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Fortbildung

From hero to zero

21.11.2011  12:38 Uhr

Von Gerhard Janssen und Anja Becker / Freddy Mercury lebte 10 Jahre zu früh. Mit den seit den 1990er-Jahren entwickelten Medikamenten hätte er weiterhin seine genialen Hits in den großen Fußballstadien der Welt präsentieren können. In der Fortbildungsreihe der PTA-Schule Leer referierte Dr. Ingo Stock, Mikrobiologe aus Bonn, über Geschichte, Verlauf und Behandlung der HIV-Infektion.

Als Vorläufer der HI-Viren gilt ein Affenvirus, das bei diesen wenig pathogen war. Durch den Verzehr von rohem Fleisch sollen sich in Zentralafrika die ersten Menschen mit dem Aids-Virus infiziert haben. Im Jahr 1969 wurde es über Haiti in die USA eingeschleppt. Die Bezeichnung Aids erhielt das fortgeschrittene Stadium der Erkrankung erst 13 Jahre später.

Innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums verbreiteten sich die HI-Viren pandemieartig über alle Erdteile. In Deutschland wurden die Begriffe Aids und Kondom zu den Wörtern des Jahres 1987 gewählt. Lange hielt sich die Überzeugung, die Krankheit trete nur bei homosexuellen Männern auf.

Bis zum Ausbruch vergehen Jahre

Von der Ansteckung bis zum Ausbruch der ersten lebensbedrohlichen opportunistischen Infektionen vergehen meist fünf bis fünfzehn Jahre. Vorher bemerken viele Infizierte gar nichts, obwohl ihr Immunstatus sich ständig verschlechtert. Chronisches Fieber und anhaltende Diarrhö geben dann erste Hinweise: Irgendetwas stimmt nicht. Zum Tod führen am Ende ­Infektionen mit Bakterien, anderen Viren, Pilzen oder Protozoen.

Eine häufige Todesursache sei Krebs verursacht durch Herpes-Viren, berichtete Stock. Freddy Mercury starb völlig ausgemergelt. Die meisten Aids-Kranken leben in Afrika und sterben dort hauptsächlich an Tuberkulose. Demenz-Erkrankungen als Folge der HIV-Infektion sind typisch im asia­tischen Raum.

Therapiestandard Dreierkombination

Innerhalb der letzten 20 Jahre wurde eine Vielzahl an Medikamenten mit jeweils anderen Angriffspunkten entwickelt. Die Arzneistoffe hemmen die Virusvermehrung auf unterschiedliche Weise: Sie verhindern zum Beispiel, dass sich die HI-Viren den Lymphozyten-Wirtszellen überhaupt nähern und mit ihnen verschmelzen, ihre RNA in DNA »umgeschrieben« wird, die neue DNA dann in das Wirtsgenom eingebaut oder schließlich neue Viren produziert werden. Andere Arzneistoffe hemmen einzelne Virusenzyme wie die Reverse Transkriptase, Integrase oder Protease. Heute erhalten die Patienten eine Dreierkombination als hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART).

Welche der circa 20 Wirkstoffe der Arzt dem einzelnen Patienten verordnet, hängt von der individuellen Verträglichkeit und den Resistenzen ab. Die Therapie solle möglichst früh beginnen und nicht, zumindest nicht zu oft, unterbrochen werden, so der Referent. Schon das einmalige Aussetzen könne zu einem Therapieversagen führen. Generell ließe sich sagen, dass sich bei konsequenter Einnahme von Fixkombinationen die Lebenserwartung der HIV-Patienten an die anderer chronisch Kranker angleicht. Eine Heilung, also Vernichtung des einmal eingedrungenen Virus, ist aus Sicht des Bonner Experten nach wie vor nicht möglich.

Stock rundete seinen lehrreichen und spannenden Vortrag durch einige statistische Daten ab. Weltweit sind über 33 Millionen Menschen mit HI-Viren infiziert, jedes Jahr kommen 3 Millionen Neuinfektionen hinzu, die meisten in weniger entwickelten Ländern, besonders viele in Afrika südlich der Sahara. Mit 25 Prozent HIV-positiven Erwachsenen hält Swasiland einen traurigen Rekord.

3000 Neuinfektionen pro Jahr

In Deutschland leben mit dem Virus derzeit etwa 70 000 Menschen, vier Fünf­tel davon sind Männer. Über 20 Prozent wissen nichts von ihrer Infektion und können andere vor allem durch ungeschützte ­Sexualkontakte anstecken. Das führt zu 3 000 Neuinfektionen pro Jahr. Daher sind Gesundheitsprogramme bezüglich der Verhütung immer noch genauso aktuell wie vor 10 Jahren.

Die zahlreichen fortbildungsaktiven PTA und Apotheker aus Ostfriesland und dem Emsland honorierten Stocks äußerst kurzweilige Ausführungen mit einem herzlichen, langen Applaus. /

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