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Verdauungsbeschwerden

Fett, süß und viel zu viel

21.11.2011
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Von Ute Koch / Weihnachten steht vor der Tür und damit die Hochsaison ausgiebiger Mahlzeiten und Leckereien. Die Verführungen sind groß und daher die Folgen nicht immer zu vermeiden. So gehören Sodbrennen, Blähungen und Völlegefühl zu den am meisten beklagten Beschwerden während der Festtage. Schon Johann Wolfgang von Goethe hat es trefflich formuliert: Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von schönen Tagen.

Zur Selbstmedikation von verdauungsbedingten Oberbauchbeschwerden gibt es eine Vielzahl an Wirkstoffen. Deren unterschiedliche Angriffspunkte und Darreichungsformen erlauben PTA und Apotheker, jeden betroffenen Apothekenkunden gezielt und individuell zu beraten. Die Auswahl der Präparate richtet sich primär danach, welche Symptome dominieren: Bei Sodbrennen und/oder saurem Aufstoßen sind Antazida, Alginate, Protonenpumpenhemmer oder H2-Antihistaminika indiziert. Stehen hingegen Magendrücken, Völlegefühl und Blähungen im Vordergrund, sind Präparate mit Simeticon oder pflanzlichen Wirkstoffen empfehlenswert.

Sodbrennen und saures Aufstoßen

Am unteren Ende der Speiseröhre befindet sich ein Schließmuskel (Sphinkter), der den Rückfluss (Reflux) des Mageninhalts in die Speiseröhre verhindert. Ist der Muskelring geschwächt oder überfordert, zum Beispiel bei überfülltem Magen, kann er seiner Funktion nicht ausreichend nachkommen. Sodbrennen und/oder saures Aufstoßen sind die Folgen. Der brennende Schmerz hinter dem Brustbein tritt auf, weil die Schleimhaut der Speiseröhre keinen Schutz gegenüber der aggressiven Magensäure aufweist. Daraus resultiert: Je saurer der Mageninhalt ist, desto stärker sind die ­Beschwerden.

Begünstigt wird das Auftreten von Sodbrennen und saurem Aufstoßen durch »üppige« Mahlzeiten, hastiges Essen, Genussmittel wie Alkohol, Kaffee, Nikotin, höheres Lebensalter und Übergewicht. Auch während der Schwangerschaft, insbesondere im letzten Trimenon, ist der Reflux ein häufiges Problem. Medikamente kommen ebenfalls als Auslöser in Frage: beispielsweise orale Glukokortikoide, Calciumantagonisten, Eisenpräparate und nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR).

Bei den genannten säurebedingten Beschwerden sind Wirkstoffe indiziert, die den pH-Wert des Magensaftes anheben. Die ältesten Vertreter sind Antazida, die lokal und rasch wirken und das Therapieziel durch eine chemische Neutralisationsreaktion erreichen. Daher eignen sie sich sehr gut als Bedarfsmedikation, wenn säurebedingte Beschwerden akut auftreten und schnelle Hilfe gewünscht ist. Empfehlenswert sind unter anderem Schichtgitterantazida wie Almasilat (wie in Megalac® Almasilat) und Hydrotalcit (wie in Talcid®). Betroffene nehmen das Antazidum bei Bedarf mehrmals täglich nach dem Essen ein. Ebenfalls schnell wirksam und daher als Bedarfsmedikation gut geeignet sind Kombinationen aus Natriumalginat in fixer Kombination mit Antazida (wie in Gaviscon®). Natriumalginat, ein Polysaccharid, bildet mit der Magensäure ein stabiles Gel, das auf dem Mageninhalt schwimmt und so den Reflux verhindert. Antazida und Alginate dürfen auch Schwangere kurzfristig anwenden.

Magensäureproduktion hemmen

Eine weitere Möglichkeit, den pH-Wert des Magensaftes anzuheben, besteht darin, die Produktion der Magensäure (Salzsäure) zu verringern. Die Säureproduktion erfolgt in den Belegzellen (Parietalzellen) der Magenschleimhaut. Gesteigert wird sie durch die Botenstoffe Gastrin, Acetylcholin und Histamin. Alle drei bewirken die Bildung von H+-Ionen (Protonen) über einen eigenen Rezeptor an der Belegzelle. Die Pro­tonen werden mittels des Enzyms H+/K+-ATPase (Protonenpumpe) in den Magen ­sezerniert, wo sie sich mit den dortigen ­Chloridionen zu Salzsäure verbinden.

Die Magensäureproduktion verringern Arzneimittel aus der Gruppe der H2-Antihistaminika (H2-Blocker) und Protonenpumpenhemmer (PPI), von denen einige Vertreter in niedriger Dosierung rezeptfrei erhältlich sind. PPI hemmen die Protonenpumpe, sodass weniger H+-Ionen in den Magen gelangen und zwar unabhängig davon, ob Histamin, Gastrin oder Acetylcholin deren Bildung stimulieren.

PPI sind die derzeit effektivsten und am längsten wirksamen Medikamente mit säurehemmender Wirkung. Omeprazol (wie in Antra®) und Pantoprazol (wie in Pantozol® Control) müssen die Patienten nur einmal täglich einnehmen. Sie eignen sich für diejenigen, die häufig unter Sodbrennen leiden. Der H2-Blocker Ranitidin (wie in Zantic® 75 mg Magentabletten) verhindert den Angriff des Histamins am H2-Rezeptor, wodurch die Belegzellen weniger H+-Ionen produzieren.

Blähungen und Völlegefühl

Üppige Mahlzeiten können nicht nur zu Sodbrennen und saurem Aufstoßen führen, sondern auch zu Blähungen und Völlegefühl bis hin zu kolikartigen Bauchschmerzen. Verschiedene Mechanismen können daran beteiligt sein. Oftmals ist insbesondere die Fettverdauung durch das erhöhte Nahrungsaufkommen überfordert. Eine Mahlzeit liegt dann »schwer im Magen«, weil Nahrungsbestandteile nicht schnell genug verdaut und im Magen-Darm-Trakt weitertransportiert werden. Ballaststoffe, zum Beispiel in Linsen, Bohnen, Kohl und Vollkornprodukten führen im Dickdarm bedingt durch den bakteriellen Abbau zu verstärkter Gasbildung. Wer zu hastig isst, verschluckt dabei viel Luft und fördert dadurch ein Zuviel an gastro­intestinalen Gasen.

Menschen mit Blähungen unterschätzen meist den hohen Luftgehalt einiger Nahrungsmittel, wie von frischem Brot und Gebäck, geschlagener Sahne und geschlagenen Süßspeisen sowie den Gas­gehalt kohlensäurehaltiger Getränke wie Cola, Sekt und Mineralwasser. Nennenswert ist auch Obst: Beispielsweise enthält ein Apfel rund 20 Prozent Luft.

Gaselimination erleichtern

Die im Magen-Darm-Trakt befindlichen Gase sind von einem zähen Schleim umhüllt, der unter anderem Mundspeichel, und Magensaft enthält. Aus den festen Schleimhüllen können die Gase nur schwer entweichen. Dadurch wird vor allem deren wichtigster Eliminationsweg behindert: die Diffusion über die Darmwand in das Blut und das anschließende Abatmen über die Lunge. Simeticon (wie in Espumisan®) zerstört auf rein physikalischem Weg die Schleimhüllen, sodass die darin befindlichen Gase frei gesetzt und eliminiert werden können. Simeticon, ein Gemisch aus flüssigem Dimeticon (wirksamer Bestandteil) und feindispersem Siliciumdioxid (Hilfsstoff), wird nicht resorbiert und unverändert über den Darm wieder ausgeschieden. Die Einnahme erfolgt am besten zum Essen, weil sich dann der Wirkstoff gut im Speisebrei verteilen kann.

Seit Jahrhunderten bei Blähungen und Völlegefühl bewährt haben sich die Zu­bereitungen einiger Arzneipflanzen. Hierzu gehören Bitterstoffdrogen (Amara) wie die Bittere Schleifenblume, Wermutkraut, Enzianwurzel und Angelikawurzel (wie in Iberogast®). Sie fördern über verschiedene Wege die Verdauungsprozesse: Bei einem Kontakt mit der Magenschleimhaut stimulieren sie die Ausschüttung des Hormons Gastrin, das wiederum die Bildung von ­Magensäure, Gallen- und Pankreassekret erhöht und die Magenmotilität steigert. ­ Tees oder Tropfen wirken zusätzlich auf die Bitterrezeptoren der Zunge, wodurch sie außerdem – teilweise reflektorisch – die Produktion von Verdauungssäften wie Speichel und Magensaft anregen. Wer nicht gerne bittere Präparate schluckt, kann deren Geschmack mildern, indem er sie mit warmem Wasser oder mit Kirschsaft einnimmt.

Nahrungstransport beschleunigen

Pflanzliche Karminativa sind meist reich an ätherischen Ölen, die die Hauptinhaltsstoffe beziehungsweise Wirkstoffe enthalten. Bekannte Beispiele sind Kümmelfrüchte, Pfefferminzblätter, Fenchelsamen und Anisfrüchte. Diese sind als Tees oder Teemischungen (wie von Sidroga®) erhältlich. Einige Fertigpräparate (wie Enteroplant®) enthalten Zubereitungen der Drogen. Karminativa steigern die Magenmotilität und fördern dadurch den Weitertransport des Speisebreis (prokinetische Wirkung). Zusätzliche krampflösende Effekte lindern Druckgefühl und kolikartige Schmerzen.

Extrakte aus Artischockenblättern (wie in Hepar-SL® forte) oder Curcumawurzelstock (wie in Curcu-Truw®) verbessern den Gallenfluss (choleretische Wirkung), sodass fetthaltige »üppige« Mahlzeiten besser verdaut werden können. Die von der Leber produzierte Gallenflüssigkeit enthält Gallensäuren und Cholesterol. Diese emulgieren die wasser­unlöslichen Nahrungsfette, die dann im wässrigen Milieu des Zwölffingerdarms von den Lipasen aus der Bauchspeicheldrüse gespalten werden können. Artischocken- und Curcuma-Präparate werden in der Regel zum Essen eingenommen, andere Phytopharmaka – je nach Präparat (bitte Gebrauchsinformation beachten) – vor, zu oder nach den Mahlzeiten.

Vorbeugen besser als heilen

Gut gekaut ist halb verdaut: Gründliches und langes Kauen ist eine wichtige Voraussetzung für reuelosen Genuss. Je besser Speisen von den Zähnen zerkleinert und durch den Speichel aufgeweicht werden, umso leichter können sie im Magen-Darm-Trakt verdaut werden. Auch der berühmte Verdauungsspaziergang nach dem Essen sollte nicht in Vergessenheit geraten. Er regt die Verdauung an und unterstützt den Transport des Nahrungsbreis durch den fast neun Meter langen Magen-Darm-Trakt. /

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