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Arzneimittel

Missbrauch ist weit verbreitet

21.11.2011  11:47 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Im Alltag haben PTA oder Apotheker immer mal wieder den Verdacht, dass ein Patient oder Kunde von seinen Medikamenten abhängig ist. Die Vermutung ist relativ realistisch, denn Arznei­mittelmissbrauch betrifft in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen. Rein statistisch kommen also auf jede Apotheke circa 70 Betroffene.

Welches Ausmaß der Arzneimittelmissbrauch in Deutschland hat, wurde bei einem Symposium deutlich, das die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände gemeinsam mit dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Anfang November in Berlin veranstaltete. Die drei Verbände wollen gemeinsam gegen Medikamentenmissbrauch vorgehen. Denn von Arzneimitteln abhängig zu sein, hat Folgen für alle Lebensbereiche, auch für Verkehrstüchtigkeit und sportliche Aktivitäten.

Dem Verbraucherschutz verpflichtet

Etwa 4 bis 5 Prozent aller häufig verordneten Arzneimittel haben ein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotenzial. Doch ist das Problem nicht auf rezeptpflichtige Präparate beschränkt: Auch bei gängigen freiverkäuflichen Medikamenten wie abschwellenden Nasensprays und Kopfschmerztabletten besteht bei unsach­gemäßer Anwendung die Gefahr, abhängig zu werden. Anders als Ärzten, denen ­ die Patienten von selbst gekauften Medikamenten häufig gar nicht berichten, bleibt PTA und Apothekern der missbräuchliche oder übermäßige Gebrauch von Arzneimitteln in der Selbstmedikation nicht verborgen.

Laut Apothekenbetriebsordnung ist das pharmazeutische Personal in der Apotheke dazu verpflichtet, »einem erkenn­baren Arzneimittelmissbrauch in geeigneter Weise entgegenzutreten«. Professor ­ Dr. Martin Schulz, Geschäftsführer Arzneimittel der ABDA, bezeichnete diese Pflicht in Berlin als »klare Verbraucherschutzaufgabe«. Schulz betonte, dass Medikamente ein Segen für die Behandlung von Krankheiten sind, wenn sie richtig angewendet werden. »Werden sie aber falsch eingesetzt, haben wir ein Problem«, so Schulz.

Doch woran lässt sich der Missbrauch von Arzneimitteln eigentlich erkennen? Welches sind die problematischen Präparategruppen? Und die vielleicht wichtigste Frage: Wie sollen sich PTA oder Apotheker verhalten, wenn sie vermuten, dass ein Patient seine Medikamente ohne eigentliche Indikation, also missbräuchlich einnimmt? Antworten auf diese Fragen gibt ein gerade aktualisierter Leitfaden der Bundesapothekerkammer zum Thema Medikamentenmissbrauch. Diesen können Interessierte auch online unter www.abda.de/medi kamentenmissbrauch.html abrufen.

Patienten fehlt das Gespür

Dass er von seinen Medikamenten abhängig sein könnte, kommt manchem Betroffenem gar nicht in den Sinn. Häufig nehmen ältere Menschen niedrige Dosen von Benzodiazepinen als Schlafmittel über viele Jahre hinweg regelmäßig ein, ohne sich überhaupt bewusst zu werden, dass sie von den Tabletten abhängig sind. Dennoch ist durch den Medikamenten-Dauerkonsum ihre Reaktionsfähigkeit eingeschränkt, sie können sich nicht mehr so gut konzen­trieren und ihr Gang wird zunehmend unsicherer.

Von Benzodiazepinen Abhängige aus ihrer Sucht herauszuhelfen, ist in der Praxis eine große Herausforderung, weiß Dr. Ernst Pallenbach von der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. »Sie anzunehmen, lohnt sich aber im Sinne des Patienten immer«, sagte Pallenbach. Am wichtigsten, aber auch am schwierigsten sei dabei oft der erste Schritt: Den Patienten auf das Problem anzusprechen. Pallenbach betreut ein Modellprojekt, in dem Ärzte und Apotheker gemeinsam Benzo­diazepin-abhängige Patienten erkennen, gezielt ansprechen und wenn möglich entwöhnen, indem sie die Arzneistoffdosis schrittweise reduzieren.

Gefahr lauert hinterm Steuer

Auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch können einige Arzneimittel das ­Reaktionsvermögen so stark einschränken, dass die Teilnahme am Straßenverkehr problematisch wird. »Anders als bei Alkohol gibt es bei Medikamenten keine Grenzwerte für absolute Fahrunsicherheit«, informierte Professor Dr. Frank Mußhoff vom Institut für Rechtsmedizin an der Universität Bonn. Wer unter Arzneimitteleinfluss im Straßenverkehr auffällig werde, begehe aber eine Straftat.

Die Autofahrer seien sich der Gefahr häufig nicht bewusst. Dabei sei der Patient durchaus verpflichtet, sich über die Nebenwirkungen seiner Arzneimittel zu informieren. Eine wichtige Aufgabe von PTA und Apothekern besteht deshalb darin, ­Patienten bei der Abgabe von entsprechenden Arzneimitteln dringend auf die Gefahr hinzuweisen. /

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