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Quendel

Der wilde Bruder des Thymians

21.11.2011  11:18 Uhr

Von Gerhard Gensthaler / Ein Blick in die Schriften früherer Heilkundiger zeigt, welche umfangreichen Wirkungen die Menschen sich einst vom Quendel versprachen. Die alte Kräuterpflanze war bereits den Ägyptern bekannt und sollte bei Epilepsie, Bisswunden und Hautkrankheiten helfen. Heute wird Quendel nur noch als Mittel gegen Atemwegskatarrhe angewendet. Dieser Einsatz hat in der Volksmedizin lange Tradition.

Quendel galt bereits vor Christi Geburt als Heilmittel nach Schlangenbissen, gegen Skorpiongift und andere Gifte. Der römische Gelehrte Plinius Gaius Secundus (23 bis 79 n. Chr.) bezeichnete den Quendel in seiner hauptsächlich naturwissenschaft­lichen Enzyklopädie »Naturalis Historia« schon als »Serpyllum«. Dieser Begriff hat sich bis heute im wissenschaftlichen Artnamen der Pflanze erhalten (Thymus serpyllum L.), denn serpyllum bedeutet übersetzt »kriechen« und beschreibt das typische Wachstum der Pflanze. Laut Plinius ist Quendel schon immer ein Teil des berühmten Theriaks gewesen, eines Trankes, der gegen Gifte jeder Art schützen sollte.

Die Germanen weihten den Quendel der Göttin der Fruchtbarkeit, Freya. Mög­licherweise geht der spätere Einsatz der Pflanze in der Frauenheilkunde auf diese Tatsache zurück. Aus dieser Zeit stammen sicher auch die beiden volkstümlichen Namen Immenkraut und Liebfrauenbettstroh. Weitere geläufige Bezeichnungen für Quendel sind Feld-Thymian, Sand-Thymian, Feldkümmel, Geschwulstkraut und Geismajoran. Die Engländer nennen Quendel creeping thyme, die Franzosen serpolet und die Italiener serpillo.

In der Volksheilkunde wurde das Kraut als wärmend und trocknend eingestuft und bei Hautkrankheiten, Bisswunden und Kopfschmerzen, später sogar bei Epilepsie verwendet. Im Volksglauben schützte Quendel Hof und Stall vor Dämonen und bösen Geistern.

Ein genügsamer Typ

Der Quendel aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) ist ein mehrjähriger etwa 10 bis 15 cm hoher Zwergstrauch mit schwach verholzten Ästen. Sein meist dichter Bodenwuchs kommt durch die vielen Ausläufer zustande. Mit einer langen Wurzel verankert sich der Quendel tief in der Erde, breitet sich dann bis zu einem Qua­dratmeter aus und bildet einen würzig duftenden Teppich.

Die Stängel sind rund oder vierkantig. Tragen sie Blüten, wachsen sie aufrecht, während die nicht blühenden auf dem Boden liegen. Die Blätter variieren in der Form: Meist sind sie sehr klein, schmal oval und gegenständig. Ab Mai blüht der Quendel mit rosafarbenen bis violetten Blüten. Die Einzelblüten der endständigen Blütenstände bilden mehrere Scheinquirle, die in den Achseln von Laubblättern stehen.

Schmückt heimische Steingärten

Vom Echten Thymian (Thymian vulgaris L.) unterscheidet sich der Quendel vor allem durch die kriechenden Ausläufer, die kleine Wurzeln ausbilden. Im Gegensatz dazu wachsen die Triebe des Echten Thymians meist aufrecht. Im Volksmund wird der Quendel auch als wilder Bruder des Thy­mians bezeichnet.

Quendel ist in ganz Mitteleuropa bis zur Ukraine heimisch. Er wächst meist an Stellen, die für andere Pflanzen zu trocken, zu steinig und zu sonnig sind, also zwischen Felsen, an Berghängen, auf sonnigen Wiesen oder an Wegrändern. Dort bildet Thymus serpyllum rosafarbene Teppiche, die schon von Weitem würzig duften. Durch seine genügsame Art eignet er sich sehr gut für den heimischen Steingarten, wo er sich schnell auf sehr sonnigen und trockenen Stellen ausbreitet.

Vom Quendel werden die Blätter, pharmazeutisch meist das ganze Kraut verwendet (Serpylli herba Ph.Eur.). Lieferanten der Droge sind das ehemalige Jugoslawien, Albanien und auch Ungarn.

Quendelkraut besteht aus den zur Blütezeit gesammelten und getrockneten oberirdischen Sprossen von Thymus serpyllum L. Sammelzeit sind die Monate Mai bis September. Die Blütentriebe werden mit der Schere abgeschnitten und in dünner Schicht zum Trocknen ausgelegt, möglichst ohne das Kraut oft zu berühren. So bewahrt die Droge ihren angenehm aromatischen Geruch und ihren würzigen, herb-bitteren Geschmack.

Die Krautdroge enthält 0,2 bis 0,6 Prozent ätherische Öle mit den vier Haupt­bestandteilen Carvacrol (4 bis 32 Prozent), Linalool, Cineol und Thymol (1 bis 5 Prozent). Thymol wirkt sehr stark antibiotisch, 25-mal stärker als Phenol. Zusätzlich sind noch Bitterstoffe (Serpyllin), Gerbstoffe wie Rosmarinsäure als Kaffeesäurederivat, Flavonoide, Triterpene und Polysaccharide vorhanden. Der Gehalt an ätherischem Öl ist allerdings geringer als beim Echten Thymian, daher wirkt Quendel nicht so stark wie dieser.

Löst Schleim und Krampf

Die wichtigsten Einsatzgebiete sind – ähnlich wie bei Thymian – katarrhalische Infekte der Atmungsorgane. Durch seine antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften hat sich Quendel bei ­Erkältungshusten bewährt. Indem er den festsitzenden Schleim löst, fördert er das Abhusten. Vor allem löst er aber auch Spasmen bei einem Hustenanfall, sodass er gut gegen Keuchhusten, Reizhusten und sogar Asthma hilft.

Die ehemalige Kommission E hat im Jahr 1990 die Verwendung von Quendelkraut bei Katarrhen des Respirationstraktes positiv beurteilt. Die Experten sahen allerdings die Wirksamkeit der Droge für weitere beanspruchte Effekte nach den gültigen Kriterien für klinische Prüfungen von Arzneimitteln bisher als nicht belegt.

In der TCM gegen Blähungen

In der Frauenheilkunde wurde Quendel speziell bei Menstruationskrämpfen eingesetzt und war daher als Frauenkraut bekannt. Gemäß der Überlieferung erleichterte Quendel sogar die Geburt. Er sollte auch die Verdauung anregen und wurde deshalb gegen Blähungen und Sodbrennen empfohlen. In der chinesischen Medizin findet Quendel Einsatz bei Erbrechen und Durchfall, gegen Blähungen, Zahnschmerzen, Juckreiz und Husten.

Wer Quendel als Hustenmittel anwenden möchte, bereitet am besten einen Tee. Hierzu werden zwei Teelöffel (2 g) Quendelkraut mit 150 ml kochendem Wasser übergossen und fünf bis zehn Minuten bedeckt ziehen gelassen. Ein Löffel Honig im Tee verbessert den Geschmack und steigert zudem noch die Wirkung bei Erkältungen. Pro Tag sollen zwei bis drei Tassen des Tees getrunken werden. Den Tee sollen die Patienten in kleinen Schlucken trinken und gleichzeitig den Dampf inhalieren.

Neben- und Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Schwangere sollten vorsichtshalber Quendel nicht in großen Mengen anwenden.

Quendelkekse

Zutaten:

500 g feines Dinkelmehl

150 g Butter

120 g Rohrzucker

2 Eier

25 g Quendel

Zubereitung:

Den Quendel pulverisieren und mit den anderen Zutaten zu einem ­Mürbeteig verkneten. Teig zu einer Rolle formen und circa 1/2 Zentimeter dicke Taler abschneiden.

Diese Taler anschließend auf ein gefettetes Blech legen und bei 150 Grad im Backofen goldgelb ­backen (circa 10 bis 15 Minuten).

Auch äußerlich findet Quendel Verwendung als Tinktur, mit der man Umschläge nach Quetschungen und Prellungen machen kann. Als Badezusatz dient Quendel der allgemeinen Stärkung und Kräftigung sowie bei Gliederschmerzen.Für ein Vollbad braucht man circa 120 bis 140 g Quendel, weil als Dosierung 1 g Droge pro 1 Liter Wasser empfohlen wird.

Kekse lindern schwache Nerven

Hildegard von Bingen empfahl als Mittel gegen Vergesslichkeit und Nervenschwäche, Quendelkekse zu backen (siehe Kasten). Mehrmals täglich gegessen, sollten die Kekse Heilung bringen.

Einigen Gerichten der mediterranen Küche verleiht Quendel ein angenehmes würziges Aroma. Vor allem bei schwer verdaulichen Speisen empfiehlt er sich als Gewürz, denn seine Bitterstoffe regen wie beim Echten Thymian die Verdauung an. Aber auch Gemüsegerichte und Suppen verfeinert der Quendel. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

gerhard.gensthaler(at)t-online.de