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Krebs

Gutes Aussehen stärkt Selbstvertrauen

22.12.2008  10:50 Uhr

Krebs

Gutes Aussehen stärkt Selbstvertrauen

von Annette Behr

Die Diagnose Krebs ist ein Schock für jeden Betroffenen und die Angehörigen. Danach ist nichts mehr so, wie es war. Verlieren sie durch die Therapie mit Zytostatika ihre Haare, belastet das die Krebspatienten zusätzlich. In speziellen Kosmetikseminaren gewinnen die Frauen wieder mehr Selbstsicherheit.

Rund 200.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich neu an Krebs. Die Auswirkungen der Diagnose auf Körper und Seele sind schwer zu bewältigen. »Wer Krebs hat, zieht sich in den meisten Fällen erst einmal zurück und findet zunächst alles sinnlos«, berichtet Professor Dr. Manfred Kaufmann, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe des Klinikums der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main in einem Interview über DKMS-Life. Kaufmann weiß um die Schwierigkeiten, die an Krebs erkrankte Frauen belasten. Denn die meisten Patientinnen leiden zusätzlich unter äußerlichen Veränderungen, auch wenn diese wieder vorübergehen. Der Verlust ihrer Haare bedeutet für die meisten Frauen einen Verlust an Attraktivität. Wenn Haare, Wimpern und Augenbrauen ausfallen und sich die Haut schuppt, fühlen sich viele Frauen durch die Krankheit gezeichnet und verlieren mehr und mehr an Selbstsicherheit. 

Frauen, die etwas für ihr Aussehen tun, stärken damit ihre Psyche. »In den Kosmetikseminaren geht es um viel mehr als nur um Make-up. Ein wichtiger Aspekt ist die Kommunikation mit anderen Betroffenen. Zusätzlich gewinnen die Patientinnen ein Stück Normalität und Unbeschwertheit, frei von den Gedanken an die Krankheit und den Klinikbetrieb«, beschreibt Kaufmann die positiven Auswirkungen der Kosmetikseminare der DKMS-Life. 

Das Programm der DKMS-Life

DKMS-Life ist eine Tochter der 1991 gegründeten gemeinnützigen Gesellschaft Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Im Kampf gegen den Krebs entstand 1995 ein weiteres Projekt, das seit 2005 »DKMS-Life: Freude am Leben« heißt und unter anderem Kosmetikseminare für Krebspatientinnen anbietet. Die Seminare wurden nach dem amerikanischen Vorbild »Look good, feel better...« entwickelt. Das deutsche Pendant ist seit seiner Entstehung flächendeckend erfolgreich. In Zusammenarbeit mit Kliniken und Beratungsstellen, sozialen und medizinischen Einrichtungen veranstaltet die Organisation jährlich 850 Workshops. Bis heute haben über 67.000 Krebspatientinnen an dem Programm teilgenommen. 

DKMS-Life hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, Krebspatientinnen während und nach der Therapie Hilfe zur Selbsthilfe im Umgang mit äußeren Veränderungen und Problemen anzubieten. In Kosmetikseminaren erhalten die betroffenen Frauen professionelle Tipps zur Gesichtspflege, zum Schminken sowie zum Thema Kopfbedeckungen. Dabei liegen dem Programm drei Leitsätze zugrunde. Die Seminare sind

  • für die Patientinnen kostenlos, 
  • nicht medizinisch, 
  • produktneutral, das heißt, sie werden zu keinerlei Produktwerbung genutzt.

Damit für die Teilnehmerinnen keine Kosten entstehen, ist die DKMS auf Sachspenden sowie auf die Mitarbeit der Angestellten von Kosmetikherstellern angewiesen, die für diese Tätigkeit von ihren Arbeitgebern freigestellt werden. »Jede Unterstützung, ob groß oder klein, ist unentbehrlich, um das Programm zu realisieren und flächendeckend in Deutschland anzubieten«, sagt Claudia Rutt, Geschäftsführerin der DKMS. Der Umgang mit den Patienten ist für sie ein persönlicher Gewinn. Den betroffenen Frauen soll ein Stück Hoffnung, Würde und Lebensqualität geschenkt werden. Rutt weiß: »Es ist wichtig, dass man sich trotz Krankheit nicht aus den Augen verliert.«

Sechs Teilnehmerinnen treffen sich beim Kosmetikseminar der DKMS-Life an der Berliner Charité. Sie haben ihre Haare, zum Teil auch die Augenbrauen und Wimpern verloren. Mehrere tragen Perücken. Sie sitzen zunächst still an kreisförmig angeordneten Tischen. Kosmetiktücher, Pads, Puderquasten und Pinsel liegen neben Standspiegeln und Kaffeetassen. Die Kosmetikerinnen Anja Preuss und Catrin von Pabrutzki übergeben jeder Teilnehmerin des Seminars gelbe Taschen mit dem Sonnenblumen-Logo der Stiftung. »Die Sonnenblume wurde für das Programm gewählt, weil sie als Symbol für Lebensfreude steht«, erklärt von Pabrutzki. Die Taschen sind gefüllt mit verschiedenen Originalprodukten renommierter Kosmetikfirmen: Reinigungsmilch, Tonic-Water, Eyeliner, Make-up, Puder, Lippenstifte. Jede Tasche enthält unterschiedliche Produkte. 

»Zunächst reinigen wir die Haut mit Thermalwasser, um sie von Schlackenstoffen zu befreien«, schlägt Anja Preuss vor. Danach tragen die Frauen eine pflegende Creme als Unterlage für das Make-up auf. Es folgt eine Einweisung im Schminken. Im Umgang mit Farbstiften und Pinseln haben einige Frauen Erfahrung, andere nicht. Die Kosmetikerinnen schauen zu und geben einfühlsam Tipps, zum Beispiel wie sich haarlose Augen größer schminken lassen: »Ein Lidstrich macht das Auge größer.« Nicht vorhandene Augenbrauen nachzumalen, sei nicht einfach, stellt eine Teilnehmerin fest. Mit einem sanften Braun strichelt die Kosmetikerin ihr die Augenbraue nach und meint: »Die Augenbrauen rahmen das Gesicht wie ein Bilderrahmen das Bild.«

Sich etwas Gutes tun

Waren einige Teilnehmerinnen noch zu Beginn skeptisch, lächeln sie jetzt alle zufrieden. Für einige ist es seit langer Zeit das erste Mal, sich etwas Gutes zu tun. Jede Frau findet hier ihren eigenen Stil. Nach anfänglicher Zurückhaltung werden die Frauen redseliger. Die Kosmetikerinnen geben unterstützende Hilfen. Die Atmosphäre im Raum hat sich verändert: Es ist zu spüren, wie sehr einige Teilnehmerinnen es genießen, einmal selbst im Mittelpunkt zu stehen. Sie vergleichen Produkte, Farbtöne und lauschen den Ratschlägen der Kosmetikerinnen. Es werden Komplimente und Lippenstifte ausgetauscht und über Farben und Farbtypen philosophiert. Die Abrundung eines jeden Make-ups ist das Rouge, erfahren die Frauen durch die Expertinnen. Preuss erklärt, wo und wie das Wangenrot richtig platziert wird.

Wohlwollen und Dankbarkeit zeigen sich auf den entspannten Gesichtern der Teilnehmerinnen. Sie haben kaum mehr Berührungsängste. Fast wie beim Kaffeeplausch reden sie über Perücken und Kopfbedeckungen. Die meisten Frauen entscheiden sich für eine Perücke. »Die Perücke sollte nach Möglichkeit vor der ersten Chemotherapie gekauft werden«, weiß eine Frau zu berichten. Dann kann man die Haarfarbe passend zur natürlichen Farbe aussuchen.

Es muss auch nicht immer eine teure Echthaarperücke sein, mittlerweile ist die Qualität der Kunsthaarperücken ebenfalls sehr gut. Wer einen Anbieter sucht, findet im Internet unter den Begriffen »Zweithaarspezialist« oder »Fachgeschäft für Perücken« entsprechende Händler. Der Weg in ein gutes Fachgeschäft lohnt sich. Die Spezialisten überprüfen, welche Kosten die Krankenkasse übernimmt, denn die Erstattungsbeiträge variieren unter den Kassen stark. 

»Ich will keine Perücke mehr tragen, darunter juckt der Kopf zu sehr«, sagt eine Teilnehmerin. Sie trägt ein gekonnt gewickeltes Tuch. Eine Alternative zur Perücke sind schicke Kopftücher, die in vielen Varianten und Kombinationen gebunden werden können. Schließlich trugen schon Audrey Hepburn und Sophia Loren elegant gewickelte Tücher aus Seide um Kopf und Hals geschlungen. Diese Tücher nannten sich extravagant »Foulard«. Wegen ihrer Hautfreundlichkeit eignen sich reine Seide, Baumwolle und Viskose als Materialien für Kopftücher. Tücher aus synthetischen Materialen lassen sich schlechter fixieren und verrutschen leicht. Die Wickeltechniken für Tücher können Interessierte ebenfalls in Kursen der DKMS-Life erlernen. 

Die Seminare ermöglichen den krebskranken Frauen eine Auszeit. Sie dürfen Frau sein, gönnen sich etwas Gutes für Haut und Seele. Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft und verbindet. Die Frauen gewinnen Selbstsicherheit zurück und finden neuen Lebensmut. Ihr gepflegtes und attraktives Aussehen stärkt sie, denn der kritische Blick in den Spiegel beweist: Sie sehen gut aus – trotz ihrer Krebserkrankung.

Informationen aus dem Internet

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
blaubehr(at)gmx.net