigen die spirituelle Ebene. Das Ausgebranntsein fängt in einem Bereich an und greift auf die anderen über. Das Burn-out-Syndrom steht oft am Ende eines jahrelangen Prozesses. Die Gefahr des Burn-out ist nicht auf die helfenden Berufe beschränkt. Theoretisch kann es jeden treffen, je nach seiner Lebens- und Arbeitssituation. Die Symptome sind vielfältig. Körperlich reagieren die Betroffenen häufig mit Schmerzen, leiden unter Schlaflosigkeit und werden immer anfälliger für Krankheiten. Psychisch werden sie zunehmend reizbar, unsicher und zynisch; sie fühlen sich wertlos und leiden unter Versagensängsten. Manche Menschen ziehen sich aus ihren sozialen Beziehungen zurück oder sind ständig auf der Suche nach neuen Freunden und Bekannten. Andere können nicht mehr abschalten und identifizieren sich total mit ihren Patienten. Wieder andere schirmen sich durch eine innere Mauer vor den Problemen ihrer Mitmenschen ab.

Dieser Prozess geht bis zur »inneren Kündigung« am Arbeitsplatz und zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Partner. Einige Menschen fallen dadurch auf, dass sie kein Interesse mehr an anregenden Gesprächen oder Büchern haben. Die Inhalte, mit denen sie sich auseinandersetzen, werden immer anspruchsloser. Ihre Konzentrationsfähigkeit lässt nach. Auf der spirituellen Ebene sind der Verlust der eigenen Wertvorstellungen, ein ausgeprägtes Gefühl der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens oder auch Schuldgefühle zu nennen. Viele Menschen geraten in eine Krise bis hin zur tiefen Verzweiflung.

Alle Ebenen hängen eng zusammen, und die Symptome verstärken sich gegenseitig: Schlaflosigkeit macht reizbar, der Rückzug aus Beziehungen macht unsicher. Wichtig ist daher, bei Diagnose, Therapie und Prophylaxe alle fünf Bereiche in den Blick zu nehmen.

Probleme werden unterschätzt

Bisher gilt Burn-out in Deutschland nicht als eigene Krankheit. Dennoch handelt es sich um einen schwerwiegenden und folgenreichen Zustand. Im fortgeschrittenen Stadium brauchen Betroffene unbedingt therapeutische Hilfe.

Die meisten Menschen nehmen ihre Erschöpfung nicht ernst genug. Doch auch Freunde, Verwandte oder Arbeitgeber unterschätzen, wie gravierend und vehement die Krankheit sich auf alle Bereiche der menschlichen Existenz auswirkt. Gut gemeinte Ratschläge wie: »Fahr mal in Urlaub«, »Reiß Dich zusammen«, »Schlaf Dich mal wieder aus« sind keine Lösungen.

Mit Lob nicht geizen

Gesellschaftliche und persönliche Faktoren begünstigen das Entstehen der chronischen Erschöpfung. Viele Erwerbslose fühlen sich wertlos. In Zeiten steigender Arbeitslosenzahlen halten Menschen eine belastende Arbeitsplatzsituation oft über Jahre aus, weil sie fürchten, keinen neuen Job zu finden. Leistungsdruck, Ellbogenverhalten und fehlende soziale Anerkennung fördern das Ausbrennen. Auch ein noch so engagierter Lehrer erntet selten Lob.

Umbruchsituationen am Arbeitsplatz wie der Verkauf des Unternehmens verunsichern die Mitarbeiter und erhöhen das Burn-out-Risiko. Dasselbe gilt für Angestellte, die von ihren Vorgesetzten nur unzureichend unterstützt werden, ständig unter Zeitdruck stehen, einen geringen Entscheidungsspielraum haben, hohe Verantwortung tragen oder von den Kunden kaum Rückmeldungen bekommen. Besonders gefährdet sind Menschen, die an sich selbst überzogene Ansprüche stellen, die eigene Leistungsfähigkeit überschätzen und weder delegieren noch etwas liegen lassen können. Ähnliches gilt für diejenigen, die an ihre Mitmenschen unrealistische Erwartungen stellen. Die Realität wird immer hinter diesen Erwartungen zurückbleiben, die Folge sind ständige Frustrationserlebnisse. Gerade bei den besonders Eifrigen und Engagierten bemerkt meist niemand die Anfangssymptome des Ausbrennens. Überforderung genauso wie Unterforderung oder das unterschwellige Gefühl, am falschen Platz zu arbeiten, können dazu führen, dass Menschen sogar ihres Lebens überdrüssig werden.

Rechtzeitig vorbeugen

Stetige Prophylaxe ist für Burn-out-gefährdete Menschen dringend notwendig. Sie muss auf allen Ebenen ansetzen, auf denen sich Burn-out bemerkbar macht. Lediglich einmal etwas für sich zu tun, wenn man gerade nichts Besseres vorhat, reicht nicht. Es geht auch nicht darum, irgendwie über die Runden zu kommen. Burn-out-Prophylaxe ist vielmehr ein bestimmter Lebensstil mit positiver Zielrichtung, um ein zufriedenes Leben führen zu können. Von den Prophylaxe-Maßnahmen profitieren auch Menschen, die nicht unmittelbar Burn-out-gefährdet sind.

Eine gesunde Lebensführung tut nicht nur dem Körper gut. So bilden ausreichender Schlaf – und das nicht nur am Wochenende, regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und frische Luft die Basis des Wohlbefindens. Der Geist bleibt wach und rege durch Bücher, Zeitungen, Denksportaufgaben, Diskussionen über Gott und die Welt, Volkshochschulkurse oder Fortbildungen. Kleine Dinge wahrzunehmen, bewusst zu genießen und auch einmal nichts zu tun, hebt die Lebensfreude. Weil Menschen Beziehungswesen sind, tragen soziale Kontakte maßgeblich zur Zufriedenheit bei.

Eigene Werte definieren

Als Kraftquellen mit einem deutlichen spirituellen Anteil sind kreatives Gestalten, Lachen, Zeiten für sich allein, Entspannungs- und Atemübungen oder Musik zu nennen. Auch Meditation oder ein Gottesdienstbesuch zählen dazu. Nur wer die eigenen Kraftquellen kennt, kann bewusst daraus schöpfen. Wichtig ist zudem, sich über die eigenen Werte klar zu werden und das Leben mehr und mehr mit ihnen in Einklang zu bringen, etwa was den Stellenwert der eigenen Arbeit und der sozialen Kontakte betrifft. Denn durch chronischen Zeitmangel und zunehmende Gleichgültigkeit verkümmern auch gute Freundschaften.Am Arbeitsplatz trägt ein Klima gegenseitiger Anerkennung zur Burn-out-Prophylaxe bei. Immer noch viel zu häufig äußern Arbeitgeber und Kollegen untereinander Kritik. Stattdessen sollten sich gegenseitig bewusst machen, was gut läuft. Eine angenehme räumliche Umgebung, Möglichkeiten zur Fort- und Weiterbildung, Teambesprechungen oder flexible Arbeitszeiten fördern ein gute Arbeitsatmosphäre. In einem solchen Klima zählen Menschen nicht nur als betriebswirtschaftliche Faktoren, sondern werden mit ihren Ideen, Grenzen und Möglichkeiten akzeptiert.

Jeder Einzelne ist aufgerufen, durch viele kleine Schritte seinen Beitrag dazu zu leisten, dass sich etwas ändert. Jede einzelne Reaktion prägt das Klima mit, und scheinbar kleine Schritte bewirken oft viel. Ein solcher Schritt ist zum Beispiel, einen Menschen unabhängig von seinem Beruf wertzuschätzen, sich der Ellbogenmentalität mancher Kollegen durch rücksichts- und respektvolles Verhalten entgegenzustellen, die Leistung der Frauen bei der Erziehung ihrer Kinder oder der Pflege von Familienangehörigen anzuerkennen und zu akzeptieren, wenn die bisher hilfsbereite Freundin auch mal nein sagt. Alle genannten Beispiele gehören zu einer achtsamen und konsequenten Prophylaxe. Sie sind kein Luxus, sondern für die Menschen lebensnotwendig.

In den Anfangsphasen des Burn-out-Syndroms mag eine längere Auszeit wie eine Kur oder ein Sabbatjahr ausreichen, damit sich der Erkankte regeneriert. Im fortgeschrittenen Stadium ist eine längere psychotherapeutische oder soziopsychosomatische Therapie unerlässlich. Gegebenenfalls müssen Arzneimittel die Behandlung unterstützen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Eine umfassende Behandlung braucht Zeit und ist keine Reparatur, denn schließlich ist der Mensch keine Maschine. Was sich über Monate und Jahre entwickelt hat, braucht lange bis zur Heilung. Der Therapeut muss seinem Patienten zunächst helfen, die auslösenden Faktoren seiner Erkrankung zu identifizieren. Für manche Faktoren gilt es, neue Strategien zu entwickeln, etwa die anfallende Arbeit klarer einzuteilen oder sich jede Woche bestimmte Zeiten für die Freunde frei zu halten. Andere Faktoren müssen dagegen grundlegend verändert werden. So kann beispielsweise der Wechsel des Arbeitsplatzes sinnvoll sein.
Ähnlich wie bei der Prophylaxe ist auch das Ziel einer jeden Therapie, den Lebensstil umzustellen und das gesamte Lebenskonzept zu verändern. Denn nur so kann man der Gefahr des Ausbrennens wirksam und dauerhaft begegnen.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Mechthild Herberhold
Lennestraße 91
58762 Altena
herberhold(at)ethik-konkret.de