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Kolumne

Hautsache braun

03.06.2015  12:49 Uhr

Von Claudia Herwig / Ich bin mir bewusst, dass zu viel Sonne auf Dauer schädlich ist – und ich kann nicht verstehen, dass es heutzutage überhaupt noch Menschen gibt, die sich freiwillig auf die Sonnenbank legen.

Wenn ich an heißen, wolkenfreien Sommertagen durch München laufe, könnte ich vor Verständnislosigkeit ständig den Kopf schütteln. Nicht etwa, weil ich den Münchener Dialekt als »Zuagreista« nicht verstehe. Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Was ich nicht verstehe, ist die reflexartige Angewohnheit der Münchener – und genaugenommen auch aller Zuagreisten, die Nase beim noch so kleinsten Sonnenstrahl sofort gen Himmel zu strecken.

Mit der Hoffnung auf eine bald sommerlich gebräunte Gesichtsfarbe. Ich habe das Gefühl, dass die Liebe zur Sonne in keiner anderen deutschen Stadt so ausgeprägt ist, wie hier in der bayerischen Hauptstadt. Der Münchener ist ja von Natur aus ein Genießer und München nicht umsonst als die italienischste Stadt nördlich der Alpen bekannt. Und scheint die Sonne, genießen die Münchener das in vollen Zügen. Ob im Café, im Englischen Garten oder an der Isar: An allen Ecken sitzen und liegen sie, die Sonnenanbeter. Die Arme ausgebreitet, den Hals gereckt. So, dass auch in die kleinste Hausfalte noch ein wärmender Sonnenstrahl kommt. Geöffnete Sonnenschirme: Fehlanzeige. Haut brutzelt schließlich besser, wenn Sie nicht verdeckt wird.

Einerseits kann ich die Gier nach Sonne ja verstehen. Sonne wärmt. Sonne macht gute Laune. Nicht zu vergessen: Unser Körper bildet bei Sonnenlicht wertvolles Vitamin D. Ohne Sonne könnten wir also nicht existieren, wäre ein Leben auf der Erde nicht möglich. Aber lassen Sie mich raten: Nicht mal die Hälfte der Sonnensüchtigen in all den Cafés und Stadtgärten denkt beim Bad in der Sonne auch an einen adäquaten Sonnenschutz. Und das in einem Zeitalter, wo Hautkrebs eine der häufigsten Krebsarten überhaupt ist. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO steigen die Zahlen stetig. Jedes Jahr kommen zwei bis drei Millionen neue Fälle von weißem Hautkrebs dazu. Zusätzlich mehr als 250 000 Fälle mit den noch gefährlicheren Melanomen. Die schwarze Form des Hautkrebses ist die Krebsart mit der weltweit größten Zuwachsrate. Ein Narr, wer denkt, dass es immer nur die anderen trifft.

Sonne von der Bank

Was ich genauso wenig verstehe, wie das übertriebene Schmoren in der echten Sonne, ist, dass es immer noch Menschen gibt, die ins Solarium gehen. Nur, um darin wie ein Fisch auf dem Grill zwischen den beiden Teilen der Sonnenbank zu schmoren. Und das auch noch für Geld! Haben Sie sich schon mal in den Eingang eines Sonnenstudios gestellt und tief durch die Nase eingeatmet? Der Geruch von verbrannter Haut ist einmalig. Nur leider nicht einmalig gut. Ganz zu schweigen vom intensiven Geruch der Sonnenöle mit der Duftnote »Kokos trifft auf ranziges Fett«. Mir wird schon schlecht, wenn ich daran denke.

In meiner Kindheit wurde um das Thema Sonne nicht so viel Wind gemacht wie heute. Ist ja auch kein Wunder. Damals wusste man kaum, welche Spätfolgen zu viel Sonne wirklich mit sich bringt. Und das Ozonloch war weit weg in Australien. Das Schlimme ist: Heutzutage sind die Folgen bekannt, aber den meisten Menschen ist es trotzdem egal. Viel zu wenige schützen sich ausreichend vor den aggressiven Strahlen. »Hauptsache braun« scheint im Sommer mehr zu zählen als die eigene Gesundheit. Kein Wunder, wenn einem die Sonne das Hirn verbrannt hat. Heutzutage habe ich jedenfalls eine andere Sicht auf intensives Sonnenbaden. Was nicht zuletzt daran liegt, dass eine meiner Freundinnen im Alter von 30 die Diagnose »weißer Hautkrebs« bekommen hat. »Hat nicht gestreut. Ist nicht so schlimm«, haben die Ärzte zu ihr gesagt. Aber fragen Sie mal meine Freundin, ob die das ebenfalls »nicht so schlimm« fand.

Tschüss Sonnenbaden

Was nach der Diagnose der harmlosen Form des weißen Hautkrebses folgt? Regelmäßige Besuche beim Hautarzt. Und grenzenlose Gewissensbisse beim kleinsten Sonnenbad – das sagt zumindest meine Freundin. Ganz zu schweigen von den verständnislosen Blicken, wenn man als Einzige lieber unter dem Schirm als in der Sonne sitzt und die vielen Fragen, wenn man genauso blass aus dem Sommerurlaub nach Hause kommt, wie man weggeflogen ist. »War das Wetter schlecht?«

Wussten Sie, dass pro Jahr in Deutschland 170 000 Menschen an invasiven, also streuenden Formen des hellen Hautkrebses erkranken? Davon entfallen 80 Prozent auf das Basalzellkarzinom. Somit zählt das Basaliom zum häufigsten bösartigen Tumor unter den Krebsarten.

Dass die Angst meiner Freundin, erneut an Hautkrebs zu erkranken, berechtigt ist, haben Forscher der University of California in San Francisco bestätigt. Sie untersuchten über 200 Patienten, die bereits an weißem Hautkrebs erkrankt waren. Sie wollten herausfinden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Folgekarzinoms ist. Das Ergebnis: Bei Menschen, die schon einmal an Hautkrebs erkrankt waren, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass sich erneut ein Karzinom entwickelt, nach fünf Jahren bei rund 40 Prozent. Bei Patienten, bei denen bereits mehrfach weißer Hautkrebs entdeckt wurde, liegt das Risiko eines Folgekarzinoms nach fünf Jahren bei erschreckenden 82 Prozent! Worauf die Wiederkehr des Krebses zurückzuführen war, haben die Forscher innerhalb dieser Untersuchung allerdings nicht herausgefunden.

Aufwachen!

Gerade macht im Internet das Foto einer 27-jährigen US-Amerikanerin die Runde. Darauf zeigt sich die junge Frau nach ihrer Hautkrebsbehandlung. Das Gesicht ist von unansehnlichen Wunden überzogen. Warum sie sich so zeigt? Um auf das Risiko von Sonnen­bestrahlung aufmerksam zu machen. Stars wie Schauspieler Hugh Jackman oder Model Brooke Shields machen ebenso wenig ein Geheimnis um ihre Krebserkrankung und versuchen damit, andere Menschen zu einem regelmäßigen Hautarztscreening zu animieren. Chapeau! Bitte mehr solcher mutiger Menschen. Denn wird Hautkrebs früh entdeckt, ist er in vielen Fällen heilbar.

Und was das Genießen der Sonne angeht, bin ich übrigens für ein neues Gastronomiegesetz. Zumindest im Sommer. Latte Macchiato oder Aperol Spritz sollten künftig im Freien immer mit einem Schuss Sonnencreme serviert werden. /

Die Autorin

Claudia Herwig arbeitete nach ihrer Ausbildung zur PTA sieben Jahre in einer Apotheke in Frankfurt am Main. Nach einem Kunstpädagogik-Studium ist sie heute als Online-Redakteurin in München tätig.

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