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Was ich noch erzählen wollte…

XXL und großer Service

26.11.2012  10:37 Uhr

Von Annette Behr / Eigentlich könnte die Vorweihnachtszeit die besinnlichste des Jahres sein. Aber weit gefehlt, denn im Dezember hetzen viele Menschen auf der Suche nach Geschenken durch Einkaufspassagen und Geschäfte. Groß und möglichst billig soll es meist sein. Doch das geht häufig auf Kosten der Qualität und des Service. Hoffentlich hat sich dieser Trend bald überlebt.

Riesige braune Papiertüten. Die Menschen, die mir seit einem halben Jahr auf dem Weg zum Sportstudio entgegenkommen, sind beladen mit diesen großen, vollen Taschen-Ungetümen. Irgendwo muss es etwas umsonst geben, dachte ich anfangs noch. Das stimmt nicht ganz, aber fast: Seit in der Einkaufspassage ein irischer Billig-Textil­discounter eröffnet hat, verlässt kaum noch jemand ohne Riesentüte mit massenweisen Bekleidungsstücken das Geschäft. Textilien werden wie Lebensmittel beworben, gehandelt und gekauft. Nicht eine Hose und ein T-Shirt, sondern 10 bis 20 Stück finden sich in den riesigen Einkaufssäcken. Unterstützt wird dieses Konsumverhalten mit Slogans wie »Nimm 5, zahle 3«.

Mich macht diese Art des »shoppings« aggressiv. Eine Hose für beispielsweise 8 Euro kann niemals unter fairen Bedingungen produziert worden sein. Ähnlich verhält es sich mit dem Billigessen im Supermarkt. »Jeden Samstag Super-Samstag!« Die Radiowerbung verkündet Sonderangebote in XXL-Größen und zu Billigpreisen. Ob Waschmittel, Getränke, Fleisch oder Schokoriegel, ständig wird dem Konsumenten suggeriert, er könne viel kaufen und gleichzeitig viel sparen. Ich frage mich schon lange, wer die angepriesenen Groß­packungen eigentlich braucht und wie viele Lebensmittel schon bald nach dem Kauf in der Mülltonne landen.

Super Size als besonderes Schnäppchen

Beim letzten Kinobesuch staunte ich ebenfalls nicht schlecht: An der Kasse konnten die Besucher nicht nur die Karten, sondern auch Cola in Ein-Liter-Bechern und Popkorn in Sechs-Liter-Eimern kaufen! Das ist keine Seltenheit, sondern inzwischen normal, klärte mich meine Tochter auf. Die Kinos verdienen mit dem Verkauf von Speisen und Getränken mehr als mit den Eintrittskarten. Auch Fastfood-Restaurants locken ihre Gäste mit Super-­Size-Menüs und All-you-can-eat-Angeboten. Die Portionen können gar nicht groß und billig genug sein. Sogar ein Möbelgeschäft schickt mir ständig Gutscheine für billiges Frühstück und Mittagessen. Ich lese diese Post schon gar nicht mehr, denn ich mag weder Billigessen noch derartige Mengen. Warum auch? Ich achte auf mein Gewicht und auf möglichst hochwertige, gesunde Nahrungsmittel. Doch die Mehrheit der Bevölkerung denkt und handelt anders. Daher nimmt die Zahl der übergewichtigen und adipösen Menschen in Deutschland stetig zu. Für viele Menschen heißt das Stoppsignal beim Essen nicht mehr »satt sein«, sondern »leerer Teller« oder »leere Packung«. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA, wird inzwischen heftig darüber diskutiert, Super-Size-Menüs in Fastfood-Restaurants zu verbieten. Auch wird über ein Popcorn-Verbot in den Kinos nachgedacht. Zumindest in der Kaffeehaus-Kette des Landes muss inzwischen angegeben werden, dass ein »Mocha Choco Cinnamon Cookie Crumble Frappu­cchino®« knapp 1000 Kalorien hat. Nicht umsonst hat das sonst so liberale Land den XXL-Dickmachern den Kampf angesagt: Nach Schätzungen der American Medical Association sind mehr als 60 Prozent der Amerikaner übergewichtig, ein Drittel ist sogar fettsüchtig.

Woher kommt es, das scheinbar unstillbare Verlangen nach immer größeren Portionen und nach immer mehr? Dieser Frage gingen französische und amerikanische Wissenschaftler nach. In Experi­menten stellten sie fest, dass wir mit dem Griff zu Großpackungen und Riesenportionen unbewusst versuchen, unseren sozialen Status aufzubessern. Nach den Ergebnissen der Forscher möchten wir Macht demonstrieren, wenn wir zur Großpackung oder dem King-Size-Menü greifen. Was beim Häuser- und Autokauf seit Langem offensichtlich ist, gilt wohl auch bei Lebensmitteln. Je größer die Portion, umso höher ist der gefühlte Status. In einem der verschiedenen Experimente sollte sich eine Gruppe der Probanden an eine Situation erinnern, in der sie sich besonders stark gefühlt hatte, während die andere Gruppe sich mental in einen Moment der Schwäche zurückversetzen sollte. Danach durften alle zwischen drei verschiedenen Größen an Smoothies wählen. Die Gruppe, in der das Gefühl der Machtlosigkeit noch nachklang, griff vermehrt zur größten Portion, die mental gestärkte Gruppe zeigte keine deutliche Präferenz. Selbst wenn derartige Experimente nur einen Teilaspekt des Problems der XXL-Menüs widerspiegeln, zeigen sie deutlich den engen Zusammenhang zwischen Ernährungsgewohnheiten und Psyche.

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Machen wir uns nichts vor: Der Großteil unserer Gesellschaft befindet sich auf dem Konsumtrip. Unablässig werden wir durch Zeitungen, Zeitschriften, Werbeplakate, Fernseh- und Kinowerbung zum Konsumieren angeregt. Hinzu kommen noch die digitalen Medien, die uns ständig Werbe­botschaften auf den Computer oder das Smartphone senden. In Kaufhäusern wird die Luft nach ausgeklügelten Rezepten beduftet und anregende Musik gespielt, damit der »König Kunde« noch mehr kauft. So werden Begehrlichkeiten erzeugt. Entziehen kann sich nur, wer das Prinzip erkennt und sich dem bewusst widersetzt. Das ist gar nicht so leicht. Ich habe beispielsweise eine Schwäche für Schuhe und Schals und auch bei Biokosmetika kann ich kaum nein sagen. Immerhin habe ich mich derartig konditioniert, dass ich gar nicht erst shoppen gehe und – bei einem drohenden Rückfall – im Geist meinen Kleiderschrank durchsuche. Häufig ist es mit dem Wunsch nach etwas Neuem dann vorbei, denn meist stelle ich fest, dass ich ein ähnliches Stück schon besitze.

Geschenke aus der Apotheke

Neben den wenigen Naturkost- und Bioläden gehört auch die Apotheke zu einem Ort, an dem immer noch guter Service geboten und jeder kostenlos beraten wird. Freundlichkeit ist hier selbst­verständlich. Auch andere Menschen schätzen die besondere Atmosphäre in der Apotheke und kommen deshalb immer wieder. So wie Ina Müller, PTA, Sängerin und Moderatorin. Sie outet sich häufig öffentlich als Apothekenfan, wie bespielsweise in einem Interview mit einer Sonntags­zeitung: »Meinen Job in der Apotheke mag ich bis heute. Ich bin immer noch Apotheken­junkie. Ich gehe sehr gerne in Apotheken, weil ich mag, wie es dort riecht. Auch lasse ich mich gern beraten – zum Leidwesen der Hamburger Apothekenangestellten. Denn manchmal kaufe ich gar nichts und lasse mich trotzdem beraten.«

Viele Menschen lassen sich in der Apotheke beraten und kaufen die Produkte dann billiger im Internet. Hier tobt der Konkurrenz- und Preiskampf, es gibt Rabatte und komplizierte Gutscheinkombinationen. »Der Gutscheincode 2 ist erst ab einen Mindest­bestellwert von 70 Euro gültig. Man erhält dafür einen Taschenschirm und einen Rabatt auf die nächste Bestellung«, heißt es bei einer Internetapotheke. Mit Gratis-Zugaben wie Taschenschirmen, Massagerollern und Schneekugeln werben beispielsweise »billigmedikamente.de« und »rabattheld.de« um Kunden. Zum Glück machen seriöse Apotheken diesen Unsinn nicht mit. Natürlich beeinflusst die Geiz-ist-Geil-Mentalität auch das Geschäft der Apotheker. Bei meinen Besuchen konnte ich beobachten, dass manche Kunden ausschließlich nach dem Kundenmagazin fragen – selbstverständlich nur mit TV-Programm – und dann wie selbstverständlich flugs die Apotheke verlassen. Im Dezember wird die Geduld des Apothekenteams auf eine besondere Probe gestellt. Dann lautet die Standardfrage: Haben Sie Kalender? Fast jeder nimmt gerne einen Abreiß-, Tisch- oder Wandkalender mit nach Hause, Hauptsache er kostet nichts. Ich lehne Kalender und irgendwelche Pröbchen freundlich ab. Entweder entdecke ich sie nach längerer Zeit in meiner Tasche oder sie liegen zuhause herum. Konsequent fände ich, wenn es in der Apotheke nur noch Taschentücher als kleines Geschenk gäbe. Die haben einen Nutzen für die Gesundheit und jeder braucht sie, irgendwann! Auch die Frage: »Mit oder ohne Tütchen«, finde ich reichlich überflüssig. Dieses Plastikteil ist meist so klein, dass es wahrscheinlich niemand ein zweites Mal benutzen kann. Jedem, der wirklich eine Tasche braucht, kann die Apotheke mit einem Stoffbeutel aushelfen. Der lässt sich individuell und exklusiv gestalten, ist nachhaltig nützlich, werbewirksam – und für den Kunden kostenlos! Alles andere kann man sich schenken, finde ich. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

blaubehr(at)gmx.net