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Diabetes

Sport und Bewegung helfen

26.11.2012  10:48 Uhr

Von Sven Siebenand, Berlin / Sport ist Mord: Dass dieser Spruch nicht stimmt, dürfte den meisten klar sein. Wie wichtig Bewegung und Sport gerade für Diabetiker sind, wissen dagegen manche Betroffene nicht. Hier können PTA und Apotheker eine wichtige Beratungsfunktion übernehmen.

Sportliche Aktivität trainiert das Herz-Kreislauf-System, kurbelt den Fettstoffwechsel und die Durchblutung an und fördert das körperliche und seelische Wohlbefinden. Die Deutsche Diabetes-Hilfe weist darauf hin, dass gerade für Diabetiker regelmäßige Bewegung sehr wichtig ist. Je besser die Zuckerkrankheit eingestellt ist, desto höher die Lebensqualität und -erwartung.

Regelmäßige Bewegung hilft dabei, Blutzucker- und Blutfettwerte zu verbessern, den Blutdruck zu senken und das Körpergewicht besser zu kontrollieren. Ausdauersportarten wie Nordic Walking, Wandern, Schwimmen und Radfahren gelten zu recht schon lange Zeit als ideales Fitnessprogramm für Diabetiker.

Kraftsport auch für Diabetiker

Von Kraftsport wurde bisher manchem Patienten wegen möglicher Augen-, Herz- oder Gehirnkomplikationen sicherheitshalber abgeraten. Wie die Deutsche Diabetes-Hilfe mitteilt, entkräften neue Untersuchungen diese Befürchtungen: Auch Geräte-Kraftsport wirkt sich günstig aus – vor allem dann, wenn Diabetiker diesen mit Ausdauersport kombinieren. Denn gekräftigte Muskeln sorgen für einen besseren Zuckerstoffwechsel und eine effektivere Fettverbrennung. Insulinempfindlichkeit und – wie neue Erkenntnisse zeigen – auch die Insulinsekretion werden durch Muskelarbeit gesteigert. »Menschen mit Diabetes können von einem gezielten Krafttraining deshalb sehr profitieren«, so Dr. Meinolf Behrens, Diabetologe aus Minden, in einer Pressemitteilung. Bankdrücken, Butterfly und Beinpresse sollten aber nicht ohne ärztlichen Rat angegangen werden. »Eine Voruntersuchung ist grundsätzlich sinnvoll, sollte aber unbedingt erfolgen, wenn ein Typ-2-Diabetes vorliegt, Betroffene älter als 35 Jahre sind sowie bei Menschen, die an einer diabetesbedingten Folgeerkrankung leiden oder bereits länger als zehn Jahre an Typ-1-Diabetes erkrankt sind.« Bei der Untersuchung prüft der Arzt, ob das Training mit gesundheitlichen Risiken aufgrund des Diabetes verbunden ist. Mancher Diabetologe kann über Art, Umfang und Intensität des Trainings beraten.

Mehr bewegen

»Für Menschen mit Diabetes sind zudem Fitnessstudios ideal, bei denen eine sporttherapeutische und sportmedizinische Betreuung gewährleistet ist«, erklärt Behrens. Für Orientierung sorgt zum Beispiel das Qualitätssiegel »Fitness-Training für Diabetiker«, das vom TÜV Rheinland deutschlandweit an Fitnessstudios vergeben wird. Eine Liste finden Interessierte unter www.diabetes-sport.de.

Egal ob Ausdauersport oder Hanteltraining: Im Alltag der meisten Deutschen kommt beides nicht vor. In Deutschland halten sich noch immer vier Fünftel der erwachsenen Bevölkerung nicht an die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation, sich 2,5 Stunden pro Woche zu bewegen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland 2012. Es handelt sich also nicht nur Menschen mit Typ-2-Diabetes, die sich zu wenig bewegen. Professor Dr. Petra Wagner vom Institut für Gesundheitssport und Public Health in Leipzig wies anlässlich der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin auf die alarmierende Zunahme der Typ-2-Diabetiker um 2 Prozent innerhalb der vergangenen zwölf Jahre hin. Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass zwei Drittel der Typ-2-Diabetiker älter als 60 Jahre ist. Diese Altersgruppe leidet häufiger als Jüngere an mehreren Krankheiten gleichzeitig, ist weniger mobil sowie weniger motiviert und kann nicht oder nur eingeschränkt an Bewegungsprogrammen teilnehmen, so Wagner.

Zum Beispiel bei der Gruppe der Frauen unter 40 oder den Adipösen im jungen Erwachsenenalter können personalisierte Bewegungskonzepte ansetzen, die die Lebenssituation berücksichtigen. Insgesamt sollte jede Bewegungsförderung individualisiert werden, so Wagner. Auf der Tagung in Berlin sagte sie zudem, man müsse davon ausgehen, dass die Änderung von einem inaktiven zu einem aktiven Lebensstil keine Frage von wenigen Wochen ist. Bei den konkreten Angeboten an die Betroffenen müsse immer berücksichtigt werden, wie stark dieser von sich aus aktuell zu mehr Bewegung motiviert ist. Es gebe Erkenntnisse darüber, dass diejenigen, die noch nie darüber nachgedacht haben, sich körperlich zu betätigen, viel mehr im positiven Sinne auf die Konsequenzen dieses Verhaltens gestoßen werden müssen. Gespräche mit dem Patienten sind Wagner zufolge hier sehr sinnvoll. Das konkrete Angebot eines Bewegungsprogramms sei dagegen wahrscheinlich nicht das Richtige. Diejenigen, die schon über Sport nachgedacht, aber es dennoch nicht geschafft haben, die Tür der Sporthalle von innen zu schließen, brauchen dagegen ein konkretes Angebot. Hier ist Pläne schmieden sinnvoll, so Wagner.

Patienten brauchen Unterstützung

Dabei ist mit jedem einzelnen Patienten zu klären, welche Wege der Aktivitätssteigerung zu ihm passen, welcher Sport und welche Bewegung das Richtige ist. Männer und Frauen oder junge und alte Menschen bevorzugen zum Beispiel jeweils andere Sportarten. »Im Gespräch mit dem Patienten sind Handlungs- und Ausführungspläne zu erarbeiten, sind Ziele zu thematisieren und auch ein mögliches Scheitern durch potenzielle Barrieren.« Hier sieht Wagner noch Optimierungs­bedarf. »Die Aufrechterhaltung des gesteigerten Ausmaßes an körperlicher Aktivität muss gestärkt werden, damit es ein dauerhaft aktiver Lebensstil wird. Hier brauchen die Patienten noch mehr Unterstützung.« Positiv ist, dass es bereits Bewegungsprogramme gibt, die in Disease Management Programme (DMP) eingebunden sind. Das lässt sich sicher noch ausbauen. Und: »Menschen sind motivierter bei Dingen, die etwas wert sind«, so Wagner. Deshalb begrüßt sie auch das Angebot mancher Krankenkassen, finanzielle Anreize für diejenigen zu schaffen, die sich bewegen beziehungsweise körperlich betätigen, etwa im Fitnessstudio. /

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