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Infektionskrankheiten

Masern im Anmarsch

21.11.2011  11:10 Uhr

Von Maria Pues / Viele Laien halten Masern immer noch für eine eher harmlose Kinderkrankheit. Daher unterschätzen sie die Gefahr, die von dieser Virenart ausgeht. Aufklärung tut Not.

Eigentlich sollten die Masern in Europa längst ausgerottet sein. Jedenfalls hatte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dies bis 2010 vorgenommen. Doch um das zu erreichen, hätten 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen. Inzwischen hat die WHO diese Frist verlängert, und die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre Impfempfehlungen ausgeweitet. Trotzdem steigen in diesem Jahr die Fallzahlen bei dieser meldepflichtigen Krankheit rapide an: Bis Anfang November registrierte das Robert-Koch-Institut 1605 Fälle, im selben Zeitraum des vergangenen Jahres waren es hingegen »nur« 800. Damit ist die Zahl der Erkrankten so hoch, wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Ursache kleiner Epidemien

Typischerweise verläuft die Erkrankung in zwei Phasen. Zunächst bemerken die Infizierten grippeähnliche Symptome wie Müdigkeit, Fieber, Husten, Schnupfen, häufig auch eine Bindehautentzündung. Erst in der zweiten Phase, das heißt nach normalerweise drei bis sieben Tagen, entsteht der charakteristische Ausschlag, der sich vom Gesicht und hinter den Ohren nach und nach über den ganzen Körper ausbreitet. Dieser zweiphasige Verlauf ist auch der Grund dafür, dass es rasch zu kleineren, örtlich begrenzten Epidemien kommen kann: Schon zwei Tage, bevor sich der Ausschlag bildet, können sich Gesunde bei den Erkrankten anstecken. Erst nach vollständigem Abklingen des Ausschlags ist die Gefahr der Ansteckung vorbei.

Wie auch in vergangenen Jahren sind Bayern und Baden-Württemberg besonders stark betroffen. Aber auch in Hamburg und Hessen haben sich die Zahlen der Masernfälle im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht beziehungsweise verfünffacht. Vervielfacht haben sie sich im Saarland und in Sachsen, wo im vergangenen Jahr noch kaum Masernfälle gezählt wurden.

Jahrgänge 1970 bis 1990 aufgepasst

Dabei sah es eigentlich schon ganz gut aus: Seit etlichen Jahren nahm die Zahl der Erkrankungen stetig ab. Seit 2006 verzeichnet das Robert-Koch-Institut jedoch plötzlich wieder eine Zunahme bei Erwachsenen, die zwischen 1970 und 1990 geboren sind. Wer nach 1990 zur Welt kam, verfügt meist über den Schutz durch eine Impfung. Die über 40-Jährigen hingegen haben praktisch alle als Kind Masern gehabt. Nach 1970 haben viele nach der damals gültigen Empfehlung nur eine Impfung erhalten. Inzwischen weiß man, dass eine zweite Impfung notwendig ist, um Impf­lücken zu schließen. Daher ist die zweite Impfung keine Auffrischimpfung wie bei den meisten anderen Impfungen.

Masernviren sind hoch infektiös, und das macht sie so gefährlich. Menschen ohne Immunschutz durch eine Impfung oder durchgemachte Erkrankung infizieren sich mit fast 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit, wenn sie mit Masernviren in Kontakt kommen. Da es sich um eine Tröpfcheninfektion handelt, verwundert es nicht, dass gerade in der kalten Jahreszeit die Zahl der Masernfälle steigt. Hingegen schwächen Licht und Luft den Erreger, der nach kurzer Zeit ohne menschlichen Wirtsorganismus seine Ansteckungsfähigkeit einbüßt.

Risiken der Infektion

Eine besondere Gefahr geht von den Komplikationen aus, beispielsweise den Entzündungen des Gehirns oder der Hirnhäute, die eine Maserninfektion mit sich bringen kann. In Aschaffenburg ringt derzeit ein sechsjähriges Mädchen mit dem Tod, das infolge einer über Jahre zurückliegenden Masern-Infektion an einer fortschreitenden Gehirnentzündung erkrankt ist. Meningitis als Komplikation der Masern tritt nur in 0,1 Prozent der Fälle auf. Das Mädchen hat sich im Alter von sieben Monaten bei einem Erwachsenen angesteckt und war nach Abklingen der akuten Symptome zunächst fünf Jahre lang gesund. Erst dann entwickelte sich als Folge eine chronische und unheilbare Gehirnentzündung.Für Schwangere und ihr Ungeborenes ist eine Infektion sehr kritisch, deren Folgen Experten inzwischen ähnlich hoch einschätzen wie bei den gefürchteten Röteln.

Nicht ohne Grund ordnet das Robert-Koch-Institut in seiner aktuell herausgegebenen Liste zur Priorisierung von Krankheitserregern dem Masernvirus zusammen mit unter anderem den Hepatits-B-, -C- und Infuenzaviren die höchste Dringlichkeitsstufe zu.

Masern-Steckbrief

  • Behülltes RNA-Virus,
  • empfindlich gegenüber Reinigungs- und Desinfektionsmitteln,
  • empfindlich gegenüber Umwelteinflüssen wie Luft- und Licht; überlebt außerhalb eines Wirtsorganismus nur wenige Stunden,
  • Vergleichsweise geringe Mutationsrate,
  • Einziger Wirt: Mensch,
  • Übertragung durch Tröpfcheninfektion beim Husten, Niesen oder Händedruck,
  • Hochinfektiös: von 100 Kontakt­personen ohne Immunschutz ­erkranken 99,
  • Inkubationszeit: circa 10 bis 14 Tage,
  • Zeit der höchsten Infektiosität: ab fünf Tage vor Auftreten des Exanthems bis einige Tage danach,
  • Impfstoff: Lebendimpfstoff mit ­abgeschwächten Erregern.

Außerdem sind im Unterschied zu früher Fernreisen als vergleichsweise neue Ansteckungsmöglichkeit hinzugekommen. Zum einen ist die Zahl der Fernreisenden stark angestiegen, zum anderen fliegt gerade die Gruppe der 20- bis 40-Jährigen häufig durch die ganze Welt – sei es aus beruflichen oder privaten Gründen. Kleinere lokale Epidemien, wie sie immer wieder auftreten, gehen zuweilen auch auf dieses Konto. Dabei steigt bekanntermaßen das Komplikationsrisiko mit zunehmendem Alter des Patienten. Ein weiteres Phänomen ist dabei nicht außer Acht zu lassen: Die Gefahr, dass die Ursache der Symptome nicht richtig und zeitig erkannt wird. Wer denkt bei einem erkrankten Afrika-Reisenden gleich an eine »Kinderkrankheit«?

Die STIKO empfiehlt aus den genannten Gründen inzwischen, nicht nur Kinder ab einem Jahr zu impfen, sondern auch alle nach 1970 geborenen Ungeimpften und in der Kindheit nur einmal geimpfte Personen ab 18 Jahre sowie alle nach 1970 geborene über 18-Jährigen mit unklarem Impfstatus. Wer sich impfen lässt, schützt auch andere, die nicht geimpft werden können, zum Beispiel Kinder unter einem Jahr sowie immunsupprimierte Patienten, bei denen sich die Anwendung von Lebendimpfstoffen verbietet. Die STIKO empfiehlt ­ die Impfung vor allem auch Personen ab ­ 18 Jahren, wenn diese im Gesundheits­wesen und bei der Betreuung von Immundefizienten sowie in Gemeinschaftseinrichtungen tätig sind. Die Impfung soll vorzugsweise mit einem MMR-Kombinationsimpfstoff erfolgen.

Und wenn jemand nicht weiß, ob er geimpft ist? Experten raten sicherheitshalber, sich impfen zu lassen. Eine Überimpfung wie bei Tetanus gibt es bei Masern nicht. Bei Menschen, die schon immun sind, reagierten die Antikörper auf die Impfstoffviren genauso wie auf den Wild-Typus, so die Fachleute. /

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