PTA-Forum online
Interview

Wie Zaubern Kindern hilft

22.12.2008
Datenschutz

Interview

Wie Zaubern Kindern hilft

PTA-Forum / Die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Annalisa Neumeyer war lange Jahre als Heilpädagogin tätig und hat sich zusätzlich zur Hypnotherapeutin ausbilden lassen. Darüber hinaus entwickelte sie eine neue Therapieform, in der sie hypnotherapeutische Ansätze mit der Zauberkunst verbindet.

PTA-Forum:Seit wann arbeiten Sie als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche? 
Neumeyer: Als Kindertherapeutin arbeite ich seit 1982. Selbständig und in einer eigenen Praxis für therapeutisches Zaubern bin ich seit 1993 tätig.

PTA-Forum:Wie kamen Sie auf die Idee, die Zauberei als therapeutisches Mittel einzusetzen?
Neumeyer: Vor vielen Jahren arbeitete ich mit einem 11-jährigen Jungen, der aufgrund seines Verhaltens von der Schule fliegen sollte. Eine Psychotherapie lehnte er ab, weil er sie als Bestrafung empfand. Da ging mir durch den Kopf: Vielleicht hatte ich ja durch mein Zaubern eine Möglichkeit, mit diesem Jungen einen positiven Kontakt aufzubauen. Als ich ihn fragte: »Möchtest du zaubern lernen?«, sagte er sofort ja. Und das erlebe ich bei meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehr oft. Therapie: Nein! Zaubern: Ja! Das Zaubern bringt zudem gleich eine ganz andere Atmosphäre in die Therapie.

PTA-Forum:Wann können Kinder und Jugendliche vom therapeutischen Zaubern profitieren?
Neumeyer: Vor allem Kinder, die mit dem Gefühl »Mit mir stimmt etwas nicht!« in eine Therapie kommen, erleben es als eine besondere Aufwertung, wenn sie etwas lernen, was andere nicht können: nämlich ein Zauberkunststück. Das wertet sie auf, und sie können etwas Besonderes zeigen. Auch für Kinder, die oft nur negativ auffallen, ist Zaubern eine wundervolle Möglichkeit, endlich einmal positiv im Mittelpunkt zu stehen. Für diese Kinder eignet sich das Zaubern besonders gut. 

Gern verwende ich das Zaubern beim Erstkontakt mit einem sehr schüchternen Kind oder Jugendlichen. Das Zaubern entspannt die Atmosphäre schnell. Die Mutter eines Jungen hat zum Beispiel nach dem Erstkontakt gesagt: »Als ich mein Kind strahlend aus der Praxis kommen sah, da wusste ich – jetzt ist er motiviert.« 

Besonders Kinder, die befürchten, eine Therapie sei langweilig oder bei einer Therapie würden sie mit ihrem Versagen konfrontiert, sind erleichtert, wenn ich Ihnen einen Zaubertrick zeige. Jugendliche mit diesen Befürchtungen sind oft nur schwer zur Mitarbeit zu bewegen. Auch hier erleichtert mir das Zaubern vieles.

PTA-Forum:Welche Ziele erreichen Sie durch das Zaubern? Können Sie einige Beispiele nennen?
Neumeyer: Mein erstes Ziel ist, das sogenannte »Problemkind« in ein »Zauberkind« zu verwandeln. Es ist ja oft so, dass Kinder, die in eine Psychotherapie kommen, und auch deren Eltern, nur noch das sehen, was nicht klappt. Ihr ganzer Fokus richtet sich auf das Problem. Lenkt man also seine Energien auf negative Dinge, so »wachsen« diese immer weiter. In solchen Situationen hole ich gerne mein rotes Seil heraus: Dieses rote Seil symbolisiert den roten Faden im Leben. Für jedes Problem mache ich symbolisch einen Knoten ins Seil. Kümmert man sich jetzt nur noch um das Problem, mache ich einen Knoten über dem anderen, und man sieht das Seil nicht mehr. In meiner Hand halte ich dann ein total verknotetes Seil. An diesem Punkt schauen wir gemeinsam auf das, was schon alles gut läuft. Mein Ziel ist, genau diese Punkte zu verstärken. So sammle ich gemeinsam mit den Eltern und dem Kind alles Gute. Dann mache ich den Knoten sichtbar kleiner und kleiner, und der rote Faden taucht wieder auf und wird länger und länger. Zum Schluss, bei Abrakadabra, löst sich der letzte Knoten ganz aus dem Seil. Dieses Beispiel führt Eltern und Kindern sehr deutlich vor Augen, was geschieht, wenn nur noch das Problem im Mittelpunkt steht. Gleichzeitig lernen sie, was sie bewirken können, wenn sie die Stärken und Ressourcen des Kindes und der ganzen Familie wieder ins Zentrum rücken. Und da nun der Fokus wieder auf dem Positiven liegt, wird dieses nach dem Energieprinzip auch wachsen. 

PTA-Forum:In welchen Situationen haben Sie die größten Erfolge? 
Neumeyer: Vor allem bei Kindern, die sich nichts mehr zutrauen. Mit Hilfe des Mediums Zaubern und der Zauberworte können sie in relativ schneller Zeit wieder auf ihre Kompetenzen zugreifen. Sehr geeignet ist das Zaubern auch für Kinder mit der Diagnose ADHS, einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Erst neulich sagte ein Junge so schön: »Langsam bin ich so richtig beeindruckt von mir!« Ein besonders schüchternes Mädchen, das in der Schule und in fremder Umgebung schwieg, änderte mithilfe der Verwandlung in ein Zauberkind und durch die neu erlernten Zauberkunststücke sein Verhalten. Mit neuem Selbstbewusstsein redete sie Schritt für Schritt zunächst vor einem kleinen Kreis von Kindern und schließlich auch in der Schule.

PTA-Forum:Kann man bei Ihnen die Kunst des therapeutischen Zauberns lernen? 
Neumeyer: Ja! Seit vielen Jahren gebe ich deutschlandweit Fortbildungen für Psychotherapeuten, Pädagogen und Zahnärzte. Auch in die Schweiz und nach Österreich werde ich eingeladen. Aktuelle Termine und Veranstaltungsorte für meine Fortbildungsseminare finden Interessierte auf meiner Homepage unter www.therapeutisches-zaubern.de . Mein Konzept des therapeutischen Zauberns besteht aus Elementen der Hypnotherapie und aus Zauberkunststücken, die sich für die Psychotherapie eignen.

PTA-Forum:Welchen Ratschlag würden Sie Eltern geben, deren Kind sich schrecklich vor Ärzten fürchtet?
Neumeyer: Um den Umfang dieses Interviews nicht völlig zu sprengen, will ich mich kurz fassen. Jedes Kind und jede Situation ist ja anders. Es gibt allerdings tatsächlich einige Grundelemente, die für alle gelten. 

Zunächst einmal leisten die Eltern einen sehr guten und wichtigen Beitrag, indem sie selbst ruhig und entspannt sind. Denn ihre eigene Gefühlslage überträgt sich unbewusst auf das Kind. Außerdem sollte möglichst derjenige das Kind zum Arzt begleiten, der dem Arzt positiv oder zumindest neutral gegenübersteht. Das kann Vater oder Mutter sein. Als nächstes können die Eltern mit positiven Formulierungen viel Spannung aus einer Situation nehmen. Ein kleines Beispiel: Wenn ich einem Kind sage »Du brauchst keine Angst zu haben«, setze ich das Wort Angst in den Raum. Und schon verstärke ich den Negativ-Aspekt und erzeuge das Gegenteil von dem, was ich eigentlich erreichen wollte. Viel besser wäre der Satz: »Du machst ja ganz super mit!« Ein anderer Klassiker: »Fall nicht runter!« Welches Bild rufe ich mit dieser Formulierung hervor? Das Hinunterfallen! Besser ist es, wenn ich sage: »Pass gut auf, dass Du oben bleibst!“ oder »Schön langsam und gib gut Acht!«, »Toll, wie Du das machst!« In meinem Buch »Wie Zaubern Kindern hilft« gehe ich in einem eigenen Kapitel gezielt auf Positiv-Formulierungen ein. Und selbstverständlich unterstützen die therapeutischen Zauberkunststücke eine entspannte Atmosphäre und die gute Zusammenarbeit zwischen Kind und Arzt, Zahnarzt oder Therapeut.

Annalisa Neumeyer und das

Die approbierte Kinder- undJugendlichen-Psychotherapeutin Annalisa Neumeyer hat noch zusätzlich eine Ausbildung zur Hypnotherapeutin absolviert, nachdem sie lange Jahre als Heilpädagogin in einer Beratungsstelle für entwicklungsverzögerte Kinder tätig war. Aufgrund ihrer Erfahrungen in der praktischen Tätigkeit mit verhaltensauffälligen Kindern entwickelte sie eine neue Therapieform: das therapeutische Zaubern. Neben ihrem Institut für therapeutisches Zaubern führt Annalisa Neumeyer seit vielen Jahren auch eine eigene Praxis für Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie und Klinische Hypnose für Erwachsene.