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Gehirnforschung

Die Zucker-Fett-Sucht

21.11.2011
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Von Tanja Schweig / Heißhunger auf Schokolade? Gierig nach Kartoffelchips? Wen überfallen nicht ab und zu solche oder ähnliche Gelüste? Können bestimmte Nahrungsmittel tatsächlich genauso stark süchtig machen wie Kokain oder Nikotin?

Noch vor 10 Jahren hielten das die Wissenschaftler für komplett abwegig. Doch inzwischen kehrt sich die Meinung um. Der Anlass: Zunächst hatten Studien an Ratten gezeigt, dass zuckerhaltige Getränke und fettreiche Snacks bei Tieren typisches Suchtverhalten auslösten. Die Forscher hatten für diese Studie männliche Ratten in drei Gruppen eingeteilt. Jeden Tag erhielten alle Versuchstiere unbegrenzt Zugang zu einem Standard-Laboressen. Darüber hinaus konnten zwei der Gruppen entweder nur eine Stunde oder 18 bis 23 Stunden lang Lebensmittel mit einem hohen Fettanteil verzehren. Nach 40 Tagen wurden allen drei Gruppen fettreiche Lebensmittel verweigert.

Während der Studie beobachteten die Forscher nicht nur die Gewichtszunahme, sondern auch ­Veränderungen im Gehirn. In der Tat: Wurden die Ratten ­fettleibig, sank die Zahl bestimmter Dopamin-Rezeptoren im Belohnungszen­trum des Gehirns. Dieser Rückgang ist ähnlich wie bei Menschen, die nach Drogen wie Kokain oder Heroin süchtig sind.

Gehirn-Scan von Ess-Süchtigen

Kritiker merken dazu allerdings an, dass die Tierversuche auf extremen Ernährungssituationen beruhten und sich nicht auf den Menschen übertragen ließen. Nun untermauern Aufnahmen mit einem Magnet­resonanz-Tomographen, dass an dieser Theorie doch etwas dran ist.

Die Gehirn-Scans zeigten bei Fettleibigen und Ess-Süchtigen, dass im Gehirn ähnliche Strukturen aktiv waren wie bei Drogensüchtigen – das gleiche Prinzip der Belohnung kam also in Gang.

Das trieb den Ehrgeiz der Forscher an. Zum Thema Nahrungsmittelsucht zählten die Mitarbeiter der National Library of Medicine alleine seit Jahresbeginn 28 wissenschaftliche Studien und Artikel. Dazu bemerkte die Hirnforscherin und Direktorin des Nationalen Instituts für Drogenmissbrauch (NIDA) in den USA Dr. Nora D. Volkow: »Die Daten sind so überwältigend, dass sie allgemein akzeptiert werden müssen.« Man hätte große Überschneidungen zwischen der Wirkung von Drogen und der Wirkung bestimmter Nahrungsmittel auf das Gehirn beobachtet.

Wie bei der Nikotinsucht führe auch die Nahrungsmittelsucht zu Entzugssymptomen. Die Betroffenen würden diese zwar nicht bewusst wahrnehmen, letztlich führten sie jedoch dazu, dass die »Süchtigen« immer wieder zu Schokolade oder Limonade greifen. Dieser Prozess sei sicher am rasanten Anstieg von Übergewicht und Fettleibigkeit beteiligt. »Drogensucht und Fettleibigkeit sind zwei der schwierigsten gesundheitlichen Probleme in den Vereinigten Staaten«, sagte Volkow. »Diese Forschung eröffnet für uns eine Tür, sodass wir unsere Erkenntnisse über Drogensucht auf das Studium der Überernährung und Fettleibigkeit übertragen können.« /

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