PTA-Forum online
Sport als Therapie

Aktiv gegen den Krebs

21.11.2011  13:47 Uhr

Von Marion Hofmann-Aßmus / Wenn Tumorpatienten trotz ihrer ­Erkrankung Sport treiben, erleiden sie weniger Rückfälle und leben länger. Leider wissen das die wenigsten Patienten, denn bislang klärt sie kaum ein Arzt darüber auf. Das wäre eine wichtige Aufgabe auch für PTA und Apotheker.

Die Diagnose Krebs ist immer ein Schock, und im ersten Moment fühlen sich die meisten Menschen wie gelähmt. Doch schon kurze Zeit später beschäftigt viele die Frage, was sie selbst gegen die Krankheit tun können. Diesen Zeitpunkt bezeichnen Experten als »teachable moment«. Er liegt meist kurz nach der Diagnosestellung und bedeutet, dass Betroffene dann sehr empfänglich für eine Beratung sind. Doch leider bleibt diese oft aus.

»Viele Ärzte haben zwar schon einmal von den Zusammenhängen zwischen Sport und Krebs gehört, aber nur wenige wissen, wie Patienten konkret davon profitieren«, erklärt der Chirurg Professor Dr. Michael H. Schoenberg vom Rotkreuzklinikum München. Sehr oft fehle es den Patienten an Informationen und Zuspruch.

Dass Tumorkranke nicht ausreichend über die Vorteile körperlicher Aktivität aufgeklärt werden, bestätigte erst jüngst eine Untersuchung von Sportmedizinern in Hessen. Nun möchten die Experten ihre Anstrengungen intensivieren und hoffen auf die Unterstützung auch seitens der Apotheke. Konfrontiert mit der Frage »Was kann ich selbst tun?« können PTA und Apotheker antworten: »Regelmäßig Sport treiben und auf eine gesunde Ernährung achten.«

Die Deutsche Krebshilfe empfiehlt, sich dreimal pro Woche für jeweils eine Stunde moderat zu bewegen. Infrage kommen zum Beispiel schnelles Spazierengehen, Nordic Walking und Schwimmen. Von der Intensität her sollen Betroffene das Training zumindest als »leicht anstrengend« empfinden. Wer mehr Anstrengung verträgt, darf intensiver trainieren, dafür jedoch kürzer: dreimal pro Woche für jeweils eine halbe Stunde.

Metabolisches Äquivalent

Ein MET entspricht dem Energieaufwand von 1 Kilokalorie pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde. MET-Stunden beziehungsweise MET-h sind das Produkt aus der MET-Zahl einer Tätigkeit und der Dauer, über welche diese stattfindet. Beispiel: 30 Minuten einer Aktivität mit 7 MET, entspricht 0,5 h mal 7,0 MET, also insgesamt 3,5 MET-h.

Bewegung MET-Wert (pro Stunde)

Spazieren gehen 3,0

Joggen 7,0

Rad fahren 4,0

Golf spielen 4,5

Tanzen 4,5

im Garten arbeiten 5,0

Fußball spielen 7,0

Schwimmen 8,0

Laut Expertenmeinung sollten die Pa­tienten auf etwa 18 MET-Stunden pro Woche kommen (MET = metabolisches Äquivalent, siehe Kasten). Wichtig ist dabei, regelmäßig zu trainieren, damit der Körper sich der Belastung anpassen kann. Ins­gesamt sollte sich das Training aus drei Teilen zusammensetzen: gezielter Gymnastik zur Kräftigung, Dehnungsübungen und Ausdauertraining.

Empfehlungen für Krebskranke

Das Ausdauertraining sollten die Sporttreibenden mit einem Pulsmessgerät kontrollieren. Dabei gilt als Faustregel für den Pulsschlag: 180 minus Lebensalter, wobei der Wert um zehn Schläge höher oder niedriger liegen darf. Insgesamt sollte der Puls jedoch nicht über 150 ansteigen.

Wer seine Muskeln aufbauen will, sollte zuvor seine Kraft bei einem Sportmediziner oder in einem guten Fitness-Studio testen lassen. Danach können die Patienten entweder an Geräten in einem Studio trainieren oder zu Hause mit Hanteln und Therabändern. Das Training dürfen die Patienten möglichst rasch, auch parallel zur Chemotherapie, beginnen.

Folgende Tipps helfen ihnen außerdem:

  • Schon im Krankenhaus möglichst oft auf den Gängen herumlaufen und so wenig wie möglich liegen.
  • Auch zu Hause mehr Bewegung in den Alltag einbauen, beispielsweise Treppen steigen statt den Fahrstuhl zu nehmen oder das Frühstücksbrötchen zu Fuß einkaufen gehen statt mit dem Auto.

Dabei aber:

  • Überlastungen vermeiden,
  • beim Krafttraining nie bis zur maximalen Belastung gehen, sondern bei 40 bis 70 Prozent der Maximalkraft aufhören,
  • Muskelkater in Grenzen halten und Schmerzen als Warnsignal ernst neh-men,
  • bei Problemen sofort die Intensität ­reduzieren.

Natürlich ist Sport nicht pauschal für jeden geeignet und auch nicht jederzeit möglich. Wie für Gesunde gilt auch für Krebskranke: Der Sport muss Spaß machen und darf nicht zur Quälerei ausarten. Außerdem müssen Patienten »Kontraindikationen« beachten, die eine sportliche Aktivität unmöglich machen (siehe Kasten).

Breite Wirkung

Wie sich die körperliche Aktivität auf das Krebswachstum auswirkt, ist noch nicht bekannt. Doch fanden Wissenschaftler einige interessante Parameter, die sich durch den Sport verbesserten: Beispielsweise steigt die Konzentration von Interleukin-6 im Blut an, während sich die Konzentra­tionen diverser Entzündungsmarker verringern. Diese Beobachtungen zeigen, dass sich die Abwehrfunktion stabilisiert. ­Außerdem werden natürliche Killerzellen aktiver und vermehren sich. Sie sind für die Bekämpfung der Tumorzellen extrem wichtig. Schließlich hat Sport einen posi­tiven Effekt auf den Insulin- und Blutzuckerspiegel, was sich auf den gesamten Stoffwechsel und so indirekt auf die Krebserkrankung auswirkt.

Zudem haben Patienten durch die regelmäßige Bewegung weniger mit den Nebenwirkungen einer Chemotherapie zu kämpfen. Übelkeit und Erbrechen treten ebenso wie die Fatigue (chronische Erschöpfung) seltener auf. Insgesamt – und das ist für die Betroffenen ein ganz entscheidender Punkt – bewirkt der Sport eine höhere Lebensqualität sowie ein besseres Allgemeinbefinden.

Allgemeine Kontraindikationen für Sport bei Krebs

  • Blutplättchen unter 10 000 (bei Werten zwischen 10 000 und 20 000 sollte nur unter therapeutischer Aufsicht trainiert werden),
  • Hämoglobinwert unter 8 g/dl Blut,
  • starke Schmerzen,
  • Bewusstseinseinschränkungen,
  • Kreislaufbeschwerden,
  • Fieber,
  • akute Infektionen,
  • die Einnahme von Chemotherapeutika, die Herz und Nieren belasten,
  • erhöhtes Risiko für Knochenbrüche bei Knochenmetastasen,
  • Zeit bis zur Wundheilung nach einer Operation.

Schutz vor Brustkrebs

Brustkrebs ist derzeit die häufigste Krebserkrankung bei Frauen, und die Fallzahlen steigen unaufhörlich. Dafür machen Forscher verschiedene Risikofaktoren verantwortlich: Alter, genetische Voraussetzungen, früher Eintritt der Wechseljahre, späte Menopause, Rauchen, Alkohol und Hormon-einnahme in den Wechseljahren. Eine große Rolle spielt neben der Ernährung und dem Körpergewicht auch die Bewegung. Denn Sport scheint nicht nur das ­Befinden während der Therapie zu verbessern, anscheinend kann er auch die Ent­stehung von Krebs verhindern.

Bereits Mitte der 1980er Jahre beobachteten Wissenschaftler, dass Athletinnen bis ins höhere Alter hinein nur selten an Brustkrebs erkrankten. Dabei scheint es auf die Dosis der sportlichen Aktivität anzukommen. »Je aktiver die Frauen sind, desto stärker sinkt ihr Risiko für Brustkrebserkrankungen«, erklärt Professor Dr. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik rechts der Isar der TU München. »Wer vier Stunden pro Woche sportlich aktiv ist, verringert sein Risiko um knapp 40 Prozent. Dabei besteht eine fast lineare Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und Brustkrebsinzidenz«, betont die Gynäkologin. Eine aktuelle Zusammenfassung aller Studien ergab: Sportlich aktive Frauen senken ihr Brustkrebsrisiko um 27 Prozent in der prä- und um 31 Prozent in der postmenopausalen Phase.

Verschiedene Untersuchungen belegen, dass es sich auch für Patientinnen mit Brustkrebs lohnt, sportlich aktiv zu werden. So beobachteten Forscher zwei Jahre lang knapp 3000 erkrankte Frauen, die ein moderates Sportprogramm (9 bis 15 MET-h/Woche) absolvierten. Sie stellten fest, dass von diesen Frauen nur halb so viele an Brustkrebs starben wie in einer unsport­lichen Vergleichsgrup­pe. Auch erlitten die Sport treibenden Frauen nur halb so viele Rückfälle wie Patientinnen, die kaum trainierten (< 3 MET-h/Woche).

Länger überleben

Eine aktuelle Studie kommt zu vergleichbaren Ergebnissen: Bewegten sich die Patientinnen nach abgeschlossener Behandlung ihres Mammakarzi­noms wöchentlich mindestens 2,5 Stunden mit moderater Inten­sität (10 MET-h/Woche), sank ihr Risiko um 25 Prozent, an Brustkrebs zu sterben.

Bislang ist es keineswegs selbstverständlich, dass Frauen mit Brustkrebs während oder nach ihrer Behandlung sportlich aktiv werden. Üblich ist zurzeit eher das Gegenteil: Die meisten Frauen treiben im ersten Jahr nach der Diagnose nur noch halb so viel Sport wie vorher. Nach drei Jahren erreicht gerade mal jede zweite Frau ein Aktivitätslevel wie vor der Erkrankung. Warum verlieren die Frauen den Spaß am Sport? Die langwierigen Behandlungen mit ihren Nebenwirkungen und Komplikationen rauben den Betroffenen Kraft und Motivation. Viele leiden unter Antriebsschwäche und Depressionen.

Schoenberg und Kollegen haben sich daher zum Ziel gesetzt, die Patientinnen aus dem »Bermudadreieck aus Fernseher, Couch und Depression« herauszulocken. Durch Bewegungsprogramme wollen sie die Frauen motivieren, aktiv gegen ihre schwere Erkrankung zu kämpfen.

Wer sein Krebsrisiko verringern möchte, sollte unbedingt auf seinen BMI achten (siehe Kasten).

BMI ist ein gewichtiger Faktor nicht nur zur Krebsprävention

Die Ernährung beeinflusst Ausbruch und Verlauf einer Brustkrebserkrankung. Wie Forscher herausfanden, verdoppelte sich das Brustkrebsrisiko für Frauen, wenn sie nach dem 18. Lebensjahr mehr als 20 kg zunahmen. Genauso zeigte sich in der Postmenopause eine nahezu lineare ­Beziehung zwischen Gewicht und Brustkrebsrate.

Insbesondere der Fettkonsum scheint die Brustkrebsentstehung zu beeinflussen. Dafür spricht, dass in Ländern mit fettarmer Küche wie Japan oder Thailand weitaus weniger Frauen an Brustkrebs sterben als in Regionen mit traditionell fettreicher Küche. Eine interessante Beobachtung machten Wissenschaftler bei japanischen Frauen, die in die USA auswanderten: Nachdem die Frauen ihre Ess- und Trinkgewohnheiten denen der westlichen Welt angeglichen hatten, erkrankten innerhalb von zehn Jahren doppelt so viele Frauen an Brustkrebs. Doch selbst für bereits erkrankte Patientinnen ist es sinnvoll, mit einer Gewichtsabnahme zu beginnen, fanden Wissenschaftler heraus. Lag der tägliche Fettanteil der Nahrung bei 15 Prozent, verloren Brustkrebspatientinnen nicht nur deutlich an Gewicht, 34 Prozent erlitten in einem Zeitraum von fünf Jahren seltener Rückfälle als eine Vergleichsgruppe.

Die Gewichtszunahme bewirkt hingegen den gegenteiligen Effekt: Frauen, die nach der Erkrankung mehr als fünf Kilogramm zulegen, verschlechtern ihr Gesamtüberleben um 20 Prozent. Auch übergewichtige Patientinnen (BMI > 30) erleiden mehr Rückfälle und verkürzen deutlich ihr Überleben. Ein guter Rat an diese Frauen lautet, den Fettanteil bei der täglichen Kalorienaufnahme auf unter 20 Prozent zu senken und einen BMI unter 25 anzustreben.

Beispiel Kolonkarzinom

Jeder 20. Deutsche erkrankt inzwischen an einem Kolonkarzinom, und jährlich sterben 30 000 Patienten an dessen Folgen. Als Risikofaktoren haben Forscher einerseits die genetische Veranlagung und chronisch entzündliche Darmerkrankungen ausgemacht, andererseits »Lifestyle-Faktoren« wie Ernährung, Bewegungsmangel und Adipositas.

Hingegen hat Übergewicht keinen Einfluss mehr, wenn die Erkrankung bereits ausgebrochen ist – und zwar weder auf die Rückfallraten noch auf die Überlebenszeiten.

Wie sieht es mit Sport aus? Hier ergab die Auswertung von 52 Studien, dass sportliche Aktivität das Risiko für die Entstehung eines Kolonkarzinoms um durchschnittlich 24 Prozent vermindert. Ist das Karzinom bereits diagnostiziert, schien Sport die Prognose ebenfalls zu verbessern, allerdings nur wenn die Patienten über 18 MET-h pro Woche trainierten. Dann lebten 47 Prozent ohne Rückfälle und mit einem besseren Allgemeinbefinden. Trainierten die Patienten dagegen lediglich auf Freizeitniveau, erhöhte sich ihre Chance, die nächsten fünf Jahre zu überleben, nur um 14 Prozent, so die Forscher.

Training trotz Stomas

Übrigens: Auch Kunden mit einem künstlichen Darmausgang (Stoma oder Anus praeter) können Sport treiben. Bei einem Ileo­stoma (Ausleitung vom Ileum) müssen sie jedoch den erhöhten Flüssigkeitsverlust beachten und beim Sporttreiben regelmäßig trinken. Die Deutsche Krebshilfe rät Stomaträgern zu Ausdauersportarten wie Radfahren, Nordic Walking oder Schwimmen. Die Experten warnten allerdings vor gymnastischen Übungen, bei denen man auf dem Bauch liegen muss, vor ruckar­tigen Bewegungen, beispielsweise beim Tennis oder Volleyball, sowie vor Sport­arten mit intensivem Körperkontakt und vor Wettkämpfen. /

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