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Photosensibilisierung

Achtung, Strahlung!

03.06.2015  12:49 Uhr

Von Verena Arzbach / Wer bestimmte Medikamente einnimmt, muss in den Sommermonaten vorsichtig sein: Verschiedene systemisch sowie auch topisch angewandte Wirkstoffe können die Haut lichtempfindlicher machen. Als Folge können juckende und schmerzende Hautveränderungen auftreten, sogenannte phototoxische oder photoallergische Reaktionen.

Eine phototoxische Hautreaktion tritt meist kurz nach der Einnahme beziehungsweise nach dem Auftragen eines Präparats auf. Sie beruht auf einer direkten Schädigung der Hautzellen in dem Bereich, auf den das Sonnenlicht trifft. Bei der selteneren photoallergischen Reaktion entsteht dagegen unter dem Einfluss von Sonnenlicht eine echte Allergie gegen einen bestimmten Stoff. Das heißt, der Körper bildet beim ersten Kontakt Antikörper. Bei einem erneuten Kontakt mit dem Stoff kommt es im Zusammenwirken mit UV-Strahlung zu Hautveränderungen. Diese treten meist erst Stunden nach der Lichtexposition auf. Bei der phototoxischen Reaktion ist das Immunsystem dagegen nicht beteiligt.

Genau abzugrenzen, ob der Patient unter einer phototoxischen oder einer photoallergischen Reaktion leidet, ist in der Praxis schwierig und oft kaum möglich. Bei der phototoxischen Reaktion rötet sich die Haut ähnlich wie bei einem Sonnenbrand, sie kann brennen und Blasen bilden. Nach den entzündlichen Reaktionen kann sich die Haut außerdem fleckig verfärben, was manchmal über Jahre bestehen bleiben kann. Photoallergische Reaktionen ähneln dagegen einem Kontaktekzem, bei dem sich die Haut rötet, juckt und gegebenenfalls Knötchen oder Bläschen bildet. Die Symptome variieren jedoch von Patient zu Patient, je nach seinen Hauteigenschaften, der photosensibilisierenden Substanz und der Strahleneinwirkung.

Reizende Zerfallsprodukte

Die genannten Hautveränderungen beruhen auf einer chemischen Reaktion von Sonnenlicht mit einer Substanz, dem Photosensibilisator. Das kann zum Beispiel ein Inhaltsstoff in einem Medikament, einer Hautcreme oder ein Farbstoff sein. Zunächst absorbiert ein Molekül des Photosensibilisators ein Photon. So gelangt das Molekül in einen energiereicheren Zustand, in dem es gespalten werden kann. Es entstehen kleinere Zerfallsprodukte, die reizend oder toxisch auf die Haut wirken. Im Gegensatz zum Sonnenbrand, der durch zu viel UV-B-Strahlung ausgelöst wird, ist für eine phototoxische oder photoallergische Reaktion vor allem die UV-A-Strahlung verantwortlich.

Eine Photosensibilisierung und anschließende phototoxische Effekte können bei zahlreichen Arzneistoffen auftreten (siehe auch Tabelle). Bei Unsicherheit lohnt sich ein Blick in die Fachinformation oder eventuell gemeinsam mit dem Patienten in den Beipackzettel. Vorsicht ist auch bei einigen Duftstoffen geboten, etwa bei ätherischen Ölen wie Bergamottöl.

Tabelle: Auswahl von Arzneistoffen, die photosensibilisierend wirken können

Stoffgruppe Wirkstoffe (Beispiele)
Diuretika Hydrochlorothiazid, Furosemid, Amilorid, Triamteren, Spironolacton
Nicht steroidale Antiphlogistika Naproxen, Ketoprofen (Schmerzgel!), Diclofenac, Ibuprofen
Antibiotika Sulfamethoxazol/Trimethoprim, Fluorchinolone (wie Ciprofloxacin, Ofloxacin), Tetracyclin, Doxycyclin, Minocyclin, Nitrofurantoin
Antipsychotika Chlorpromazin, Chlorprothixen, Promethazin, Fluphenazin, Haloperidol
Antidepressiva Amitriptylin, Trimipramin, Doxepin
kardiovaskulär wirksame Substanzen Amiodaron, Nifedipin, Chinidin, Captopril, Enalapril, Ramipril, Simvastatin
Antiepileptika Carbamazepin, Lamotrigin, Phenobarbital, Phenytoin, Topiramat, Valproinsäure
Antihistaminika Diphenhydramin, Loratadin
systemische Dermatika Isotretinoin, Methoxsalen

Auch der Kontakt zu bestimmten Stoffen in Wiesengräsern kann eine phototoxische Hautreaktion nach sich ziehen. Verantwortlich sind Furocumarine, die sich zum Beispiel im Bärenklau, Engelwurz und in Scharfgarbe finden. Besonders wenn die feuchte Haut mit den Pflanzen in Berührung kommt, kann sich an der Kontaktstelle bei Sonnenlicht eine Wiesengräserdermatitis entwickeln. Der Hautausschlag mit Blasen, Juckreiz und brennenden Schmerzen tritt meist verzögert, etwa mehrere Tage nach dem Kontakt mit der Pflanze und der Sonnenexposition auf und heilt schließlich unter Hyperpigmentierung ab. Ist die Sonneneinstrahlung nur schwach, kann eine starke entzündliche Reaktion auch ausbleiben. Nach ein bis zwei Wochen tritt dann sofort eine Hyperpigmentierung auf (Berloque-Dermatitis).

Vorsicht bei der Einnahme

Manchmal kommt es vor, dass Patienten ein potenziell phototoxisches Medikament in den Herbst- und Wintermonaten gut vertragen. Im Frühling zeigen sich dann plötzlich gerötete und brennende Hautareale. Auch wenn die Dosis eines Medikamentes, das bislang gut vertragen wurde, erhöht wird, kann die Haut empfindlich auf Sonnenstrahlen reagieren. Generell gilt: Wer auf photosensibilisierende Medikamente nicht verzichten kann, sollte auf ausgiebiges Sonnenbaden, gerade in der Mittagszeit, verzichten. Beim Aufenthalt im Freien sollten Betroffene ihre Haut immer mit Sonnenschutzmitteln mit hohem Lichtschutzfaktor schützen. Da die für die Phototoxizität verantwortliche UV-A-Strahlung im Gegensatz zu UV-B nicht durch Glas und Kleidung abgehalten wird, können phototoxische und -allergische Reaktionen auch bei Sonnenlicht durch Glasscheiben wie beim Autofahren auftreten (siehe auch Kasten). In Absprache mit dem Arzt kann bei schweren Reaktionen unter Umständen auch die Dosierung reduziert oder die Einnahme auf den Abend verschoben werden.

Besser vorbeugen

Bei Einnahme potenziell phototoxischer Arzneistoffe:

  • Sonnenlicht meiden, vor allem zwischen 11 und 15 Uhr.
  • auf Solarium-Besuche verzichten.
  • längere Kleidung und Hut tragen.
  • auf Sonnenschutzmittel mit hohem UV-A-Schutz achten.
  • UV-undurchlässige Folien an den Fenstern von Haus und Auto anbringen.
  • nach Rücksprache mit dem Arzt die Dosis senken oder die Einnahme auf den Abend verlegen.

Johanniskraut, vielmehr die im Johanniskraut-Extrakt enthaltenen Wirkstoffe Hypericin und Pseudohypericin, galt lange als typisches Beispiel eines Stoffes, der phototoxische Reaktionen auszulösen vermag. Ein Grund dafür war der sogenannte Hypericismus, der bei Weidetieren entdeckt worden war. Schafe, Pferde und Ziegen, die große Mengen Johanniskraut gefressen hatten, entwickelten bei starker Sonneneinstrahlung Verbrennungen. Betroffen waren vor allem lichtempfindliche Tiere mit hellem Fell.

Das phototoxische Potenzial Johanniskraut-haltiger Arzneimittel beim Menschen wurde aber wohl lange überschätzt. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist das Risiko phototoxischer Reaktionen nicht so hoch wie früher angenommen. Die für die Behandlung von Depressionen eingesetzten Dosierungen von bis zu 900 mg pro Tag sind dafür zu gering.

Dass bestimmte Stoffe die Haut lichtempfindlicher machen, nutzen Ärzte auch zur Behandlung von Hauterkrankungen. Die sogenannte PUVA-Therapie kann unter anderem Patienten mit Neurodermitis oder Psoriasis helfen. Ihr Name setzt sich aus dem Anfangsbuchstaben des Photosensibilisators Psoralen, genauer 8-Methoxypsoralen, und der anschließenden Bestrahlung mit langwelligen UV-A-Strahlen zusammen. Die Behandlung soll unter anderem die Teilung von Hautzellen hemmen und die Pigmentbildung anregen.

Je nach Zufuhr des Psoralens unterscheidet man die systemische und die lokale PUVA -Therapie. Bei der systemischen wird Psoralen zwei Stunden vor der Bestrahlung als Tablette verabreicht, bei der lokalen PUVA-Therapie wird der Sensibilisator als Creme oder Bad auf die betroffenen Hautstellen gegeben. /

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