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Psychische Erkrankungen

Schluss mit der Stigmatisierung

18.08.2014
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Von Annette Immel-Sehr / Eine Gesellschaft, die offen und tolerant mit psychisch Erkrankten umgeht – das ist die Vision des »Aktionsbündnis Seelische Gesundheit«. Das Bündnis arbeitet bundesweit mit zahlreichen Institutionen und Verbänden zusammen, damit Menschen mit Depression, Schizophrenie oder Angststörungen nicht länger Vorurteilen und Ablehnung ausgesetzt sind.

Der gefährliche Irre, der wahnsinnige Psychiater oder auch der psychisch Kranke mit einer besonderen Begabung – das sind Figuren, die in so manchem Filmklassiker für Spannung sorgen. Doch so fesselnd diese Filme auch sein mögen, sie prägen vielfach das Bild, das sich Menschen von psychisch Kranken machen. Und dies entspricht oftmals nicht der Realität, sondern verstärkt die unbewusste Stigmatisierung der Kranken. Kein Wunder, dass »schizo« häufig als Schimpfwort verwendet wird.

Das im Jahr 2006 gegründete Netzwerk Aktionsbündnis Seelische Gesundheit hat sich die Entstigma­tisierung von psychisch Erkrankten auf die Fahne geschrieben, unabhängig davon, ob sie an Depression, einer Ess- oder Angststörung, Psychose, Zwangs- oder Abhängigkeitserkrankung, einer Bipolaren oder Borderline-Störung leiden. Mit seinen über 70 Mitglieds­verbänden unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Gesundheit setzt sich das Netzwerk auf vielen Ebenen für psychisch Kranke und ihre Teilhabe an der Gesellschaft ein. Das Bündnis will der Öffentlichkeit vermitteln, dass psychische Störungen therapierbare und gerade bei frühzeitiger Behandlung auch heilbare Erkrankungen sind, die jeden betreffen können. Es will über die Chancen der Früherkennung und Prävention informieren und Menschen dazu ermuntern, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Vielseitig aktiv

Das Engagement des Aktionsbündnisses ist vielfältig. Unter anderem koor­diniert es deutschlandweit die Veranstaltungen und Aktionen rund um den internationalen Tag der seelischen Gesundheit. Für verschiedene Zielgruppen bietet das Bündnis Fortbildungsveranstaltungen an, beispielsweise für Führungskräfte zum Thema »Umgang mit psychisch Kranken«. Es ist zudem Mitinitiator der jährlich stattfindenden Berliner Woche der Seelischen Gesundheit, einer Themenwoche mit zahlreichen Aktionen wie Vorträgen, Tagungen für Fachpublikum, Workshops zum Mitmachen, offene Sprechstunden, Lesungen und Kulturevents in vielen Berliner Bezirken. Außerdem bietet das Netzwerk seinen Mitgliedern eine Plattform für die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.

Wie dringend nötig die Arbeit des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit ist, offenbart eine aktuelle Studie der beiden Psychiater Matthias C. Angermeyer und Georg Schomerus. Im Vergleich zu 1990 reagierten im Jahr 2011 die Befragten auf das Thema Schizophrenie deutlich ängstlicher und distanzierter. Etwa 30 Prozent der Befragten – 10 Prozent mehr als 1990 – äußerten, einen Menschen mit dieser Krankheit weder als Nachbarn noch als Arbeitskollegen um sich haben zu wollen. »Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, werden häufig pauschal als gewalttätig eingestuft. Und Menschen mit Depressionen oder einer Sucht­erkrankung zum Beispiel hören oft, ihnen fehle nur die nötige Selbstdisziplin«, so Psychiater Professor Wolfgang Gaebel, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit.

Die Stigmatisierung belastet nicht nur die Kranken, sondern auch ihre Angehörigen. Nicht selten steht eine Familie plötzlich isoliert da, wenn ein Elternteil oder ein Kind erkrankt. Über vier Millionen Kinder in Deutschland leben mit psychisch- oder suchtkranken Eltern zusammen. Sie müssen einerseits mit der besonderen Situation in der Familie klar kommen und andererseits noch mit den oft negativen Reaktionen ihres sozialen Umfeldes.

Zielgruppe Journalisten

Zwei Drittel der Menschen mit Schizophrenie oder Depressionen fühlen sich durch Medienberichte stigmatisiert. Deswegen sind Pressearbeit sowie der Kontakt und die Unterstützung von Journalisten ein Schwerpunkt der Arbeit des Bündnisses. Schließlich prägen die Medien in besonderem Maße die öffentliche Meinung. Um sie für die Wirklichkeit psychisch Kranker zu sensibilisieren, initiierte das Aktionsbündnis im letzten Jahr einen Journalisten-Workshop, vor kurzem fand ein Workshop für Drehbuchautoren statt. Dort wie bei vielen anderen Aktionen setzt das Bündnis besonders auf die Einbindung psychisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen. »Die persönliche Begegnung mit den Betroffenen ist effektiver als reine Information und Aufklärung«, so Gaebel.

Gute Beispiele

Dass es auch anders geht, zeigen einige Filme neueren Datums. Vor allem Programmgestalter des Fernsehens be­mühen sich inzwischen häufiger um objektivere, nicht diskriminierende Darstellungen, indem sie psychische Auffälligkeiten nicht mehr nur als etwas Geheimnisvolles, Unheimliches darstellen, sondern auch deren posi­tive, kreative Anteile.

»Menschen mit psychischen Erkrankungen geben gesunden Menschen Impulse zur Bewältigung wie in ›Rain Man‹ zum Beispiel oder sind überdurchschnittlich begabt wie in ›Shine‹ und ›A beautiful Mind‹«, berichtet Gaebel. Der Film »A beautiful Mind« rückt übrigens die schützende Wirkung von Medikamenten in den Fokus: Als der Protagonist Nash seine Medikamente absetzt, erleidet er einen schweren Rückfall. /

Empfehlungen für Fernseh-Drehbuchautoren

Das Aktionsbündnis hat einige Empfehlungen zusammengestellt, um psychisch Erkrankte im Film angemessen darzustellen:

  • Berücksichtigen Sie bei der Konzep­tion der Story, dass psychische Erkrankungen auf vielfältige Weise therapiert werden können und grundsätzlich heilbar sind.
  • Vermeiden Sie den Eindruck, alle psychischen Krankheiten seien gleich.
  • Geben Sie der Story genügend Zeit, sich zu entwickeln. Eine psychische Störung beginnt in der Regel schleichend.
  • Vermeiden Sie den Eindruck, Menschen mit psychischen Erkrankungen seien grundsätzlich unberechenbar, gewalttätig, vertrauensunwürdig, arbeits­unfähig, schwach oder hilfs­bedürftig.
  • Bemühen Sie sich um eine angemessene Bildsprache: Wenige Menschen mit psychischen Krankheiten sind ungepflegt, verwirrt und immer allein.
  • Berücksichtigen Sie, dass ein Mensch mit einer psychischen Störung nicht nur schlechte, sondern auch gute Tage erlebt.
  • Reduzieren Sie die Figur mit einer psychischen Störung nicht auf die Diagnose. Dieser Mensch hat auch Stärken und Werte, nach denen er zu leben versucht.