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Stomatitis

Wund im Mund

26.11.2012
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Von Maria Pues / Entzündungen im Mundraum können harmloser Natur, aber auch Zeichen einer schwerwiegenden Erkrankung sowie Nebenwirkung einer Arzneimittel- oder Strahlentherapie sein. Betroffene sollten eine Stomatitis nur dann selbst behandeln, wenn ein Arzt zuvor die Ursache abgeklärt hat.

Stomatitis kann viele verschiedene Ursachen haben. Bei der Beratung in der Apotheke spielen vor allem die meist durch Herpesviren verursachte Mundfäule, die Prothesenstomatitis und die Stomatitis durch Chemo- und/oder Strahlentherapie eine wichtige Rolle. Weitere siehe Kasten.

Häufig bilden sich bei Entzündungen im Mundraum Aphthen. Dabei handelt es sich um lokal umgrenzte Schädigungen der Mundschleimhaut mit einem Durchmesser von einigen Millimetern (Minor-Form) bis zu drei Zentimetern (Major-Form). Sie sind durch einen entzündeten Randsaum von der umliegenden Schleimhaut abgegrenzt. In ihrem Zentrum lagern sich gelblich-weiße Fibrine auf. Aphthen treten einzeln oder in Gruppen auf. Mediziner unterscheiden grundsätzlich zwei Arten: zum einen sogenannte gutartige Aphthen (Stomatitis aphthosa recurrens), die zum Teil immer wiederkehren, und zum anderen Aphthen im Rahmen klar umschriebener Krankheitsbilder (vergleiche Kasten).

Gutartige Aphthen können in jedem Lebensalter auftreten. Wie Studien jedoch zeigten, sind 10- bis 19-Jährige besonders häufig betroffen. Welcher Mechanismus der Aphthen-Bildung zugrunde liegt, ist bis heute nicht geklärt. Vermutet wird eine Dysfunktion in der zellvermittelten Abwehr – allerdings kommen Studien hier zu widersprüchlichen Ergebnissen. Auch eine Immunreaktion gegen Schleimhautgewebe wird diskutiert. Als gesichert gilt hingegen eine genetische Disposition. Welche Auslöser einer Mundschleimhautentzündung unter anderem identifiziert wurden, zeigt der Kasten auf der folgenden Seite. Nicht bestätigen konnten Wissenschaftler in Studien die häufig gemachte Beobachtung von betroffenen Frauen, dass Aphthen vermehrt in der zweiten Zyklushälfte, in der Schwangerschaft oder während der Einnahme der »Pille« auftreten. Eine Sonderform stellen die sogenannten Bednar-Aphthen dar: aphthenähnliche Schädigungen im Bereich des harten Gaumens von Säuglingen, die durch Saugen oder durch Auswischen des Mundes entstehen können.

Entzündungen im

Aphthen können außerdem im Verlauf klar definierter Krankheitsbilder auftreten wie der Stomatitis aphthosa (=Gingivostomatitis herpetica), einer Gürtelrose, der Behçet-Krankheit oder der Hand-Fuß-Mund-Krankheit. Die Gingivostomatitis herpetica (deutsch: Mundfäule) entsteht oft im Rahmen einer Erstinfektion mit Herpesviren (meist HSV-1). Rund 25 bis 30 Prozent der mit Herpesviren infizierten Kinder entwickeln eine solche Stomatitis. Mediziner beobachten zwei Gipfel der Erkrankungs­häufigkeit: den ersten im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren, den zweiten bei jungen Erwachsenen. Die Ansteckung erfolgt meist über Speicheltröpfchen, zum Beispiel durch gemeinsames Benutzen von Besteck oder Spielzeug. Auch symptomfrei Infizierte können das Virus weitergeben.

Vorsicht bei Neugeborenen

Besonders Kleinkinder entwickeln bei einer Stomatitis aphthosa neben zahlreichen Bläschen und Aphthen im Mund häufig zusätzlich Fieber, starke Schmerzen und geschwollene Lymphknoten. Oftmals verweigern sie die Nahrung, da Essen oder Trinken Schmerzen im Mundraum verursacht. Manchmal blutet die Mundschleimhaut ein wenig. Nach spätestens zwei bis drei Wochen verschwinden die Symptome meist auch unbehandelt wieder. Insbesondere bei Neugeborenen in den ersten Lebenswochen kann die Erkrankung jedoch einen sehr schweren Verlauf nehmen und zu einer Hirnhautentzündung führen.

Bei starkem Fieber können Eltern ihren Kindern ein Arzneimittel mit Paracetamol oder Ibuprofen verabreichen. Gegen die Schmerzen im Mund helfen Gele mit einem Lokalanästhetikum wie Lidocain (wie in Dynexan® oder Kamistad®). Auch Hyaluronsäure gibt es zur Anwendung in der Mundhöhle (wie in BloxaphteTM). Als Mundspray, -spüllösung oder -gel sind die Präparate zur Behandlung von Aphthen und Stomatitis aphthosa für Erwachsene (Spray) oder Kinder ab 30 Monaten (Lösung, Gel) zugelassen. Hyaluronsäure bildet in der Mundhöhle einen Film und schützt diese so vor Reibung und Reizung. Ähnlich wirkt eine Kombination aus hämodialysiertem Kälberblut und Macrogol (Solcoseryl®).

Auslöser für gutartige Aphthen (Stomatitis aphthosa recurrens)

  • mechanische Reize: Bissverletzungen, scharfkantige Nahrungsmittel oder Zähne, schlecht sitzender Zahnersatz, Druck durch zahnmedizinische Hilfsmittel
  • Nahrungsmittel: Nüsse, Kuhmilch, Käse, Gluten, Weizen, Roggen, Schokolade, Äpfel, Zitrusfrüchte, Feigen, Tomaten, Schalentiere, Kaffee, Alkohol, stark gewürzte Speisen, Zimtaldehyd, Benzoesäure, Sorbinsäure, Azofarbstoffe
  • Rauchen
  • Mineralstoff- und Vitamin­mangel: Eisen, Folsäure, Zink, Vitamine B1, B2, B6 und B12
  • psychische Belastungen, Stress

Wichtig ist es, dass die Kleinen ausreichend trinken. Gut eignen sich hier kaltes Leitungswasser, gekühlter Kamillentee oder kalte Milch. Beim Trinken durch einen Strohhalm vermindert sich die Kontaktzeit des Getränks mit der Mundschleimhaut, was den kleinen Patienten die Flüssigkeits­aufnahme erleichtert. Auch der Speiseplan sollte vorwiegend aus kalten Speisen bestehen: Eiscreme, kühler Pudding oder Joghurt. Als warme Speisen akzeptieren viele Kinder Nudeln und Reis, Milchbrei und püriertes Gemüse. Scharfes und Saueres verstärkt die Beschwerden, beispielsweise Obst und Obstsäfte, Tomaten und Tomatensaucen. Die Kinder sollten so lange zu Hause bleiben, bis Fieber und Aphthen abgeklungen sind, damit sie ihre Spielgefährten nicht anstecken.

Druck durch die Dritten

Die sogenannte Prothesenstomatitis tritt bei bis zu 50 Prozent der Vollprothesenträger auf. Studien zeigten außerdem: Frauen sind häufiger betroffen als Männer, Ältere häufiger als Jüngere und der Oberkiefer häufiger als der Unterkiefer. Verschiedene Faktoren spielen bei der Entstehung eine Rolle, der genaue Mechanismus ist jedoch nicht bekannt. Einen Faktor stellt die Prothese selbst dar: Ist sie nicht pass­genau gefertigt, kann dies zu mechanischen Reizungen oder punktueller Druck­belastung im Mund führen. Umgekehrt kann eine ehemals gut sitzende Prothese ihren Halt verlieren, wenn sich – zum Beispiel infolge von Krankheit oder Gewichtsabnahme – der Mundraum verändert. Mancher Patient trägt selbst zur Entstehung von Entzündungen im Mundraum bei. Durch zu seltenes Trinken kann die Mundschleimhaut austrocknen und anfälliger für Entzündungen und Infektionen mit Bakterien und Pilzen werden. Unzureichende Mundhygiene und/oder eine mangelhafte Prothesenreinigung fördern die Besiedelung mit Keimen. Dasselbe gilt, wenn Prothesen auch nachts getragen werden. Daneben erhöhen bestehende Erkrankungen sowie manche Arzneimittel das Risiko für eine Prothesenstomatitis. Dazu gehören zum Beispiel Dermatosen, die mit Schleimhautbeteiligung einhergehen, aber auch Mangelerkrankungen. Arzneimittel mit anticholinergen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit können im Zusammenspiel mit anderen Faktoren die Entstehung einer Entzündung im Mundraum fördern.

PTA und Apotheker können Menschen mit Prothesenstomatitis ein Arzneimittel empfehlen, das die akuten Beschwerden lindert. Sie sollten ihnen außerdem zum Zahnarztbesuch raten und können Tipps zu einer verbesserten Mund- und Zahnprothesenpflege sowie Empfehlungen für eine geeignete Ernährung geben. Neben lokal betäubenden Gelen eignen sich für diese Indikation auch pflanzliche Wirkstoffe – entweder als wässriger Auszug (abgekühlter Tee) oder als Extrakt in Fertigarzneimitteln. Zur Verfügung stehen zum Beispiel Kamille (wie in Kamillosan®), Salbei (wie in Aperisan® Gel), Rhabarber (wie in Pyralvex®), Myrrhe, Tormentillwurzelstock und Ratanhia (wie in Reha-Os® Mundspray) oder eine Mischung verschiedener ätherischer Öle, beispielsweise Salbeiöl, Nelkenöl und Thymol (wie in Salviathymol®).

Einteilung der Stomatitis-Stadien laut WHO

Stadium Symptome Ernährung
I Leichte Rötungen einzelner Stellen, Schwellungen, Schmerzempfindlichkeit, Brennen besonders bei scharfen und heißen Speisen normale Nahrungsaufnahme
II fleckenförmige Entzündungen, zähe gelbliche Beläge, oberflächliche Schädigungen, helle Flecken weiche, milde Speisen können meist problemlos gegessen werden
III ineinander fließende entzündete Flächen, flächige Schädigungen der Mundschleimhaut, evtl. leicht blutende Ulzerationen, Verkrustungen; Aphthen circa 25 Prozent der Mundschleimhaut, sehr starke Schmerzen, sehr starkes Brennen meist nur noch Einnahme von Flüssigkeiten
IV blutende Ulzerationen, Nekrosen 50 Prozent der Mundschleimhaut, sehr starke Schmerzen Ernährung durch den Mund nicht mehr möglich

Um die Speichelbildung anzuregen, sind – nach Abheilen der Entzündung – zuckerfreie Bonbons zur Vorbeugung gut geeignet, zuckerfreie Kaugummis bei Zahnprothesenträgern dagegen eher weniger. Lutschbonbons vermindern zudem – ebenso wie regelmäßiges Trinken alkohol- und zuckerfreier Getränke – Mundgeruch.

Orale Mucositis

Vor allem Zytostatika führen häufig zu Nebenwirkungen im Mundraum, beispielsweise 5-Fluorouracil, Methotrexat, Cyclophosphamid, Vinblastin und Vincristin. Die Substanzen hemmen das Wachstum von Tumorzellen, beeinträchtigen dabei jedoch auch andere sich schnell teilende Zellen wie Haarwurzel- und Schleimhautzellen. Eine der Folgen: Schleimhautentzündungen (Mucositiden; sing.: Mucositis) im gesamten Magen-Darm-Trakt einschließlich des Mundes. Stomatitis im Zusammenhang mit einer Chemo- und/oder Strahlentherapie wird daher auch als orale Mucositis (OM) bezeichnet. Neben den beispielhaft genannten Wirkstoffen können Bestrahlungen, vor allem im Bereich des Kopfes und des Halses diese Nebenwirkung verursachen. Das Risiko steigt, wenn Chemo- und Strahlentherapie miteinander kombiniert werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die OM/Stomatitis in vier Stadien eingeteilt (siehe Tabelle).

Für Krebspatienten, deren Energiebedarf durch ihre Erkrankung ohnehin erhöht ist, wirken sich Probleme beim Essen in mehrfacher Hinsicht fatal aus, da diese das Energie- und Vitalstoffdefizit weiter verstärken. In schweren Fällen verweigern Patienten sogar die Fortführung der für sie so belastenden Therapie. Daher sollten diese Patienten möglichst frühzeitig Entzündungen im Mundraum vorbeugen. Falls erforderlich, raten die behandelnden Onkologen bereits vor Beginn einer Chemo- oder Strahlentherapie zur Sanierung des Mundraumes und der Zähne. Damit möchten sie erreichen, dass Entzündungen im Mundraum das Stadium II nicht übersteigen.

Zu einer schonenden und sorgfältigen Mundhygiene gehört es, nach den Mahlzeiten und vor dem Schlafengehen – am besten mit einer weichen Kurzkopf-Zahnbürste, die monatlich gewechselt wird – die Zähne zu putzen und regelmäßig den Mund zu spülen. Auf Rauchen und Alkohol sollten Patienten verzichten, da diese – wie auch bei Nicht-Krebspatienten – das Risiko für Entzündungen im Mundraum erhöhen. Stark gewürzte sowie knusprige Speisen mit scharfen Kanten können die Mundschleimhaut verletzen und sollten daher vermieden werden. Regelmäßiges Trinken zuckerfreier, gegebenenfalls gekühlter Getränke kann die Keimzahl im Mund vermindern und Entzündungen und Infektionen vorbeugen.

Mögliche Zeichen einer Stomatitis

  • Beläge
  • Bläschen
  • Blutungen
  • Geschmacksveränderungen: fade, geschmacklos
  • Kribbeln, Brennen, Kratzen
  • Mundgeruch
  • Mundtrockenheit
  • Parodontitis
  • Probleme beim Kauen und Essen
  • Probleme beim Sprechen
  • Raue Stimme, Heiserkeit
  • Rötung
  • Schluckstörungen
  • Schmerzen
  • Schwellungen
  • Taubheitsgefühl
  • Überempfindlichkeit auf Kaltes, Heißes und stark Gewürztes
  • Verschleimung
  • Zahnschmerzen

Bei den ersten Symptomen einer Entzündung der Mundschleimhaut (siehe Kasten) sollten Krebspatienten den Arzt aufsuchen. Bei bereits bestehenden Entzündungen können Spülungen oder Pinselungen mit Salbei- und Kamillentee oder Dexpanthenol (wie in Bepanthen® Lösung) eine Heilung unterstützen. Gegen bakterielle Infektionen eignen sich Mundspüllösungen mit Chlorhexidindigluconat (wie in Chlor­hexamed®), Hexetidin (wie in Hexoral®) oder PVP-Iod (wie in Betaisodona®). Die Präparate sollten nicht über einen längeren Zeitraum angewendet werden. Benzydamin (wie im verschreibungspflichtigen Tantum verde®) wirkt ebenfalls antibakteriell und schmerzlindernd. Die Mundspülungen zur Behandlung einer OM sollten alkoholfrei sein, um die empfindliche Schleimhaut nicht noch mehr zu reizen.

Cremige Speisen geeignet

Trotz empfindlicher, entzündeter Mundschleimhaut ausreichend zu essen, fällt vielen Krebspatienten schwer. Als ungünstig haben sich insbesondere bittere Salatsorten erwiesen wie Rucola, Endivien und Radiccio sowie Kaffee, weil sie die Schleimhaut reizen. Zudem schmecken die Patienten Bitterstoffe viel intensiver. Die geringsten Beschwerden verursachen weiche und cremige Speisen wie Joghurt, Nudeln oder Eierspeisen, gedünsteter Fisch oder Hackfleischgerichte – allerdings ohne scharfe Gewürze. Sahne, Schmand oder Butter liefern zusätzliche Kalorien. Krebspatienten vertragen außerdem häufig Babybreie sowie Trink- oder Sondennnahrung (sogenannte »Astronauten­nahrung«) gut. Wichtig ist für die Patienten nicht nur eine genügende Kalorienmenge, sondern auch ein ausreichender Eiweißanteil, da Einweißmangel die Regeneration der Schleimhaut zusätzlich verzögern kann. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

maria.pues(at)t-online.de