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Wegerich

Heilpflanze vom Wegesrand

26.11.2012
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Von Ernst-Albert Meyer / Der Wegerich ist im doppelten Sinne ein alter Weggefährte des Menschen: Denn er wächst bevorzugt auf Wegen und an Wegrändern und gehört von altersher zu den beliebtesten Heilpflanzen.

Schon vor etwa 2000 Jahren nutzten die Menschen weltweit die heilenden Effekte der verschiedenen Wegerich-Arten. Früher verwendeten Gelehrte in der Literatur für alle Arten den Begriff »Wegerich«. In Europa sind vor allem Spitzwegerich (Plantago lanceolata) und Breitwegerich (Plantago major) verbreitet. Der Gattungsname »Plantago« leitet sich vom lateinischen planta (die Fußsohle) ab und soll auf die Ähnlichkeit der Blätter mit einer Fußsohle hinweisen. Der deutsche Name Wegerich, althochdeutsch »wegari« genannt, ist sehr alt. In der Endsilbe »rich« steckt das ebenfalls althochdeutsche Wort »rih« (König), da die Menschen diese Pflanze als »Wegbeherrscher« sahen. Das Besondere am Wegerich: Das mittelalterliche Deutschland übernahm ihn nicht – wie viele andere Heilpflanzen – von den Gelehrten der Antike, sondern er gehörte zum ureigenen »Heilpflanzen-Schatz« der Germanen. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) schrieb den Blättern der verschiedenen Wegerich-Arten austrocknende und adstringierende Eigenschaften zu. Er empfahl sie als Umschlag gegen Geschwüre aller Art, Brandwunden, Hundebisse und Blutflüsse. Dioskurides kannte auch die Anwendung der Wegerich-Wurzel gegen den Kropf: »… einige gebrauchen die Wurzeln als Halsband gegen die Drüsen, sie zerteilen sie.«

Spitzwegerich-Tee setzten die Menschen in vergangenen Zeiten gegen Ruhr, Magenleiden, Bleichsucht und Epilepsie ein. Den frischen Presssaft aus dem Wegerich wandten sie bei Augen- und Ohrenerkrankungen an. Die Blätter und Wurzeln des Wegerichs galten als bewährte Arznei bei Blasen- und Milzgeschwüren, die Wurzeln alleine bei Wechselfieber (Malaria). Der Autor Pseudo-Apuleius erwähnte »herba plantago« in seinem im Mittelalter viel benutzten Kräuterbuch an erster Stelle der insgesamt 130 Pflanzen. Er nannte 24 Anwendungen für diese Heilpflanze: unter anderem Kopfschmerzen und Blasenbeschwerden.

Auch der Kräuterbuch-Autor Hieronymus Bock (1498 bis 1554) war voll des Lobes über diese Heilpflanze, kritisierte daher Ärzte und Apotheker, die diese nicht einsetzen wollten: »Es mögen die wundartzet (Wundärzte) des wegerichs gar ubel entrahten (abraten) / zu dem wöllen die Phisici (studierten Ärzte) und jre köch / die Apoteker / wegerich auch nit emperen (empfehlen) / ich geschweig / das beinahe kaum ein Mensch ist / der da nit wisse warzu wegerich gut sei / das sieht man in täglicher übung und erfarung.«

In Antike und Mittelalter schätzten die Menschen den Wegerich als Rheuma-Pflanze. Als Rheuma (griechisch: Fluss) bezeichneten damals die Ärzte jene Beschwerden, die nach ihrer Auffassung durch einen im Körper umherfließenden Krankheitsstoff ausgelöst wurden. Floss dieser Strom vom Kopf durch den Rachen in die Lunge hinab oder wurde er durch die Nase ausgeschieden, verursachte er das Krankheitsbild des Katarrhs (griechisch: das Herabfließen). Verteilte sich der Krankheitsstoff aber in den Gliedmaßen und führte zu Gelenkbeschwerden, sprachen die Ärzte von Rheuma.

Heilsam gegen Pest und Gift

Zu damaliger Zeit waren die Menschen außerdem fest davon überzeugt, Beschwörungsformeln könnten die Heilkraft von Pflanzen erhöhen. Bekannt ist der angelsächsische Neunkräutersegen aus dem 11. Jahrhundert, mit dem – wie der Name sagt – neun Pflanzen beschworen wurden, auch der Wegerich: »Und du, Wegerich, Mutter der Pflanzen, Offen nach Osten, mächtig im Innern; Über dich knarrten Wagen, über dich ritten Frauen, Über dich schrien Bräute, über dich schnaubten Farren (Pferde), Allen widerstandest du und setztest dich entgegen; So widerstehe auch du dem Gift und der Ansteckung, Und dem Übel, das über das Land dahinfährt.«

Gift, Ansteckung und Übel, die über das Land fahren, damit war zweifellos die Pest gemeint. In der Tat galt der Wegerich als Pestpflanze. Das schrieb auch Otto Brunfels (um 1488 bis 1534) in seinem Kräuterbuch: »Wegrichwurzel. Etliche tragen sye an dem halß/ für die pestilentz/ gegraben zwischen den zweyen unser Frawen tagen.« Zur Erklärung: Die Wurzeln mussten demnach zwischen dem 15. August und dem 8. September ausgegraben werden. Die getrockneten Wegerichwurzeln nähten die Menschen in Säckchen ein und trugen diese üblicherweise als Amulett gegen die Pest um den Hals.

Jahrhunderte lang hielt sich der Glaube an die giftwidrigen Eigenschaften des Wegerichs in der Volksmedizin. Bereits der römische Autor Plinius der Ältere (23 bis 79 n. Chr.) empfahl den Saft des Wegerichs als bewährtes Mittel gegen den Stich von Skorpionen und den Biss wilder Tiere. Der Überlieferung nach hatte ein Priester eine Kröte beobachtet, die von einer giftigen Spinne gebissen worden war, daraufhin von den Blättern des Wegerichs fraß und überlebte. Die älteste Abbildung des Wegerichs aus dem Jahr 1481 zeigt oberhalb der Wegerich-Pflanze einen Skorpion und an der Wurzel eine Schlange.

Ein Tipp aus der Praxis: Die Blätter des Wegerichs können die Beschwerden nach einem Insektenstich deutlich lindern. Man zerdrückt hierfür die Blätter des Spitz- oder Breitwegerichs zwischen den Fingern und reibt damit die Stichstelle ein. Da verwundert es nicht, dass die Wissenschaftlerin Frances Densmore (1867 bis 1957) im Jahr 1928 berichtete, die nordamerikanischen Indianer verwendeten ebenfalls den Wegerich als Antidot gegen Schlangenbisse. Als Beispiel nannte die Forscherin den Fall einer Indianerin, die beim Beeren­pflücken von einer Giftschlange gebissen wurde. Ihr Mann band den Arm rasch oberhalb der Bissstelle ab und suchte dann den Breitwegerich. Der Indianer machte kleine Schnitte in den inzwischen stark angeschwollenen Arm und legte die feuchte Wurzel auf die Wunde. Die Frau überlebte den Biss der Giftschlange.

Bei Wunden und Blutungen

Die Autoren alter Kräuterbücher beschrieben immer wieder die wundheilenden, blutstillenden, blutreinigenden, fiebersenkenden und schleimlösenden Eigenschaften des Wegerichs. In Frankreich galt der Breitwegerich als Heilpflanze für die Frauen und der Spitzwegerich für die Männer. Die Schweizer nennen die Blätter des Spitzwegerichs »Spißbletter« (Spiße = Holzsplitter), da die Menschen früher glaubten, dass sie Holzsplitter aus den Fingern herauszögen. Im Allgäu sollte bereits das Essen der Samen des Breitwegerichs die Holzsplitter entfernen.

Die Zigeuner benutzten den Wegerich als blut­stillendes Mittel und die Bewohner der Gegend von St. Gallen schnupften die Samen bei Nasen­bluten. Der berühmte Arzt Paracelsus (1493 bis 1541) erwähnte den Wegerich als Blutstiller und außerdem als Nierenmittel. Bei wunden Füßen sollte der Wegerich in den Schuhen für Heilung sorgen. Fußkrankheiten von Rindern heilten die Bauern ebenfalls durch Auflegen von Wegerich-Pflanzen.

Gegen angezauberte Liebe

Die heilkundige Nonne Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) beschrieb den Wegerich – neben den damals üblichen Indikationen – als Mittel zur Befreiung von einer Liebe, die mittels Speise oder Trank angezaubert worden war. Sie empfahl, einen Wegerichsaft (»succus wegerich«) zu sich zu nehmen und anschließend ein »Purgans« (Abführmittel) anzuwenden. Diese Auffassung hielt sich einige Jahrhunderte. Die genaue Gebrauchsanweisung beschrieb Hieronymus Brunschwig (1450 bis 1512) in seinem »Distilierbuch«: »Breitwegerichwasser ist gut so ein mensch etwa zauberey oder lieb gessen hat / der sol das wasser 4 oder 5 tag / allen tag dreymal / jedes Mal drey lot trinken / und darnach sol ein starcke Purganz nemmen / so wird er zuhand (auf der Stelle) ledig.«

Im Unterschied dazu glaubten die Menschen im Frankreich des 17. Jahrhunderts, der Wegerich könnte Liebe erzwingen. Um dieses Ziel zu erreichen, sollte der Liebeshungrige am Johannistag, dem 24. Juni, vor Sonnenaufgang den Samen des Wegerichs sammeln und pulverisieren. Dieses Pulver sollte er zusammen mit zwei Tropfen Weihwasser in den Kiel einer Gansfeder einfüllen und mit »Jungfernwachs« (das Bienenwachs aus der unbebrüteten Wabe) verstopfen. Wer diese Feder bei sich trug, wurde von allen geliebt, so der Aberglaube.

Bewährte Hustendroge

Heute wird von allen Wegerich-Arten nur der Spitzwegerich offiziell als Heilpflanze eingesetzt. Die Positiv-Monographie der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes nennt als Indikationen für das Kraut:

  • innerlich bei Katarrhen der Luftwege
  • innerlich bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut
  • äußerlich bei entzündlichen Veränderungen der Haut

Diese Anwendungsgebiete basieren auf den pharmakologischen Eigenschaften der Inhaltsstoffe des Krautes: Iridoidglykoside wie Aucubin und Catalpol wirken antibakteriell, Schleimstoffe reizmildernd und die Gerbstoffe adstringierend.

Zusätzlich wurden beim Spitzwegerich-Kraut wundheilungsfördernde und entzündungswidrige Effekte nachgewiesen. Diese Eigenschaften sind der Hintergrund dafür, dass Wegerich- Arten einen festen Platz in der Volksmedizin und der Erfahrungsheilkunde hatten. Bei Erkältungskrankheiten sind Fluidextrakte oder frischer Presssaft aus dem Spitzwegerich als Hustensaft wirksamer als der Tee. /

Wegerich in der Homöopathie

Homöopathen setzen das aus dem Breitwegerich-Kraut hergestellte homöopathische Mittel Plantago major ein, zum Beispiel bei Zahnschmerzen und Zahnungsbeschwerden, wenn die Schmerzen zum Ohr oder ins Gesicht ziehen. Außerdem soll das Mittel eine Abneigung gegen Nikotin hervorrufen und dient daher zur Raucherentwöhnung. Weiterhin empfehlen Homöopathen das Mittel bei Ohrenschmerzen, Nerven-Überreizung, Schlaflosigkeit und Verstimmungszuständen. Ein Geheimtipp ist die Anwendung von Plantago major bei Blasenbeschwerden, beispielsweise nächtlichem Einnässen oder Reizblase. Für diese Indikation ist es auch Bestandteil homöopathischer Komplexmittel.

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