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Historisches

Strafe Gottes oder heilige Krankheit

26.11.2012  10:40 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Lepra ist eine heimtückische Infektionskrankheit, die wegen ihrer Gefährlichkeit bis heute nichts von ihrem Schrecken verloren hat. Aufgrund der hohen Ansteckungs­gefahr mussten die Kranken früher streng isoliert leben. Die Gesellschaft ging mit den Aussätzigen oft erbarmungslos und grausam um.

Zahlreiche medizinhistorische Quellen des Mittelalters aus dem ägyptischen, jüdischen, griechischen, arabischen, römischen und christlich-lateinischen Kulturraum dokumentieren das Auftreten der Lepra (griechisch lepra = Aussatz, Krätze, Räude). Die erste gesicherte Quelle liegt jedoch vor dieser Zeit und wurde in Indien um 600 v. Chr. als Lehrsammlung »Susruta Samhita« niedergeschrieben. Von Indien aus verbreitete sich der Aussatz in Südostasien. In den Nahen Osten und nach Westen schleppten die Krieger von Alexander dem Großen und dem Perserkönig Da­rius die Seuche um 330 v. Chr. ein. Vermutlich sorgten die Phönizier für die Ausbreitung der Lepra im ganzen Mittelmeerraum. Nach Mitteleuropa gelangte der Aussatz in zwei Wellen: Zuerst brachten im Frühmittelalter aus dem Orient zurückkehrende römische Legionen die Krankheit mit, in der zweiten Welle (11. bis 13. Jahrhundert) waren es aus dem Heiligen Land infizierte heimkommende Kreuzfahrer.

Die Bibel räumt der Erkrankung breiten Raum ein: Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament wird die Lepra (hier »Zaraath-Krankheit«) sehr oft erwähnt. Daher könnte man vermuten, dass der Aussatz unter den Juden weit verbreitet war. Doch Medizinhistoriker kommen zu einem anderen Ergebnis: Dass unter dem Begriff »Aussatz« in der Bibel neben Lepra auch andere Hautkrankheiten wie Schuppenflechte, Krätze und Ekzeme verstanden wurden. Im Neuen Testament (Matthäusevangelium 8, 1-4) wird beispielsweise berichtet: Als Jesus von dem Berg herabstieg, folgten ihm viele Menschen. Da kam ein Aussätziger, fiel vor ihm nieder und sagte: »Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.« Jesus streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: »Ich will es – werde rein!« Im gleichen Augenblick wurde der Aussätzige rein. Und im Kapitel 10, 5-15 gibt Jesus Christus seinen Jüngern den Auftrag: »Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus.«

Schon in der Antike hatten die Menschen panische Angst, aussätzig zu werden. So schrieb der byzantinische Arzt Aretaios von Kappadokien um das Jahr 100 n. Chr.: »Wer möchte vor der Lepra nicht fliehen? Und wen graut es nicht vor ihr, selbst wenn sie den Sohn, den Vater oder den eigenen Bruder befallen hat, da man Furcht haben muss, dass man sich an der Krankheit ansteckt.«

Kirche nimmt sich der Kranken an

Die Krankheit galt im frühen Mittel­alter als Strafe Gottes und somit als äußeres Zeichen eines unchristlichen Lebenswandels und der Sünde. Die Mediziner der damaligen Zeit vermuteten verdorbenes Essen (verdorbener Wein, schlechtes Schweinefleisch) oder verdorbene Luft als Krankheitsursachen. Sie bezeichneten die Lepra als »Miselsucht«, (lateinisch »misellus« bedeutet soviel wie »arm« oder »elend«). Und in der Tat waren die Aussätzigen mehr als arm dran! Erst als vermehrt Kreuzfahrer von Aussatz befallen nach Europa zurückkehrten, galt Lepra als eine »heilige Krankheit«.

Was ist Lepra?

Lepra wird als chronische Infektion der Haut, der peripheren Nerven und auch anderer Organe durch das Mycobacterium leprae definiert. Im Jahr 1873 entdeckte der norwegische Arzt Armauer Hansen den Lepra-Erreger in Gewebezellen von sechs Lepra-Kranken. Zu dieser Zeit war die Lepra fast vollständig aus Europa verschwunden, nur in Norwegen trat sie noch häufig auf. Die Infektionskrankheit wird wahrscheinlich durch Tröpfcheninfektion, möglicherweise auch transkutan. Heutzutage gilt Lepra als heilbar. Die WHO empfiehlt seit 1982 die Kombinationstherapie mit mehreren Antibiotika.

In erster Linie übernahm die Kirche die Betreuung der Aussätzigen. Bereits im Jahr 549 hatte das Konzil von Orleans die Kirchenvertreter beauftragt, sich um Kleidung und Nahrung der Kranken zu kümmern. Im Jahr 583 beschloss das Konzil in Lyon die Einrichtung von Lepra-Häusern, sogenannte »Leprosorien« oder »Siechen-Häuser«. Erste Leprosorien wurden 636 gegründet in Metz, 656 in Verdun und 736 in St. Gallen. Streng isoliert von der Gesellschaft und außerhalb von Stadt- und Klostermauern mussten hier die Aussätzigen ihr trauriges Leben fristen. Außerdem wurden strenge Schutzmaßnahmen verordnet, die den Verkehr mit Aussätzigen und somit die Ansteckungsgefahr einschränkten.

Ausgegrenzt und verabscheut

Im 10. Jahrhundert hatte sich die strenge Isolation der Kranken allgemein durchgesetzt. Nicht nur die Ansteckungsgefahr, auch der abstoßende Anblick der Kranken, der Ekel und Entsetzen auslöste, waren Ursachen für die »Aussetzung«, das heißt für den Verstoß der Leprakranken aus der menschlichen Gemeinschaft. Tatsächlich ist die Erkrankung sehr entstellend. Lepra führt zu einer Verdickung von Nase und Lippen. Durch eine Schwellung der Stirn bekommt das Gesicht ein tierhaftes Aussehen (»Löwengesicht«). Dann bilden sich durch farblose, oft eiternde Geschwüre Verstümmelungen an Ohren, Nase, Fingerspitzen und anderen Gliedmaßen. Häufig fallen den Kranken Hände und Füße ab. Außerdem werden große Hautpartien gefühllos und damit schmerzunempfindlich. Der Gestank, der von den Aussätzigen ausgeht, ist nicht zu ertragen. Kaum noch menschenähnlich erscheint der Aussätzige seinen Mitmenschen. Da Lepra im 12. bis 13. Jahrhundert in ganz Europa auftrat, wuchs die Zahl der Leprosorien: Um 1225 gab es allein in Frankreich mehr als 2000 Lepra-Häuser, was darauf hindeutet, dass sich der Aussatz zu einer Volksseuche entwickelt hatte. Mitte des 13. Jahrhunderts existierten europaweit an die 20 000 Lepra-Häuser. In Urkunden erwähnt werden Leprosorien in Echternach (992), Münster (1249), Koblenz (1267), Dortmund (1319) und Bonn. Große Städte wie Köln oder Nürnberg besaßen mehrere Lepra-Häuser.

Im Mittelalter war die Lepra meldepflichtig. Vor allem Priester waren angehalten, auf Verdächtige zu achten und diese bei Androhung von Strafe innerhalb von sechs Wochen zu melden. Doch auch wer eine Hautkrankheit beim Nachbarn, einem Verwandten, ja selbst bei seinem Ehegatten oder den Kindern feststellte, musste der zuständigen städtischen oder kirchlichen Behörde Mitteilung machen. Was dann folgte, war eine Art Gerichts­verhandlung, die »Lepra-Schau« oder auch »Malzeyschau« genannt. Eine Kommission, die in der Regel aus einem Amtsarzt (physicus), einem Wundarzt (chirurgus), einem Vogt und einem Priester bestand, untersuchte den Verdächtigen und entschied über dessen Zukunft. Sie führte über jeden Fall Protokoll und hielt das Ergebnis in einem »Lepra-Schaubrief« fest.

Gründliche Untersuchung und obskure Tests

Oft wurden die medizinischen Fakultäten mit der Lepra-Schau beauftragt. Die erhaltenen Protokolle belegen, mit welcher Genauigkeit die Kommissionen jeden Fall prüften. Nach Angaben zur Person und einer gründlichen Untersuchung der Haut des nackten Patienten wurden zahlreiche Tests durchgeführt. Hier einige Beispiele: Fiel das Mondlicht auf das Gesicht eines Leprösen, dann zeigten sich bei ihm zahlreiche Farbschattierungen, während das Gesicht eines Gesunden blass erschien. Vermischte man Bleiasche mit dem Urin eines Aussätzigen, so schwamm sie auf der Oberfläche, während sie sich normalerweise auf dem Boden des Gefäßes absetzt. Des Weiteren erfolgten auch zahlreiche Blutuntersuchungen des Verdächtigen: Erzeugte das Blut mit Essig vermischt und in der flachen Hand verrieben ein Gefühl stumpfer Trockenheit, galt dies als positiver Nachweis. Andere Tests bezogen sich auf die durch die Lepra verursachte Gefühllosigkeit. Reagierte der Untersuchte nicht, wenn man ihm in die Ferse stach oder auf kalte Fliesen legte, war dies ein weiterer positiver Nachweis.

Jeder Verdächtige hatte das Recht, sich vor der Kommission durch ein Familienmitglied oder – wenn er das Geld hatte – von einem Anwalt vertreten zu lassen. Fiel die Lepra-Schau positiv aus, wurde der Kranke unverzüglich in ein Leprosorium eingewiesen. Dabei musste er den von der Kommission ausgestellten »Lepra-Schaubrief« vorlegen. Bestätigte sich der Verdacht nicht, wurde der Verdächtige als »rein« oder »unschuldig« erklärt.

Totenmesse und Verbote für die Aussätzigen

Bei einem positiven Krankheitsbefund wurde das Urteil sogleich auf zwei­fache Weise vollstreckt: Zuerst wurde der Kranke vom Priester mit einer Totenmesse aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Damit waren Aussätzige »Tote auf Abruf«. Laut Berichten aus der damaligen Zeit musste der Lepra-Kranke die Totenmesse in Form einer simulierten Beerdigung über sich ergehen lassen: In einer Prozession begab man sich auf den Friedhof und der Unglückliche wurde für eine Weile in ein offenes Grab hinuntergelassen.

Nach dem Ausschluss aus der Kirche wurde der Lepröse auch aus der bürgerlichen Gemeinschaft verstoßen und im Leprosorium oder »Siechenhaus« zwangsisoliert. In Trier begleitete ein Priester den Kranken zum Siechenhaus und las ihm die Leprösen-Vorschrift vor: »Es ist dir verboten, jemals in Kirchen, auf den Markt, in die Mühle, an den Backofen und in die Volksversammlung zu gehen. Ich befehle dir, nicht mit irgendeinem Weibe, auch nicht mit deiner Frau, umzugehen. Ferner befehle ich dir, wenn auf dem Wege dir jemand begegnet und dich befragt, dass du nicht antwortest, bis du aus der Windrichtung gegangen bist, damit er nicht von dir den Tod empfange und du sollst nicht geraden Weges auf jemand zugehen.« Mit der Einweisung ins Siechenhaus war der Verlust der bürgerlichen Rechte verbunden. Die Ehe des Kranken wurde aufgelöst, er durfte kein Testament machen, nicht vor Gericht auftreten. Darüber hinaus ging sein ganzes Hab und Gut beim Eintritt an das Leprosorium über.

Betteln nur in spezieller Kleidung erlaubt

Die Leprosorien lagen immer außerhalb der Städte und Klöster und bildeten einen ganzen Komplex aus Gebäuden mit Wirtschafts- und Wohnhäusern, Scheunen, Ställen, Back- und Brauhaus sowie einer Kapelle. Meist lagen ihnen fromme Stiftungen zugrunde. Der Alltag entsprach dem strengen Tagesablauf eines Klosters. Die Aussätzigen sollten viel beten und ihr Leben in Keuschheit und Gottesfurcht verbringen. Wer das Keuschheitsgebot verletzte, wurde aus dem Lepra-Haus ausgewiesen. Um die »Versuchung« zu reduzieren, lebten Männer und Frauen in getrennten Einrichtungen.

Selbst die Kleidung war den Leprösen vorgeschrieben: ein wollenes Untergewand und darüber ein wollener Mantel, der eng am Hals abschloss. Auf dem Kopf mussten sie einen Hut und dazu Handschuhe tragen, um eine Berührung mit Gesunden zu vermeiden. Die Leprösen durften mit Genehmigung des Hausmeisters das Leprosorium verlassen, um zu betteln oder zu hausieren. Sie mussten aber Glocken, Rasseln oder Klappern bei sich tragen, damit die Mitmenschen rechtzeitig durch Geräusche auf sie aufmerksam wurden. Aussätzige durften den Gottesdienst nur durch einen Schlitz in der Kirchenmauer verfolgen, allerdings verweigerten viele Städte den Aussätzigen sogar gänzlich den Zutritt. Die Auflagen und Verbote für die Leprösen gingen noch weit über diese Aufzählung hinaus. /

Lepramuseum

Die Gesellschaft für Leprakunde e.V. hat in Münster ein Lepramuseum eingerichtet. Dort sind Führungen für Gruppen und Schulklassen nach Absprache jederzeit möglich. Das Museum befindet sich im Kinderhaus 15, 48159 Münster und ist nur sonntags geöffnet. Weitere Informationen unter www.lepramuseum.de.

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