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Artenschutz

Heilpflanzen in Gefahr

22.12.2008
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Artenschutz

Heilpflanzen in Gefahr

von Daniela Biermann, Frankfurt am Main

Naturheilkunde ist bei vielen deutschen Patienten beliebt. Doch die erhöhte Nachfrage gefährdet den Bestand von Kapland-Pelargonie, Arnika und Co.

In der Erkältungszeit bauen viele Patienten auf die Kraft der Kapland-Pelargonie. Etwa 80 Millionen Euro Umsatz machte die Firma Spitzner 2006 laut Medienberichten mit dem Verkauf des pflanzlichen Immunstimulanz (Umckaloabo®), einem Extrakt aus den Wurzeln der Kapland-Pelargonie. Doch ihr Ruhm schadet der Pflanze aus dem Süden Afrikas. 

»Die Handelszahlen haben einen großen und zwar negativen Effekt auf das Vorkommen«, sagte der Agrarwissenschaftler David Newton auf einer Veranstaltung des Naturschutzverbands World Wide Fund for Nature (WWF). Der Brite ist für die Umweltschutzorganisation Traffic in Südafrika und Lesotho unterwegs. Dort untersucht er das Vorkommen der Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides) und das Ausmaß des Handels mit der Arzneipflanze. Seit Anfang dieses Jahrzehnts entnehmen Einheimische aus Wildbeständen exzessiv die Wurzeln der Pflanze für die Herstellung von Umckaloabo. Oft handeln sie dabei unüberlegt.

Newton schätzt, dass die Pflanze nach Entfernung der Hauptwurzel etwa sieben Jahre braucht, bis sie sich wieder erholt hat. »Im Moment wird zu oft in denselben Gebieten geerntet.« Deshalb entwickelt der Agrarwissenschaftler zusammen mit den örtlichen Gemeinden derzeit einen Plan, wie die Wurzeln sinnvoll gesammelt werden können oder ob die Kapland-Pelargonie auch angebaut werden kann. Das Projekt wird unterstützt vom Umckaloabo-Hersteller Spitzner, einer Tochterfirma der Dr. Willmar Schwabe Arzneimittel.

Die Industrie sei bereit, in nachhaltige Projekte zu investieren, so Susanne Honnef, Leiterin des Heilpflanzenprojekts vom WWF. Denn der pharmazeutischen Industrie werden die Rohstoffe knapp. Etwa 20 Prozent der mehr als 50 000 zu Heilzwecken genutzten Pflanzenarten weltweit gelten als gefährdet. »Das Aussterben wichtiger Heilpflanzen wäre eine ökologische, soziale, medizinische und nicht zuletzt auch ökonomische Katastrophe«, sagte Honnef.

Auch europäische Pflanzen betroffen

Dabei trifft es nicht nur so exotische Pflanzen wie die Kapland-Pelargonie. Auch die von Südskandinavien bis zum Mittelmeer verbreitete Arnika ist in ihrem Bestand gefährdet. Sie ist eine der meistverwendeten Heilpflanzen Europas. In der Phytotherapie wird sie seit Jahrhunderten gegen Entzündungen, Prellungen und rheumatische Beschwerden eingesetzt. Doch der Anbau ist schwierig und unwirtschaftlich. Daher stammen die Rohstoffe für Arnikapräparate fast ausschließlich aus Wildsammlungen, meist aus Südosteuropa. 

Ebenfalls gefährdet ist das bei Husten und Heiserkeit beliebte Isländische Moos. Der Name täuscht: Früher war das Moos in ganz Europa und Nordamerika in Berg-, Moor- und Tundraregionen verbreitet. Da es ebenso wie Arnika nicht angebaut werden kann, haben die unkontrollierten Wildsammlungen, zusammen mit dem Lebensraumverlust sowie der Luftverschmutzung zu einem Rückgang der Bestände geführt. Hinzu kommt, dass immer weniger Sammler bereit sind, für Niedriglöhne zu arbeiten. 2005 erhielten Sammler in Rumänien umgerechnet 0,38 US-Dollar pro Stunde. 

Fairer Handel gefördert

Manche Hersteller seien aufgrund von Lieferschwierigkeiten schon an den WWF herangetreten, berichtete Honnef. Der WWF setzt sich für die nachhaltige Nutzung dieser Pflanzen ein. Dabei zähle nicht nur der ökologische Aspekt, sondern auch der faire Handel, da Wildsammlungen in manchen Regionen die wirtschaftliche Grundlage der Bevölkerung bilden. 

Zum Beispiel läuft in Namibia ein Projekt zur Sammlung der Teufelskralle (Harpagophytum procumbens). Extrakte aus den Speicherknollen der Pflanze sind ein beliebtes Rheumamittel in Europa. »Für die große Nachfrage reichen jedoch die traditionellen Sammelmethoden nicht aus«, erklärte Artenschutzexperte Frank Barsch vom WWF. Den oft in Armut lebenden Sammlern seien die Ressourcen egal, und der Anbau sei noch unökonomisch. Ein Sammler erhält etwa 1 bis 1,50 Euro pro Kilogramm getrocknetes Pflanzenmaterial. Das entspricht etwa 10 Kilogramm Frischpflanze. »Das ist selbst im Süden Afrikas nicht viel Geld«, gab Barsch zu bedenken. Zum Beispiel gingen von einem Fertigpräparat, das in Europa 15 Euro kostet, umgerechnet etwa 20 Cent an die Sammler. In dem Projekt des WWF lernen die Einheimischen, wie sie die Pflanze schonend ernten. Die Seitentriebe können alle vier Jahre geerntet werden, während die Hauptwurzel stehen bleibt. Zudem erhalten die Sammler eine faire Entlohnung, die ihnen den Lebensunterhalt garantiert.

Standards formuliert

Zusammen mit dem Bundesamt für Naturschutz und weiteren Organisationen entwickelt der WWF zurzeit ein Gütesiegel für pflanzliche Präparate aus Wildsammlungen. Voraussichtlich in zwei bis fünf Jahren können Hersteller von Phytopharmaka oder auch von Heilpflanzentees das sogenannte FairWild-Siegel erwerben. Dann müssen sie allerdings die von der Weltnaturschutzunion (IUCN, International Union for Conservation of Nature) entwickelten Standards erfüllen. Dabei spielen unter anderem der Schutzstatus der Pflanze, Erntemethoden und -mengen eine Rolle.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
Biermann(at)govi.de