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Hörsturz

Das Trommelfell entlasten

26.11.2012  09:51 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Plötzlich auftretender einseitiger Hörverlust, Schwindel oder Geräusche im Ohr: Diese Symptome können durch einen Hörsturz bedingt sein. So unterschiedlich dieser verläuft, so verschieden sind auch die Therapien. Der Erfolg mancher Behandlung ist in der Fachwelt umstritten, denn häufig bessern sich die Beschwerden auch spontan.

Ein Hörsturz tritt völlig unerwartet auf. Die Betroffenen hören innerhalb von wenigen Stunden deutlich schlechter, zumeist auf einem Ohr. Daneben spüren sie vor allem Schwindel, Ohrgeräusche oder Missempfindungen im Ohr (»als ob ein Wattepfropfen den Gehörgang verschließt«). Meist erkranken Menschen im Alter um die 50 Jahre, Frauen und Männer etwa gleich häufig. Statistisch gesehen trifft es 16 bis 40 Menschen von 10 000.

Ärzte der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie beurteilen einen Hörsturz heute nicht mehr als medi­zinischen Notfall, sondern als Eilfall. Nicht immer ist eine Behandlung erforderlich, da sich bei jedem zweiten Betroffenen die Beschwerden innerhalb von 24 Stunden bessern. Ansonsten hängt das weitere Vorgehen vom individuellen Leidensdruck und von den Begleitsymptomen ab. Bei starken Beschwerden spricht vieles für einen frühzeitigen Therapieversuch, also innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten erster Symptome. Je nach Autor profitieren bis zu 90 Prozent der Patienten von einer Therapie.

Eingehende Untersuchung

Ein komplexer Mechanismus sorgt dafür, dass das Ohr Geräusche aufnimmt und weiterleitet. Zunächst gelangen die Schallwellen über den Gehörgang zum Trommelfell im Mittelohr. Von dort leiten kleine Gehörknöchelchen die Signale weiter bis zum Innenohr. Hier befinden sich die sogenannten Haarzellen, hoch empfindliche Sinneszellen. Sie wandeln Schwingungen in elektrische Signale um, die das Gehirn als Töne interpretiert. Bei einem Hör­sturz gelangen akustische Eindrücke zwar noch bis zum Innenohr, die weitere Verarbeitung ist jedoch gestört.

Meist betrifft der Hörverlust bestimmte Frequenzbereiche. Die Betroffenen können entweder tiefe oder hohe Töne schlecht wahrnehmen. Die sogenannte Innenohrschwerhörigkeit (IOS) bestimmen HNO-Ärzte mit einem Tonaudiogramm. Sie unterscheiden unter anderem Hochton-, Mittelton-, Tiefton-IOS sowie komplette IOS. Die Fachärzte untersuchen die Patienten außerdem nach anderen möglichen Auslösern, vom Ohrenschmalzpfropfen über Mittelohrentzündungen und Erkrankungen des Hörnervs bis zu Tumoren.

Ob der Schall richtig an das Innenohr weitergeleitet wird, können sie ganz einfach mit dem Stimmgabeltest beurteilen. Je nach Ergebnis der Untersuchung folgen weitere Tests, auch Computer- beziehungsweise Kernspin­tomographien können erforderlich sein. Ergibt die umfangreiche Diagnostik keine eindeutige Ursache, sprechen Mediziner vom idiopathischen Hör­sturz.

Unklare Auslöser

Wie es genau dazu kommt, ist nach wie vor rätselhaft. Oftmals lösen laute Geräusche den Hörsturz aus, sei es beim Diskobesuch oder durch einen Feuerwerkskörper während der Silvesterparty. Wissenschaftler vermuten, dass sich die Durch­blutung bei extrem hohen Dezibelzahlen verschlechtert und somit auch die Haarzellen im Innenohr nicht mehr ausreichend versorgt werden. Generell schädigt ein Sauerstoff- beziehungsweise Nährstoffmangel empfindliche Sinneszellen. Für diese Theorie spricht, dass Patienten mit Gefäßerkrankungen beispielsweise als Folge von Diabetes mellitus, erhöhten Lipidwerten oder Hypertonie häufiger einen Hörsturz erleiden. Unabhängig vom Hörsturz sollten entsprechende Grunderkrankungen grundsätzlich behandelt werden. Da auch völlig Gesunde erkranken können, muss es jedoch noch andere Ursachen geben. Neuerdings führen Experten sowohl den Hörsturz als auch den Tinnitus auf neuronale Störungen oder auf Auto­immun­erkrankungen zurück. In seltenen Fällen haben Virusinfekte die Ödembildung im Gehörgang verursacht. Auch Blutgerinnsel oder anatomische Besonderheiten kommen als Erklärung infrage. Da ein Hörsturz häufig durch Stress ausgelöst wird, könnte Adrenalin eine zentrale Rolle spielen. Dieser Botenstoff verringert die Durchblutung des Innenohres. Die vermehrte Ausschüttung des Gegenspielers Cortisol würde in diesem Fall erklären, warum ein Hörsturz in vielen Fällen spontan abheilt.

Auf der Suche nach weiteren Erklärungen ziehen Experten die Menièresche Erkrankung zum Vergleich heran. Sie ist ebenfalls durch einseitigen Hörverlust, Schwindel und Ohrgeräusche charakterisiert. Bei dieser Erkrankung spielt möglicherweise eine natürlich vorkommende Flüssigkeit, die sogenannte Endolymphe im Innenohr eine Rolle. Staut sich diese Lymphe, baut sich in der Hörschnecke ein Überdruck auf und löst die charakteristischen Beschwerden aus.

Da die Betroffenen teilweise stark unter einem Hörsturz leiden, sollte der Facharzt trotz der schlechten Daten­lage einen Behandlungsversuch wagen. In der Leitlinie raten Experten, die Fließeigenschaften des Blutes zu verbessern (sogenannte rheologische Therapie) sowie Glucocorticoide anzuwenden.

Gut durchblutet

Um die Durchblutung zu verbessern, erhalten die Patienten für die Dauer von 10 bis 14 Tagen jeweils täglich eine Infusion aus Hydroxyethylstärke (HES) in isotonischer Kochsalzlösung. Da die Patienten unter der Therapie häufig über starken Juckreiz klagen, sollte die Gesamtmenge an HES nicht über 300 Gramm liegen. Die Erfolgsrate dieser Behandlung liegt laut Veröffentlichungen zwischen 55 und 79 Prozent. Jedoch nur bei 14 bis 50 Prozent bilden sich die Symptome vollständig zurück, je nach Autor. Eine weitere Behandlungsmöglichkeit sind Dextranin­fusionen mit oder ohne Zusatz durchblutungsfördernder Pharmaka wie Pentoxifyllin. Die Wirksamkeit dieser Volumen­ersatz­stoffe ist generell umstritten, denn auch die alleinige Infusion von isotonischer Kochsalzlösung verbessert das Krankheitsbild. Hier könnte eine Rolle spielen, dass die Infusionen lediglich das Blutvolumen erhöhen, nicht aber die Fließeigenschaften des Blutes verbessern.

Um die Durchblutung zu fördern, eignen sich generell auch Arzneistoffe wie Betahistin, Buflomedil, Naftidrofuryl oder Nifedipin. Gefäß­erweiternde Pharmaka führen allerdings teilweise zum »Steal-Phänomen« (engl. »stehlen«), denn die Wirkung dieser Substanzen ist nicht auf das Innenohr beschränkt. Weiten sich Blutgefäße in anderen Körperregionen, könnte sich die Versorgung des Innenohrs also noch zusätzlich verschlechtern.

Entzündung bekämpfen

Wegen ihrer entzündungshemmenden und abschwellenden Wirkung verschreiben HNO-Ärzte Hörsturz-Patienten häufig Glucocorticoide. Unter Prednison, Prednisolon oder Methylprednisolon, seltener unter Dexamethason, besserten sich die Symptome bei 59 bis 87 Prozent der Patienten. Die Arzneistoffe mindern Ödeme, die durch entzündliche Prozesse entstehen. Ein mögliches Therapieschema ist, drei Tage mit jeweils mindestens 250 Milligramm Prednisolon zu beginnen und den Wirkstoff danach langsam auszuschleichen. Allerdings spricht jeder fünfte Patient nicht auf dieses Arzneimittel an. Deshalb kombinieren HNO-Ärzte beim sogenannten Stennert-Schema HES oder ein Dextran mit einem Corticosteroid und mit Pentoxifyllin. Ob dieses Schema einen Mehrwert bringt, ließ sich bislang nicht zweifelsfrei nachweisen.

Corticosteroide verringern die körpereigene Insulinproduktion und steigern die Insulinresistenz, sodass die Gefahr einer Hyperglykämie steigt. Ärzte an der Universitätsklinik in Regensburg fanden bei einer Stichprobe im Blut von Hörsturz-Patienten bei 21 Prozent der Gesunden und 63 Prozent der Diabetiker erhöhte Nüchternblutzucker-Werte, abhängig von der Arzneistoff-Dosis. Deshalb sollten PTA und Apotheker vor allem Diabetikern raten, während der Corticoid-Therapie ihren Blutzucker häufiger als üblich zu kontrollieren und gegebenenfalls die Insulin-Dosis anzupassen.

Alternativ können Ärzte den Wirkstoff durch das Trommelfell direkt in die Paukenhöhle applizieren (intratympanale Therapie). So sollen lokal hohe Arzneistoffkonzentrationen erzielt und systemische Nebenwirkungen minimiert werden. Im Vergleich zur oralen Gabe bringt diese Behandlungsmethode hinsichtlich des Therapieerfolgs keinen Vorteil, berichteten US-amerikanische und britische Ärzte. Die Zahl systemischer Nebenwirkungen war aber deutlich geringer. Derzeit diskutieren Experten die Behandlung mit Corticoiden kritisch. In einer kürzlich veröffentlichten Studie aus Schweden war die Behandlung mit Prednisolon nicht wirksamer als Placebo.

Nur auf Privatrezept

Hörsturz-Patienten müssen die verschreibungs­pflichtigen Präparate und die ärztlichen Leistungen wie Infusionen meist selbst bezahlen. Die gesetz­lichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht, da keine Behand­lungsmöglichkeit den Richtlinien der evidenzbasierten Medizin entspricht. Die Kassenvertreter argumentieren: Es fehlen qualitativ hochwertige Studien mit großen Patientenzahlen, die den Mehrwert gegenüber Placebo belegen. Präparate wie HES sind zwar als Arzneimittel zugelassen, jedoch nicht für die Indikation Hörsturz. Die Ärzte verschreiben diese also »off label«.

Der Wirkstoff Pentoxifyllin wurde bereits im Jahr 2009 mit Einführung der neuen Arzneimittelrichtlinie von der Erstattung ausgenommen, da keine stichhaltigen Beweise für die Wirkung vorlagen. Falls Ärzte diese Präparate dennoch auf einem Kassenrezept verordnen, können PTA und Apotheker die Arzneimittel bedenkenlos abgeben. Es gehört nicht zu ihren Aufgaben, abzuklären, ob das Arznei­mittel für das jeweilige Leiden des Patienten zugelassen ist. Möglicherweise muss der Arzt mit Regressansprüchen der Krankenkasse rechnen.

Zusatzempfehlungen

Obwohl viele Therapieverfahren ambulant sowie stationär möglich sind, raten Ärzte zur Behandlung im Krankenhaus. Betroffene können so eine Auszeit vom stressigen Berufs- oder Familienleben nehmen, was oft schon zur Linderung der Beschwerden führt. Auch Entspannungstrainings und eine gesunde Lebensführung unterstützen die Heilung. PTA und Apotheker können den Patienten daher empfehlen, Techniken wie die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson zu erlernen. Mittlerweile übernehmen viele Krankenkassen sogar einen Großteil der Kursgebühren. Ansonsten sollten die Betroffenen ihren Lebensstil überdenken, ausreichend schlafen und sich regelmäßig im Sinne eines Ausdauertrainings bewegen. Auf Nikotin und Alkohol sollten Hörsturz-Patienten möglichst verzichten. Alle genannten Maßnahmen können sich positiv auf die Symptome auswirken.

Möchten die Patienten noch zusätzlich Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, können PTA oder Apotheker ihnen Präparate mit Antioxidanzien wie α-Liponsäuren oder Vitamin C und E empfehlen. Omega-3-Fettsäuren verbessern die Fließeigenschaften des Blutes ebenso wie Ginkgo-biloba-Präparate. Um den Energiestoffwechsel zu optimieren, eignen sich B-Vitamine oder das Coenzym Q12. Aufgrund der oft unzureichenden Datenlage müssen die Patienten selbst ausprobieren, ob sie von den Präparaten profitieren.

Tritt der Hörsturz in Verbindung mit Tinnitus auf, versuchen manche Ärzte, durch die intravenöse Gabe der Lokalanästhetika Lidocain und Procain Abhilfe zu schaffen. Die gute Nachricht: Die Ohrgeräusche verschwinden meist schnell. Jedoch sind die Symptome über kurz oder lang oft wieder da. Angesichts möglicher lebensbedrohlicher Komplikationen wenden Mediziner diese Behandlungsstrategie heute nur noch selten an.

Da hohe Konzentrationen von LDL-Cholesterol und Lipoproteinen im Blut als mögliche Mitver­ursacher eines Hörsturzes gelten, führen manche Mediziner eine Blutwäsche (Apherese) durch. Das Blut der Patienten wird dabei außerhalb ihres Körpers von Fibrinogen, LDL-Cholesterol sowie von Lipoproteinen befreit und und danach wieder infundiert – gegebenenfalls nach Zusatz einer Plasmaaustauschflüssigkeit (Plasmapherese). Dadurch verbessern sich die Fließeigen­schaften des Blutes, und die Kapillaren im Mittelohr werden wieder besser durchblutet. Auch dieses Verfahren gilt als umstritten, in nur wenigen Publikationen berichten die Autoren über Erfolge bei Hörsturz- Patienten.

Zahlreiche Behandlungszentren bieten Betroffenen eine hyperbare Sauerstofftherapie an, die ebenfalls die Durchblutung verbessern soll. Dazu müssen sich die Patienten mehrmals in eine Stahlkammer begeben. Dort atmen sie Sauerstoff mit einem Druck von zwei bis zweieinhalb Bar ein. Der Druck entspricht dem bei einem Tauchgang in 10 bis 15 Metern Tiefe. Auch dieses vergleichsweise teure Verfahren wird von Krankenkassen nicht übernommen.

Hilfe zur Selbsthilfe

www.fgh-info.de

Fördergemeinschaft gutes Hören, die Fördergemeinschaft informiert auf ihren Seiten über aktuelle Aktionen, beispielsweise die Deutschlandtour ihrer Hörmobile, die Woche des Hörens 2012 und vieles mehr. Interessierte erreichen die Hören-Hotline werktags von 9 bis 18 Uhr kostenlos aus dem Festnetz unter 0800 3609360

www.besserhoeren.org

Forum besser hören, Schwerhörigenzentrum Kärnten, Gasometergasse 4a, Eingang Platzgasse, 9020 Klagenfurt, Tel. +43 0463 310380

Netzwerk von Betroffenen, Angehörigen, Ärzten, Psychologen, Interessierten und vielen mehr. Die Website ist Anlaufstelle für schwerhörige Menschen und deren Angehörige rund um die akustische Wahrnehmung des Hörens. Beim Netzwerk finden sie ein offenes Ohr für ihre Anliegen, ihre Sorgen und ihre Ängste. Die Experten leisten Hilfestellung und beraten fachkundig.

www.tinnitus-liga.de

Deutsche Tinnitus-Liga e. V., Gemeinnützige Selbsthilfeorganisation gegen Tinnitus, Hörsturz und Morbus Menière, Am Lohsiepen 18, 42369 Wuppertal, Tel. 0202 24652-0

Unter der Internetadresse der Deutschen Tinnitus-Liga kann man Ohrgeräusche simuliert hören und den Grad seiner persönlichen Tinnitus-Belastung anhand eines wissenschaftlich geprüften psychologischen Fragebogens messen.

Im Frühjahr hatten fünf Druckkammerzentren gegen dieses Vorgehen der Kassen geklagt, allerdings ohne Erfolg. Das Urteil der Richter am Bundessozialgericht in Kassel: Momentan reichten die Nachweise einer möglichen Wirkung nicht aus, um hyperbare Behandlungen in den Leistungs­katalog der Krankenkassen aufzunehmen. Fachgesellschaften aus den USA und aus Deutschland beurteilen diese Verfahren ähnlich.

Aus der Forschung

Japanische Forscher gingen jetzt neue Wege. Sie versetzten ein Gelatine-Hydrogel mit dem insulinähnlichen Wachstumsfaktor IGF 1 (Insulin-like Growth Factor 1). Dieses Protein ist normalerweise für die Signalübertragung zwischen verschiedenen Zellen zuständig und verhindert den Zelltod. Austherapierten Patienten spritzen Ärzte nach einer Lokalanästhesie IGF 1 in das Innenohr. Bei einer ersten Untersuchung nach zwölf Wochen hatte sich das Gehör bei 48 Prozent der Patienten deutlich gebessert, nach zwölf Monaten sogar bei 56 Prozent.

Möglicherweise könnte ein altbekannter Arzneistoff zu neuen Ehren gelangen. Es gibt Hinweise, dass Acetylcystein (ACC) beim Hörsturz von Nutzen sein könnte. Patienten, die als Ergänzung zur Corticoidtherapie ACC erhielten, profitierten von dieser Kombination. Der Hustenlöser gilt als gutes Reduktionsmittel, um freie Radikale abzufangen. In Zukunft müssen jedoch noch weitere Unter­suchungen mit größeren Patientenkollektiven folgen, um den Nutzen von ACC besser bewerten zu können. /

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