PTA-Forum online
Anfänge der Pharmazie

Die Signaturenlehre

21.11.2011  11:50 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Wer früher nach Medikamenten suchte, ließ sich meist von der Natur leiten. Hatten Pflanzen Ähnlichkeiten mit dem menschlichen Körper, leiteten die Heilkundigen daraus ihre besondere Eignung für die Behandlung bestimmter Krankheiten ab. Auf diese sogenannte Signaturenlehre gehen auch die Namen des Lungenkrauts und des Augentrosts zurück.

Pharmaforscher von heute sind Wissenschaftler, die die Struktur von Molekülen bis in die kleinste Verästelung verstehen und die Abertausende von Verbindungen durch Screeningroboter jagen, um neue Arzneistoffe zu finden. Diese techischen Möglichkeiten stehen den Menschen allerdings erst seit wenigen Jahren zur Verfügung. Heilende Substanzen indes sind seit Urzeiten bekannt. Aber wie gelang es den Menschen früher, diese zu entdecken? Über Jahrhunderte hinweg sehr populär war die Signaturenlehre, die aus äußer­lichen Merkmalen von Pflanzen auf bestimmte Heilwirkungen schloss.

Darüber, wie der Mensch die Heilwirkung von Pflanzen erkannte, lässt sich heute nur spekulieren. Waren es reine Zufalls­entdeckungen, oder erprobte er bestimmte Pflanzen zunächst empirisch und beob­achtete, wie sie wirkten? Gut möglich auch, dass er Tiere studierte, die instinktiv bei Krankheiten bestimmte Pflanzen fraßen. Vielleicht besaß der Mensch früher selbst einen solchen Instinkt, den er aber im Verlauf seiner Entwicklung verlor.

In der Antike galten die »drei Reiche der Natur« als Quell aller heilenden Wirkstoffe: das Mineralreich (Mineralia), das Tierreich (Animalia) und vor allem das Pflanzenreich (Vegetabilia). In diesem Zusammenhang muss auch die Entstehung der Pharmazie und die Bedeutung des Apothekerberufes gesehen werden.

Der Apotheker war früher der allseits anerkannte Spezialist für Arzneien (Drogen) aus den »drei Reichen der Natur«. So zeigt das Ständewappen der französischen Apotheker seit dem 17. Jahrhundert eine Schlange, die sich an einer über Felsen erhebenden Palme empor windet. Darunter steht der Spruch: »In his tribus versantur« (»In diesen dreien sind sie bewandert«). Hier stellt die Schlange das Tierreich, die Felsen das Mineralreich und die Palme das Pflanzenreich dar. Dieses Wappen belegt, dass sich die Apotheker damals als Kenner der Naturmedizin verstanden. Noch im ­ 19. Jahrhundert definierte der französische Medizinhistoriker Maximilien Paul Emile Littre die Pharmazie als »die Kunst, einfache Drogen zu erkennen, zu sammeln, aufzubewahren sowie aus ihnen Arzneien herzustellen«.

Ein Blick in die Anfänge

Auf der Vorstellung, dass alle Wesen und Erscheinungen miteinander in Beziehung stehen und sich gegenseitig beeinflussen, fußt auch die Signaturenlehre. Deren Anfänge reichen bis in die Antike zurück. Der griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) entwickelte eine Lehre, in der er versuchte, eine Beziehung zwischen Statur, Hautfarbe und Gliedmaßen eines Menschen und seinen Charaktereigenschaften herzustellen. Auf die Arzneikunde bezogen wird dieses Konzept jedoch erst im 1. Jahrhundert nach Christus von dem römischen Gelehrten Plinius dem Älteren und dem griechischen Arzt Dioskurides.

Was aber besagt denn nun die bis ins 18. Jahrhundert populäre Signaturenlehre? Geprägt durch das Christentum geht sie davon aus, dass Gott jeder Pflanze ein spezielles Erscheinungsbild (Signatur) gegeben hat, aus dem der Mensch die verschiedenen Heilwirkungen ablesen kann. Ein einfaches Beispiel: Die Bohne hat die Form einer Niere, demzufolge muss sie bei Nierenerkrankungen helfen. Weitere Merkmale (Signaturen, Zeichen), die auf eine Heilpflanze hinweisen, sind Gestalt, zum Beispiel der Wurzeln oder Blätter, Farbe, zum Beispiel der Blüten, Größe, Geschmack, Geruch, Struktur, Beschaffenheit, Standort, Wachstumsphasen und Lebensdauer.

Diese Pflanzenmerkmale werden nun bestimmten Elementen, Planeten oder Eigenschaften zugeordnet. Schmeckt eine Pflanze bitter, steht sie in Beziehung zum Element Feuer, das wiederum mit der Sonne verwandt ist. Daraus wiederum schlossen damals die Gelehrten, dass die Pflanze den Stoffwechsel anzuregen vermag.

Was Paracelsus den Ärzten empfiehlt

Auch der große Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph und Alchemist Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493 bis 1541) – genannt Paracelsus – hat sich intensiv mit der Signaturenlehre beschäftigt und seine Erkenntnisse niedergeschrieben. Sein Fazit: »Die Natur zeichnet ein jegliches Gewächs / das von ihr ausgeht / zu dem / dazu es gut ist.« Seine Berufskollegen forderte Paracelus auf, sich mit der Signaturenlehre intensiv zu beschäftigen: »Denn das soll ein jeglicher Arzt wissen / dass alle Kräfte / die in den natürlichen Dingen sind / durch Zeichen erkannt werden.«

Als Beispiel nennt Paracelsus die hodenähnliche Wurzel des Knabenkrauts (Orchis-Arten) als Heilpflanze bei Potenzproblemen: »Seht an die Wurzel Knabenkraut: Ist sie nicht gestaltet wie eines Mannes Scham? Niemand kann anders ansagen / weshalb sie magisch anzeigt / dass sie den Männern ihre verlorene Mannheit und Unkeuschheit wiederbringt.« Die stachelige Distel empfiehlt der Arzt gegen das »inwendige Stechen«, also das Seitenstechen.

Von Pfingstrose und Johanniskraut

Die gefleckten Blätter des Lungenkrauts (Pulmonaria officinalis) erinnerte die Menschen an einen Lungenflügel, weshalb sie diese Pflanze bei Husten, Heiserkeit und Halsschmerzen anwendeten. Der gegliederte Stängel des Ackerschachtelhalms (Equisetum arvense) wurde als Signatur für die Wirbelsäule gedeutet. Demzufolge war diese Pflanze als Tee oder Kompresse bei Problemen mit der Wirbelsäule gefragt. Knochenbrüche sollten mit dem Pulver des Storchschnabels (Geranium pratense) schneller heilen, da die Pflanze dem menschlichen Schienbein ähnelt.

Mit ihren Öldrüsen wirken die Blätter des Johanniskrautes (Hypericum perforatum) wie durchlöchert. Damit tragen sie die Signatur der Haut (Hautporen) und sollen schweißtreibend sowie gegen »Hautverstopfung« wirken. Ein Aufguss der Kerne des Granatapfels wurde als Mittel ­gegen Zahnfleischkrankheiten und gegen lockere Zähne empfohlen, denn die Kerne sehen wie Zähne aus. Als berühmtes Heilmittel gegen Epilepsie galt die Pfingstrose (Paeonia officinalis) – ihre noch geschlossene Blüte ähnelt dem menschlichen Kopf. In Moos, das von Bäumen hing, erkannte man die Signatur der menschlichen Haare. Ein Aufguss aus dem Moos sollte gegen Haarprobleme helfen.

Augentrost und Walnuss

Walnüsse zeigen die Signatur des kompletten menschlichen Kopfes: Die grünliche Schale gleicht der Hirnschale, das den Kern umgebende Häutchen ähnelt der Hirnhaut und der Walnusskern stellt das Gehirn dar. Damit waren zerriebene Walnüsse ein Heilmittel gegen Erkrankungen des Zentralnervensystems. Mit Augentrost (Euphrasia officinalis), in dessen Blüte die Menschen ein krankes Auge zu erkennen glaubten, behandelten sie entsprechende Leiden; die Pflanze wird heute noch in der Homöo­pathie angewendet. Bei Gelenkschmerzen setzten die Heilkundigen früherer Tage auf Feigenblätter, weil diese menschlichen Händen ähneln. In seinen Blattachseln bildet das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) kleine Brutknöllchen, die man als Signatur für Warzen deutete. Deshalb fand die Pflanze gegen Warzen und Hämorrhoiden Verwendung.

Einzelne Pflanzen der Signaturenlehre sind heute wertvolle Heilpflanzen mit nach­gewiesener Wirk­sam­keit. Dabei sind die aktuellen Anwendungs­ge­biete der Pflanzen oft die gleichen wie in der Signaturenlehre. Daraus zu folgern, dass die Signaturenlehre einen wahren Kern hat, ist jedoch der falsche Schluss: Es handelt sich um reine Zufälle! Ein Beispiel für einen solchen Zufall ist die Herbstzeitlose (Col­chicum autumnale). Ihre Knolle gleicht einer gichtkranken Zehe. Verschreibungs­pflichtige Arzneimittel mit Colchicum-Extrakten (Colchicum-Dispert®, Colchysat® Bürger) werden zur Behandlung des akuten Gichtanfalls eingesetzt.

Gelber Saft des Schöllkrauts

Das Schöllkraut (Chelidonium majus) wurde wegen seiner Signatur (gelber Milchsaft, gelbe Blüten) bei Gallenleiden verwendet (siehe Foto). Bis zum Jahr 2008 waren Phytopharmaka aus dieser ­Heilpflanze zur Behandlung von Leber-­Galle Beschwerden zugelassen. In diesem Jahr löschte ­ das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) als Folge eines Stufenplanverfahrens die ­Zulassung von schöllkrauthaltigen Arzneimitteln mit einer Tagesdosis von mehr als 2,5 mg Gesamtalkaloide (berechnet als Chelidonin). Ursache dafür war das Auftreten leberschädigender Nebenwirkungen durch Schöllkraut. Hersteller von Phytopharmaka bis zu einer Tagesdosis von 2,5 mg Che­lidonin müssen seitdem entsprechende ­Anwendungshinweise in die Gebrauchs- und Fachinformation aufnehmen.

Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält die Signaturenlehre nicht stand. Jedoch hat sie den Apothekerberuf und die Pharmazie über lange Zeit mit geprägt. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

MedWiss-Meyer(at)t-online.de