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Raucherentwöhnung

Endlich dunstfrei

02.01.2008  15:44 Uhr

Raucherentwöhnung

Endlich dunstfrei

Désirée Kietzmann, Berlin

Wissenschaftler entdecken immer mehr gesundheitliche Schäden, die das Rauchen verursachen kann. Doch trotz zahlreicher Gründe fällt den meisten Rauchern das Aufhören sehr schwer. Die Hilfsangebote, dem blauen Dunst zu entsagen, nehmen stetig zu.

Das Rauchen ist der Deutschen liebstes Laster. Ein Drittel der Erwachsenen in der Bundesrepublik raucht, 74 Prozent von ihnen täglich. Das sind im Verhältnis zu den 10 Millionen Deutschen, die zu viel Alkohol trinken, mehr als doppelt so viele Konsumenten. Beide Drogen erfreuen sich bei Jugendlichen zunehmender Beliebtheit. Ihre erste Zigarette rauchen Kinder mit durchschnittlich 13 Jahren. Der Anteil der 12- bis 18-jährigen Raucher steigt seit Jahren kontinuierlich an. Besonders Mädchen greifen heutzutage zum Glimmstängel.

Nikotin führt zu körperlicher und psychischer Abhängigkeit. Die Sucht hinter sich zu lassen, fällt den meisten Menschen schwer. Fast ein Drittel aller Raucher hat schon einen oder mehrere Aufhörversuche hinter sich. Vielen fehlt es auch an der nötigen Motivation. So gaben in einer Umfrage 40 Prozent der Raucherinnen an, aus Angst vor einer Gewichtszunahme das Rauchen beizubehalten.

Kein Mangel an Gründen

Die gesundheitlichen Spätfolgen des Rauchens stehen laut Angaben des Robert-Koch-Instituts in den Industrieländern als vermeidbare Todesursache an erster Stelle. Allein in Deutschland sterben jährlich 140.000 Menschen an den Folgen des blauen Dunstes. Seit 2003 müssen Zigarettenhersteller auf ihren Packungen vor einigen der über 50 mit dem Rauchen assoziierten Krankheiten warnen. Und die Wissenschaftler werden nicht müde, immer neue Auswirkungen aufzudecken: Rauchen macht die Zähne nicht nur gelb, sondern auch wackelig. Denn der Tabakkonsum beeinträchtigt das Immunsystem und die Durchblutung im Mundraum. Erreger haben ein leichtes Spiel, und das Zahnbett entzündet sich. Weniger als eine halbe Packung am Tag erhöht das Risiko für eine Parodontitis um das Dreifache. Ähnlich wie beim Lungenkrebs lohnt sich das Aufhören auch hier: Nach elf Jahren Abstinenz ist die Gefahr so gering wie bei Nichtrauchern.

Rauchen kann im wahrsten Sinne des Wortes auch ins Auge gehen. Denn Forscher fanden heraus, dass Raucher ein doppelt so hohes Risiko haben, an altersbedingter Makuladegeneration (AMD) zu erkranken. Bei dieser Netzhauterkrankung kommt es zu einer fortschreiten-den Sinneszellschädigung an der Stelle des schärfsten Sehens, dem gelben Fleck (Makula).

Nicht nur für den Raucher selbst, sondern auch für den potenziellen Nachwuchs ist die Sucht gefährlich. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin warnt vor potenziellen Erbschäden durch mutierte Spermien. Je länger ein Mann geraucht habe, desto größer sei die Zahl der veränderten Samenzellen. Auch das Gehirn bringt der Glimmstängel offenbar zum Schrumpfen. Eine Studie der Berliner Charité ergab, dass Raucher ein kleineres Gehirn als Nichtraucher haben. Insbesondere die Zellen der Regionen, die für Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen verantwortlich sind, werden abgetötet.

Ein schwieriger Weg

Dies sind nur einige von vielen Gründen, das Rauchen aufzugeben. Dennoch schafft es nur ein Bruchteil der Raucher, die Zigarette dauerhaft aus dem Leben zu eliminieren. Der Spontanentschluss zur Abstinenz führt nur in 3 Prozent der Fälle zum Erfolg. Mit einer Nikotinsubstitution schaffen es 10 bis 15 Prozent der Patienten, zwölf oder mehr Monate rauchfrei zu bleiben. Da nicht nur der Körper sondern auch die Psyche eine entscheidende Rolle spielt, ist die Verhaltenstherapie ein oft beschrittener Weg. Er hilft einem Viertel aller Betroffenen. Durch die Kombination der beiden Verfahren lassen sogar 35 Prozent dauerhaft die Finger von Zigaretten.

Die gesundheitsschädliche Wirkung der Zigaretten geht bekanntermaßen nicht vom Nikotin allein aus. So besitzen einige der im Rauch enthaltenen Substanzen nachweislich kanzerogene Eigenschaften. Das Ziel der Nikotinsubstitution ist es deshalb, zunächst einmal die Nikotinsucht vom Glimmstängel abzukoppeln und somit unter anderem das Lungenkrebsrisiko zu reduzieren. Die Nikotinzufuhr verhindert die Entzugssymptome, die bei einem abrupten Absetzen das Rückfallrisiko enorm steigern. Die schrittweise Reduktion der Dosis soll die Entwöhnung erleichtern.

Seit acht Jahren wird Bupropion, ein Wirkstoff der die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin hemmt, zur Raucherentwöhnung eingesetzt. Nach neuesten Erkenntnissen scheint die Substanz je nach Enzymausstattung von Mensch zu Mensch unterschiedlich gut zu wirken. Seit März dieses Jahres steht der Arzneistoff Vareniclin zur Verfügung. Er blockiert die Acetylcholinrezeptoren im Gehirn, an denen Nikotin normalerweise bindet, führt jedoch selbst zu einer viel geringeren Dopaminausschüttung. Das Belohnungssystem wird somit in geringerem Ausmaß aktiviert, fällt aber nicht wie beim kalten Entzug vollkommen aus. Da in den USA bei Patienten, die mit dem Präparat behandelt wurden, vermehrt Depressionen auftraten, hat die FDA den Ärzten empfohlen, die Stimmungsschwankungen der Patienten genau zu beobachten. Ob die Symptome tatsächlich dem Wirkstoff oder aber dem Nikotinentzug generell zuzuordnen sind, wird noch geprüft.

Neue Hoffnung durch Impfung?

Einen ganz anderen Ansatz verfolgen Forscher in den USA, Großbritannien und der Schweiz. Sie arbeiten an einem Impfstoff gegen das Rauchen. Durch Kombination des Nikotins mit dem Eiweiß eines Krankheitserregers wird der Körper auch gegen das Nikotin immun. Nach Genuss einer Zigarette fangen die gebildeten Antikörper das Nikotin ab, und seine Wirkung bleibt aus. Das Serum wird derzeit an Menschen getestet und könnte in drei Jahren auf den Markt kommen.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
desireekietzmann(at)gmx.de