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Salbei

Blätter mit Heil- und Würzkraft

28.08.2013  11:07 Uhr

Von Monika Schulte-Löbbert / Schon vor etwa 8000 Jahren schätzten die Menschen Salbei als Heilpflanze und wahres Multitalent. Seine Blätter lindern nicht nur viele Beschwerden, sondern dienen in der Küche auch als aromatisches Gewürz.

Der Echte Salbei oder Gartensalbei (Salvia officinalis L.) ist ein bis zu 70 Zentimeter hoher, stark verzweigter Halbstrauch aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Seine Heimat sind die Länder rund um das Mittelmeer, in Mitteleuropa wächst er nur kultiviert. Salbei liebt sonnige Standorte und mag es eher trocken als nass. Je nach Quelle existieren circa 700 bis 900 Salbei-Arten. Im Gegensatz zu den meisten anderen ist der Echte Salbei absolut winterhart. Charakteristisch für den Gartensalbei sind seine graufilzigen, fein gekerbten, fast ganzrandigen, aromatisch duftenden Blätter. An der Basis der Blattspreite sitzen häufig kleine Seitenfiedern, sogenannte Öhrchen. An dem ebenfalls behaarten vierkantigen Stängel stehen die schmalelliptischen Blätter gegenständig zueinander.

Von Mai bis Juli erscheinen an den Enden der frischen Triebe die meist kräftig violetten, seltener rosaroten oder weißen Blüten. Die ährenförmigen Blütenstände bestehen aus etwa sechs bis acht Scheinquirlen. Die Blüten entwickeln sich zu dunkelbraunen Nüsschen. Nach der Fruchtreife stirbt der Blütenstand ab, die bleibenden Sprossteile verlieren die Blätter und beginnen meist im zweiten Jahr zu verholzen. Dann sind sie umhüllt von einer grau-braunen Borke.

Als Heilpflanze hat der Salbei eine lange Tradition. Bereits um 6000 v. Chr. ehrten die Ägypter die Pflanze sogar mit einem eigenen Schriftzeichen. Vermutlich kultivierten schon die alten Griechen Salbei. Hohes Ansehen als wertvolle Heilpflanze mit blutstillender, harntreibender und Wehen fördernder Wirkung erlangte sie dann vor allem im Römischen Reich. Ihr Name »Salvia« leitet sich vom lateinischen Gruß »salve« ab, mit sich die Römer gegenseitig Gesundheit wünschten. Ob damals nur der Echte Salbei oder auch andere im mediterranen Raum vorkommende Salvia-Arten verwendet wurden, bleibt unklar. Wahrscheinlich galt der Begriff »salvia« bis zum Beginn der wissenschaftlichen Botanik für mehrere Salbei-Arten.

In Klostergärten beliebt

Kaiser Karl dem Großen (747 bis 814) ist zu verdanken, dass Salbei in Mitteleuropa kultiviert und bekannt wurde. In seiner Landgüterverordnung »Capitulare de villis et cortis imperialibus« aus dem Jahr 812 ordnete er den Anbau von Salbei in den Klöstern seines Reiches an. Etwa zur gleichen Zeit verfasste Walahfrid Strabo (808 bis 849), ein junger Abt des Klosters Reichenau am Bodensee, das Gedicht »De cultura hortorum« oder kurz »Hortulus« genannt. Dieses Gedicht gilt als eines der frühesten mittelalterlichen Zeugnisse des Gartenbaus in Deutschland. Strabo behandelt im »Hortulus« 24 verschiedene Pflanzen. Er beginnt mit dem Salbei und stellt die große Bedeutung des Heilkrautes heraus, das manche menschliche Gebrechen heilen könne. Mit Salbei wurden offensichtlich so große Erfolge erzielt, dass es in einem medizinischen Merkspruch aus dem 13. Jahrhundert heißt: »Cur moriatur homo, cui salvia crescit in horto?« (Übersetzt in etwa: Warum soll der Mensch sterben, in dessen Garten Salbei wächst?)

Aus den Klostergärten fand der Salbei bald auch Eingang in die Bauerngärten. Die Bauern schätzten ihn nicht nur als Heilpflanze, sondern verwendeten ihn auch als Gewürz und Lockpflanze für Bienen.

Hieronymus Bock (1498 bis 1554) erkannte die große Bedeutung des Salbeis und schrieb in seinem »New Kreutterbuch« aus dem Jahr 1539: »Unter allen Stauden ist kaum ein Gewächs über den Salbei erhaben, denn er dient dem Arzt, dem Koch, den Armen und den Reichen.« Offensichtlich war Bock auch schon die antiseptische Wirkung bekannt, denn er empfahl, Salbei zu kauen, um einen guten Atem zu bekommen. Im 17. Jahrhundert erschienen erstmals Berichte über die schweißhemmenden Eigenschaften von Salbeitee und -tinktur.

Zwei Arten offizinell

In der modernen Phytotherapie kommen die getrockneten Blätter von Salvia officinalis L. äußerlich bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut und innerlich bei dyspeptischen Beschwerden sowie vermehrter Schweißsekretion zum Einsatz. Für diese Indikationen bewertete die Kommission E des früheren Bundesgesundheitsamtes Salbeiblätter positiv. Das Europäische Arzneibuch (Ph.Eur. 6.0) führt Salbei unter der Monographie »Salbeiblätter – Salviae officinalis folium« sowie »Salbeitinktur – Salviae tinctura«. Das »Dalmatinische Salbeiöl – Salviae officinalis aetheroleum« des DAC ist das durch Wasserdampfdestillation gewonnene ätherische Öl. Offizinell im Europäischen Arzneibuch (Ph.Eur. 6.0). sind auch die Blätter des Dreilappigen (Griechischen) Salbeis, Salvia triloba L. (nach neuerer, heute allgemein akzeptierter Nomenklatur Salvia fruticosa MILL.), »Salviae trilobae folium«. Beide Drogen stammen überwiegend aus den Ländern Südosteuropas.

Die Drüsenschuppen und -haare der Salbeiblätter sind reich an ätherischem Öl. Als Gehalt fordert das Arzneibuch bei Echtem Salbei mindestens 1,5 Prozent ätherisches Öl, beim Griechischen Salbei müssen es 1,8 Prozent sein. Die Anwendung der beiden Drogen ist ähnlich, die Zusammensetzung ihrer Öle jedoch unterschiedlich. Das ätherische Öl des Echten Salbeis besteht zu 30 bis 50 Prozent aus dem Hauptwirkstoff Thujon. Griechischer Salbei enthält nur etwa 5 Prozent Thujon, jedoch bis zu 60 Prozent Cineol, das ihm den typischen eukalyptusartigen Geruch verleiht. Die Droge muss lichtgeschützt gelagert werden – nicht länger als zwei Jahre, da sich das Thujon im Laufe der Zeit abbaut.

Außerdem enthalten beide Salbeiblätter-Arten den für Lamiaceen typischen Gerbstoff Rosmarinsäure, der den herben Geschmack verursacht. Zu den weiteren Inhaltsstoffen zählen Diterpene mit dem Bitterstoff Carnosol und Verbindungen mit antioxidativer Wirkung sowie Triterpene, vor allem Urolsäure.

Aufguss oder Gel

Obwohl die Anwendungsgebiete des Griechischen denen des Echten Salbeis ähneln, ist die pharmakologische und klinische Datenlage zum Griechischen Salbei unklar. Daher enthält kein Fertigarzneimittel mit definierter Indikation diese Droge. Dagegen ist die Wirksamkeit von Salvia officinalis L. durch klinische Studien belegt. Die Blätter sind zugelassen für folgende Indikationen: äußerlich bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut, innerlich bei dyspeptischen Beschwerden und als schweißhemmendes Mittel bei vermehrter Schweißsekretion (Hyperhidrosis) verschiedener Genese.

Salbeiblätter wirken bei äußerlicher Anwendung entzündungshemmend, desinfizierend, virustatisch und adstringierend. Verantwortlich dafür sind das bakterizid wirkende ätherische Öl sowie die Gerbstoffe. Für eine antiphlogistische Komponente ist die Urolsäure verantwortlich.

Bei Entzündungen des Zahnfleischs, der Mundschleimhaut oder des Rachens können Patienten mit Salbei-Tee gurgeln oder alkoholische Auszüge direkt auf die erkrankten Stellen pinseln. Dazu eignen sich zum Beispiel Fertigarzneimittel wie das Monopräparat Aperisan® Mundgel oder die Kombinationspräparate InfectoGingi® Mundgel und Salviathymol® N.

Wer selbst einen wässrigen Aufguss herstellen möchte, übergießt knapp zwei Teelöffel (etwa 2,5 Gramm) Droge mit 100 Millilitern kochendem Wasser und seiht nach 10 bis 15 Minuten ab. Schneller ist die Herstellung einer Gurgellösung aus 2 bis 3 Tropfen des ätherischen Öls oder 5 Gramm Tinktur auf ein Glas Wasser mit circa 100 Millilitern. PTA und Apotheker sollten ihren Kunden raten, Salbeiöl nie unverdünnt anzuwenden, da es Haut- und Schleimhaut zu stark reizt. Bei Druckstellen durch Zahnprothesen kann ebenfalls eine Gurgellösung aus Salbei helfen. Verschiedene Hersteller bieten Salbeiblätter auch in praktischen konfektionierten Teebeuteln an. Leichte Beschwerden lassen sich oft schon mit Salbeibonbons lindern

Innerlich angewendet kann Salbei gegen übermäßiges Schwitzen helfen, beispielsweise bei Schweißausbrüchen in den Wechseljahren. Welche Inhaltsstoffe dafür verantwortlich sind, ist nicht genau bekannt. Wahrscheinlich hemmt Salbei die Schweißbildung einerseits zentral, indem er das Wärmezentrum beeinflusst und andererseits direkt, indem er die Schweißdrüsen hemmt. Starkes Schwitzen kann aber auch organische Ursachen haben, zum Beispiel eine Schilddrüsenüberfunktion. Deshalb sollten Patienten den Grund für ihr übermäßiges Schwitzens erst von einem Arzt abklären lassen, bevor sie Salbei einsetzen.

Der aus Mexiko stammende Zauber- oder Aztekensalbei (Salvia divinorum) enthält stark psychoaktive Substanzen, die schwere Psychosen auslösen können. In Mexiko wird er seit langem als Halluzinogen verwendet. Inzwischen ist er auch in Europa bekannt geworden und wird über das Internet vertrieben. In Deutschland wurde diese Salbei-Art wegen ihres hohen Suchtpotenzials inzwischen dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Zur innerlichen Anwendung wird der Tee mit einem Teelöffel (1,5 Gramm) Droge pro Tasse zubereitet. Im Unterschied zu anderen Arzneitees sollten Patienten den Teeansatz mit Salbeiblättern erst dann abseihen, wenn er erkaltet ist. Zur kurmäßigen Anwendung eignen sich zwei bis drei Tassen täglich. Patienten mit einem empfindlichen Magen vertragen den relativ bitteren Tee schlecht. Alternativ können PTA und Apotheker Dragees empfehlen (Sweatosan® N). Salbeitee hilft außerdem bei Verdauungsbeschwerden, hauptsächlich als Karminativum bei Blähungen.

Salbei, vor allem alkoholische Extrakte und das ätherische Öl, sollten nur kurzzeitig angewendet werden. Der Genuss von zwei bis drei Tassen Salbeitee täglich gilt als unproblematisch. Aber schon mehr als 15 Gramm Salbeiblätter pro Dosis können zu Intoxikationen führen. Auslöser der Vergiftung ist wahrscheinlich das in hohen Konzentrationen enthaltene Thujon. Das Monoterpen-Keton wirkt zentral erregend und führt zu Symptomen wie Tachykardie, Hitzegefühl, Krämpfen und Schwindel. Das reine ätherische Öl oder der alkoholische Extrakt können bei längerer Einnahme zu epileptischen Krämpfen führen.

Salbeitee ist ungeeignet für Kleinkinder, Schwangere und Stillende. Mütter, die abstillen möchten, dürfen dagegen Salbeitee trinken. Denn die Volksmedizin setzt den Tee ein, um die Milchbildung zu vermindern.

Öl zur Aromatherapie

Eine weitere Salvia-Art, der Muskatellersalbei (Salvia sclarea L.), war früher in der Weinherstellung beliebt. Der Zusatz des ätherisches Öls sollte dem Wein eine der Muskatellertraube ähn­liche Geschmacksnote verleihen. Diese Verwendung ist nicht mehr zulässig, das Öl wird aber noch in der Aromatherapie geschätzt und ist im Europäischen Arzneibuch (Ph.Eur.6.0) unter »Muskatelleröl – Salviae sclareae« aufgeführt.

Als Gewürz ist Salbei besonders in der mediterranen Küche beliebt. Klassiker in der italienischen Küche sind Focaccia, ein mit Salbei gewürztes Hefebrot, und das Kalbfleischgericht Saltimbocca alla Romana. Aber auch in der deutschen Küche hat das aromatische Gewürz an Beliebtheit gewonnen. Wegen des dominierenden Geschmacks empfiehlt es sich, die getrockneten Blätter sparsam zu dosieren. Die frischen jungen Blätter schmecken milder und können großzügiger verwendet werden. Das Aroma des Salbeis entwickelt sich am besten, wenn er in Butter angebraten oder mitgekocht wird. /

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