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Welt-Aids-Tag

Stimmen für ein gutes Miteinander

21.11.2011  11:52 Uhr

Von Ralf Daute / Aids sorgt nicht mehr für die ganz großen Schlagzeilen, doch das Risiko einer HIV-Infektion bleibt weiterhin vorhanden: Rund 3000 Menschen infizieren sich jährlich in Deutschland neu mit HI-Viren. Wird die Krankheit rechtzeitig erkannt und konsequent behandelt, haben Betroffene eine fast normale Lebenserwartung. Doch viele fürchten die Stigmatisierung – deshalb steht der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember in diesem Jahr in Deutschland unter dem Motto: »Positiv zusammen leben. Aber sicher!«

»Tina, wat kosten die Kondome?« Es ist gerade einmal 22 Jahre her, dass mit diesem TV-Spot zur Aids-Vorbeugung in Deutschland Tabus gebrochen wurden. Das Aufklärungsfilmchen mit der resoluten Supermarktkassiererin und dem schüchternen Kondomkäufer zeigt, wie sehr die Zeiten sich geändert haben. Damals herrschte viel Unsicherheit, und die Angst vor einer unkontrollierbaren Epidemie grassierte.

Heute haben die Menschen andere Sorgen, Aids ist in den Hintergrund gerückt. Diese Entwicklung ist sicher auch der massiven Aufklärung zu verdanken, mit der seit vielen Jahren über die Erkrankung und die Möglichkeiten der Prävention informiert wird. Ihren alljährlichen Höhepunkt haben diese Kampagnen am 1. Dezember. Im Jahr 1988, vor inzwischen 23 Jahren, wurde dieser Tag erstmals zum Welt-Aids-Tag ausgerufen.

Verantwortlich dafür waren zwei Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf. Einer von ihnen, ein erfah­rener amerikanischer Fernsehjournalist, empfahl als Termin für einen solchen Aktionstag den 1. Dezember, den er als mediale Lücke zwischen den US-Präsidentschaftswahlen und dem Weihnachtstrubel ausgemacht hatte. Das Rezept ging auf.

Prominente Fürsprecher

In Deutschland traten in den vergangenen Jahren Prominente wie der Fußballspieler Philipp Lahm, die Eisschnellläuferin Anni Friesinger oder die Schauspielerin Christiane Paul als Botschafter des Welt-Aids- Tages auf. Vor zwei Jahren gab der Rap-Musiker Samy Deluxe in München ein Benefizkonzert zugunsten der Aids-Hilfe.

»Gemeinsam gegen Aids: Wir übernehmen Verantwortung – für uns selbst und andere«, so lautete das Motto zum Welt-Aids-Tag in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland. In diesem Jahr haben das Bundesgesundheitsministerium, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die Deutsche Aids-Hilfe sowie die Deutsche Aids-Stiftung eine neue Losung ausgerufen: »Positiv zusammen leben. Aber sicher!«

Betroffene kommen zu Wort

Parallel dazu startete die Deutsche Aids-Hilfe Anfang November die Kampagne »positive stimmen«, in deren Mittelpunkt HIV-positive Menschen offen über ihre Erfahrungen mit der Infektion sprechen. Mit Fragen wie »HIV-positiv und Mutter sein?« oder »HIV-positiv und arbeiten?« stellen sie sich auf Plakaten sowie in einem Kino- und TV-Spot mutig der Öffentlichkeit.

»Eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche Aids-Prävention war und ist ein offener und diskriminierungsfreier Umgang mit HIV-Infizierten und an Aids erkrankten Menschen. Auch deshalb hat Deutschland eine der niedrigsten Neuinfektionsraten Europas«, so Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Dennoch infi­zieren sich jährlich immer noch rund 3000 Frauen und Männer in Deutschland mit dem Virus, der das Immunsystem angreift und schließlich lahmlegt.

Frühe Diagnose entscheidet

Doch die Betroffenen können heute von den großen Fortschritten profitieren, die die Medizin in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat. Dr. Annette Haberl vom HIVCENTER der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt, und Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Gesellschaft, sagt: »HIV kann heute in Ländern, deren Menschen Zugang zur Therapie haben, gut behandelt werden. Wenn die HIV-Infektion früh genug erkannt und rechtzeitig behandelt wird, haben Menschen mit HIV eine nahezu normale Lebenserwartung.«

Problematischer wird die Behandlung, wenn die Diagnose zu spät gestellt wird. Und dies sei nicht selten der Fall, so Haberl: »In Europa weiß etwa jeder dritte Betroffene nichts von seiner HIV-Infektion. Wenn HIV zu spät erkannt wird, ist die Prognose insgesamt schlechter als bei früher Diagnosestellung.«

Forscher suchen den Startpunkt

Wann allerdings der ideale Zeitpunkt für den Start einer HIV-Therapie ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Dazu wird derzeit eine große, internationale Studie unter dem Namen START durchgeführt. Maßstab für den Therapiebeginn ist die Zahl der sogenannten CD4-Helferzellen im Blut, die mit dem Fortschreiten der Infektion nach und nach sinkt. Bei einem gesunden Menschen finden sich in einem Mikroliter Blut etwa 700 bis 1000 dieser Zellen.

»Ein Therapiebeginn wird heute in den Leitlinien bei spätestens 350 Helferzellen pro Mikroliter Blut empfohlen«, so Haberl. Grundsätzlich gehe die Tendenz eindeutig dahin, früher mit der Behandlung zu beginnen. So soll verhindert werden, dass das Immunsystem bei einer unbehandelten HIV-Infektion dauerhaft geschwächt werde. »Hit hard and early!«, so nennen Mediziner diesen Ansatz.

Nur konsequente Therapie rettet

Die Therapie besteht aus mindestens drei antiretroviralen Wirkstoffen (HAART, Highly Active Antiretroviral Therapy), die die Vermehrung des Virus im Körper unterbinden – und zwar so stark, dass die Zahl der Viren im Blut unter die sogenannte Nachweisgrenze von etwa 50 Viruskopien pro Milliliter Blut absinkt. »Eine Heilung ist zur Zeit dennoch nicht möglich, da das Virus nicht nur im Blut, sondern auch in latent infizierten Zellen vorkommt, die ein lebenslanges Reservoir bilden«, so Haberl.

Deshalb müssen die Betroffenen die Therapie ihr Leben lang fortsetzen. Haberl: »Wer eine HIV-Therapie beginnt, trifft eine Entscheidung für den Rest seines Lebens. Die Medikamenteneinnahme verlangt absolute Zuverlässigkeit und erfordert regelmäßige Laborkontrollen und Arztbesuche – das bedeutet wie bei jeder chronischen Erkrankung ein Stück Freiheitsverlust.« Nehmen Infizierte die Medikamente nicht wie vorgesehen ein, kann es schnell zu Resistenzentwicklungen kommen, die das Fortschreiten der Krankheit begünstigen.

Weder bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Virus noch bei der Heilung erwarten Fachleute in nächster Zeit einen wissenschaftlichen Durchbruch. Doch aus Sicht der Mediziner ist es schon ein großer Fortschritt, dass Menschen mit HIV relativ maßgeschneidert behandelt werden können. Haberl: »Es ist ein großer Erfolg, dass dies in der relativ kurzen Zeit seit der Entdeckung des HI-Virus gelungen ist. Für die Menschen, die mit HIV leben, wäre es schön, wenn ihre gesellschaftliche Akzeptanz mit dem medizinischen Fortschritt mithalten könnte.«

Geheimhaltung aus Angst

Doch daran hapert es – noch. »Der Umgang mit Betroffenen ist in Deutschland auch heute noch längst nicht immer ›normal‹. Zwar hat sich seit Beginn der Aids-Aufklärung ein gesellschaftliches Klima gegen Stigmatisierung und Diskriminierung etabliert. Aber immer noch werden von HIV betroffene Menschen in ihrem Alltag diskriminiert und sprechen aus Angst davor nicht über ihre Infektion«, so Professor Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Experten schätzen, dass zwei Drittel der HIV-Infizierten in Deutschland einer Arbeit nachgehen. Aber nur die wenigsten reden offen über ihre Erkrankung. »Am Arbeitsplatz ist die Angst Betroffener vor Mobbing oder dem Karriereknick besonders groß«, berichtet Carsten Schatz, Vorstandsmitglied der Deutschen Aids-Hilfe. Eine aktuelle Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: 81 Prozent der HIV-positiv-Getesteten haben es aus Angst vor Diskriminierung schon ein- oder mehrmals vermieden, ihre Infektion offen zu thematisieren.

Ein möglicher Ausweg könnten Unternehmensleitlinien für den Umgang mit HIV-Positiven sein. Schatz: »Sie wären ein Schlüssel zum respektvollen Umgang miteinander und ein Beitrag zur wirksamen Prävention von Diskriminierung und Stigmatisierung.«

Auch von der Kampagne »positive stimmen« versprechen sich die Initiatoren viel. Melike Yildiz, die dem Projektbeirat angehört, sagt: »Leute, die bisher stumm waren, können sich durch dieses Projekt zu ihren Erlebnissen äußern – das ist ein Durchbruch!« Mehrere hundert anderthalbstündige Interviews sollen in den nächsten Monaten für die Kampagne geführt werden. Gesucht werden Menschen, die Lust und Zeit haben, sich interviewen zu lassen. Wer positiv getestet ist und mitmachen möchte, kann sich über die Web­site von »positive stimmen« bei der Deutschen Aids-Hilfe melden. Die Ergebnisse des Projekts werden im Sommer 2012 veröffentlicht. /

Kampagne und Infos

Plakate, Pressemeldungen und Mate­rialien für die Kampagne sowie allgemeine Informationen über die aktuelle Situation zu HIV und Aids finden Interessierte im Internet an verschiedenen Stellen unter folgenden Adressen:

E-Mail-Adresse des Verfassers

ralf.daute(at)me.com