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AM-Therapie für Kinder

Kleine Patienten mit großen Ansprüchen

22.12.2008  10:36 Uhr

AM-Therapie für Kinder

Kleine Patienten mit großen Ansprüchen

von Luise Mansel, München

Seit Juli 2008 müssen Arzneimittel vorder Zulassung ein Pädiatrisches Prüfkonzept durchlaufen, wenn dieAnwendung bei Kindern nicht ausgeschlossen werden kann. Da dieseVerpflichtung nicht für bereits zugelassene Arzneimittel gilt, ist der Anteil der an Kindern untersuchten Arzneisubstanzen derzeit noch gering. Solange müssen PTA oder Apotheker das Manko durch fachkundige Beratung ausgleichen.

Dieser wichtigen Thematik hat sich das Phyto-Netzwerk-München zusammen mit dem Bundesverband der PTA (BVpta) in einer Fortbildungsveranstaltung in München angenommen. Über die Besonderheiten der kleinen Patienten und die Konsequenzen für die Arzneimitteltherapie referierte Offizinapotheker Marcus Neugebauer aus Westerstede. 13 Prozent der im ambulanten Bereich verwendeten Arzneimittel für Kinder würden nicht in der zugelassenen Dosierung oder Indikation und nicht in einer kindgerechten Darreichungsform eingesetzt, so Neugebauer. Im stationären Bereich steige der Anteil auf 67 Prozent, bei Neugeborenen gar auf 90 Prozent. Der Einsatz eines Medikaments bei einer nicht in der Fachinformation aufgeführten Altersgruppe bedeutet einen zulassungsüberschreitenden Einsatz (Off-Label-Use) mit den sich daraus ergebenden haftungsrechtlichen Konsequenzen. 

Doch das Schattendasein, das Kinder in der Arzneimitteltherapie bisher geführt haben, nähere sich dem Ende, berichtete der Apotheker. Auf die seit Januar 2007 geltende EU-Verordnung für Kinderarzneimittel folgte im Juli 2008 eine Forderung für neu zuzulassende Arzneimittel: Reicht ein Hersteller seine Unterlagen für die Zulassung eines neuen Arzneimittels ein, muss er Untersuchungen an Kindern nachweisen. Diese Prüfung kann entfallen, wenn die Indikation des neuen Arzneimittels die Anwendung an Kindern ausschließt. 

Studien an Kindern problematisch 

Verständlicherweise stehen Studien an Kindern ethische Bedenken entgegen. Eine Teilnahme des eigenen Kindes an einer solchen Arzneimittelprüfung lehnten die meisten Eltern ab. Außerdem seien die Studien auch deswegen schwierig, weil Kinder ein sehr inhomogenes Kollektiv darstellen. Grundsätzlich unterscheide man bis zur Volljährigkeit fünf verschiedene Altersstufen:

  • das Frühgeborene, das vor dem berechneten Termin geboren ist, 
  • das Neugeborene in den ersten 28 Lebenstagen, 
  • das Kleinkind von 2 bis 23 Monaten, 
  • das Kind von 3 bis 11 Jahren und 
  • den Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren. 

Von Stufe zu Stufe veränderten sich Resorption und Elimination von Arzneistoffen, unter anderem in Abhängigkeit von der Zusammensetzung des Körpers, zum Beispiel vom prozentualen Wasseranteil, informierte Neugebauer. Im ganz frühen Lebensalter sorgt, beispielsweise eine noch nicht voll ausgeprägte Magensäure- und Galleproduktion für eine langsamere Magen-Darm-Passage. Dies beeinflusse die Verfügbarkeit oral verabreichter Wirkstoffe. Die gesteigerte renale Elimination bei Kindern berge das Risiko einer Unterdosierung. Hinzu kämen Complianceprobleme, viele Kleinkinder protestierten gegen die Einnahme eines bitter schmeckenden Saftes oder wehrten sich gegen das Einführen eines Zäpfchens. 

Kindgerechte Darreichungsform 

»Die gängige Dosierungsanweisung heißt meistens: bei Kindern entsprechend weniger«, sagte Neugebauer. Doch man könne die Dosis nicht einfach linear reduzieren. Das gewährleiste keine therapeutisch wirksame Dosierung und verringere nur unzureichend das Nebenwirkungspotential. Weder Gewicht noch Alter seien geeignete Bezugsgrößen für die Dosisfindung. Am genauesten errechne man diese mit der Körperoberfläche, weil diese Größe am besten mit der Wasser-Fett-Verteilung im kleinen Organismus korreliert, erläuterte Neugebauer. 

Nach einer Übersicht der Fachzeitschrift für Kinderärzte »Paediatrics« von 1987 werden 55 Prozent aller Arzneimittel bei Kindern überdosiert und 27 Prozent unterdosiert. Zu den weiteren Medikationsfehler zählen mit 6 Prozent die Gabe eines falschen Arzneimittels, mit 3 Prozent eine Unverträglichkeit und mit 2 Prozent die verkehrte Anwendung. Ob Kinder ihr Arzneimittel einnehmen, hängt von der geeigneten Darreichungsform aber auch von der Geduld und der Einsicht der Eltern ab. Für die korrekte Anwendung eines Arzneimittels trägt nach der Berufsordnung der Apotheker die Verantwortung. Neugebauer empfahl, Kinder so früh wie möglich, auf jeden Fall ab dem Schulalter, in die Beratung mit einzubeziehen. Solange die Kinder klein sind, müssen PTA oder Apotheker die Eltern überzeugend beraten und sie auf mögliche Fehler bei der Anwendung eines Arzneimittels hinweisen. 

Für Kinder aller Altersstufen geeignet  sind oral einzunehmende Flüssigkeiten, also Säfte und Tropfen. Ältere Kinder und Jugendliche nehmen auch gerne feste Oralia, die jedoch nicht immer in der geeigneten Dosierung verfügbar sind. PTA oder Apotheker sollten nur dann Zäpfchen empfehlen, wenn das Kind die rektale Applikation akzeptiert. Bei Augen- und Ohrentropfen darf der Hinweis nicht fehlen, dass die Eltern die Tropfen nicht kühlschrankkalt anwenden sollten, sondern auf Raumtemperatur angewärmt. 

Bei Nasentropfen und -sprays sollte jedes Kind sein eigenes Fläschchen erhalten, um die gegenseitige Ansteckung zu vermeiden. Ölige Nasalia seien für Kleinkinder wegen der Gefahr einer Lipidpneumonie nicht geeignet, so der Apotheker. Kleineren Kindern können die Eltern Nasentropfen gut im Liegen verabreichen, wobei der Kopf des Kindes etwas tiefer hängen sollte als die Schultern. Sprays können Kinder erst dann selbst anwenden, wenn ihre Koordinationsfähigkeit genügend gut entwickelt ist. Bei Sprays könne das Kind sitzen und müsse beim Sprühen das nicht behandelte Nasenloch zuhalten, so Neugebauer.

Zum Auftragen von Salben, Cremes und Lotionen eignen sich Tupfer oder Wattepads. Die richtige Anwendung von Arzneimitteln zur Inhalation muss gut eingeübt und bei längerem Gebrauch gelegentlich überprüft werden. »Apotheker und PTA sollten sich dabei durchaus mit ihren Fachkenntnissen einbringen«, riet der Referent. Sie könnten sich nicht darauf verlassen, dass in der Arztpraxis ausreichend Zeit zur Verfügung stand, um den Eltern die Anwendung des Inhalationsgeräts ausführlich zu erklären. Außerdem könne sich niemand alles merken, was ihm nur einmal gesagt wurde. 

Guter Rat aus der Apotheke

In den meisten Fällen suchen Eltern mit einem kranken Kind zuerst den Arzt auf, so dass dieser über Arzneiform und Dosierung entscheidet. Doch auch bei der Abgabe eines verordneten Arzneimittels ergeben sich Gelegenheiten für einen nützlichen Rat. So können PTA oder Apotheker Eltern mit einem fiebernden Kind daran erinnern, dass die Raumtemperatur im Schlafzimmer des Kindes niedrig sein sollte und dass sie das Kind nicht zu warm eingepackt ins Bett bringen. Vor allem bei grippalen Infekten gilt: Regelmäßiges reichliches Trinken ist wichtig. Auch bei Durchfall und Erbrechen steht der Flüssigkeitsersatz im Vordergrund. Ein sechs Kilogramm schweres Kind verliere beispielsweise durch zehn dünnflüssige Stühle etwa ein Achtel seines Körperwassers beziehungsweise 8 Prozent seines Gewichtes, informierte Neugebauer. Zum Vergleich: Ein Erwachsener verliert in der selben Situation nur ein Achtzigstel des Wassers oder 0,8 Prozent des Gewichtes. 

Vor einem Problem stünden Eltern, wenn ihr Kind über Bauchschmerzen klagt. Schmerzen nennen Kinder oft grundsätzlich »Bauchweh«. Also müssten die Erwachsenen nachfragen, wo es am meisten weh tut. Bei älteren Kindern komme auch Stress als Ursache in Frage.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
luise.mansel(at)t-online.de