PTA-Forum online
Tag des alkoholgeschädigten Kindes

Null Alkohol in der Schwangerschaft

18.08.2014
Datenschutz

Von Brigitte M. Gensthaler / Trinken Frauen in der Schwangerschaft Alkohol, kann das Ungeborene schwere Schäden erleiden, die das Kind das ganze Leben beeinträchtigen. Darauf weist der Tag des alkoholgeschädigten Kindes am 9. September hin.

Eltern, Pflege- und Adoptiveltern, Erzieher und Lehrer aus mehreren Ländern initiierten am 9. 9. 1999 zum ersten Mal den internationalen Tag des alkoholgeschädigten Kindes. 

Das Datum weist symbolträchtig auf die neun Mona­te der Schwangerschaft hin, in denen ein Kind im Mutterleib heranwächst. Weltweit dient dieser Tag dazu, auf die wenig beachtete Erkrankung FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder – fetale Alkoholspektrum- Störung) bei Kindern hinzuweisen.

Im Februar 2000 wurde im Internet die erste deutschsprachige Online-Selbsthilfegruppe gegründet, aus der FASD Deutschland e. V. hervorging, bis September 2011 noch als FASworld bezeichnet. »Unser Motto heißt in diesem Jahr: FASD – Leit(D)pfade durch das Leben«, erklärt Gisela Michalowski, erste Vorsitzende von FASD Deutschland, im Gespräch mit PTA-Forum. »Damit richten wir uns an alle, die mit Menschen mit FASD in Kontakt kommen. Das sind Hebammen, Pädagogen, Sozialarbeiter, Ärzte und Psychiater, aber auch Berufsberater, Justizvollzugsbeamte, Richter und Staatsanwälte.«

Das Ungeborene trinkt immer mit

Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist eine häufige Ursache für angeborene Fehlbildungen, geistige Behinderung, Entwicklungsstörungen und extreme Verhaltensauffälligkeiten. Alle diese vorgeburtlichen Schäden werden unter dem Begriff FASD zusammengefasst. Die schwerste Ausprägung ist das Fetale Alkoholsyndrom (FAS).

Nach Schätzungen kommen in Deutschland jedes Jahr bis zu 10 000 Kinder mit FASD zur Welt. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Erkrankung werde häufig nicht oder erst spät erkannt, da sie sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, berichtet Michalowski. Kinder mit FASD seien für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Wichtig: Diese Behinderung ist zu 100 Prozent vermeidbar. Es gibt keinen Grenzwert, bis zu dem Alkohol für das ungeborene Kind unschädlich ist! Jedes Glas Wein, Bier oder Sekt in der Schwangerschaft kann eines zuviel sein: Experten und Selbsthilfegruppen warnen daher vor jeglichem Alkoholkonsum während dieser Zeit. Dennoch trinken etwa 15 bis 30 Prozent der Schwangeren wiederholt wissentlich Alkohol, heißt es in der neuen S3-Leitlinie zur Diagnostik des FAS. Viele Studien ergaben noch deutlich höhere Werte.

Schäden in jedem Trimenon

Je nachdem in welcher Phase der Schwangerschaft die Mutter trinkt, kann das Ungeborene unterschiedliche Schäden erleiden. Dies beginnt bereits kurz nach der Empfängnis. Allerdings folgt die Natur in den ersten 14 Tagen der Schwangerschaft häufig dem Alles-oder-Nichts-Prinzip. Wird die befruchtete Eizelle in den ersten Tagen geschädigt, teilen sich die Zellen nicht mehr. Die Menstruation setzt verspätet ein – die Eizelle wird abgestoßen.

Als Zell- und Mitosegifte schädigen Ethanol und Acetaldehyd den Embryo und Fetus direkt, da sie die Plazenta leicht überwinden. Nach einem Drink ist der Alkoholspiegel von Mutter und Kind in Kürze gleich. Das Ungeborene baut die Giftstoffe aber erheblich langsamer ab als die Mutter, da seine unreife Leber noch nicht ausreichend Alkohol-abbauende Enzyme produziert.

In der Frühphase der Schwangerschaft entstehen schwere körperliche Schäden, da Zellvermehrung und -teilung gebremst werden. Die Abortgefahr steigt. Alkohol stört das Wachstum und die geistige Entwicklung des Kindes. Viele kommen deutlich zu klein und mit einem zu geringen Kopfumfang auf die Welt. Da das Gehirn während der gesamten Schwangerschaft besonders empfindlich ist, hemmt oder schädigt der toxische Alkohol dessen Wachstum, Ausdifferenzierung und Funktionen. In der Folge bleibt das Gehirn kleiner und die Neuronen vernetzen sich weniger stark.

Solche Schäden sind weitaus häufiger als sichtbare körperliche Veränderungen wie zu tief sitzende Ohren, extrem schmale Oberlippe und sehr kleine Augen und Nase. Diese typischen Merkmale entstehen, wenn die Mutter in der kurzen Phase, in der das Gesicht gebildet wird, getrunken hat. Die meisten Neugeborenen mit FASD haben diese auffälligen Gesichtszüge jedoch nicht, und manche Behinderungen zeigen sich erst später.

Riesenproblem: auffälliges Verhalten

Kinder mit FASD entwickeln sich motorisch, sprachlich und intellektuell nur langsam. Abstraktes Denken, Lernen, Aufmerksamkeit und Konzentration sind oft eingeschränkt. Viele gelten in der Schule als hyperaktiv und gleichzeitig – aufgrund eines durchschnittlichen IQ von nur 70 – als schlechte Lerner.

Die Verhaltensauffälligkeiten bereiten im Alltag die größten Probleme, berichtet Michalowski aus ihrer Erfahrung mit vier FASD-Adoptiv- und Pflegekindern. »Häufig verhalten sich die Kinder in der Gesellschaft nicht altersgerecht und nicht angepasst. Kleine Kinder verhalten sich auffällig, stören und überschreiten Grenzen.« So habe ihre jüngste Tochter kein Verhältnis zu »Mein und Dein« und sei in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung beeinträchtigt. »Sie kennt keine Distanz.« Ihre ältere Tochter könne nicht alleine zu einem Amt gehen oder einen Antrag aus­füllen.

Manche Menschen mit FASD sind aggressiv oder bemerken keine Gefahren. Aufgrund ihrer sozialen Schwächen werden sie schnell ausgegrenzt. In der Pubertät landen viele im Heim, weil sie nicht mehr lenkbar sind.

Zu selten erkannt

»Die Behinderung der Kinder wird viel zu selten erkannt«, sagt Michalowski. Auffälliges Verhalten werde häufig als Erziehungsfehler kritisiert. »Es ist sehr schwierig, eine passende Schule zu finden, ein gutes Wohnumfeld zu gestalten und Betreuungsmöglichkeiten für Menschen mit FASD zu finden.« Doch bei einer Früherkennung könne das Kind entsprechend gefördert und die Familie unterstützt werden, sagt die Vorsitzende. »Man braucht viel Hilfe und ein Umfeld, das mit dieser Behinderung umgehen kann«.

Die Probleme hören mit dem Erwachsenwerden nicht auf, weiß Michalowski. »Die Erwachsenen liegen uns besonders am Herzen, denn sie fallen durch jedes Raster.« Die Betroffenen fänden nur schwer eine Arbeitsstelle und Wohnung und gerieten schnell in abhängige Verhältnisse. Sie würden häufig überschätzt, da sie gute »Party-Talker« sind. »Aber die Umsetzung von Handlungen gelingt nicht. Sie brauchen immer eine Anleitung, manchmal so etwas wie ein externes Gehirn.«

Vorbeugen heißt Abstinenz

Die FASD-Organisation engagiert sich nicht nur in der Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit FASD, sondern setzt vor allem auf Präven­tion. Alkoholkonsum in der Schwangerschaft sei kein Problem, das nur in suchtbelasteten Familien oder sozial schwachen Schichten vorkommt, warnt die Selbsthilfegruppe. Die Alkoholabstinenz während der Schwangerschaft nehme weltweit schichtenübergreifend ab.

Rund um den 9. September gibt es in mehreren Städten Aktionen, zum Beispiel Infostände, und ein Konzert in Berlin. Michalowski weist auf die Fachtagung am 26. und 27. September in Dresden hin, die »Leid(T)pfade« von Menschen mit FASD und ihren Angehörigen und Betreuern näher beleuchten will (www.fasd-fachtagung.de). Es gehe darum, neue passende Lösungswege und Hilfen für Betroffene und ihre Familien zu finden.

Auch Apotheker und ihr Team könnten bei der Prävention gut mitwirken, sagt die Vorsitzende. »In der Gesundheitsberatung können sie auf die Gefahren von Alkohol in der Schwangerschaft hinweisen.« Zielgruppe seien nicht nur junge Frauen und Schwangere, sondern auch Eltern und Großeltern. »Das ist Aufklärung über Generationen hinweg.« Michalowski weist zudem auf das Infoblatt »Ein Schluck kann das Leben ihres Kindes verändern« hin, das Apotheken bei der Geschäftsstelle anfordern und mit jedem Schwangerschaftstest ausgeben können. /

FASD Deutschland e. V.

1. Vorsitzende Gisela Michalowski, Hügelweg 4, 49809 Lingen Tel.: 0591 7106700 E-Mail: info(at)fasd-deutschland.de