PTA-Forum online
Neue Wirkstoffe im August

Zwei neue Tumor­therapeutika

27.08.2013  11:56 Uhr

Von Sven Siebenand / Seit August stehen in Deutschland zwei neue Arzneistoffe zur Therapie von Krebs-Patienten zur Verfügung. Der erste Neuling, Ponatinib, richtet sich gegen bestimmte Leukämie-Formen, die zweite Innovation, Vismodegib, gegen eine Form des hellen Hautkrebses.

Mit Ponatinib (Iclusig® 15 und 45 mg Filmtabletten, Ariad Pharmaceuticals) kam Anfang August ein neues Leuk­ämie-Medikament mit dem Status eines Orphan Drug auf den deutschen Markt. Zum Einsatz kommt es in den verschiedenen Stadien der chronischen myelo­ischen Leukämie (CML) und bei bestimmten Patienten mit akuter Lymphoblastenleukämie (ALL). Ärzte verordnen den neuen Arzneistoff Patienten, die die Krebswirkstoffe Dasatinib oder Nilo­tinib nicht vertragen beziehungsweise auf diese nicht ansprechen, oder wenn sich der Wirkstoff Imatinib zur anschließenden Behandlung nicht eignet. Ferner verschreiben sie Ponatinib, wenn bei den Patienten eine genetische Mutation nachgewiesen wurde, die sie gegenüber Imatinib, Dasatinib oder Nilotinib behandlungsresistent macht.

Ponatinib ist ein weiterer Vertreter aus der Gruppe der Tyrosinkinase-Inhibitoren. Die Substanz hemmt das Enzym Bcr-Abl auf der Oberfläche der Leuk­ämie­zellen, wo es die unkontrollierte Teilung der Zellen stimuliert. Durch Hemmung der Kinase Bcr-Abl hilft Ponatinib, das Wachstum und das Ausbreiten der Leukämiezellen zu kontrollieren.

Die empfohlene Dosis für das Orphan Drug beträgt einmal täglich 45 Milligramm oral. Die Behandlung wird so lange fortgesetzt, bis entweder die Tumorerkrankung fortschreitet oder der Patient das Arzneimittel nicht mehr verträgt. Entwickelt der Patient bestimmte Nebenwirkungen, muss der Arzt die Dosis senken oder die Behandlung unterbrechen. Der Patient muss die Tabletten ganz schlucken. Er darf sie weder zerdrücken noch in Flüssigkeit auflösen. PTA oder Apotheker können zudem darauf hinweisen, dass er die Tablette mit oder unabhängig von den Mahlzeiten einnehmen kann.

Wichtig ist, dass der Arzt in den ersten drei Behandlungsmonaten alle zwei Wochen ein großes Blutbild anfertigen lässt. So kann er eine mögliche Schädigung des Knochenmarks und die daraus resultierende verminderte Bildung von Blutzellen schnell erkennen. Später sollte er dann in monatlichen Abständen oder – wenn es klinisch indiziert ist – ein Blutbild in Auftrag geben.

Laut Fachinformation sollen ebenso in regelmäßigen Abständen die Serum­lipase-Werte kontrolliert werden, da Ponatinib zu einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse führen kann. Auch Leberfunktionstests können notwendig sein. Generell gilt: Patienten mit Leberfunk­tionseinschränkungen jeglicher Ausprägung sollten nur unter Vorsicht den neuen Wirkstoff erhalten. Bei Patienten mit Nierenfunktionsstörungen sieht es etwas anders aus. Hier ist nur bei Patienten mit einer Creatinin-Clearance von weniger als 50 ml/min oder einem terminalen Nierenversagen Vorsicht geboten.

Sehr häufige schwerwiegende Nebenwirkungen von Ponatinib, die mehr als 1 Prozent der Patienten betreffen können, waren zum Beispiel die Entzündung der Bauchspeicheldrüse, Anämie, eine verminderte Zahl weißer Blutzellen verbunden mit Fieber, eine verminderte Zahl der Blutplättchen sowie Herzinfarkt. Bei mehr als 20 Prozent der Patienten traten in Studien unter anderem trockene Haut und Hautausschlag sowie Bauchschmerzen auf. Die europäische Zulassungsagentur EMA stellte in Bezug auf die Sicherheit fest, dass die Nebenwirkungen von Ponatinib weitgehend den Nebenwirkungen anderer Tyrosinkinase-Hemmer ähneln und sich in den meisten Fällen durch Reduktion oder Verzögerung der Dosis verringern lassen.

In Sachen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gibt es auch für PTA und Apotheker einiges zu bedenken: Vorsicht ist geboten bei der gleichzei­tigen Anwendung von Ponatinib mit mittelstarken und starken CYP3A4-Inhibitoren sowie starken CYP3A4-Induktoren. In die erste Gruppe gehören Substanzen wie Atazanavir, Clarithromycin, Indinavir, Itraconazol, Ketoconazol, Nefazo­don, Nelfinavir, Ritonavir, Saquinavir, Telithromycin, Troleandomycin, Voriconazol und außerdem Grapefruitsaft. Beispiele für die zweite Gruppe sind Carbamaze­pin, Phenobarbital, Pheny­toin, Rifabutin, Rifampicin und Johannis­kraut.

Ponatinib löst sich pH-abhängig in Wasser, wobei ein höherer pH-Wert eine geringere Löslichkeit zur Folge hat. Arzneimittel, die den pH-Wert im Magen erhöhen, zum Beispiel Protonenpumpenhemmer, H2-Blocker oder Antazida, können die Löslichkeit von Ponatinib herabsetzen und folglich dessen Bioverfügbarkeit beeinträchtigen.

Laut Fachinformation kann das neue Krebsmedikament ferner die Serumkonzentration einiger weiterer Wirkstoffe verändern. Dazu zählen Digoxin, Dabigatran, Colchicin, Pravastatin, Metho­trexat, Rosuvastatin und Sulfasalazin.

Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung mit Ponatinib nicht schwanger werden und Männer sollten während der Behandlung kein Kind zeugen. Schwangeren darf der Arzt den Tyrosinkinase-Inhibitor nur dann verordnen, wenn dies eindeutig erforderlich ist. Das Stillen sollten Frauen während der Einnahme von Ponatinib unterbrechen.

Neues Hautkrebs-Mittel

Das Basalzellkarzinom ist in Europa der häufigste Hauttumor. Es zählt zum sogenannten hellen Hautkrebs. Der größte Risikofaktor für die Entstehung von Basalzellkarzinomen ist zu starke UV-Bestrahlung. Seit Mitte August ist mit Vismodegib (Erivedge® 150 mg Hartkapseln, Roche) ein neuer Wirkstoff zur Behandlung der Patienten mit dieser Krebsform verfügbar. Zugelassen ist er zum einen für die Therapie Erwachsener mit lokal fortgeschrittenem Basalzellkarzinom, bei denen eine Operation oder Strahlentherapie nicht geeignet ist. Zum anderen dürfen Ärzte Vismodegib Erwachsenen mit symptomatischem metastasiertem Basalzellkarzinom verordnen.

Vismodegib ist die erste zugelassene Substanz aus der neuen Wirkstoffklasse der sogenannten Hedgehog-Signalweg-Inhibitoren. Der oral verfügbare Arzneistoff bindet und hemmt ein bestimmtes Protein, sodass die Bildung weiterer Stoffe verhindert wird, die an der Pro­liferation, dem Überleben und der Differenzierung von Zellen beteiligt sind.

Die empfohlene Dosierung von Vismodegib beträgt 150 Milligramm pro Tag. Die Patienten müssen die Kapseln ganz mit Wasser schlucken, zu oder unabhängig von den Mahlzeiten. In klinischen Studien erhielten die Teilnehmer den Wirkstoff bis zur Krankheitsprogression oder bis zum Auftreten nicht akzeptabler Nebenwirkungen, wobei abhängig von der individuellen Verträglichkeit Therapieunterbrechungen von bis zu vier Wochen zulässig waren. In regelmäßigen Abständen sollte der Arzt den Nutzen einer Fortführung der Therapie bewerten. Hat der Patient einmal eine Dosis vergessen, sollte er diese nicht nachträglich einnehmen, sondern erst wieder die nächste Dosis wie geplant.

Kontraindiziert ist Vismodegib bei Schwangeren, Stillenden und bei Frauen im gebärfähigen Alter, die sich nicht an das Vismodegib-Schwangerschaftsver­hütungs-Programm halten. Informationen dazu stehen auch in der Fachinformation des Präparates. Auch bei gleichzeitiger Einnahme von Johanniskraut ist der neue Wirkstoff tabu.

Während der Behandlung mit Vismodegib sowie in den 24 Monaten nach Ende der Therapie sollen die Pa­tienten kein Blut spenden. Männliche Patienten sollen während der Behandlung sowie in den nach Einnahme der letzten Dosis folgenden zwei Monaten keine Samen spenden. Da stark wirksame Induktoren des Cytochrom-P450-Enzyms, zum Beispiel Rifampicin, Carbamazepin und Phenytoin, möglicherweise die Plasmakonzentration und Wirksamkeit von Vismodegib reduzieren, sollte der Wirkstoff generell nicht mit CYP-Induktoren kombiniert werden. Als häufigste Nebenwirkungen traten in Studien Muskelkrämpfe (75 Prozent), Alopezie (65 Prozent), Geschmacksstörungen (57 Prozent), Gewichtsverlust (49 Prozent), Müdigkeit (45 Prozent) und Übelkeit (35 Prozent) auf.

Als Patienten mit fortgeschrittenem Basalzellkar­zinom Vismodegib einnahmen, wurden Fälle von kutanem Plattenepithelkarzinom berichtet. Allerdings wurde nicht untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen dem Plattenepithelkarzinom und der Behandlung mit der neuen Substanz besteht. Während der Therapie mit Vismodegib sollte der Arzt daher alle Patienten routinemäßig überwachen und ein Plattenepithelkarzinom entsprechend dem üblichen Therapiestandard behandeln. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
s.siebenand(at)govi.de